Ausgabe 
19.8.1913
 
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W ienilche Beilage der Oberbessichen Volkszeitung

Nummer 20

Dienstag, den 19. Rugust 1913

2. Jahrgang

Aus Vebels Werdegang.

Bebels MemorabilienwerkAus meinem Leben ent⸗

nehmen wir die folgenden Momentbilder seiner Lebens⸗ etappen: DasLicht der Welt, in das ich nach meiner Geburt blickte, war das trübe Licht einer zinneren Oellampe, das notdürftig die Wände einer großen Kasemattenstube be⸗ leuchtete, die zugleich Schlaf- und Wohnzimmer, Salon, Küche und Wirtschaftsraum war. Nach der Angabe meiner Mutter war es abends Schlag neun Uhr, als ich in die Welt trat, insofernein historischer Moment, als eben draußen Hor der Kasematte der Hornist den Zapfenstreich blies, be kanntlich seitunvordenklichen Zeiten das Zeichen, daß die Mannschaften sich zur Ruhe zu begeben haben.

Prophetisch angelegte Naturen könnten aus dieser Tat⸗

fache schließen, daß damit schon meine spätere oppositionelle Stellung gegen die bestehende Staatsordnung angekündigt wurde. Denn streng genommen verstieß es wider die mili tärische Ordnung, daß ich als preußisches Unteroffizierskind in demselben Augenblick die Wände einer königliched Kasemattenstube beschrie und ich soll schon bei meiner Ge⸗ burt eine recht kräftige Stimme gehabt haben in dem der Befehl zur Ruhe erlassen wurde. . Aber die so folgerten, täuschten sich. Es hat später noch 0 geraumer Zeit bedurft, ehe ich mich aus den Banden der ue Porurteile befreite, in die das Leben in der Kasematte und 0 die späteren Jugendeindrücke mich geschlagen hatten.,

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I Mein lebhaftes kindliches Interesse weckten die Be⸗ , wegungsjahre 1848 und 1849. Die Mehrzahl der Wetzlarer h Eeinwohner war entsprechend den Traditionen der Stadt , krepublikanisch gesinnt. Diese Gesinnung übertrug sich auch % gauf die Schuljugend. Bei einer Disputation über unsere ßolitischen Ansichten, wie sie unter Schuljungen vorzukom⸗ men pflegt, stellte sich heraus, daß nur ein Kamerad und ich monarchisch gesinnt waren. Dafür wurden wir beide mit einer Tracht Prügel bedacht. Wenn sich also meine politischen

1 Gegner über meineantipatriotische Gesinnung entrüsten, ein weil nach ihrer Meinung Monarchie und Vaterland ein 10 und dasselbe sind, so ersehen sie aus der vermaldeiten Tat⸗

fache, vielleicht zu ihrer Genugtuung, daß ich schon fürs Vaterlang gelitten habe, als ihre Väter und Großväter in

ihrer Maienblüte Unschuld noch zu den Antipatrioten ge⸗ hörten. Im Rheinland war wenigstens zu jener Zeit der Mößere. Teil der 8 W n

In Leipzig war damals das politische 5 n sche rege. 0 galt als einer der Hauptsitze des Liberalismus und der Demokratie. Eines Tages las ich in der demokrati⸗ schen Mitteldeutschen Volkszeitung, auf die ich abonniert Far und die der Achtundvierziger Dr. Peters redigierte, der Ehemann der bekannten verstorbenen Vorkämpferin für die e Louise Otto⸗Peters, die Einladung zu einer Volksversammlung zur Gründung eines Bildungsvereins. Diese Versammlung fand am 19. Februar 1861 im Wiener Saal statt, einem Lokal, das in der Nähe des Rosentals in Leiinem Garten stand. Als ich in das Lokal trat, war dasselbe

bereits überfüllt. Mit Mühe fand ich auf der Galerie Platz. Es war die erste öffentliche Versammlung, der ich beiwohnte.

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Der Präsident der Polytechnischen Gesellschaft, Professor Dr. Hirzel, hatte das Referat; er teilte mit, daß man einen gewerblichen Bildungsverein als zweite Abteilung der Poly⸗ technischen Gesellschaft gründen wolle, weil Arbeitervereine auf Grund des Bundestagsbeschlusses von 1856 in Sachsen nicht geduldet würden. Dagegen erhob sich Opposition. Neben Professor Roßmäßler, der Mitglied des deutschen Parlaments in Frankfurt a. M. gewesen und von seiner Professur an der Forstakademie zu Tharandt durch Herrn von Beufst gemaßregelt worden war, nahmen Vahlteich, Fritzsche und andere Redner das Wort und verlangten volle Selbständigkeit des Vereins, der ein politischer sein müsse. Die Verfolgung von Unterrichtszwecken sei Sache der Schule, nicht eines Vereins für Erwachsene. Ich war zwar mit diesen Rednern nicht einverstanden, aber es imponierte mir, daß Arbeiter den gelehrten Herren so kräftig zu Leibe rückten, und wünschte im stillen, auch so 1 8 55 zu können.

Der Verein wurde 9 und obgleich die Oppo⸗ sition ihren Zweck nicht erreicht hatte, trat sie dem Verein bei. Ich wurde ebenfalls an jenem Abend Mitglied..

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An der Spitze des Vereins stand ein vierundzwanzig⸗ köpfiger Ausschuß, in dem der Kampf um den Vorsitz ent⸗ brannte. Roßmäßler unterlag gegenüber einem Architekten Mothes, aber die Opposition arbeitet planmäßig weiter. Bei dem ersten Stiftungsfest 1862 hielt Vahlteich die Fest⸗ rede, die ausgeprägt politisch war. Er forderte das allge meine Stimmrecht. Bei der Neuwahl des Ausschusses wurde cuch ich in denselben gewählt. Meine Sehnsucht, öffentlich reden zu können, war bei den häufigen Debatten im Verein rasch befriedigt worden. Ein Freund erzählte mir später, daß, als ich zum ersten Male einige Minuten sprach, um einen Antrag zu begründen, man sich an seinem Tisch gegen⸗ seitig angesehen und gefragt habe: Wer ist denn der, der so

auftritt? Da im Ausschuß verschiedene Abteilungen für die

verschiedenen Verwaltungsfächer gebildet wurden, wurde ich in die Bibliotheksabteilung und die Abteilung für Vergnüg⸗ ungen gewählt. In beiden wurde ich Vorsitzender. S* 1* 5 Liebknecht war vierzehn Jahre älter als ich, er hatte also, als wir uns kennen lernten, eine lange politische Erfahrung

vor mir boraus. Liebknecht war ein wissenschaftlich gebildeter, Mann, der fleißig studiert hatte; diese wissenschaftliche Bil⸗

dung fehlte mir. Liebknecht war endlich in England zwölf Jahre mit Männern wie Marx und Engels in intimem Ver⸗ kehr gestanden und hatte dabei viel gelernt, ein Umgang, der mir ebenfalls fehlte. Daß Liebknecht unter solchen Umstän⸗ den erheblichen Einfluß auf mich ausüben mußte, war ganz jelbstverständlich. Andernfalls wäre es eine Blamage für ihn gesdesen, daß er diesen Einfluß nicht auszuüben verstand, oder eine Blamage für mich, daß ich aus dem Umgang mit ihm nichts zu profitieren wußte. Einer meiner Bekannten aus jener Zeit schrieb vor einigen Jahren in der Leipziger Volkszeitung, er habe(1865) gehört, wie ich in kleinem Kreise von meiner Bekanntschaft mit Liebknecht erzählt und dazu bemerkt hätte:Donnerwetter, von dem kann man was lernen! Das dürfte stimmen. Aber Sozialist wäre ich auch ohne ihn geworden, dennDazu war ich auf dem Wege, als ich ihn kennen lernte. Im beständigen Kampfe mit den

Lassaleanern, mußte ich Lassalles Schriften lesen, um zt

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