Ausgabe 
22.7.1913
 
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Nummer 16

Dienstag, den 22. Juli 1913

2. Jahrgang

Historisches zum Massenstreikproblem.

Gleich nach Beendigung der preußischen Landtags wahlen begann das Massenstreikproblem in der Presse und in Versammlungen die Parteigenossen wieder zu beschäftigen, und höchst wahrscheinlich wird diese Frage auch bei den Ver⸗ handlungen des in wenigen Wochen stattfindenden Partei⸗ tags der deutschen Sozialdemokratie erörtert werden. Unter diesen Umständen dürfte ein Rückblick auf die bisherige Be handlung der bedeutungsvollen Angelegenheit der organi- sierten Arbeiterschaft willkommen sein.

Die Frage, ob es möglich und zweckmäßig sei, den poli⸗ tischen und wirtschaftlichen Zielen des klassenbewußten Prole tariats durch eine allgemeine, umfassende Arbeitseinstellung näher zu kommen, beschäftigt die heutige Sozialdemokratie seit einem Vierteljahrhundert, und zwar bildete das Kampf mittel vorwiegend auf internationalen Kongressen den Gegenstand der Verhandlungen. Als im August 1889 zum ersten Male nach der Auflösung der alten Internationale wieder Arbeitervertreter aus allen Kulturländern in Paris zur Beratung ihrer gemeinsamen Interessen versammelt waren, handelte es sich bekanntlich auch darum, durch Kund gebungen für den Acht stunden tag und andere Forder ungen der Arbeiterklasse gleichzeitig in allen Ländern, wo organisierte Arbeiter vorhanden sind, am 1. Mai ein Fest der internationalen Solidarität zu feiern. Bei den Erörterungen hierüber war es der Delegierte Tressaud-⸗Marseille, der den Antrag stellte, der Kon greß solle als Anfang der sozialen Revolution den Gene⸗ ralstreik beschließen, da anders die geplante Mani⸗ festation wirkungslos bleiben werde. Der Antrag wurde mit sehr großer Majorität verwor fen.

Als dann 1891 in Brüssel ein internationaler Kon⸗ greß tagte, beantragte der Holländer Domela Nieuwenhuis, daß die Sozialisten aller Länder eine Kriegserklärung mit einem Aufruf an das Volk zur allgemeinen Arbeitsein⸗ stellung beantworten sollten. Auch dieser Antrag wurde aus

Gründen, die hier nicht dargelegt zu werden brauchen, abge⸗

lehnt. Abermals zwei Jahre darauf beantragte der inter- nationale Kongreß zu Zürich 1893 jedoch eine Kom- mission mit der Erörterung des Generalstreiks. Die Kommission schlug eine Resolution vor, die aber nicht weiter zur Erörterung kam. Es wurde in dieser Kundgebung der ollgemeine Weltstreik seiner Undurchführbarkeit wegen verworfen; jedoch findet sich in den Dokumenten die Dar⸗ legung, daß Massenstreiks unter Umständen eine höchst wirk⸗ same Waffe nicht bloß im ökonomischen, sondern auch im politischen Kampf sein können, eine Waffe jedoch, deren wirk⸗ same Anwendung eine tüchtige gewerkschaftliche und politiche Organisation der Arbeiterklasse voraussetzt.Der Kongreß, so heißt es am Schluß dieser Resolution,empfiehlt daher den sozialistischen Parteien aller Länder, diese Organisation mit aller Energie zu fördern und geht über die Frage des Weltstreiks zur Tagesordnung über.

Der Internationale Kongreß in London 1896 ent⸗ schied ebenso nach einem von Molkenbuhr über die Wirtschaftslage der Arbeiterklasse gehaltenen Referat dahin, daß die Möglichkeit für einen internationalen Generalstreik nicht gegeben sei, daß aber das nächste Erfordernis die ge⸗ werkschaftliche Organisierung der Arbeitermassen sein müsse, weil von dem Umfang der Organisation die Frage der Ausdehnung des Streiks auf ganze Industrien oder Länder

abhänge. Der internationale Kongreß zu Paris 1900 be stätigte dann mit 27 gegen 7 Stimmen den Londoner Be schluß, und eine vom internationalen Kongreß zu Amster dam 1904 gefaßte Resolution lautet:In Erwägung, daß die notwendige Voraussetzung für den Erfolg eines Massen⸗ streiks eine starke Organisation und die freiwillige Disziplin der Arbeiterschaft ist, hält der Kongreß den absoluten Gene ralstreik in dem Sinne, daß alle Arbeit niedergelegt wird, für unausführbar, weil er jede Existenz, also auch die des Proletariats unmöglich macht. In weiterer Erwägung, daß die Emanzipation der Arbeiterklasse nicht das Resultat einer derartigen plötzlichen Kraftanstrengung sein kann, daß es aber möglich ist, daß ein Streik, der sich über einzelne für das Wirtschaftsleben wichtige Betriebszweige oder über eine große Anzahl Betriebe ausdehnt, ein äußerstes Mittel sein kann, um bedeutende gesellschaftliche Veränder⸗ ungen durchzuführen oder sich reaktionären Anschlägen auf die Rechte der Arbeiter zu widersetzen, warnt der Kongreß die Arbeiter davor, sich durch die von monarchistischer Seite betriebene Propaganda für den Generalstreik, in der Absicht, sie davon abzuhalten, den bedeutungsvollen täglichen Kleinkampf durch die gewerkschaftliche, politische und genossenschaftliche Aktion zu führen, nicht ins Schlepptau nehmen zu lassen, und fordert sie auf, ihre Einheit und Machtstellung im Klassenkampf durch die Entwicklung ihrer Organisation zu stärken, weil, sollte der Streik mit einem politischen Ziel sich einst als nötig erweisen, sein Gelingen davon abhängen wird.

Inzwischen hatte die bedeutungsvolle Frage auch die Parteitage der deutschen Sozialdemokra- tie zu beschäftigen begonnen. In Dresden beantragte 1903 der später zum Anarchosozialismus übergegangene Delegierte Dr. Friedeberg, daß dem Parteivorstand empfohlen werden möge, die Frage des Generalstreiks auf die Tagesordnung des nächsten Parteitags zu setzen und einen Antrag auf Erörterung des politischen Streiks vertrat 1904 auf dem Parteitag zu Bremen der Span⸗ dauer Delegierte Karl Liebknecht. Während der von Friedeberg gestellte Antrag gegen wenige Stimmen verwor⸗ fen worden war, überwies der Parteitag den von Spandau gestellten Antrag dem Parteivorstande zur Erwägung.

Mit besonderer Lebhaftigkeit beschäftigte dann im Jahre 1905 die Frage des Massenstreiks die organisierte Arbeiter⸗ schaft. Zu Köln a. Rh. tagte im Monat Mai der fünfte Kongreß der Gewerkschaften Deutschlands. Hier fand eine von Th. Bömelburg gestellte Resolution Annahme, auf die dann vier Monate später der zu Jena abgehaltene sozialdemokratische Partei zurückkam. Die Resolution er⸗ klärte es für eine Pflicht der Gewerkschaften, die Verbesserung aller Gesetze, auf denen ihre Existenz beruhe, zu fördern und alle Versuche, die bestehenden Volksrechte zu beschneiden, mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen. Auch die Taktik für etwa notwendige Kämpfe solcher Art habe sich genau so wie jede andere Taktik, nach den jeweiligen Verhältnissen zu richten; der Kongreß halte daher auch alle Versuche, durch die Propa⸗ gierung des politischen Massenstreiks eine bestimmte Taktik festlegen zu wollen, für verwerflich und empfehle der organi⸗ sierten Arbeiterschaft, solchen Versuchen entgegenzutreten.

Auf dem Parteitag zu Jena hielt dann Bebel das Referat über den politischen Massenstreik und die Sozialdemokratie. Seine Ausführungen