der jungen Akademiker Erfolg. Die radikal-demokratischen Studentenzirkel der Schwarzen in Gießen und der Unbe⸗ dingten in Jena, die sich von der Burschenschaft als einer politisch zu lauen Organisation abgesprengt hatten, schwuren auf die Worte Follens. Die Ermordung des reaktionären Staatsrats Koßzebue durch Sand hing mit der revo⸗ lutionären Propaganda Follens zusammen, wenn nicht un; mittelbar, so doch mittelbar, und ähnlich das mißlungene Attentat des hessischen Apothekergehilfen Löhning auf den hessischen Regierungspräsidenten Ibe ll. Es war kein Zufall, daß die Kommission, die auf Metternichs Anregung eingerichtet wurde, um die sogenannten Demagogen zu be— kämpfen, in Mainz zusammentrat— in jener Stadt, von der die revolutionäre Idee in Deutschland ihren Ausgang ge⸗ nommen hatte, und es war kein Zufall, wenn die politische Ingquisition in Hessen— nächst Preußen— am scheußlichsten zu Werke ging.
Je mehr Follen den Schwindel erkannte, den das fürst⸗ liche Legitimitätsprinzip sich zur Verfälschung des demokrati- schen Geistes der Freiheit riege gestattete, desto mehr rückte er von dem deutschnationalen Gedanken ab. Hierin glich ihm Büchner. Im übrigen war Büchners politisches Denken von dem Follens grundverschieden. Zunächst zwar hatte auch Büchner Sinn für das politische Attentat. Als im Jahre 1833 republikanische Intellektuelle versuchten, durch Ueber- rumpelung der Frankfurter Konstablerwache den reaktionären Bundestag— jene hochnäsige Diplomatenversammlung, die seit den„Freiheitskriegen“ Deutschland regierte zu sprengen, spendete Büchner dem Putsch lebhaften Beifall, und er verurteilte ihn nur insofern, als er technisch mißlungen war. Er schrieb:
„Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Ge walt. Wir wissen, was wir von unseren Fürsten zu erwarten haben. Alles, was sie bewilligten, wurde ihnen durch die Notwendigkeit abgezwungen. Und selbst das Bewilligte wurde uns hingeworfen, wie eine erbettelte Gnade und ein elendes Kinderspielzeug, um den ewigen Maulaffen Volk seine zu eng geschnürte Wickelschnur vergessen zu machen. Man wirft den jungen Leuten den Gebrauch der Gewalt vor. Sind wir aber denn nicht in einem ewigen Gewalt- zustand, weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, daß wir im Loch stecken mit ange— schmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde. Was nennt ihr denn gesetzlichen Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum fronenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderheit zu befriedigen? Dies Gesetz, unterstützt durch eine rohe Militärgewalt und die dumme Pfiffigkeit seiner Agenten, dies Gesetz ist eine ewige, rohe Gewalt, angetan dem Recht und der gesunden Vernunft, und ich werde mit Hand und Mund dagegen kämpfen, wo ich kann.“. n
Allmählich wich Büchner von diesem Standpunkt inso⸗ fern ab, als er Attentat und Putsch prinzipiell verwerfen lernte und dann nur noch eine in die Breite organisierte Revolution für sinnvoll hielt. Aber nicht nur das unter- scheidet ihn von Follen, dem älteren Typus. Er trennte sich von dem älteren hessischen Radikalismus auch dadurch, daß er die politische Kraft der persönlichen, logischen und sitt⸗ lichen Ueberzeugung allmählich geringer einschätzte und schließlich ein ganz irrationales Element zur Grundlage der Revolution machte den Hunger der Massen. Büchners größtes politisches Dokument, der Hessische Landbote, ein Manifest von alttestamentarischer Größe der Sprache, der det politischen Weltliteratur angehört, faßt die Bauern beim Steuerproblem: eine unerhörte Verbindung von größtem Pathos und aufreizender finanzpolitischer Statistik. Immer wieder erklärt er auf der Höhe seiner politischen Entwicklung den Hunger der Massen, den Unterschied zwischen Arm und Reich für das„einzige revolutionäre Element“. Er ver- achtet die Bildungshochmütigen und lächelt über den Dichter Gutzkow die soziale Frage durch eine Organisation erlauchter Utopisten, durch die„Ritter vom Geist“(ösen wollte. Follens politische Dichtungen sind nicht nur formal tob neben den wundervoll feinen Dichtungen Büchners. Sie
der
sind auch menschlich leer neben Büchner. Sie sind abstrakt. Büchner ist positives Leben— als Dichter, als Mensch und als Politiker. So kam es, daß er eher als die meisten den Anschluß an die größte Tatsache der neueren Geschichte fand: an den physischen Hunger der Massen, der zur Politik treibt, der sie unwiderstehlich macht.
Handelspolitischer Umschwung in Amerika.
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben einen Schritt ge⸗ tan, der weittragende Folgen für die gesamte weltwirtschaftliche Entwicklung, auch für Deutschland nach sich ziehen muß. Eine a gemeine Herabsetzung der Zölle wurde durch die gesetzgebenden Körperschaften beschlossen und von der Regierung sanktioniert. Not- wendig wurde das, weil bei der letzten Präsidentenwahl der bis dahin herrschenden republikanischen Partei, die sich für eine Ooch⸗ schutzzollpolttik einsetzte, durch die demokratische, mehr freihändlerisch gerichtete Partei eine schwere Niederlage zugefügt wurde. In diesem Parteisiege kommt aber nur die wirtschaftliche Entwicklung zum Ausdruck, die das große Land, das nahezu den gesamten nord- amerikansschen Kontinent umfaßt, in den letzten Jahrzehnten N. gemacht hat. Während früher die Union ein Ausfuhrland für Ro produkte, insbesondere für Erzeugnisse der Landwirtschaft war, beginnen letzt schon in der Ausfuhr die Industrieprodukte an Wert die Rohprodukte zu überwiegen. Das muß sich in den kommenden Jahren noch rapide steigern, so daß in absehbarer Zeit die Ber⸗ einigten Staaten neben England und Deutschland, wa rscheinlich sogar bald vor diesen älteren Industrieländern, in der ersten Reihe der Industriemärkte der Welt stehen werden.
Diese veränderte Stellung der Union zum Weltmarkt erklärt sich wiederum daraus, daß das starke Wachstum der Bevölkerung, das stark weniger durch den Geburtenüberschuß, als durch die 1. jährlich bis auf 1 Million Köpfe gestiegene Einwanderung, die zunächst zur völligen Urbarmachung des gesamten nußbbaxen Landes geführt hat, so daß jetzt kaum noch in irgend einem Winkel der Weftstaaten kultivierbares Land für die Besitzergreifung übrig ge⸗ blieben ist. Hand in Hand mit diesem Abschluß der landwirtschaft⸗ lichen Besiedelungsperiode geht das stärkere Hineinströmen der Ein⸗ wanderung in die industriellen Betriebe, denen eine beschleunigte Ausdehnung dadurch ermöglicht wird. Dadurch wird wiederum mehr und mehr die Ausfuhr von Industrieerzeugnissen erforderlich gemacht. Einige Jahlen mögen das zeigen. Der Wert der Aus- fuhr der Vereinigten Staaten betrug in Millionen Mark:
1901 1910 Gesamtausfuhr 6134 7182 davon Fabrikate 1956 3221
Wie sehr neben England und Deutschland die Vereinigten Staaten jetzt schon zu den Industrieausfuhrländern gehören, tritt besonders in demjenigen Produktionszweige zutage, in dessen Waren der Wert der industriellen Arbeit am stärksten den Wert der Roh⸗ produkte überwiegt, in der Maschinenproduktion. Im Jahre 1010 gestaltete sich der Wert der Einfuhr und Ausfuhr von Maschinen in einzelnen Ländern folgendermaßen(in Millionen Mark):
Einfuhr Ausfuhr
Deutschland 64.8 450 Belgien 56,5 40³„ Jrankreich 156,2 50,5 Großbritannien 6170 4225 Kanada 58.0 2.5 Australischer Bund 50,8—
Italien 718 4.6 Oeste t reich Ungarn 6052 25.0 Rußland 240,2 2 Schrei 2.0 49,8 Mexiko 40,2—
Ver. Staaten v. Amerika 43.2 70
Dauach standen im Jahre 1910 schen die Vereinigten Staaten au dritter Stelle, was die Ausfuhr von Maschinen ift. Der Stand der Naschinenausfuhr ist aber ein Wahrzeichen für* wicklung, die langsamer zwar, aber sicher in späteren Jahren die gesamte tubustrielle Ausfuhr im Verhältnis zu der Ausfuhr von Nohprodukten nehmen wird.
Naturgemäß muß die vor unferen Augen sich ee wandlung der Vereinigten Staaten aus einem vorwiegend robukte zu einem vorwiegend Industrieprobukte ausführenden
ande auch die Dandelsvolttik unmgestalten.
Der Hochschutzzoll wurde in den Vereinigten Staaten einge⸗ führt nach Beendigung des Sezessionskrieges mit der* 4— Ab sicht, damit Prämien für die Entwicklung einer
imischen Sroßindustrie zu zahlen. Es ist natürlich wa obgleich nicht festzustellen, daß ohne diesen auf Berei Auobeuter berechneten Schu die wirtschaftliche Entw der Vereinigten Staaten eine noch weit günstigere gewesen wäre. 5 falls hatten die hoben Zölle die nachteilige Nebenwirkung, da unter
ihrem Schutz auch das Trustwesen in der ungefund esten* dlübte und eine ganz besonders raffinserte Münderung der masfen lichte. Verderblich hat ber Hochschutz zoll— auf bie Khebere! Angewirkt, die in der Zeit des Freiha in hoher Blttte and. während jetzt das Sternenbanner auß dem nationalen Seeverkehr faßt vollig verschwunden it, und die
2 11 7 7 8 14 1 .


