Ausgabe 
22.4.1913
 
Einzelbild herunterladen

ut Verdienenden. Er wurde durch den Premierminister sogar dem Parlament vorgestellt, was als die höchste Form englischer Ehrung galt.

Das deutsche Vaterland rieb sich darauf die Augen und besah sich den also Geehrten erst jetzt etwas näher. Nun fand er auch Gnade vor dem deutschen Unternehmertum und nun kamen auch dieEhrungen nach deutscher Art. Vor allem die Titel, dann der Adel, dann, als er vor gerade 40 Jahren, am 18. April 1873 starb, die großen Nachrufe. Und dann die Denkmäler zu München, Darmstadt und Gießen. Niemals aber kam für ihn di gebührende Anerkennung, die ein Mann verdiente, von dem man einst sagen konnte: ihm verdanken wir die Hälfte unserer Kultur und zwar die bessere.

Hunderte von Fabriken drehen heute auf deutschem Boden ihre Räder, um Werte herzustellen, die einst sein Geist ersonnen; als aber im Jahre 1900 auf der ersten Versamm⸗ lung deutscher Naturforscher zu Aachen die Errungenschaften der Chemie im 19. Jahrhundert gefeiert wurden, da regte sich einmal die alte Mißgunst gegen denUngebildeten, der die Wissenschaft von ihrer vornehmen hohen Stellung in den

Dienst des Tages herabgezwungen hat denn der Name Justus Liebig wurde dabei nicht genannt. Ihn muß also wohl erst das Volk aufnehmen, damit er wirklich unver⸗

deßlich ist.

Alkoholfreie Jugenderziehung.

Die sogenannten sozialen Fragen unserer Zeit sind immer nur Symptome, daß der Gesellschaftskörper selbst krank ist, daß die soziale und wirtschastliche Ordnung sich überlebt hat. Das bewies auch der kürzlich in Berlin abgehalteneerste deutsche Kongreß für alkoholfreie Jugenderziehung. Weit über 1000 Vertreter und Ver⸗ treteriunen der verschiedensten mehr oder minder scharf ausge⸗ sprochenen alkoholgegnerischen Vereinigungen waren erschienen. Der Plenarsaal des preußischen Abgeordnetenhauses, den man zu den Verhandlungen genommen hatte, sah wohl noch nie eine sozjal und in ihren religtösen und politischen Bestrebungen so gemischte Versammlung wie diese. Allerdings, das Braukapital war nicht vertreten, Repräsentanten des Schnapssunkextums suchte man ver gebens. Aber sehr viele Frauen sah man. Auch die abstinenten Ar beiter waren vertreten. Genosse Simon Katzenstein gehörte dem Arbeitsausschuß und auch dem Präsidium des Kongresses an. Ver schiedene Regierungen, ihre Ministerien und Behörden hatten Ver treter entsandt, das Ausland war ebenfalls stark vertreten.

Am 25. März aging dem Kongreß eine Reihe wissenschaftlicher Vorträge über die Alkoholfrage voraus Dr. Hartwig machte bei dieser Gelegenheit über den Verbrauch alkoholischer Getränke sol gende Angaben: Nach den neuesten Verössentlichungen wurden rund 2100 Millionen Mark für Bier und 197 Millionen Mark für Trink branntwein verausgabt. Schätzt man die Ausgabe für Wein auf 378, Millionen Mark, so wären in Deutschland in einem Jahre rund 2675 Millionen Mark oder 40,74 Mark auf den Kopf der Be⸗ völkerung vertrunken. In hochinteressauter Weise führte Prosessor Aschaffenburg(Köln] die Hörer in die Werkstatt des Experimental Pfuchologen ein. Die geistigen Leistungen derselben Personen pleiben nach dem Genuß von Alkohol weit hinter denjenigen nach einer abstinenten Periode zurück. Am deutlichsten zeige sich das, wenn das Objekt auf empfangene Reize B. auf das Auge, bewußt reflektieren will. Die sublektiv empfundene Wirkung des Alkohols auf das Seelenleben ist sehr verschieden von der, die objektiv bei Laboratoriumsversuchen sestzustellen ist. Die Wahrnehmung und Auffasfung der besonderen Sinneseindrücke wird erschwert und ver fälscht. Die Willenshandlungen gehen schneller, aber unzuver läsfiger, mit zahlreichenFJehlaktionen vor sich. Die Verbindungen der Vorstellungen untereinander werden lockerer, oberflächlich weniger von Zielvorstellungen als von Aeußerlichteiten bestimmt, das Denken dadurch flacher, unzusammenhängender Die Gesamt leistung der geistigen Arbeit wird geringer, die Wirkung der Uebung geringer. Alle diese Erscheinungen treten nicht etwa nur bei großen Wengen Alkohols, sondern zum Teil schon bei ganz geringen her vor und überdauern bei etwas größeren Quantitäten(2 Liter Bier entsprechend) zuweilen zwei nachsolgende Nächte

Die Kongreßverhandlungen begannen mit einem Vortrage des Prof. Weygandt, Direktors der Damburgischen Staatsirrenaustalt Der Alkoholmißbrauch bei Lindern sei weit verbreitet und bilde eine ernste Gefahr. Um die Kinder zu beruhigen,. wird viel sach der Schnuller mit Schnaps oder Bier getränkt. Volkstsüm licher Aberglaube meint, daß Wein beim Zahnen wirksam sel, oder daß er kräftige Knochen mache. Kinder vor oder in den ersten Schul fahren bekommen recht häufig und vielsach gewohnheitsmäßig geistige Getränke, leider manchmal auch auf Empfehlung rückstandiger Aerzte. Eingehende Erhebungen bei Schülern ergaben, daß durch⸗ schnittlich eine überwiegende Mehrheit, mancherorts nahezu alle, geistige Getränke bekommen. In den oberen Klassen det böheren Schulen und in den Fortbildungsschulen nimmt dies natürlich noch zu. Der Alkohol im Kindesalter zleht die verschledensten Körper⸗ organe in Mitleldenschaft. Verdauungsstörungen und Gewichts

verlust, Lebererkrankung, selbst Säuserleber kommt nicht selten vor. Blutb rechen, chronische Nierenentzündung, Blutarmut sind öfter be⸗ obachtet. Besonders wird das Längen wa chstum des Kindes beeinträchtigt, wie auch durch das Tierexperiment vielfach bewiesen ist.

Stadtschulinspektor Dr. Jensen berichtete, eine neueste Umfrage in 27 Berliner Gemeindeschulen habe ergeben, daß etwa 3 Prozent der Kinder täglich und etwa 25 Prozent gelegentlich Alkohol trinken, zum Teil auf Anordnung von Aerzten und auf Veranlassung der Eltern. Elsa v. Liszt wies darauf hin, daß von den jugendlichen Straffälligen ein großer Teil von ttunksichtigen Eltern stamme. Diese Kinder sind meist körperlich und geistig minderwertig, sie haben daher der Versuchuna der Großstadt weniger Widerstand ent⸗ gegenzusetzen. Die häuslichen Verhältnisse sind die traurigsten KAufsicht und Ecziehung mangelt oft ganz Dr. Flaig(Berlin forderte plan mäßigen Unterricht über die Alkohol⸗ frage in allen Schulen. Leider sei man in dieser Beziehun noch weit zurück. Obligatorische Unterweisung der Schuljugen über die Alkoholgesahren in besonderen Unterrichtsstunden ist nur in einzelnen Bundesstaaten(Meiningen, Wülcttemberg. Oldenburg) und Gegenden eingeführt, teils für die Volks- und Fortbildungs⸗ schulen und für höhere Schulen, teils nur für die Fortbildungs⸗ schulen.

In einem Referat über die alkoholgegnerische Erziehung im Hanse betonte Dr. Strehler die Vortref slichteit des Bei⸗ spiels. Die Kinder müßten zu bewußten Alkoholgegnern erzogen werden. Spiele in der Natur böten die Quelle reicher, stets an⸗ ziehender Freuden. Das Preisspielen, wodurch nur Eitelkeit und Ueberhebung gezüchtet würden, sei zu verpönen. Nicht durch Moral⸗ predigten, sondern durch Erwerbung des Persönlichtkeitsbewußtseins, des Willens, sich von verderblichen Unsitten. von gewohnheits⸗ mäßigem Unfug frei zu machen, müsse man die Kinder zu völliger Abstinenz erziehen.

Alle Redner wußten von den verheerenden Folgen des Alkohol- genusses zu berichten. Und alle waren in dem Punkt einig, daß das ersolgreichste Mittel, um die Kinder von dem Alkohollaster zu be⸗ freien, das gute Beispiel der Eltern sei. So klang die Forderung nach alkoholfreier Incenderziehung aus in der Forderung nach allgemeiner unbedingter Abstinenz. Daß durch Erziehung und Auf⸗ klärung sehr beachtenswerte Ersolge zu erzielen find, das beweisen die Refultate in anderen Ländern. Es sei da unc auf Schweden ver⸗ wiesen. Vor einer Ueberspaunung der Erwartungen in dieser Be⸗ sehung warnte Genosse Katzenstein. Meistens weist der Alkohol- mißbrauch in proletarischen Kreisen auf die Quelle sozlolen Elends hin, mit dessen Ueberwindung bekämpft man am erfolgreichsten diesen gefähclichen Volksseind. Und manche Neduer bestätigen un⸗ bewußt die Darlegungen unseres Genossen Fast stets, wenn sie die schrecklichen, verwüstenden Jolgen des Altoholgeuusses schildern wollten, stiegen grauenerregende soziale Bilder vor dem geistigen Auge der Hörer auf. Wenn Mütter ihten Lindern Schnaps geben, um ungestörter ihrer Erwerbsarbeit nachzugehen, also dem Kapital dicustbar sein zu können, dann sind dies die Folgen einer verdam⸗ menswerten Gesellschaftsordnung. In unzähligen Fällen ist diese Ordnung auch die Ursache der Trunksucht in wohlhabenden Kreisen. Die Schmarotzer, die Drohnen der Gesellschaft, fallen als Nichts⸗ tuer leicht der Versuchung zur Trunksucht anheim Klasseuscheidung und Interessenwirtschaft sind welter die Ursachen eines in der Hauptsache auf Alkoholgenuß beruhenden Gesellschaftslebens. Durch wüste Trinksitten muß der Nachweis für die offigtell vorgeschriebene Gefinnungstüchtigkeit erbracht werden Wer nicht trinkt, gilt in Preußen-Deutschland beinahe so verdächtig wie dem Cäsar die Hageren, die zu viel denken. Geuosse Kabenustein zerstreute übrigens auch die Meinung, als habe die Alkoholfrage nichts mit politischen Parteien zu tun. Die Sozialdemokratie stehe offiziell im Kampfe gegen den Alkoholmißbrauch. Die übrigen Vartef haben ihre noch zu solgen, wenn das interessierte Kapital und die Schnapejunker es erlauben

Aus der Fülle des auf dem Kongreß gebotenen Materials und 1 zahlreichen Anregungen kann hier nur weniges herausgehoben erden. Mit berzerfeischender Deutlichkeit geißselten verschiedene dner die von den Regierungen und den Behörden sowie vom zen Offiziösentum geförderte Alkoholistierung weiter Volkskreise. betrübendste Erschelnung sei die alkoholische Jugenderziehung. aufgedunsene Oberlehrer locke den Peimaner auf den Weg in je Kneipe. Aus den kommentmäßigen Alkoholorgten gingen heute die geistigen Führer des Volkes hervor. Immer kehre dieselbe Klage wieder über das schlechte Velsplel, das die akademischen und amt⸗ lichen Treise, aber auch die Eltern in der Familie geben. Den Schluß der Verhandlungen bildeten kurze Vorträge über alkohol- gegnerische Ingendorganisationen Genosse Katzen⸗ stein machte folgende Ausführungen: Die Arbeiterbewegung hat im letzten Jahrzehnt der Alkoholfrage steigende Aufmerksamkeit ge⸗ widmet und dabei den Schu der Jugend in den Vordergrund ge⸗ stellt. Der sogzialdemokratische Partestag von 1907 ex⸗ klärte in der Resolution zur Alkoholfrage: Kinder müssen vom Al- koholgenuß unbedingt ferngehalten werden, und förderte Aufklärung uber die Alkoholgesahr, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Der Parteitag von 1910 beauftragte die Reichstagsfraktion, einen Gesctzentwurf zum Schutze der Jugend vor dem Alkohol einzu⸗ bringen. Namentlich die freie Jugendbewegung hat hier reich gewirkt. Ihre behördliche Unterdrückung zerstört wertvolle Tulturarbeit. Im gleichen Sinne arbeiten beute die Jugen

2E 2 2 27 88

*

schüsse und die Jugendbeime, die grundsäßlich alkoholfrei werben. Auch durch Literatür und Vorlröge wird aufklären 18.

2

TNA

2