Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
mfRummer 25
Dienstag, den 23. September 1913
2. Jahrgang
Monismus und Sozialismus.
II.
Was will nun der moderne wissenschaftliche Monismus? Natürlich dasselbe, was fast alle Philosophien auch wollen, mögen sie nun als alt⸗monistisch, dualistisch oder sonstwie fachgeschachtelt sein, nämlich, über alle Vorgänge in der Welt wissenschaftlich Auskunft geben. Der Monismus will also eine geschlossene Weltanschauung sein, wie sie etwa der So— zialismus ist. Nun reicht aber die Energetik allein nicht aus, um„für alle Zeit eine notwendige und zureichende Grund— lage für das Verständnis alles Geschehens zu sein“. Sie will nicht den Anspruch erheben,„in dem Kreis ihrer Begriffe alles zu erschöpfen, was Wissenschaftliches über die Welt und den Menschen gesagt werden kann“. Die Erklärungen z. B. aller Vorgänge auf dem Gebiete der Lebenserscheinungen „erfordern andere, über die Energetik in bezug auf den Mannigfaltigkeitscharakter(!) hinausgehende, wenn auch innerhalb des Rahmens der energetischen Gesetze bleibende Gesetze“! Also rein wissenschaftlich-objektive Untersuchung aller Dinge unter Beobachtung des Prinzipes der Energetik, unter Benutzung aller sonstigen Gesetze, soweit sie energetisch zugelassen werden können— das hat sich der moderne Mo— nismus zur Aufgabe gestellt! Denn„die wissenschaftliche oder monistische Weltanschauung... erkennt zwar nicht die Richtigkeit der anderen, älteren Anschauungen an, wohl aber vermag sie auf Grund des Entwicklungsgesetzes die Not— wendigkeit zu begreifen, daß in weniger entwickelten Köpfen eben jene atavistisch festgelegten Ansichten noch als zureichend, ja maßgebend empfunden werden“.
Ostwald kleidet nun die Grund- und Hauptforderung des modernen Monismus in den Satz ein: Vergeude keine Energie, veredle sie! Damit kann sich natürlich auch jeder Sozialdemokrat einverstanden erklären, tut es auch. Aber bei der Ausführung dieses sogen, energetischen Imperativs(Be— fehls) scheiden sich die Wege des Sozialismus von denen des Monismus im Winkel von 180 Grad, sie führen nach ent— gegengesetzten Richtungen! Wirtschaftliche Tatsachen und ihre Konsequenzen kümmern den modernen wissenschaftlichen Monismus nicht, er betrachtet sie höchstens„objektiv“ durch seine energetische Brille. Während der Sozialist aus den verrückten Zuständen in unserer kapitalistischen Wirtschafts— ordnung, die sich aus der Herrschaft einer Klasse der mensch— lichen Gesellschaft über die anderen ergeben, folgert, daß zum Glücke und zum Fortschritt der Menschheit die Umwandlung der heutigen Gesellschaftsordnung in eine kommunistische unbedingt notwendig sei, verlangen die wissenschaftlichen Monisten gerade eine zunehmende Ungleichheit für die Menschheit, eine spezielle Förderung nur der Tüchtigsten. Gleiche Bildung und gleicher Wohlstand für alle sollen nach ihrer Ansicht notwendig die Verarmung und gleiche Un— bildung herbeiführen. Daher dient nach ihrer Ueberzeugung dem Zwecke einer baldigen Herbeiführung einer höheren Menschheitskultur am besten eine„Steigerung des Wettbe— werbes zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit“ der einzelnen!
Solche Forderungen sind natürlich honigsüßes Manna für unsere modernen Kapitalisten, denn sie verteidigen und unterstützen ihre Bestrebungen ja. Im Grunde genommen
Wünschen die Vertreter der„modern⸗monistischen oder wissen—
schaftlichen Weltanschauung“ nur eine Verwirklichung der
Ideen Nietzsches über den Individualismus, eine Persönlich⸗ keitskultur, Wie sie dieser Philosoph verlangte. Goethe, dessen
Weltanschauung die Spinozas war, der mit zu den größten Monisten gehört, die je lebten, hat gesagt, daß alle im Rück— schreiten und in der Auflösung begriffenen Epochen„subjek— tiv“ seien. Und wir Sozialisten können auch in dem nach einer Pflege der„Subjektivität“ der Persönlichkeit streben⸗ den Monismus unserer Zeit nur einen Beweis mehr für die Richtigkeit unserer Ueberzeugung sehen, daß unsere heutigen Gesellschaftsgefüge sich in einem Zustande der Auflösung
und Neubildung befindet, was zahllose wirtschaftliche Tat-
sachen schon längst ankündigten.
Aus diesem Grunde lehnen wir die Weltauschauung des modernen Monismus und diesen selbst glattweg ab. Er ist einfach ein in die Luft gebautes philosophisches System für
den gebildeten Bourgeois, das nicht mit konkreten wirtschaft⸗
lichen Erscheinungen rechnet, sondern mit seinen aus der Naturbetrachtung gepumpten ideologischen Ansichten die Welt verbessern will. Wir sagten, er will das tun, indem er zur„Grundlegung einer neuen Ethik“ schreitet, wie Ostwald sagt, aber in Wirklichkeit erweist sich der Monismus durch seine praktischen Forderungen als Feind des von ihm angeb— lich erstrebten Fortschrittes, ganz einfach deshalb, weil er da⸗ mit die kapitalistische Ordnung der menschlichen Gesellschaft stützt und verteidigt. Und damit ist er für den Sozialismus „erledigt“, wenngleich auch wir die Richtigkeit des natur— wissenschaftlichen Gesetzes,„daß in der Energie sich das eigentlich Reale verkörpert“, anerkennen! Nur haben wir für„Energie“ eine andere Bezeichnung, wir heißen sie„Ar— beit“ und erblicken in der gemeinsamen Arbeit zum Wohle der Allgemeinheit, der Einführung der kommunistischen Ge⸗ sellschaftsordnung, das Heil und den Fortschritt der Mensch— heit und ihrer Kultur! Unser sozialistischer Imperativ heißt: „Einer für alle und alle für einen!“ Und mit diesem Im- perativ denken wir uns endlich die Menschheit zu erobern!
Wachsender Reichtum— steigendes Elend.
Wir entnehmen diesen Aufsatz den Licht⸗ strahlen, Bildungsorgan für denkende Ar⸗ beiter. Herausgegeben von Julian Borchardt. Verlag: Berlin-Lichterfelde, Hedwigstr. 1.
Ueberall in der Welt gilt als Grundlage eines vernünftigen Lebens die Sparsamkeit. Wollte man einem vernünftigen Manne sagen, er solle nur lustig drauflos leben, je mehr Geld er durch⸗ bringe, desto nützlicher handle er— so würde er solchen Ratgeber vermutlich für verrückt erklären. Gleichwohl wird diese verrückte Lehre dem deutschen Volke in allem Ernste. gepredigt. Freilich nicht dem einzelnen: im Gegenteil, der einzelne soll altpreußische Sparsamkeit üben. Aber sobald das Geld des einzelnen auf dem Wege über den Steuereinnehmer in den Staatssäckel geflossen ist, da soll mit einem Male das Gegenteil richtig sein! Da soll anstelle der Sparsamkeit die Verschwendung Nutzen bringen! Denn— auf diese Weise kommt ja das Geld unter die Leute! Je mehr der Staat ausgibt, desto mehr werden Arbeiter beschäftigt; die Ar⸗ beiterklasse habe also das größte Interesse an möglichst hohen Aus⸗ gaben aus der Staatskasse!.
Es braucht kaum gesagt zu werden, daß es die stets wachsenden Militärausgaben sind, die mit solchen Behauptungen beschönigt werden sollen. Die Hohlheit solcher Ausführungen zeigt eine ein⸗ fache Ueberlegung. Woher stammt denn das Geld, womit die Mili⸗ tär⸗Lieferungen bezahlt werden? Von den Steuerzahlern, und zwar fast ausschließlich von den Arbeitern. Soll also diesen das Geld zugute kommen, so könnte man's ihnen ja einfach lassen, an⸗
statt es ihnen erst abzunehmen, um es dann auf dem großen Um⸗ weg über die Waffenfabrikanten, bei denen ein schöner Profit
hängen bleibt, wieder zurückzuleiten. Und wenn vielleicht jemand sagen wollte, gerade die Produktion, die durch diesen Umweg in Gang gesetzt wird, sei das Nützliche, so ist auch das nur Spiegel⸗


