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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
Nummer 7
Dienstag, den 20. Mai 1913
2. Jahrgang
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Die Fliegen und die Spinnen.
Der hier abgedruckte Artikel stammt aus dem alten Leipziger Sozial⸗ demokrat aus den siebziger Jahren; in ungezählten Exemplaren ist er in jener Zeit als Flugblatt verbreitet worden. Die Wiederverwendung dieses nun schon historisch gewordenen Aufsatzes, der ein überaus charakteristisches Bild von der damaligen naiveren, mit plastischen Bildern arbeitenden Agitationsweise gibt, 55 unsern Lesern sicher willkommen
In.
Ihr kennt es alle, das rundbauchige Insekt mit behaar⸗ tem, klebrigem Körper, das an finstern Plätzen, möglichst fern vom Lichte des Tages, sein mörderisches Netz ausspannt, in welchem die arme unvorsichtige oder leichtsinnige Fliege sich fängt und den Tod findet. Dieses häßliche Untier mit runden glasigen Augen, mit langen, vorn gekrümmten Beinen, die so vortrefflich geeignet sind, das Opfer zu packen und zu ersticken, dieses Untier ist die Spinne.
Seht, wie sie kalt und unbeweglich in ihrem Winkel sitzt, Wenn sie auf die Beute lauert, die sich ihrem Machtbereich nähern soll, oder wie sie mit infernalischer Geschicklichkeit da todbringende Gewebe anlegt, welches die schwache Fliege auf— fangen und ohne Gnade fesseln soll! Das abscheuliche Tier wendet viel Zeit, oft sehr viel Zeit daran, sein Netz nach allen Regeln der Kunst zu vervollständigen, damit ihm die Beute auf keinen Fall entwische. Da wird erst ein Faden ausge— Worfen, dann zwei, drei— immer mehr. Sie zieht Quer⸗ fäden, verbindet durch neue Querfäden, damit die Anstreng⸗ ungen ihrer Opfer, selbst in der höchsten Todesangst, das Netz nicht zu zerreißen, es kaum zusammenzuziehen imstande seien.
Endlich ist das Gespinst fertig, die Falle ist gestellt, ein Ausweichen kaum möglich— die Spinne zieht sich in ihre Höhle zurück und wartet, bis eine flatterhafte Fliege, durch den Hunger getrieben, herankommt, nach Nahrung sucht.
Sie braucht nicht lange zu warten, die Fliege kommt bald angeflogen. Und während die Aermste so hin und her sucht, stößt sie plötzlich auf die vor ihr ausgespannten Fäden, sie verwickelt sich bestürzt in ihnen, sie sucht sich zu halten und — und es ist auf immer um sie geschehen.
Kaum sieht die Spinne ihr Opfer gefangen, so verläßt sie blutgierigen Blickes und mit gekrallten Pfoten ihren Schlupfwinkel, mehr oder minder langsam nähert sie sich der Beute— sie hat nicht nötig, sich zu beeilen, das scheußliche Tier weiß sehr gut, daß das unglückliche Insekt, einmal ge⸗ fangen, ihm nicht entgehen kann. Immer näher kommt sie, mit ihren glotzigen meergrünen Augen mißt sie ihr Opfer und beraubt es seiner Vernunft. Ueber und über zittert die Fliege vor Angst, denn sie sieht die Gefahr, die ihr droht, sie sucht sich aus den Fäden, die sie umgeben, herauszuwinden, sie will fliehen und erschöpft ihre Kraft in verzweifelnden Versuchen.
Aber vergebliches Mühen, unnützes Anstrengen! Das Gewebe verwickelt sich immer mehr, und die Spinne kommt immer näher. Bei jeder Bewegung, welche die Fliege macht, um sich aus dem Gespinnst herauszuarbeiten, in dessen dünnen und so zweckmäßigen Maschen sie sich gefangen hat, sind es mehr Fäden, die sich um sie herumlegen: immer neue Netze umgeben sie. Endlich fällt sie keuchend und erschöpft, ohne Widerstandskraft, in die Macht ihres Feindes, ihres Be⸗ siegers, der entsetzlichen Spinne!
Und nun streckt das scheußliche Untier seine haarigen
Pfoten nach ihr aus, packt sie und drückt sie zusammen. Dann beginnt es an dem zitternden Körper seiner schwachen Beute zu saugen, einmal, zweimal, dreimal, ganz nachdem es Lust und Appetit hat. Wenn es für den Augenblick seinen Durst nach Blut gestillt hat, so verläßt es sie, ohne sie vollständig getötet zu haben. Dann kommt es wieder und saugt von neuem, geht wieder fort und kehrt zurück, bis die unglückliche Fliege ganz vertilgt ist, bis sie weder Blut noch nährende Säfte in sich hat. Und es dauert lange, oft sogar sehr lange, bis das arme Insekt ganz tot ist.
So lange aber der gierige Vampyr in dem Körper oder dem Leichnam seines Opfers noch ein Atom Lebenskraft her⸗ auszuziehen findet, verliert er dasselbe nicht aus dem Auge. Er atmet sein Leben, schlürft seine Kraft, trinkt sein Blut und läßt erst von ihm ab, wenn nichts, absolut nichts mehr in ihm ist.
Dann wird die arme Fliege, tot, ausgesogen, leichter als ein Strohhalm, aus dem Gespinnst herausgeschleudert. Der erste Windhauch nimmt sie mit sich, und alles ist vorüber.
Die Spinne aber kehrt gesättigt und befriedigt in ihre Höhle zurück; sie ist mit sich und aller Welt zufrieden und findet, daß es heutzutage die rechtschaffenen Menschen immer noch zu etwas bringen.
Proletarier, in Stadt und Land!
ihr, geistigen Arbeiter, ihr, Industriearbeiter, ihr, zitternde junge Mädchen und schwache unterdrückte Frauen, die ihr eure Rechte nicht zu fordern wagt, ihr, unglückliche Opfer des Militärs, mit einem Wort, ihr, arme Ausgebeutete ins⸗ gesamt, die man weit von sich schleudert, wenn man aus euren Adern nichts mehr zu ziehen vermag, ihr, die ihr die gesamte Produktion, das Herz, der Verstand, die lebendige Kraft des Landes seid, und denen man nichts bewilligt als das Recht, hübsch artig und in aller Stille in einem Winkel elediglich zu verenden, während euer Blut, euer Schweiß, euer Mühen, euer Sinnen, euer Leben es gewesen ist, mit dem ihr sie kräftig gemacht und gemästet habt, sie, eure Herren und Un⸗ terdrücker: die widerlichen Spinnen.
Die Spinnen, das sind die Herren, die reichen Geldleute, die Ausbeuter, die Spekulanten, die Kapitalisten, die Ver⸗ führer, der hohe Klerus, die Schmarotzer aller Art, die Will⸗ kür, unter der wir seufzen, die Macher der schlechten Gesetze, die uns erdrücken, die Tyrannen, die uns knechten. Die Spinnen, das sind alle diejenigen, die auf unsere, des Volkes Kosten leben, die uns mit Füßen treten, die über unsere Lei⸗ den und unsere vergeblichen Bemühungen hohnlachend spotten.
Die Fliege, das ist der arme Arbeiter, der sich allen drakonischen Vorschriften, die dem Arbeitgeber belieben, unterwerfen muß, weil der Unglückliche ohne Mittel dasteht und für sich und die Seinen Nahrung schaffen muß. Die Spinne, das ist der große Jabrikherr, der an jedem seiner Arbeiter 6 bis 8 Mk. pro Tag verdient und es dabei wagt, nein, sich herabläßt, diesem für eine 12 bis 14stündige Arbeit einen Hungerlohn von 2 bis 3 Mk. gnädigst zu bewilligen.
Die Fliege, das ist der Bergmann, der sein Leben in der stickigen Luft der Gruben hinopfert, um der Erde Schätze ab⸗ zuringen, deren Genuß nicht für ihn bestimmt ist; die Spinne, das ist der Herr Aktionär, der seine Aktien um das Doppelte und Dreifache steigen sieht, und doch nie zufrieden ist, der
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