Ausgabe 
17.6.1913
 
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öchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

Nummer 11

Dienstag, den 17. Zuni 1915

2. Jahrgang

Bildung. Von Wilhelm Ostwald. 1

Aus dieser Betrachtung erkennen wir, daß Bildung an und für sich noch nicht einen Höchstwert oder ethischen Wert darstellt. Es gibt große Bildungsgebiete, welche ethisch ziem lich indifferent sind, da sie für den sozialen Wert des Be⸗ treffenden nicht ausschlaggebend sind. Hierher gehört vor allen Dingen die Fachbildung, welche zwar insofern sozialen Wert hat, als sie dem Betreffenden ermöglicht, seine Stel lung in dem System der gegenwärtigen wirtschaftlichen Ge⸗ sellschaft einzunehmen. Da wir aber die wirtschaftlichen Ver⸗ hältnisse als zwar unbedingt notwendige und grundlegende, im übrigen aber doch als die elementarsten und daher nied rigsten Voraussetzungen für die kulturelle Betätigung der Menschen zu betrachten gewohnt sind, so wird auch Bildung auf diesem Gebiete von uns als eine zwar wichtige und bei jedem Kulturgenossen vorauszusetzende, im übrigen aber in der Wertstufenleiter nicht zu allerhöchst stehende Eigenschaft sein. Wir sehen dann durch Fortführung dieser Betrachtung ohne Schwierigkeit, daß wir ein Bildungsgebiet um so höher schätzen werden, je höher sein Gegenstand in sozialer oder ethischer Beziehung steht, je mehr die dem Gebildeten ge läufigen Fertigkeiten dazu dienen, das Gesamtleben der Kulturmenschheit zu fördern. Dazu pflegen wir mit sicherem Instinkt das Prädikat Bildung 3. B. einem Gelehrten zu ver⸗ sagen, wenn er zwar eine große Summe von Kenntnissen besitzt, wenn ihm aber die Fähigkeit abgeht, diese Kenntnisse in irgendeinem Sinne zu sozial wertvollem Handeln zu ver⸗ werten. Dieses Handeln braucht sogar nicht notwendig von dem Betreffenden selbst betrieben zu werden. Wir können uns beispielsweise einen Lehrer denken, bei dem sozial⸗ ethisches Handeln vermöge seiner engen äußeren Verhältnisse sich auf einem entsprechend engen Kreis, den seiner Familie, seiner Dorfgenossen und insbesondere seiner Schulkinder be⸗ schränkt, und dem wir doch ein sehr hohes Maß von Bildung zuzuerkennen bereit sind, wenn er sein Wissen ausgiebig zur sozialen, zur kulturellen Hebung dieses seines Kreises zu ver⸗ werten versteht.

So kommen wir von selbst auf eine Stufenleiter der Bildungswerte, die mit der Stufenleiter der Werte selbst

übereinstimmt, und welche uns die Richtlinien für die Be⸗

tätigung unserer Selbsterziehung und Selbststeigerung gibt. Die gemeinsame Entwicklung des Wissens und Könnens zu immer höheren und allgemeineren sozialen Leistungen ist diejenige Linie, die wir verfolgen müssen, um auf der Bil⸗ dungsleiter immer höher und höher zu steigen. Die meisten von uns werden das Glück genossen haben, mit einzelnen älteren Personen, die instinktiv oder bewußt einen derartigen Selbstbildungsgang erfolgreich verfolgt haben, bekann ge⸗ worden zu sein, und ihnen wird der Eindruck harmonischer Ruhe und schöner Klarheit unvergeßlich bleiben, der von solchen Personen ausgeht, wo sie wirksam sind und ihren Ein⸗ fluß üben, scheint Zank und Streit, scheinen kleinliche, egoistische Betätigungen und gegenseitige Unterdrückungen unmöglich zu sein, so stark wirkt die in ihnen ausgeprägte ethisch⸗soziale Bildung vorbildlich auf ihre Umgebung. Solche Personen stellen demgemäß außerordentlich hohe Kulturwerte dar, und von ihnen mag das sonst so mißverständliche Wort Schillers gelten: Gemeine Naturen 253

Zahlen mit dem, was sie tun, edle mit dem, was sie sind.

Wie fast immer bei Schiller, ist auch hier ein an sich richtiger Gedanke durch die übertriebene Ausdrucksweise schief gedrückt worden. Man wird diejenigen Naturen, die mit dem zahlen, was sie tun, nicht gemeine nennen dürfen. Es sind alleredelste und wertvollste Perlen der Menschheit unter ihnen. Aber es gibt, wie wiederholt werden mag, solche ab⸗ geklärte und im höchsten Sinne gebildete Persönlichkeiten, welche bestimmte Taten nicht mehr zu verrichten brauchen, sondern welche dadurch, daß sie einen dauernden und unver- fälschbaren Maßstab für die ethische Beurteilung jeder ein⸗ zelnen Handlung durch ihr Denken und ihre Art der Lebens- führung abgeben, unwillkürlich und ohne weitere Anstreng⸗ ung ihre ganze Umgebung auf einen höheren sozialen, also, in unserm Sinne gebildeteren Standpunkt zu heben ver⸗ mögen.

Hieraus ergibt sich denn auch für den einzelnen eine Antwort auf die Frage, wie er sich am besten und sichersten Bildung in solchem hohen Sinne aneignen kann. Er wird seine Lebensverhältnisse überschauen und sich darüber Klar⸗ heit verschaffen, in welchem Umfange und nach welcher Rich- tung er am wertvollsten, d. h. am sozialsten tätig sein kann. Dann wird er sich die drei Stufen der Bildung vergegen⸗ wärtigen, welche oben erörtert worden sind, und sich zunächst durch die gleichzeitige Entwicklung seines Wissens und Kön⸗ nens die Fachbildung zulegen, deren er für die erfolgreiche Ausbildung seines Berufes bedarf. Diesen Beruf seinerseits wird er von vornherein(und wenn es nicht gar zu spät ist, auch eventuell später) daraufhin anzusehen haben, ob das soziale Ergebnis seiner Tätigkeit hoch genug steht, um die Aufwendung eines Menschenlebens nach dieser Richtung zu rechtfertigen. Hat er sich derart für einen seiner Person, seinen Fähigkeiten und Mitteln angemessenen Beruf zu bilden erfolgreich begonnen, dann darf er sich nach den höheren Stufen der Bildung umsehen und diejenige Fähig⸗ keit zu erwerben sich bemühen, die ihm eine erfreuliche und seinen Leistungen entsprechende gesellschaftliche Beziehung sichern. In unserer Zeit, wo als Ueberrest aus dem Mittel- alter von neuem die geistige Krankheit der Standesscheid⸗ ungen und sozialen Schichtenbildung über Deutschland her⸗ eingebrochen ist, erscheint es besonders wichtig, sich von diesen Atavismen freizumachen und durch sein persönliches Verhal- ten gegen diesen Irrweg zu protestieren. Man kann nament⸗ lich die gesellschaftlichhöher Stehenden ohne jede Schwie⸗ rigkeit auf das Maß tatsächlicher Bildung, welches sie besitzen, danach beurteilen, wie sie sich zu sogenannten Untergebenen, namentlich Dienern, Kellnern und ähnlichen Personen ver⸗ halten. Jede Barschheit oder gar Grobheit, jedes miß⸗ achtende oder abweisende Verhalten solchen Personen gegen⸗ über ist ein untrüglicher Beweis dafür, daß der Betreffende, wie hoch auch seine äußerliche Stellung sein mag, tatsächlich in hohem Maße gesellschaftlich ungebildet ist. In alter Zeit, wo die soziale Organisation wesentlich auf dem Aufrecht⸗ erhalten der sozialen Schichten begründet war, war ein der⸗ artiges Betragen, das die sozialen Differenzen betonte, wohl auch das Angemessene. In unserer Zeit sind durch die Enz wicklung des Individualismus jene sozialen Grenzen aufge⸗ hoben. Nur persönliche und wirtschaftliche Interessen sind es heute, die ihre Aufrechterhaltung auch dort durchzusetzen suchen, wo sie tatsächlich keinen inneren Grund mehr haben, und ein praktisches Festhalten iener überwundenen Ange⸗

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