das
achteten Peaßnaymen gegen das Slmulantentum zu treffen. Eine Einmischung des Staates in die Verwaltungsangelegen⸗ heiten der Gewerkschaften sei zu verwerfen. Wenn man aber nach der moralischen Berechtigung der Verwendung öffent— licher Gelder für solche gewerkschaftlichen Zwecke frage, so sei zu antworten, daß der alljährlich gezahlte staatliche Zuschuß als Gegenleistung für einen von der Gewerkschaft der Gesell— schaft erwiesenen Dienst zu gelten habe. Sei es doch dem gewerkschaftlichen Unterstützungswesen zu danken, daß die Armenverwaltung nicht habe einzugreifen brauchen, und daß der Organisierte Erziehung zur Sparsamkeit, Selbstver⸗ waltung und Selbstbeherrschung genossen habe.
Jedoch die Unorganisierten? Gegen diese kann, wie die Verfasser ausführen, nur der Zwang helfen. Von ihnen habe der Staat eine besondere Steuer in bestimmter Höhe zu er⸗ heben, ohne daß er verpflichtet sei, den Ertrag der Steuer auch wieder gleichmäßig zu verteilen.„Wer durch freiwillige Versicherung(in der Gewerkschaft) über und neben der Staatssteuer seinen Befähigungsnachweis zur Sparsamkeit und Selbstverwaltung erbringt, dem kann man mit aller Ruhe und Gerechtigkeit nicht nur eine höhere Summe aus der gemeinsamen Kasse bewilligen, sondern auch das Vorrecht, seinen Anteil durch die eigne Hilfskasse oder den Gewerk⸗ verein als frei verfügbares Geldeinkommen zu beziehen. Dagegen müssen alle nicht freiwillig Versicherten während der Dauer der Krankheit oder Arbeitslosigkeit sich im öffent— lichen Interesse der für sie vorzusehenden Fürsorge fügen. Gilt es doch, die außerhalb des erzieherischen Einflusses der Organisationen verbliebenen Arbeiter in staatliche Kur zu nehmen.“
Wem fällt hier nicht der immense Unterschied des Ver— trauens auf, mit dem in England und in Deutschland Ar— beiterführer oder radikale Sozialpolitiker dem Staat be⸗ gegnen? In Deutschland kommt aus nur zu berech— tigten Ursachen bei den Gewerkschaften das stärkste Miß— trauen gegen den Staat zum Ausdruck. Dieser Staat hat die Arbeiterorganisationen seit Menschengedenken gehetzt und verfolgt sie bis auf den heutigen Tag. Er hält ihre Mit⸗ glieder aus öffentlichen Betrieben fern, und gemäß der Be— urteilung in der Zuchthausvorlage des Jahres 1899 ist ihm heute noch der Streikbrecher das Ideal des Arbeiters, ir den Staat besonders nützliche Element“, während der Ausständige, insbesondere wenn er Streikposten steht, vom Schutzmann zu drangsalieren ist.
In England hingegen ist der Unorganisierte in der Augen der Arbeiterführer der moralisch Minderwertige, den der Staat zur Gesittung zu erheben hat, damit er würdig würde, an den Unterstützungseinrichtungen freigewerkschaft— licher Organisationen schließlich teilzunehmen.
Es erübrigt sich, auf die Frage einzugehen, ob im klassischen Lande der kapitalistischen Entwicklung und des Gewerkschaftswesens der Staat tatsächlich in absehbarer Zeit die ihm zugedachte Aufgabe übernehmen wird. Es kommt hier nur darauf an, daß gezeigt werde, wie in einem politisch vorgeschrittenen Lande die Begriffe von Staatssozialismus, vom erziehlichen Wirken der Staatsgewalt ganz andre sind als im polizistischen Preußen⸗Deutschland.
Der Völkerkrieg der Fürsten. Die Kriege 1813/15. Von Kurt Eisner. Drittes Kapitel: Jacobinerspiel und Opfer⸗ 5 legende.
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Im Jahre 1815 sagte Friedrich Paris zur Gräfin Saint⸗Aulaire:„Et pour comble de malheur, j ai encore dũ faire le Jacobin.“(Und zu allem Unglück habe ich noch den Jacobiner spielen müssen.)
5 Das war das zynische Geständnis, daß er 1 8 revolutionäre Verheißungen seine Untertanen verlockt habe, sich für die Befestigung seines erschütterten Throns zu opfern; mit anderen Worten: daß die Völker, die in die Freiheitskriege gingen, die Opfer eines be⸗ wußten Fürstenbetrugs geworden find.
So empfanden und deuteten ihr Schicksal die enttäuschten und
gdehetzten Freiheitskämpfer nach 1815.
Wilhelm III. von Preußen in
Und dies war bisher die Zar und Freiheit! Deutsche Einbeit von
bürgerlsch⸗radirale Entlarvung der dynastischen Legende von 1813. Indessen, ein tiefer schürfendes Studium jener Zeit muß die An⸗ klage des Betruges und des Verrats zu erheblichem Teile ein⸗ schränken. Die Volkstragödie der Freiheitskriege war viel furcht⸗ barer, als sie gewesen wäre, wenn nur die Täuschung durch ver⸗ brecherische Fürsten die Deutschen um den Ertrag ihrer blutigen Opfer betrogen hätte. Aber, wie schon in diesen Betrachtungen an⸗ gedeutet wurde, die Sache steht unendlich schlimmer. Die Fürsten und ihre feudalen Spießgesellen haben sich garnicht sonderlich Mühe gegeben, ihre wirklichen Pläne zu verbergen. Friedrich Wilhelm III. hat übertrieben, als er über sein Jacobinerspiel witzelte. Er hatte nicht einmal den Girondisten gemimt, sein ganzes„revolutionäres“ Getue bestand darin, daß er in den papiernen Kundgebungen des März einige Mal erkannt hatte, daß es so etwas wie ein Volk gäbe, das ein Recht hätte, sich zu betätigen, dem die Freiheit zustehe, frei⸗ willig seinen König zu retten.
Das war die Bedeutung der Märzerlasse, deren Worte weit über ihren Buchstaben und noch weiter über ihre Absicht hinauswirkten, die so mächtig halfen, all den in dumpfer Enge ge⸗ fesselten fromm heldenmütigen Idealismus einer emporringenden Jugend ewig anbetungswürdig zu entfesseln und zu befördern.
Es waren im Grunde nur ein paar Sätze, die jacobinisch klangen und klingen sollten. So im Breslauer Aufruf vom 17, März („An mein Volk“), wenn die Brandenburger, Preußen, Schlesier, Pommern, Litauer angeredet wurden:„Bleibet eingedenk der Güter, die unter ihnen unsere Vorfahren blutig erkämpften: Gewissens⸗ freiheit, Ehre, Unabhängigkeit, Handel, Kunstfleiß und Wissen⸗ schaft.“ Das war in der Tat eine unerhörte Sprache in dem Bereich des preußischen Landrechts, das dem Untertanen überhaupt kein Recht zugestand, sich um öffentliche Angelegenheiten zu kümmern, das auch die— von Söldnern und militärischen Leibeigenen ge⸗ leisteten— Kriegsdienste den Bürgern verwehrte. Darum konnte ein Theodor Körner schwärmend ausrufen:„In einer solchen Sprache hat noch kein König, kein Fürst zu seinem Volke geredet, so lange Deutsch gesprochen wird... König und Volk, Staat und Vaterland sind hier in innigster Gemeinschaft verbunden.“
Heller noch war der volksmäßige Ton in dem preußischen Auf⸗ ruf„An mein Kriegsheer“:„Vielfach habt ihr das Verlangen ge⸗ äußert, die Freiheit und Selbständigkeit des Vaterlandes zu er⸗ kämpfen. Der Augenblick dazu ist gekommen! Es ist kein Glied des Volkes, von dem es nicht gefühlt würde. Freiwillig eilen von allen Seiten Jünglinge und Männer zu den Waffen... Des ein⸗ zelnen Ehrgeiz— er sei der Höchste oder der Geringste im Heer— verschwinden in dem Ganzen. Wer für das Vaterland fühlt, denkt nicht an sich... Gewisser Lohn wird treffen den, der sich auszeichnet; tiefe Schande und strenge Strafe dem, der seine Pflicht vergißt!“ Befonders der Satz von dem gewissen Lohn wurde weithin und überdeutlich gehört; es erweckt eigene Gefühle, in jugendlichen Patriotenbriefen der Zeit neben den Beteuerungen todesmutigen Freiheitssinns auch sehr nüchterne Hinweise der zu⸗ meist wirtschaftlich bedrängten Jünglinge zu lesen, daß ihnen nach dem Siege eine behagliche Staatsanstellung gesichert sei.
Am revolutionärsten aber scheint jener von dem Generalissimus Kutusoff unterzeichnete Aufruf an die Deutschen Kalisch, 25. März). Da wurde vom Zaren und dem preußischen König„den Fürsten und Völkern Deutschlands die Rückkehr der Freiheit und Unabhängigkeit“ angekündigt. Man ließ sich berauschen vom Worte„Freiheit“ und überhörte das zum Ver⸗ dacht mahnende„Rückkehr“. Unveräußerliche Stammgüter der Völker— Wiedergeburt eines ehrwürdigen Reiches— Ehre und Freiheit, so schäumte es in diesem Erzeugnis, einem verstümmelten Entwurf des Freiherrn vom Stein:
„Möge jeder Deutsche, der des Namens noch würdig sein will, rasch und kräftig sich anschließen; möge jeder, er sei Fürst, er sei Edler, oder er stehe in den Reihen der Männer des Volkes, den Befreiungsplänen Rußlands und Preußens beitreten mit Herz und Sinn, mit Gut und Blut, mit Leib und Leben!..
„Der Rheinbund, diese trügerische Fessel, mit welcher der Allentzweiende das erst zertrümmerte Deutschland selbst mit
Namens neu umschlang, kann als Wirkung Werkzeug fremden Einflusses länger
ben Ihre Majestäten, einem
beklommener Brust zurück⸗
begegnen, wenn sie
icht anders als in
russischen
en, in welchem Se. edergeborenen Es kann
dentschen in Einheit gehaltener
desto verjüngter, 1 0 s Völkern erscheinen
wird Deutschland wieder können.“
Wer nur den Hall der flatternden Worte hörte, der konnte in der Tat wähnen, daß da ein einiges freies Deutschland verheißen werden sollte. Aber mußte man nicht stutzen vor dem Widersinn: Rußlands


