Ausgabe 
21.10.1913
 
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Die Reisen sind für die Arbeiter sicherlich in mehr als elner Beziehung sehr lehrreich gewesen. Gent, die französisch⸗vlämlsche Stadt, ist eine der schönsten Städte der Welt. Ihre Schönheiten sind in der Parteipresse in den letzten Monaten von berufener Feder ge⸗ bührend gewürdigt und trefflich geschildert.(W. Hausenstein's Be⸗ trachtung über Gent). Aber darüber hinaus bietet Gent dem Ar⸗ beiter viel interessantes, wissenswertes und lehrreiches. Zwar hat Gent seinen besonderen Ruf als Blumenstadt. Seine Orchideen tragen den Ruf Gents in alle Weltteile. Aber Gent ist auch in ganz besonderem Maße Industriestadt. Die Einwohnerschaft besteht zum weit größten Teil aus Arbeitern. Die Stadt hat sast 250 000 Ein⸗ wohner. Die Mauern Gents bergen demnach Arbeltermassen. Dle Arbeiter geben in Gent beinahe den Tag an. Wer aus den Ge⸗ filden des preußisch⸗deutschen Polizeistaates nach Gent kommt, den wird es wundern, in welch unbehelligter Weise hier an den Sonn⸗ tag⸗Vormittagen in aller früheDie junge Garde undDie Kinder des Volkes sich um ihre roten Banner mit gleicher Aufschrift in französischer Sprache scharen und mit Musik durch die Straßen hin⸗ aus ins Freie ziehen. Kein Schutzmann kümmert sich um diese nicht einmal angemeldeten Umzlige und kein Bourgeois wird ob der roten Banner nervös und der belgische Staat besteht trotzalledem noch. Mitten durch die Weltausstellung ziehen an den Sonntag-Nachmit⸗ tagen die Arbeiterturner oder Züge sonstiger Arbeiterorganisattonen mit flatternden roten Fahnen, die laut und deutlich die Forderungen der Internationale in den bekannten Aufschriften verkünden.

Gent ist klassischer Boden der modernen Arbeiterbewegung. Dle Arbeiter der Spinnereien haben schon 1857 erbitterte Lohnkämpfe geführt. Natürlich sind der Arbeiterbewegung Drangsalierungen und Unterdrückungen nicht erspart geblieben aber: Perceverence obticut tout! Beharrlichkeit führt zum Ziel.Das sogzialistische Gent, eine kleine Unterabteilung auf der Weltausstellung, zeigt uns die Bedeutung und die Macht der Genter Arbeiterschaft. Die im Jahre 1881 gegründete Sozialistische Konsum⸗ und Produkllio⸗ Genossenschaft Vorouit(Vorwärts), auf die noch zurückzukommen sein wird, ist eine der vorbildlichsten Organisationen der Welt.

Die Ausstellung liegt an der Peripherie der Stadt. Sie er⸗ streckt sich über einen gewaltigen Komplex. Für die Ausstellung ist ein besonderer Bahnhof erbaut, der hinsichtlich seiner Architektur ein Schulbeispiel dafür ist, wie Bahnhöfe nicht gebaut werden sollen. Die Ausstellung selbst präsentiert sich in durchaus vorteilhafter Weise. Der Ehrenhof ist ein recht passabeles Entree. Das gleiche Prädikat verdienen im großen und ganzen auch die Ausstellungs⸗ gebäude, die an derStraße der Nationen aufgeführt sind. Einkge dreißig Kulturstaaten haben ausgestellt. Allerdings würden einige dieser Staaten besser tun, die Kultur in ihrem Lande zu fördern, als Weltausstellungen zu beschicken.

Der Genter Weltausstellung ist das besondere Schicksal der großen Ausstellungen in hohem Maße zuteil geworden. Nicht nur Wochen, sondern Monate nach der offiziellen Eröffnung war die Ausstellung unsertig. Deshalb haben die Arbeiterorganisationen gut daran getan, ihren Besuch der Ausstellung erst in die letzten Wochen gelegt zu haben. Wer um die Pfingstzeit herum etwa schon den verlockenden Einladungen der Ausstellungsleitung Folge leistele, mußte froh sein, mit heller Haut aus der Ausstellung heraus zu sein. Die Passage war geradezu lebensgefährlich. Die späte Be⸗ trachtung der Ausstellung an dieser Stelle ist eine Folge der spälen Fertigstellung der Ausstellung.

Deutschland ist übrigens offiziell an der Ausstellung nicht be tefligt. Die deutsche Regierung hat die Einladung abgelehnt. In Gent hat man diese ablehnende Haltung vielfach für einen Fehler

gehalten. Frankreich ist um so stärker beteiligt. In den nachfolgenden Briefen sollen die Ausstellungen der einzelnen Länder besprochen werden, denen dann eine kritische

74** 1 11** Schlußbetrachtung solgt.

Aus unserer Sammelmappe.

Ein wissenschastlicher Humbug aufgedeckt. Im Jahr 1868 er⸗ regte in der wissenschaftlichen Welt, nicht nur Amerikas, ein Schädelfund großes Aussehen, der in einer diluvialen Goldgrube des Bald Mountain bei Altaville, Calaveras Connty in Lali fornien, gemacht worden war. Die bis dahin heiß umstrittene Frage, ob auch in Amerika schon in der Diluvialzeit Menschen ge- lebt haben, schien mit diesem Funde endlich in bejahendem Sinne beantwortet zu sein. Die eingehenden Untersuchungen stellten zwar eine große Aehnlichkeit des Schädels mit dem eines Indianers fest, konnten aber anderseits auf Grund der Erdschotter, in denen der Fund gemacht worden war, nicht umhin, das diluviale Alter des Schädels zuzugeben. Jahrzehntelang galt der Calaveras⸗Schädel

als der Beweis für die Existenz des dtluvialen Amerikaners, bis

sich jetzt die ganze Sache als Humbug herausgestellt hat. 6 durch Zeugen einwandfrei bewiesen worden, daß der Schädel m vielen anderen zusammen aus einer Begräbnisstelle nordamerstan⸗ scher Indianer stammt, die von einem Fluß im Salt⸗Sy

durch Auswaschen bloßgelegt worden war. Ein Witzbold fenen Gegend brachte den Schädel erst nachträglich in die difupialen Schotter der Goldgrube und machte dann einen seinex Freu

der ein leidenschaftlicher Liebhaber und Sammler von Knoche 5 und Altertümern ist, auf den Schädel aufmerksam. DieserJag mann untersuchte den Fund mit nicht allzugroßer Sachken ning und war überzeugt von der Echtheit, als er den diluvialen Charge ter der Fundstelle festgestellt hatte. Er benachrichtigte daraushm den Staatsgeologen Prof. Whitney und lud ihn ein, den Fund besichtigen. Als dann Whitney den Schädel als einen Indianen schädel erklären wollte, holte der Samler seinen Zeugen 4 eben jenen Witzbold, der nun, um seinen Freund nicht bloßzustellen die Angabe wiederholte, der Schädel stamme aus jenen diluose Schottern. Daraufhin mußte natürlich auch der Staatsgeologe den diluvialen Charakter des Fundes anerkennen, obgleich er aus feinen Zweifeln keinen Hehl machte. Jetzt erst, nach Jahrzehnten, it den; Humbug endlich ans Licht gekommen und das schöne Märchen den den diluvialen Menschen Amerikas hat sich als ein grobe Schwindel erwiesen. Nach wie vor fehlt in Nordamerika jede Sym; des Vorhandenseins von Menschen im Diluvium.

Wie der Hafen von Pompesi entdeckt wurde. Ueber die Enz, deckung des Hafens von Pompeji macht das Giornale d Italsa aus führliche Mitteilungen. Der Hafen war im vorigen Jahrhandenf hier und da gesucht worden, aber man konnte ihn nicht finden seine Entdeckung ist auch jetzt nur einem bloßen Zufall zue schreiben. Der römische Bildhauer Lorenzo Cossa lenkte, gest! auf Bemerkungen in den Lebenserinnerungen seines verstorbenes Vaters, des Archäologen, Ingenieurs, Bildhauers und Malen Adolfo Cossa, die Aufmerksamkeit des Ministers des öffentliche! Unterrichts auf die von Porta Marina nach Pompest führen Straße. Adolso Cossa war der Ueberzeugung gewesen, daß was! am und im Hafen von Pompeit wichtige Entdeckungen machen! würde, da nach seiner Ansicht am Tage der furchtbaren Katastroph! vom Jahre 79 nach Christus, als der Aschenregen des Vesuns auf Pompeji fiel, ein großer Teil der Einwohnerschaft zum Oaset! hinunter geflüchtet war, in der Hoffnung, auf den Schissen Unten, kunft und Rettung zu finden. Wo aber sollte man diesen Hafen! suchen? Adolso Cossa schloß aus gewissen Zeichen, daß der Hafen damm sich in der Richtung nach Porta Marina hin finden miist und daß man das, was man suchte, finden würde, wenn man 11 der verlängerten Achse der Straße, die vom Hafen zum Meere hit! geführt haben muß, Ausgrabungen veranstaltete. Das tat dens! auch sein Sohn, und er war tatsächlich vom Glücke begünstigt. Mast grub methotisch vom Meere nach der Stadt hin und fand, daß dert feine Meeressand fast bis zur heutigen Eisenbahnlinie reichte. 0. der dritten Grabung erschien eine Fläche in Kalkmörtel und bel der vierten die Hafenstraße. Man war also auf dem richtigen Get. Auf dem Mörtelmassiv entdeckte man Wagenspuren; weiter südlie fand man Reste vom Mauerwerk des Hasendamms: mächtig: quadratische Blöcke; sie tragen noch die Spuren der Wogen, vos! welchen sie bis zur Verschüttung des Hafens an dem denkwürdigen 4. August 790 gepeitscht wurden. Der Hafen von Pompesi befindet sich etwa 1200 Meter von der heutigen Küste und etwa 700 Meter! von Porta Marina und von der toten Stadt entfernt; er ist 2 einer Meter hohen Schicht von Erde, Asche und Lava bedecr; es folgt dann eine Bank von Asche und vesuvianischem Sand un! weiter eine etwa Meter dicke Bank von kleinen Steinchen. Da nun die Lage des Hasens festgestellt ist, so ist die Freilegung ganzen Hafenbeckens nur noch eine Frage der Zeit. System Ausgrabungen werden den Schiffs- und Handelsverkehr pom das mit dem Orient und Rom in Verbindung stand, in ganz neuen Licht erscheinen lassen. Man wünscht deshalb in Italien allgemein, daß diese wichtigen Ausgrabungen bald vorgenem werden mögen, selbst wenn darum die Arbeiten in der inneren Stadt einstweilen eingestellt werden sollten.