Ausgabe 
21.1.1913
 
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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volkszeitung

Wissenistsmacht

nummer 42

Dienstag, den 21. Januar 1913

I. Jahrgang

Elendsbilder aus dem schlesischen Proletarierleben.

Die freigewerkschaftlichen Vertrauensleute in den schlesischen Kreisen Waldenburg und Neurode haben eine umfassende Erhebung über die Lohn-, Ernährungs- und Wohnungsverhältnisse der Industriearbeiter in den ge nannten Bezirken veranstaltet. Mehrere hundert Frage bogen sind sorgfältig ausgefüllt an das Arbeitersekretariat Waldenburg zurückgelangt. Das Material soll noch ergänzt und dann einer wissenschaftlichen Bearbeitung unterworfen

werden.

Im gegenwärtigen Zeitpunkt, wo von den Unternehmer- organen fast ausnahmslos über eine glänzende Konjunktur, bedeutende Gewinnsteigerung underfreuliche Zunahme des Volkswohlstandes berichtet wird, wowir im Gelde schwim men, dem Reichstag ein Dreimilliardenetat mit dem Nach weis erheblich gestiegener indirekter Belastung des Volkes, in erster Linje für militärische Zwecke, vorgelegt ist, da ist es angebracht, aus der niederschlesischen Arbeiterenquete schon einiges über das im neudeutschen Reiche dessteigenden Volkswohlstandes existierende Arbeiterelend mitzuteilen.

Zuerst seien einige Haushaltungsbudgets aus der Gruppe besprochen, deren Angehörige auf die Frage, ob sie mit ihrem Lohn den Nahrungsmittelaufwand bezahlen können, mit Ja beantworteten. Es sind entweder mit ihrem nicht be neidenswerten Los zufriedene Leute, oder die Zahl der zu Ernährenden besteht nur aus dem Beantworter selbst(Ledige) oder es handelt sich um kinderlose Ehepaare, bezw. um Familien mit einer unterdurchschnittlichen Kinderzahl. Wie ernähren sich und wie wohnen diese verhältnismäßig Gut⸗ situierten? f

Im Fall 1 kommt ein Berghauer mit 4 Mk. Lohn, Frau und ein Kind in Betracht. Diese Familie gibt für Nahrungs- und Genußmittel, für Licht, Reinigung der Wohnung und Lektüre(Zeitung) wöchentlich 16,94 Mk. aus. Die Erhebung fand im Herbst v. J. statt, wo z. B. die Kartoffel am bülligsten waren. Es betrug die Ausgabe für 2 Pfund Butter 2,80 Mk., für Margarine 1,40 Mk., für Fett 35 Pfg., für Fleisch (3 Pfund) 2,80 Mk., Wurst und Heringe 30 Pfg., für Bier, Schnaps und Zigarren 90 Pfg. An den sieben Wochentagen verzehrte diese dreiköpfige Familie drei Pfund Fleisch, außer⸗ dem für 20 Pfg. Wurst, es kommt also nicht einmal ½ Pfund Fleisch auf den Tag. Rechnen wir nur die zwei erwachsenen Personen, so entfallen pro Kopf und Tag nicht einmal ein Viertelpfund Fleisch! Diese, wie ihr Oberhaupt erklärt, zu⸗ friedene Familie gehört in der Tat zu den besser situierten, denn sie besitzt eine zweiräumige Wohnung. Dafür zahlt sie wächentlich drei Mark Miete, so daß hiermit die Wochen- ausgabe auf bald 20 Mk. steigt, und noch fehlt das Geld für Kleidung, Schuhwerk, Steuern, Ergänzung des Bettzeugs und der Hausgeräte. Der Mann hat durchschnittlich 4 Mk. Lohn pro Schicht, d. h. das Jahr auf 300 Arbeitsschichten be⸗ rechnet, 2728 Mk. wöchentlich. Solche vergleichsweise sehr günstigen Fälle sind aber selten.

Fall 2 betrifft einen Maurer mit 3,50 Mk. Schichtlohn. Seine Familie besteht aus zwei Köpfen. Die Wochenausgabe für Nahrungs⸗ und Genußmittel usw. exklusive Miete, Steuern, Kleidung usw. beläuft sich auf 15,90 Mk. Die Familie bewohnt nur ein Zimmer. Der Wochenverbrauch ist mit beispielsweise 2 Pfund Butter, ½ Pfund Fett, 3 Pfund Speck und Wurst angegeben. Noch kann das Familien-

oberhaupt, wie er sagt, den Nahrungsaufwand gut decken, aber er ist ein noch junger, kinderloser Ehemann.

Fall 3 betrifft einen ledigen Grubenschlepper mit 3,15 Mark Schichtlohn. Er verbrauchte wöchentlich beispielsweise Pfund Fleisch, Pfund Speck und Wurst, 1 Pfund Butter, 2 Flaschen Bier, für 60 Pfg. Zigarren und hockt auf einer Bodenkammer als Schlafbursche. Auch die Ernährung dieses Ledigen mit relativ gutem Lohn ist seiner schweren Arbeit entsprechend zu schlecht.

Fall 4, ein verheirateter Koksarbeiter ohne Kinder, gibt wöchentlich 14,29 Mk. für die Ernährung, für Licht usw. aus, bewohnt mit Frau ein Zimmer und hat inkl. Miete, aber ohne Kleidung, Schuhwerk usw. eine Wochenausgabe von 17,29 Mark, der ein Lohn von 18 Mk. gegenübersteht. Auch dieser Mann ist nicht gerade unzufrieden, obgleich er mit seiner Frau durchschnittlich täglich nur für 20 Pfg. Fleisch und Wurst verzehren kann.

Die nun zu betrachtende Gruppe besteht aus Familien- vätern, denen die kulturhöhnende Dürftigkeit ihrer Lebens haltung wenigstens zum Bewußtsein gekommen ist:

Ausg. f. Fleisch⸗, Durchschn.⸗Nahrung, Speck- Zahl d. Kopfzahl der lohn pro Genussm. Wurstverz Wohu⸗ zu Ernährend. Schicht p. Woche p. Woche räume Mark Mark Pfund 2,70 15,55 3,00 1652 3,00 16,31 3,00 133 3,20 10,01 3,90 16,58 4.20 19,05 3,95 16.79 4,14 18,86 4,34 16,22 Kohlenhauer 4.30 18,41 Kohlenhauer 3,95 20,63 Wir könnten noch sehr viele krasse Fälle von überaus dürftigen Haushaltungsrechnungen anführen, aber die mit geteilten mögen vorerst genügen. Es sind nicht die schlechtest entlohnten Arbeiter, deren Haushaltungsbudget wir auf zeichnen. Die Hauer gehören zu den bestentlohnten Arbeiter gruppen. Der am häufigsten vorkommende Arbeiterlohn be trägt 33,20 Mk. pro Schicht. Der Durchschnittsverdienst der niederschlesischen Kohlenhauer und Schlepper beläuft sich auf etwa 3,80 Mk., die von uns angeführten Hauer haben also alle über den Durchschnitt verdient. Die meisten der befragten Arbeiterfamilien, es sind hunderte, sind 5 Köpfe stark, auch das ist in der obigen Aufstellung berücksichtigt. Wir dürfen sie darum als beweiskräftige Stichprobe be werten.

Nun betrachte man sich die Tabelle über den Fleisch⸗, Speck- und Wurstverzehr. Die hinsichtlich ihres Lohneinkommens bestgestellte Familie Nr. 10 weist wöchent⸗ lich nur 1 Pfund Fleischverbrauch pro Kopf, wenn wir nur Vater und Mutter rechnen nur 2 Pfund gleich reichlich 1 Pfund pro Tag auf! Diese Familie betreibt nebenbei eine kleine Ackerwirtschaft, woraus sich die vergleichsweise geringe Geldausgabe für Kartoffeln, Grünzeug usw. erklärt. Die Familie Nr. 3 schreibt auf dem Fragebogen, der Vater erhalte wöchentlich 10 Mk.Abschlag(Lohnvorschuß), für

Beruf des Befragten

Tischler. .Tagesarbeiter Tagesarbeiter Wäschearbeiter Schlepper

. Kohlenhauer Kohlenhauer Kohlenhauer Kohlenhauer Kohlenhauer

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Lebens⸗ und Genußmittel und sonstige Gebrauchsgegen⸗