Bernichten“, Wenn sie nicht selber schon von ihm sehr viel, eilich noch immer zu wenig, gelernt hätten.
Es wird eine der reizvollsten Aufgaben für einen künf⸗ tigen Geschichtsschreiber des Marxismus sein, den verschlunge⸗ nen Wegen dieses geistigen Entwicklungsprozesses im ein- zelnen nachzugehen und zu zeigen, wie unter unaufhörlichen Marx⸗„Vernichtungen“, ja zum großen Teile durch sie, die Lehren von Karl Marz in die Köpfe eindrangen, und wie man allmählich begann, als Selbstverständlichkeit anzuer⸗ kennen, was man zuvor als Ungeheuerlichkeit bekämpft hatte. Das aber ist das Schicksal jeder bedeutenden Lehre— und je bedeutender sie ist, desto sicherer ist ihr dies Schicksal— daß
sie unaufhörlich angegr iffen, mit Messern und Säuren der Kritik zersetzt und zer fetzt wird, um schließlich mit ihren Ewigkeitswerten in den Geist aller
Denkenden einzugehen.
Was den Werken von Karl Marz schöpferische Wirksam⸗ keit in die weitesten zeitlichen Fernen sichert, das sind nicht die Einzelheiten seiner subtilen Forschungen, um die jetzt noch innerhalb und außerhalb der Mauern gestritten wird, sondern es ist eben das, was über den notwendigerweise engen Kreis der Schule hinausdringt, in die Massen, was gestern wissenschaftliches Paradox war, heute gemeinplätzliche Selbstverständlichkeit geworden ist. An Marx erleben wir zum ersten Male die Erscheinung eines großen Denkers, der mit Bewußtsein auf Wirkung in die breite sten Massen des Volkes hinaus arbeitete. Und war es ein rührend naives Verkennen der Distanzen, wenn sich Marx einbildete, sein„Kapital“ sei so populär geschrieben, daß der einfachste Mann es ohne weiteres verstehen könnte, so war es doch wieder der Mut des Genies, der zwischen den höchsten Höhen der Wissenschaft und den tiefsten Tiefen des sozialen Daseins die verbindende Brücke schlug. Marx war, wie alle fruchtbar schaffenden Geister, im Grunde seines Wesens Optimist, und nur dadurch daß er trotz aller Schärfe der Kritik gegebene Schwierigkeiten zu en iedrig ein- schätzte, gelang es ihm, sie zu bewältigen. Die Erfüllung des Proletariats mit seinen Gedanken hat sich nicht so rasch und einfach vollzogen, wie er hoffte, nicht ohne Reibungen, Krisen, auch nicht ohne notwendige der fortschreitenden Ent— wicklung geschuldete Abweichungen. Dennoch: die Politik des Proletariats bewegt sich heute in marxistischen Bahnen, der Kern der marxistischen Lehre ist geistiges Gemeingut der zum klassenbewußten Denken erwachten Arbeiterklasse ge— worden.
Auch das ist eine Erscheinung, die einzig in der Geschichte dasteht: daß die komplizierte Theorie eines großen Gelehrten so in das allgemeine Volksbewe tsein eindringt zum politischen Faktor wird. Verschiedene Zeiten haben verschiedene Volksmänner gesehen. Propheten, Agitatoren, Redner, Jour- nalisten, die an das Empfinden der Massen appellierten, an ihre religiösen Gefühle, ihre sittlichen Auffassungen, ihren bausbackenen Menschenverstand. Hier wird zum ersten Male der Philosoph, der tiefgründige Forscher zum Volksmann—
und wenn es dem Mann zum Ruhme gereicht, daß das Volk
und
ihn verstehen lernte, so gereicht es noch mehr dem Volke zum Ruhme, daß es die Bedeutung des Mannes erkannte und der eigenen Sache dienstbar zu machen wußte.
Marr der Helfer der Unterdrückten wurde, er- reichte er nach seinem Tode sein Schaffensziel. Er hat nicht sich selbst und seiner Größe gelebt. Er, der die moralisierende Betrachtung aus Reich der strengen Tatsachenerforsch⸗ ung verwies, folgte sein Leben lang dem Leitstern eines großen sittlichen Zieles, um dessentwillen er Not und solgung ertrug. Dieser Mann, der zum Ruhnie der deutschen Wissenschaft in der ganzen Welt so gewaltiges beitrug, starb im Exil.
Wenn wir seine Größe anerkennen Größe der Sache, für die er lebte und der zu dienen auch unser Stolz ist. In tieferem Sinne wird hier ein oft ge⸗ brauchtes Wort wahr: Wenn Proletariat Karl Marx ehrt, ehrt es sich selbst.
dem
Mar Ver
empfinden wir die
schen Geistes zur Ruhe, der unter allen
Als Karl Marr slarb. f
Vor dreißig Jahren, am 14. März, ging der Klassiker des deut⸗ der stärkste Weltbeweger geworden ist. Aber als er starb war es für die bürgerliche Welt kein erschütterndes Excignis, nicht einmal eln Vorkommnis, das auf dem vergänglichen Papier eines Tageblattes eine kurze Erwähnung verdient hätte. Blättert man die führenden deutschen Zeitungen von damals durch, so findet man in den beiden„Weltblättern“, der demo⸗ kratischen Frankfurter Zeitung und der Münchner Allgemeinen Zeitung keinerlei Würdigung. Das Frankfurter Blatt nimmt über⸗ haupt von dem Todesfall keine Notiz, dagegen widmet sie dem mit Marx zu gleicher Zeit verstorbenen Berliner Poetaster Siegbert Meyer einen tief empfundenen Nachruf. Erst in einer Pariser Kor⸗ respondenz vom 19. März, in der über den Jahrestag des Kommune⸗ aufstandes berichtet wird, erfahren die Leser, daß Marx nicht mehr lebt:„In zwei Meetings wurde auch das Andenken des kürzlich verstorbenen Karl Marx gefeiert, und dessen wissenschaftliche Tätig- keit enthusiastisch gefeiert. Die von hier zum Begräbnis von Marx abgegangenen Delegationen sind nun wleder zurückgekehrt, und wie die Clémenceausche Justice heute berichtet, haben Friedrich Engels und Herr Liebknecht am Grabe gesprochen.“
Die Allgemeine Zeitung bringt immerhin bereits am 18. März unter„Verschiedenes“ eine Notig. Sie beginnt so:
1(Todesfälle). Karl Marx, der berühmte sozlalistische Schriftsteller und Organisattor, dessen Tod telegraphisch aus Paris gemeldet wurde...“
Es folgen einige Zellen dürrer biographischer Notizen, und un⸗ mittelbar darauf, nur durch einen Gedankenstrich getrennt, eben⸗ sovlel Zeilen über den verstorbenen italienischen Gesandten am ser— bischen Hofe, Tosi. Die Paxiser Korrespondenzen dieses Blattes sind in diesen Tagen voll von teils aufgeregt denunzierenden, teils höhnisch verächtlichen Berichten über die am Gedenktag der Kom- mune erwarteten Demonstrationen. Die Moral und den Tliefsinn in den sozlalen Auffassungen der damaligen bürgerlichen Jour- nalistik sei durch eine Probe vom 18. März gekennzeichnet:
„Die Hunger-Emeunte endigte heute mit einem halben Hun⸗ dert Festessen des ständigen Publikums der revolutionären Ver- sammlungen. Die neuesten Schöpfungen eines praktischen und werktätigen Sozialismus verfehlen sibrigens nicht, einen tiefen Eindruck auf die wirklichen Arbeiterkreise hervorzubringen.“
Diesen praktischen und werktätigen Sozialismus, der die wirk⸗ lichen Arbeiter in die kapitalistische Stelle sicher zu rückloͤcken mußte, fand der Korrespondent in der weltgeschichtlichen Tat, daß eine Gruppe von Kapitalisten und Unternehmern in Paris einige Ar⸗ beiterhäuser bauen wollten.
Eine ebenso auffällige wie ehrenvolle Ausnahme in der da⸗ maligen deutschen Publizlstik bildet ein das Gesamtwerk Marxens würdigender Nekrolog, der in der Kölnischen „als dessen Versasser man Lothax Bucher Der Artikel erschien am 16. März. Da war
bewundernd Zeitung erschlen vermuten möchte. gesagt:
g„Uunsere jüngere nationalötlonomische Schule steht insgesamt mit einem Fuß auf den Schultern von Marx, der einen nach⸗ haltigeren Einfluß auf die innere Politik aller zivilisiexten Staaten ausgeübt hat, als vielleicht irgend einer seiner Zeit⸗ genossen. Die Nationalökonomie, besonders in Deutschland, hat keinen Namen zu verzeichnen, der revolutionärer und ein⸗ schneidender gewirkt hätte auf die Massen sowohl wie auf die Gelehrten, als Karl Marx.. Es ist nicht möglich, über die wissen⸗ schaftliche Bedeutsamkeit und das politische Wirken eines Mannes wie Marx in Kürze abschließend zu urteilen. Unsere ganze innere Politik in Deutschlaud steht augenblicklich unter dem Ein⸗ sluß modifizierter Marxischer Anschauungen.“
Der Verfasser spielte damit auf die ersten Pläne der deutschen Arbeiterversiche rung an, für die er also die entscheidende Anregung der Grundauschauung Karl Marx zuschreibt, wenn auch mit„Modi⸗ sizlerungen“. Der Schluß des Aussatzes erhebt sich sast zu einen. Hymnus:
„Ein ebenso uneigennützlger wie heroischer Befrelerder Arbeiterklasse zu selbständigem Auftreten gegenüber dem Kapitalismus, in gewissem Sinne ein Erlöser der Arbeitersklaven, ist er ebenso gewiß gewesen, wie er einer der schärssten Denker und fertigsten Dialek ⸗ tiker trotz Proudhon war, welche die nationalökonomif Wissenschaft se besessen. Man lxrt freilich, wenn man glau Marx habe alles aus eigenem Haupte heraus geschassen Jeden⸗
daß sein„Kapitol“ und das vorgängige kritische Werk„Zur Kri
der politischen Oekonomie“ auf lange Ziiten 24 einzig in ihrer Art, zwar strittig, aber ilaf fich und ür seden
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