Wissenistsnacht
a Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volkszeitung
Nummer 46
Dienstag, den 18. februar 1913
1. Jahrgang
Wer ist Sozialdemokrat?
Es gibt noch immer Menschen, die glauben, daß Sozial demokrat sein dasselbe bedeute wie unzufrieden sein. Als die Junker einmal Krach mit dem Reichskanzler hatten, riesen sie: Wir wollen unter die Sozialdemokraten gehen; womit sie freilich nichts Schlimmeres meinten, als daß sie der Regierung Opposition machen wollten. Daß die meisten unserer Gegner so unwissend sind, daß sie die Sozialdemo— kraten nur für einen Haufen Unzufriedener halten, ist selbst⸗ verständlich. Aber auch mancher Arbeiter glaubt, daß er schon Sozialdemokrat sei, wenn er unzufrieden mit seiner elenden Lage ist und sie verbessern will. Nun ist wahr: die Unzu⸗ friedenheit, die Empörung über die unerträglichen Leiden, die der Kapitalismus über die Arbeiter verhängt, der Haß gegen die Ausbeutung und die Unterdrückung, gegen die maßlose Abrackerung und die ewige Armut, sie bildet einen der wichtigsten Teile des sozialistischen Empfindens. Aber zum Sozialdemokraten gehört mehr. Daß wir mit großer Leidenschaft etwas anderes wollen, daß wir unsere ganze Kraft daran setzen und dafür Opfer zu bringen bereit sind, das bewirkt die Unzufriedenheit mit unserer schlimmen Lage. Daß wir aber so klar wissen, was w hir wollen, wie wir unserer Not abhelfen wollen, das liegt an der Einsicht, an der
besonderen sozialistischen Anschauungsweise und an der Wissenschaft, die uns erst zu wirklichen Sozialdemokraten machen. f
Auch andere erkennen an, daß wir alle Ursache zur Un— zufriedenheit haben, und daß Reformen zur Abhilfe der schlimmsten Uebelstände nötig seien. Aber, fügen sie hinzu an der Grundlage der Gesellschaft läßt sich nichts ändern; Arme und Reiche hat es immer gegeben, und immer mußten
die Armen damit zufrieden sein, daß sie im Dienste der Reichen ihren Lebensunterhalt finden konnten. Das ist
ewiges Weltgesetz; die Welt bleibt sich im Grunde immer gleich, und eure utopi ischen Träume einer sozialistischen Ge— sellschaftsordnung sind nur Luftschlösser.
Die sozialdemokratischen Arbeiter sehen jedoch die Sache anders an. Und ihre Anschauung stützt sich auf die Erfah— rung. Mit ihren eigenen Augen sehen sie, welche gewaltige Aenderung der Welt vor sich geht. Riesenstädte wachsen empor, ziehen wie Magnetberge Menschen und Dinge von weitem zu sich; das Land verödet, während in den Städten wie in Ameisenhaufen die Menschen sich drängen und hasten. In der Stadt verschwinden die alten kleinen Werkstätten und Läden und die alten Verhältnisse; die unabhängigen Mittelschichten verschwinden oder verlieren ihre Selbst⸗ ständigkeit; alles wird in den Dienst des Großkapitals ge— 8 Eisenbahnen spinnen sich wie ein Riesennetz über
das Land, wälzen in den kleinsten Dörfern die althergebrach— ten Zustände um und würfeln die Menschen der verschieden⸗ sten Länder durcheinander. Alles ist in Bewegung und Um— änderung begriffen; und inmitten dieser stürmischen Entwick⸗ lung kommt man uns da mit Redensarten, daß die Welt sich immer gleich bleibe.
Dies ist der erste Satz der Anschauungs.weise, die den Ar⸗ beiter erst zum Sozialdemokraten macht: die Welt entwickelt sich zu immer neuen Formen; nichts ist beständig. Wenn
unsere Gegner uns daher vorwerfen, wir wollten das Be— stehende stürzen und sie wollen es erhalten, so können wir mit der Frage antworten: welches Bestehende meint ihr? Die Welt von gestern? Die Welt von heute hat sie schon auf—
gehoben. Die Welt von heute? Morgen ist sie nicht mehr da. Ueber die Frage, ob wir das Bestehende zu erhalten
oder zu ändern wünschen, braucht man nicht zu streiten; wir haben da nichts zu wollen. Die Aenderung findet statt. Die einzige und wichtige Frage, die jeder sich stellen muß, der Ohren zum Hören und Augen zum Sehen hat, lautet: Wohin führt uns die Entwicklung?
Die politische Oekonomie gibt die Antwort. Marx hat diese Entwicklung in seinem Hauptwerk schon länast festge— stellt und erklärt, und unsere eigene Erfahrung bestätigt seine Ergebnisse. Der Kleinbetrieb, in dem die Menschen von einander getrennt, jeder mit seinen eigenen kleinen Arbeit mitteln arbeitete, verschwindet immer mehr. Die kleinen Produktionsmittel werden durch immer größere Maschinen ersetzt, die zu ihrer Bedienung eine größere Anzahl Arbeiter erfordern. Die Produktion findet in immer größeren Fabriken mittels immer besserer, nur durch gemeinsame Ar- beit in Bewegung zu setzenden Werkzeuge statt. Anstelle der Einzelarbeit tritt immer mehr die gemeinschaftliche, die ge— sellschaftliche Arbeit. Die Arbe it wird immer mehr
sozialistisch. Boch ist dieses nur erst ein un vollkommener, ein ver— kehrter Sozialismus. Die Arbeit ist gemeinsam, aber die
80 schafts⸗ und die Eigentumsverhältnisse, die über die Verwendung der Produkte gebieten, passen noch nicht dazu. Die Arbeiter arbeiten unter dem Kommando des Kapitals, dem das eigene Wachstum als einziges Ziel der Produktion gilt. Es beutet die Arbeiter aus und speist sie mit einem Lohn ab, der 855 zum nackten Leben ausreicht; der riesige Mehrwert fällt den Kapitalbesitzern, der Aktionären zu, die keine einzige Funktion im gesellschaftlichen Leben erfüllen. Die Ursache dieses Verhältnisses, das die Grundlage alles Elends der Arbeitertlasse bildet, liegt darin, daß noch immer die althergebrachten, aus der Zeit der Einzelarbeit stammen⸗ den Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse gelten. Diese wälzen sich nicht von selbst um, wie 4 Arbeit, sondern sie müssen von den Menschen mit bewußt Absicht gestaltet und umgestaltet werden. Bevor ihre 3 ig möglich ist, muß zuerst die Masse des Volkes sich durch das eigene Elend von der Notwendigkeit dieser Umgestaltung bewußt werden.
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Die meisten Arbeiter sind schon soweit. Sie sehen ganz gut, wie sie und ihre Kameraden in der Fabrik, in andern Fabriken, auf der Bahn, auf der Straße und auf dem Lande durch ihre gemeinsame Arbeit alle Reichtümer der Gesell⸗ schaft hervorbringen. Sie sehen ganz gut, daß nur durch die überkommenen Eigentumsverhältnisse eine Bande fauler Parasiten imstande ist, den Hauptteil der Früchte ihrer Ar⸗ beit wegzunehmen. Sie sehen ganz gut, daß ein solches Un⸗ recht nur deshalb als Recht gilt, weil diese Parasiten und ihre Freunde über die Herrschaft verfügen. Und in dieser Einsicht wurzelt das sozialdemokratische Ziel, das sie sich stecken. Es gilt zuerst die Herrschaft zu erobern, die Be⸗ herrschung des arbeitenden Volkes durch eine schmarotzende


