Ausgabe 
23.12.1913
 
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und damit auch der Weihnachtsgedanke, der nichts andres als eine Projektion dieser geographisch-entwicklungsgeschichtlichen Behauptungen auf den Kreislauf des Jahrs ist. Was unsre Vorfahren in der horizontalen Erstreckung des ihnen be⸗ kannten Weltteils sahen, erlebt jeder von ihnen auch im Ab⸗ lauf eines Jahres. Die Kälte- und Wärmequelle wurde jedem fühlbar und jeder merkte, daß in dem Augenblick, da beide miteinander stritten, das neue Leben aufblühte, als entstünden dadurch die Grundstoffe des lebendigen Werdens. lbst wurde dadurch das Sinnen und Grübeln auf den Beginn dieser jährlich wiederkehrenden lebenserzeugen⸗ den, schöpferischen Wandlung hingelenkt, und rasch hatte der scharfsinnige Volksgeist herausgefunden, daß noch mitten im Frost und Eis diese Wandlung sich vorbereitete in einer Woche, die als die lebensheiligende, zauberisch unverständliche und doch so sichtbar wirkende Zeit aus dem ganzen Jahresablauf hervorgehoben wurde als die Woche der Weihnächte.

Was der Urmensch in einfachste Begriffe kleidend, un bestimmt, aber doch mit unbeirrbar sicherm Gefühl empfand, ist auch für den Kulturmenschen von heute gültig geblieben. Wenn er nicht ganz entartet und abgestumpft ist für die natürlichen Bedingungen seines Seins, wird ihn ein inneres Gefühl immer dazu treiben, die Weihnachtswoche bedeutsam zu empfinden und auch festlich zu begehen. Auf tiefen, im Wesen der Natur begründeten Ursachen hat sie ihm etwas zu sagen, einen der ewigen und alle Menschen gleicherweise berührenden Gedanken, die das Voltsempfinden stets mit ungemein feinem Gefühl zu erfassen und auch mit höchster Kunst und Innigkeit in sinnige Formen einzukleiden wußte. Auch in aller Zukunft wird das Volksgemüt stets eine herz bwegende Form dafür finden, so oft auch noch da Symbol! des Weihnachtsgedankens wech seln mag.

1 Von

72 i Mechauisches Spielzeug. Von Felix Linke

Wenn zu Weihnachten die Mechaniker und Optiker ihre Schau fenster mit Maschinen und Modellen bebauen, wenn sie nicht bloß Dampfmaschinen, Heißluftmaschinen und Elektromotoren ausstellen, die vlelleicht sogargehen, sondern sie mit ganzen Betriebsanlagen verbinden, wenn Sägemaschinchen, Hammer- und Fallwerke, Hobel und Mühlen durch eine umfangreiche Transmission in Betrieb ge setzt werden, wenn sie einen ganzen Bahnhof mit Stellwerks⸗ und Gleisanlagen, mit elektrischer Beleuchtung usw. in das Schaufenster setzen, dann gibt es nux wenige Knaben, die wunschlos vor diesen Wunderwerken der mechanischen Spielzeugindustrie stehen.

Als ich noch zu ihnen gehörte, da waren der Wunderwerke bei weitem nicht so viele. Fast ausschließlich die Dampfmaschine war gangbarer Marktartilel, aber nur in der altbekannten einfachen Form mit dem pendelnden Zylinder. Nur ein Schulkamerad er regte ganz besonderen Neid, denn der hatte eine Dampfmaschine mit liegendem Zylinder und wirklicher Schiebersteuerung. Nun, das war unerreichbar, und da ich nie in den Besitz einer gekauften Dampfmaschine gelommen waxe, so baute ich mir selbst eine, an der ich allerdings bei der Mangelhaftigkeit der aufgewendeten Mittel nur wenig Freude hatte. Ich wurde etwas entschädigt durch einen guten Freund, der viel mechanisches Spielzeug hatte, weil sein Vater viel Zeit, Geschick und Lust hatte, ihm allerlei schöne Dinge zu bauen und zu kausen Ich muß aber gestehen, daß uns im Sommer auch das schönste mechanische Spielzeug nicht in die Stube gelockt hätte, da wax uns der schöne Garten und der Sand bhausen lieber mechanisches Spielzeug war vergessen. So wars sast immer. Aber auch im Winter hat uns die gehende ampf maschine und die kunstvolle Bergwerksförderanlage nie gefesselt. Wie sollte sie das auch? Es war doch schließlich in dasselbe, was sie vollführte: das kannten wir bald und so mußte

es natürlich den Reis sehr schnell verlieren Da steckt der Kernpunkt der izen Misere mit dem schen Spielzeug. Das Kind beko e Modelle fix und.

läßt sie laufen, vielsach ohne Ve

steckt höchsteus einmal ein Paar Schi

der inneren Vorgänge usammen und die

lichkeiten sind erschöpft. Eine Dampfmaschine kann immer uur eins sie k 0 Welle nebst Schwung

nichts als mit ihrem Zylinder en. Noch schlimmer ist es se

1* hinen als Spielzeuge

seit der Einführung der elek a bleiben die inneren Vor

gänge dem spielenden Kinde völlig verschlossen, weil es nicht wahr

nehmen kann der Da zaschine

nach außen e

* kindlichen Phanta r nichts vorstellen, u

sche Spielzeug ist

Zurzeit meiner frühesten Jugend kamen die Richterschen Steinbau⸗ kästen gerade auf. Ich bekam als sechsjähriger Knirps von meinem älteren Bruder einen verhältnismäßig großen Baukasten dieser Art zu Weihnachten, und dieser und mein alter Holzbaukasten haben mich mein halbes Leben hindurch begleitet. Wenn meine Spiel⸗ kameraden bei mir waren, dann griffen wir immer wieder zum Vaukasten. Wie kam das? Er drehte sich doch nicht! Ein Stein blieb auf dem anderen, wie er gelegt war, und das fertige Bau⸗ werk konnte nicht verändert werden. Das Geheimnis dieses Zaubers ist nicht schwer zu entschleiern. Das Kind hat hier ein Material, in dem es denken kann, das feiner Phantasie wirklich als Möglichkeit, einen Bau durch die verschiedenartig kombinierten Lagen die Stabilität des Bauwerks und dergleichen heraus, es hat die Möglichkeit, einen Bau durch die verschiedenartig kominierten Lagen der einzelnen Elemente in seiner Form zu bilden, es kann seinem Geschmacke nachgehen und muß sich doch wieder durch die Art der Bausteine Beschränkungen auferlegen, die ihm nicht gestatten, jeden Wunsch zügellos zu erfüllen. Die Mannigfaltigkeit der mit einem größeren Baukasten herzustellenden Bauten ist so groß, daß ein Kind nie ermüdet: es lann sich stundenlaug mit seinem Baukasten beschäftigten, ohne daß das Interesse exlahmt, denn es gewinnt aus den wechselnden Gestalten und den Möglichkeiten immer neue An⸗ regung. Die Dampfmaschine und der Elektromotor dagegen stehen als fertige Dinge da, an denen sich eine Welle dreht und dreht und weiter nichts. Eine langweilige Sache!

Wenn ich die Aufgabe hätte, einem Kinde ein Spielzeug zu bescheren, dann würde ich nie eln kompliziertes mechanisches Spiel- zeug wählen, sondern immer einen Baukasten oder dergleichen vor⸗ ziehen. Und dem ungestsimen Wunsche nach einer mechanischen Spielerei würde ich mit der billigsten Dampf- oder Heißluftmaschine oder zur Not auch mit dem billigsten Elektromotor begegnen. Das teure mechanische Spielzeug ist nux für reiche Leute da, für solche, die mit dem Weihnachtstisch repräsentieren, und für Protzen, bei denen die Puppe erst mit Gold und blauen Lappen aufgewogen werden muß, ehe sie anschaffungsfähig ist.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem mechanischen Spiel⸗ zeug und dem Bankasten ist der, daß das erstgenannte zumeist aus Blech oder einem Stoff hergestellt ist, dem gewissermaßen die Körperlichkeit abgeht. Ein Baukasten enthält Klötze oder Steine, das sind sumpathische dicke Körper, vor allen Dingen aber Körper, dreidimensional, die man fühlt, an denen man Raumgefühl hat. Dagegen ist die Fläche ein ämliches Gebilde, denn ihm fehlt mit der dritten Ausdehnung die durch sie erschlossene unendlich reiche Mannigfaltigkeit. Blech aber ist praktisch immer nur flächenhaft, es ist gewöhnlich auch bemalt und lackiert und hält weder Hitze Flüssigkeiten stand. Blech ist eine Sache, an der man sich reißt un schneidet, aber wer hätte durch einen Bauklot oder einen Baustein e eine Verletzung erlitten? Der Körper bildet die Anschauung, was die Fläche sast gar nicht vermag. Der Schillersche Satz: Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen geht dem spielenden Kinde nicht besser ein, als durch einen Vaukasten, und zwar nicht bloß soweit, wie man den Ausspruch wörtlich fassen will.

Der erzieherische Wert des Baukastens ist zu groß, als daß auf die Dauer auch der Ingenieur, der mechanische Spielzeuge entwirft, daran vorbeigehen konnte. So kam denn einer auf den Gedanken, den Baukasten mit dem mechanischen Spielzeug zu verbinden oder die mechanischen Spielzeuge zu einem Baukasten auseinanderzulegen. Der österreichische Ingenieur Johann Korbuly kam auf die Idee, einen mechanischen Holzbaukasten auszubilden, der sich zuerst gar nicht einführen wollte und erst nach und nach an Boden gewinnt, obwohl er ein Spielzeug von idealer Mannigsaltigkeit ist. Er be⸗ steht aus nichts weiter als aus Klötzen, Holzscheiben, Stäbchen und leinen Röllchen. Als Grundeinheit der Klöße ist der Würfel ge⸗ wählt, und die Klötze sind nun in verschiedenen Längen als Viel⸗ fache des Würfels vorhanden, als Zweier, Dreier, Vierer usw. Jeder Würfel ist in der Mitte kreuz und quer durchbohrt, und die Vielfachen weisen soviel Durchbohrungen auf, wie sie Würfel ent⸗ balten. Um nun nach den beigegebenen Vorlagen Modelle bauen u können, werden die Klötze gegeneinander mit Stäbchen besestigt, die einsach durch die Löcher gesteckt werden. Die Klötze bestehen aus hartem Holz, die Stäbchen aus weichem, das man ein wenig drücken und quetschen kann. Im Lause der Zelt werden die Stäb⸗ chen verbraucht, man kann sie aber um wenige Pfennige ersetzen. Um den Modellen größere Mannigfaltigkeit zu verleihen, sind die Klötze auch nach Vielfachen des halben Würfels vorhanden, dann nur von den flachen Seiten her durchbohrt.

Die Zahl der mit diesem Baukasten herstellbaren Modelle ist sehr groß. Beim Spielen lernt das Kind nicht bloß die Klötze zu setzen, sondern sie auch gegeneinander zu befestigen. Dabei mu es bedenken, daß die später welter anzusetzenden Klötze auch befestigt werden müssen, sodaß es ohne Nachdenken nicht bauen kann.

h hal esen Baukasten genau ausprobiert. Mit einem ößeren re Modelle zu bauen, macht selbst dem gesch ien Er- nerst Schwierigkeiten. Das Kind kann es nicht, es muß 6 einfachen Modellen, die in lehrreschen Vorlagenheften 0 mehrfachen Ansichten nebst den Größenbezeichnungen der

a u Klöse gezeichnet find, beginnen. Die Kinder

jedoch mit so großem Eifer dabei, daß sie gewöhnlich bald an bie größeren Modelle gehen und sie auch wirklich bauen können.

Diese Baukästen sind unter dem NamenMatador 1 sie sind in verschiedenen Größen von 1 Mark an zu haben. Es daun Ergänzungskästen, so daß man sie zu den größten ergänzen kann. Der größte Kaslen kostet 81 Mark. Alle Kästen sind ein so

verwende