Ausgabe 
17.6.1913
 
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messenheiten ist ein Beweis für die Zugehörigkeit zu ver⸗ gangenen Jahrhunderten, also ein Beweis gegen die Bildung im Sinne unserer heutigen Kultur. Soziale Bildung wird sich also heutzutage dadurch kennzeichnen, daß ein jeder seinen eigenen Persönlichkeitswert und die Achtung vor dem des andern mit einer stillen Selbstverständlichkeit betätigt, gleich- gültig, ob er mit Personen verkehrt, die auf der gesellschaft⸗ lichen Stufenleiter unter oder über ihm stehen.

Die dritte und höchste Stufe der Bildung, welche man mit dem Namen der Herzensbildung bezeichnet, läßt sich ebenfalls auf das kürzeste und schärfste definieren als die per sönliche Entwicklung zu instinktiven oder unterbewußtem sozialen Handeln. Ein Mensch, dem es selbstverständlich ist, alles und jedes, was er tut, im sozialen Sinne zu richten und auszuführen, wird am meisten mit jenen Eigenschaften aus gestattet sein, deren Erwerbung als höchstes Ziel jeder per sönlichen Bildung erscheinen muß.

Nun finden wir mit jener Eigenschaft der Herzensbild ung gelegentlich auch Personen ausgestattet, deren Lebens- verhältnisse und Erfahrungen so enge gewesen sind, daß man sich verwundert fragen muß, wie jene so ungemein hoch zu bewertende und sonst mit so großen Schwierigkeiten zu er langende Eigenschaft bei ihnen so ohne vorangegangene ent sprechende Arbeit eintritt. Die Antwort wird wohl nach der selben Richtung zu suchen sein, nach welcher man die Lösung des Problems vom Genie zu suchen hat. Auch auf andern höchsten Gebieten, z. B. dem intellektuellen und organi satorischen, findet man einzelne Persönlichkeiten mit ange borener außerordentlich starker Begabung. Dies erinnert an die neuerdings von de Vries aufgedeckten freiwilligen Mu tationen im organischen Reich, wo aus der Reihe der regel- mäßig aufeinanderfolgenden Generationen plötzlich sich ein neues Geschlecht ohne jede Uebergangsabstufung heraus bildet. Die Wissenschaft ist noch zu keiner eindeutigen Be stimmung darüber gekommen, woher diese Mutationen rühren, und so wird man das hier angedeutete Problem gleichfalls einstweilen nur als Aufgabe auffassen müssen und es dem Fortschritt der Wissenschaft überlassen, die erforder liche Aufklärung des besonderen Falles mit der Aufklärun/ der allgemeinen Frage beizubringen.

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Ueber künstliche Nahrungsmittel.

bracht werden.

Von D

r. med. A. Lipsch itz. (Nachdruck verboten.)

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Nahrungsmittel von den in Wirklichkeit nicht zu Denn dienatürlichen Nahrungs⸗ mittel nehmen wir in der überwiegenden Zahl der Fälle nicht in ihrem natürlichen Zustande auf, sondern verände 3 Wir kochen und braten und würzen das Fleisch, wir kochen Milch, und die Eier, Kartoffel und Gemüse. Wir präparieren die natürlichen Nahrungsmittel zuSpeisen, in denen uns Nahrungsmittel veränder geben sind. Zum Uleberfluß beles findige Küchenchefs en mit Namen, die dem prof Naturmenschen so f für den Anfänger durch großstädtischen Restaurants it im R

natürlichen. effend.

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Alter e Fisch⸗ und konserven usw. Die sabrikmäßig den Nahrungsmitteln ist bei den eigentlich durch den Umstand, daß in den winnung des natürlichen Tieres, Melkung) und seinen Ei ein mehr oder weniger langer Zeitraum verstreichen muß, woben die Nahrungsmittel verderben könnten. Mit der Aufbewahrung der betreffenden Nahrungsmittel in Form von Ke serven wird zunächst nur bezweckt, ein Verderben der Nahrungsmittel zu ver- hindern. f 2 Indem bei der Verarbeitung der Na die Nahrungsmittel schon manche Präpa

nur dittsert zwischen der Ge Tötung des Haushalt

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hrungsmittel zu Konserven rierung erfahren, wie z. B.

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der künstlichen Nahrungsmittel auf.

naturnotwendig mittel schuld daran sind, daß diese so teuer sind: der Käufer muß mit dem Kaufpreise dem Fabrikanten die Kosten für die Reklame

gewöhnlich alle Fischkonserven, viele Fleischkonserven, Obstkonserven und in letzter Zeit die alle Beachtung verdienenden Gemülse⸗ konserven, ist ein wichtiger Schritt getan in der Richtung zum eigent⸗ lichen künstlichen Nahrungsmittel. Diese Konserven sind soweit präpariert, daß sie direkt auf den Tisch gebracht werden können oder nur aufgewärmt zu werden brauchen(Gemüsekonserven), um eine fertige Speise zu sein.

Denken wir uns weitere Schritte, die die Nahrunsmittel bel fabrikmäßiger Behandlung erfahren können, z. B. die Entfernung mancher Bestandteile aus dem natürlichen Nahrungsmittel oder eine solche Behandlung des natürlichen Nahrungsmittels, die das letztere im Sinne derjenigen Umwandlungen verändert, welchen die Speisen normalerweise im Verdauungskanal unterliegen, so ist uns der Blick auf das unübersehbare Gebiet der sabrikmäßig her⸗ stellbaren künstlichen Nahrungsmittel eröffnet. Wir müssen uns da einige konkrete Beispiele vorhalten, um uns den Sachverhalt geläufiger zu machen. Die Kakaomasse, die man aus dem Zer⸗ mahlen der Kakaobohnen, der Kerne der Kakaofrucht, gewinnt, wird bei der Verarbeitung zu Kakao entsettet: die fabrikmäßige Behand⸗ lung der Kakaobohnen resp. Kalaomasse hat das natürliche Nahrungs- oder Genußmittel, die Kakaobohne, zu einem künstlichen (Kakao und weiterhin Schokolade, die aus Kakao mit allerlei Zu⸗ taten besteht) Nahrungsmittel gemacht. Hier haben wir ein ganz typisches Beispiel für eine erste Kategorie künstlicher Nahrungs⸗ mittel, deren charakteristisches Merkmal in dem Fehlen bestimmler Bestandteile des natürlichen Nahrungsmittels gegeben ist, oder aber auch in dem Hinzufügen anderer, willkürlich gewählter Stoffe zu dem natürlichen Nahrungsmittel. Eine zweite Gruppe künstlicher Nahrungsmittel haben wir in ihrer Natur auch schon angedeutet: ihr charakteristisches Merkmal ist, daß in ihnen die Arbeit der Ver⸗ dauung schon bis zu einem gewissen Grade vorgenommen ist. Hier⸗ her gehören zahlreiche Fleischpräparate, die aus Fleisch bestehen, das einer partiellenkünstlichen Verdauung(d. h. der Verdauung mit Hilse natürlicher Verdauungssäfte, aber außerhalb des Körpers, in Gefäßen, in denen das Rohmaterial mit Verdauungssaft gemischt wird) unterworsen worden ist. Oder Fleischpräparate, die in Pulverform in den Handel kommen, so daß mit ihnen das Kauen der Nahrung im Munde und das Zerreiben der Nahrung durch die Reib⸗ bewegungen des Magens schon durch die Behandlung des Rohstofses in der Fabrik erledigt ist.

An diese beiden grundlegenden Merkmale künstlicher Nahrungs⸗ mittel knüpfen sämtliche Abarten künstlicher Nahrungsmittel an, in vieltausendfältigen Modifikationen von ärztlicher und chemischer Seite angeregt und von den Fabriken in den Handel ge⸗ Durchdenkt man diese beiden Merkmale künstlicher in allen ihren Konsequenzen, so wird klar, daß mit gegeben ist für die unendliche Schar der

die

Nahrungsmittel ihnen die Grundlage

Eiweißpräparate undKindermehle, die wohl allein schon das

Gros der künstlichen Nahrungsmittel ausmachen und die in ihrer

Anwendung gewöhnlich an den Rat des Arztes geknüpft sind. Indem wir als das eine Merlmal des künstlichen Nahrungs⸗

mittels das Fehlen enies oder mehrerer von den Bestandteilen des

das natürlichen Nahrungsmittels oder die Zutat willkürlich gewählter

Stoffe zu dem letzteren erkannt haben, ist uns auch ein Verständnis

dafür eröffnet, wie die wissenschaftliche Forschung in die Industrie künstlichen Nahrungsmittel eingreift. Nehmen wir hier als

ugling zu schaffen, das Ersatz für die Muttermilch bieten soll. Der erste Schritt wird hier sein, daß die Wissenschaft die Bestand⸗ teile der Muttermilch bis in alle Einzelheiten erforscht. Der zweite Schritt ist daun die künstliche Modelung irgend eines anderen

chst möglichst nahe verwandten natürlichen Nahrungsmittels r Richtung zur Muttermilch. Dieser zweite Schritt ist prinzipiell jenau derselben Weise gegeben im einsachen Verdünnen der Kuh⸗ milch mit Wasser, wie wir es in gewohnter Art bei der Auf⸗ päppelung des Säuglings tun, und in den sein angedachten Be⸗ strebungen na h der letzten Jahre, eine wirklich einwands⸗ freie und allen Eigenschaf der Muttermilch gerecht werdende künstliche Milch, wie man sagen kann, zu schaffen.

Aber unser erstes Merkmal deckt uns zugleich auch die Mängel Denn der wissenschaftlichen Forschung ist es ja noch nicht gelungen, die einzelnen Nahrungs- mittel so allseitig zu erkennen, daß wir schon jetzt einen vollwertigen künstlichen Ersatz für sie schassen löunten. Da aber die Fabriken, die künstliche Nahrungsmittel auf den Markt bringen, selbstver⸗ ständlich bestrebt sein müssen, die vielsachen Mängel, die einem jeden künstlichen Nahrungsmittel bis zu einem gewissen Grade heute an⸗ haften müssen, in ihrer Reklame zu verdecken, so liegt es in der Natur der Sache, daß die Aufklärung des großen Lafenpublikums über den Wert der künstlichen Nahrungsmittel ungenügend seln muß. Ja, man kann getrost das Paradoxon aussprechen, daß die vorhandenen Mängel der künstlichen Nahrungs⸗

In

zurüfckerstatten, die von dem Fabrikanten zum Fang des Käufers aufgewendet worden waren.

Ich will mit dieser Feststellung natürlich in keinem Falle den Stab über alle künstlichen Nahrungsmittel brechen! Denn dle künstlichen Nahrungsmitteln sind nötig und spielen eine große Rolle in der Ernährung des Kranken und namentlich des künstlich ernährten Säuglings. Es muß aber darauf hingewiesen daß die großen Schwierigkeiten. die bei der Herstellung wirklich