unentbehrlich bleiben, der sich mlt den sozialen und ökonomi⸗ schen Fragen ernstlich beschäftigen will.“ Z3u jener Zeit war gerade auch nach dem Alphabet der Band ber Allgemeinen Deutschen Biographie fällig, in den Marx Aufnahme finden konnte. So wurden denn in diesem, von der bayerischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen hundertjährigen Sammelwerk, das keinen Müller und Schulze der deutschen Geschichte vergißt, sechseinhalb Seiten des 1884 erschienenen 20. Bandes ge⸗ widmet. Der Verfasser ringt sich einige Anerkennung ab, ohne das Gefühl der Komik zu haben für diese Art wohlwollender Schul— meisterei, durch die sich irgend eine vergängliche Null über den Mann und Schöpfer kritisierend erhebt. Es wird da von der„mehr negativen Lebeusanschauung“, von der„absoluten Mißachtung aller anderen Nationalökonomie“ mißbilligend gesprochen. Aber das
Kommunistische Manifest neunt er immerhin ein wahres„Meister—
stlick agitatorischer Geschicklichkeit“.
g Es wäre eine sehr lustige Aufgabe, einmal zusammensustellen,
wie sich das Bild von Karl Marz; in den verschiedenen Auflagen weit—
verbreiteter Lehrbücher der Universitätswissenschaft wandelt, wie der Name aus einer kurz, vornehm und einfältig erledigenden Fuß— note bald in den Text hinaufsteigt, mit jeder Auflage einen immer
größeren Raum beansprucht und vor allem der Quell der Aufklärung für die prosessoralen Kompendiumschreiber selbst wird.
Seitdem füllen die Schriften über Marx ganze Bibliotheksäle. An allen Universitäten der Welt werden Vorlesungen über Karl Marx gehalten. Seine Ideen beherrschen die nationalökonomische Wissenschaft, auch dort, wo sie abgelehnt und eingeschränkt werden. Nur die deutschen Literaturgeschichten kennen den Schöpfer der müchtigsten politischen Urkunde des deutschen Schrifttums nicht. Jedes Schundromans gedenken sie, und jeder professoralen Ver⸗ gewaltigung der Geschichte. Aber der Mann gehört nicht zur deut⸗ schen Literatur, dessen kommunistisches Manisest die Welt erobert hat und sie gestaltete. Wenn denn einmal irgend ein fleißiger Kompilator auch Karl Marx ein paar Zeilen einräumt, so günstigen⸗
falls, um zu bedauern, daß er so viel Fremdwörter gebraucht habe.
Nichts beweist eindringlicher die Armseligkeit der deutschen Literatur-
geschichtsschreibung als dieses Verschweigen des stolzesten Namens der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.
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Aus der Leideusgeschichte von Karl Marx.
Seit dem Erscheinen der gründlichen und lichtvollen Studien Franz Mehrings über das Leben und das Werk von Karl Marx sind uns nur noch wenige Aufschlüsse über den großen Theoretiker und den erfolgreichen Organisator der internationalen Arbeiter— klassenbewegung zuteil geworden. In diesen Studien steckt eben auch der wertvollste Teil der geistigen Lebensarbeit von Franz Mehring. Deshalb tritt der Kenner der Marx-Publikationen Meh⸗ kings nicht mehr mit großen Erwartungen an die neuerscheinenden Schriften über Karl Marx heran. Und doch müssen wir gestehen, daß uns mancher Zug in der komplizierten Persönlichkeit des revo⸗ lutionären Denkers klar wurde, als wir den erbitterten Existenz⸗ kampf und die heroische Selbstbehauptung von Karl Marx aus dem biogvaphischen Werke John Spargos: Karl Marx, Sein Leben und Werks kennen lernten. Nicht absolut Neues trägt Spargo zur Biographie von Marx zusammen, denn viele der Einzel⸗ züge der Marxschen Persönlichkeit lernten wir schon aus früheren Publikationen kennen; aber diese Züge fügen sich bei Spargo zu einem geschlossenen Gesamtbild zusammen.
Wer das Bittere und Gallige in dem Wesen von Marx ver⸗ stehen will, der muß den entsetzlichen Kleinkrieg des großen Mannes um das tägliche Brot kennen lernen. Wir lassen deshalb hier einige Auszüge aus dem Spargoschen Werke folgen:
Frau Jenny Marx schreibt am 21. Mai 1851 an Weydemeyer:
i Lieber Herr Weydemeyer!
Mein Mann ist hier sast erdrückt worden von den klein⸗
lichsten Sorgen des Lebens, und zwar in einer so empörenden Form, seine ganze Energie, das ganze ruhige, klare, stille Selbstbewußt⸗
in seines Wesens nötig waren, um ihn in diesen täglichen, stünd⸗
n Kämpfen aufrecht zu erhalten. Sie wissen, lieber Herr Weyde⸗ meyer, welche Opfer mein Mann der Zeitung brachte, Tausende steckte er bar hinein, das Eigetnum der Zeitung übernahm er, be⸗ schwatzt durch die demokratischen Biedermänner, zu einer Zeit, wo g chon wenig Aussicht mehr zur Durchführung da war. Um die politische Ehre des Blattes. um die bürgerliche Ehre der Kölner sekannten zu retten, ließ er sich alle Lasten aufbürden, seine Maschine gab er hin, alle Einnahmen gab er hin, ja beim Fortgehen borgte
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Karl Marx. Sein Leben und Werk. Von John Spargo. ielen Porträts aus der Geschichte des frühen Sozialismus ert 9 Mark. Leipzig. 1912. Felix Meiner.
er dreihundert Taler, um die Miete für das neugemietete Lokal, um die rückständigen Honorare für Redakteure usw. zu zahlen— und er war gewaltsam vertrieben. Sie wissen, daß wir von allem nichts für uns übrig behalten haben; ich kam nach Frankfurt, um mein Silberzeug zu versetzen, das letzte, was wir hatten; in Kölr ließ ich meine Möbel verkaufen. Mein Mann ging, als die ungkück sche Konterrevolution anbrach, nach Paris, ich folgte ihm mit meinen drei Kindern. Kaum in Paris eingewohnt, wieder vertrieben, mir selbst und meinen Kindern wird der längere Aufenthalt versagt. Ich folgte ihm wieder übers Meer. Nach einem Monat wird unser viertes Kind geboren. Sie müßten London und die hiesigen Ver⸗ hältnisse kennen, um zu wissen, was es heißt: drei Kinder und die Geburt eines vierten. Miete allein mußten wir monatlich 42 Taltr bezahlen. Alles dieses waren wir imstande, aus eigenem auf⸗ genommenen Vermögen zu bestreiten. Aber unsere kleinen Ressourcen erschöpften sich, als die Revue erschien. Trotz Uebereinkunft trafen die Gelder nicht ein und dann in einzelnen kleinen Summen, so daß wir in die schrecklichsten Lagen gerieten.
Ich werde Ihnen nur einen Tag aus diesem Leben schildern, so wie er war, und Sie werden sehen, daß vielleicht wenige Flüchk⸗ linge ähnliches durchgemacht haben. Da die Ammen hier uner⸗ schwinglich find, so entschloß ich mich, trotz beständiger schvecklicher Schmerzen in der Brust und im Rücken, mein Kind selbst zu er⸗ nähren. Der arme kleine Engel trank mir aber so viel Sorgen und stillen Kummer ab, daß er beständig kränkelte, Tag und Nacht in heftigen Schmerzen lag. Seit er auf der Welt ist, hat er noch keine Nacht geschlafen, höchstens zwei bis drei Stunden. In der letzten Zeit kamen nun noch heftige Krämpfe hinzu, so daß das Kind beständig zwischen Tod und elendem Leben schwankte. In diesen Schmerzen sog er so stark, daß meine Brust wund ward und aufbrach; oft strömte das Blut in sein kleines bebendes Mündchen. So saß ich eines Tages da, als plötzlich unsere Hauswirtin erschien, der wir im Laufe des Winters über 250 Taler gezahlt hatten, und mit der wir kontraktlich übereingekommen waren, das spätere Geld nicht ihr, sondern ihrem Landlord auszuzahlen, der sie früher hatte pfänden lassen. Sie leugnete nun den Kontrakt und forderte fünf Pfund, die wir ihr noch schuldeten, und als wir sie nicht gleich hatten, traten zwei Pfänder ins Haus, belegten alle meine kleine Habe mit Beschlag, Betten, Wäsche, Kleider, alles, selbst die Wiege meines armen Kindes und die besseren Spielsachen der Mädchen, die in heißen Tränen dastanden. In zwei Stunden drohten sie alles zu tehmen— ich lag dann auf der flachen Erde mit meinen frierenden Kindern, mit meiner wehen Brust. Schramm, unser Freund, eilt in die Stadt, um Hilfe zu schaffen. Er steigt in ein Kabriolett, die Pferde gehen durch, er springt aus dem Wagen und wird uns blutend ins Haus gebracht, wo ich mit meinen armen zitternden Kindern jammerte.
Den Tag darauf mußten wir aus dem Hause, es war kalt und regnerisch und trüb, mein Mann sucht uns eine Wohnung, niemand will uns nehmen, wenn er von vier Kindern spricht. Endlich hilft uns ein Freund, wir bezahlen und ich verkaufe rasch alle meine Betten, um die vom Skandal der Pfändung ängstlich gemachten Apotheker, Bäcker, Fleischer, Milchmann zu bezahlen, die plötzlich mit ihren Rechnungen auf mich losgestürmt kommen. Die ver⸗ kauften Betten werden vor die Tür gebracht, auf eine Karre ge⸗ laden— was geschieht? Es war spät nach Sonnenuntergang ge⸗ worden, das englische Gesetz verbietet das, der Wirt drängt mit Konstablern vor, behauptet, es könnten von seinen Sachen dabei sein, wir wollten durchgehen in fremdes Land. In weniger als fünf Minuten stehen mehr als zwei⸗ bis dreihundert Leute vor unserer Türe, der ganze Mob von Chelsea. Die Betten kommen zu⸗ rück, erst am anderen Morgen nach Sonnenaufgang dürfen sie dem Käufer übergeben werden. Als wir nun so durch den Verkauf un⸗ serer sämtlichen Habseligkeiten in den Stand gesetzt waren, jeden Heller zu zahlen, zog ich mit meinen kleinen Lieblingen in unsere jetzigen zwei kleinen Stübchen im deutschen Hotel, 1 Leicester Street, Leicester Square, wo wir für 5½ Pfund die Woche menschliche Auf⸗ nahme fanden.“
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Ueber die Londoner Leidenszeit von Marx schreibt Spargo:
Mit fünf Dollars in der Woche war es kaum möglich, sich vor dem Verhungern zu schützen und vollends gar nicht 3 gegen die harte, drückende Armut anzukämpfen. Marx dachte oft daran, sich als einzige Rettung eine Stelle in einem Geschäft zu suchen, doch seine treu ergebene Frau hielt ihn immer wieder zurück, da sie die Sache ebenso liebte wie er selbst. So kam es, daß bie außerordentliche Ausgabe infolge der Krankheit eines ihrer Kinder den Haushalt in undenkbar große Not brachte. Ebenso war es, als Anfang 1852 das vierte Kind, Heinrich, starb. Zum erstenmal hatte der Tod das dürftige Heim aufgesucht, ein Schlag, der auf die Eltern um so schwerer fiel, weil sie sehen mußten, wie das Kleine, das aus der erschöpften Brust der Mutter das Blut herausgesogen hatte, buchstäblich der Armut zum Opfer gefallen war
Bald darauf, als noch der Schatten dieses großen Kunune auf ihnen ruhte, wurden ihre Herzen von einem neuen Schlage ge⸗ troffen. Kurz nach dem Tode des vierten Kindes verloren sie auch
noch das fünfte Kind, die kleine Franziska. Wo war das in seiner Jugend so sprichwörtliche„Marx⸗Glück“ geblieben? Das Tagebuch der Mutter enthält eine Schilderung des Leidens und Unglücks der Familie in jenen Tagen, die in ihrer grimmen Beredsamkeit ge⸗ radezu entsetzlich ist:


