Ausgabe 
15.7.1913
 
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MNobellen, Naschsnen, Plänen, ble hler gezeigt werden, in letzter Linse irgend etwas mit dem Baufach in seinem weitesten Umfange zu tun. Infolge der bedeutend weiteren Ausdehnung des Begriffes desBauens auch natürlich noch mehr, als so viele der seiner Zeit auf der Dresdener Hygiene⸗Ausstellung vorgeführten Objekte etwas mitHygiene zu schaffen hatten. Der Baumeister hat eben weit ältere Ahnen beim Menschengeschlechte als der Hygieniker. Eben wegen dieser viel umsassenderen Begrisse des Bauens und Wohnens ist darum auch auf der Leipziger Ausstellung neben den hier natürlich auch in reichster Fülle vorhandenen rein fachtechnischen Kusstellungs⸗Gegenständen eine so große Masse von Dingen zu schen, die jeden Gebildeten, Mann wie Frau interessieren müssen, das auch schon bei einer nur oberflächlichen Besichtigung jenes oben erwähnte etwaige Bedenken gegen eine zu großeFachlichkeit dieser Ausstellung sich als durchaus unhaltbar und hinfällig erweisen muß. Man kann getrost sagen, daß die Leipziger Ausstellung sich in bezug auf das rein menschliche Interesse, das man ihr entgegenbringen muß, durchaus mit ihrer Dresdener Vorgängerin messen kann, ja jene hinsichtlich der Geschlossenheit ihrer Gesamtidee noch übertrifft. Von diesem Reinmenschlichen der Ausstellung soll im Folgenden zu Nutz und Frommen von etwaigen späteren Besuchern die Rede seln.

Die weite, weite Welt und die graue Vorzeit tritt uns, abge⸗ sehen von Nachbildungen von Newyorker Wolkenkratzern, englischen Städten und ähnlichem, besonders in der vom Leipziger Museum für Völkerkunde veranstalteten Sonderausstellung anschaulich vor Augen. Hier sehen wir die Höhlenwohnungen unserer Urahnen, die sie noch gegen den Höhlenbär und den Höhlenlöwen zu verteidigen hatten, die Pfahldörser, die Siedlungen der Stein-, Bronce- und Eisenzeit, wie die Wohnstätten unserer jüngeren Vorfahren, das sächsische und fränkische Haus und anderes. Wir sehen in das leichte Holzhaus des Japaners mit seinen Schiebewänden, Papiersenstern und seinem kärglichen Hausgerät, wir sehen die hohen Lehmburgen der Be⸗ wohner Zentralafrikas, die Fellhütten der Patagonier, die Baum⸗ siedelungen Neu-Guineas, die Jurten der nomadisierenden Mongo⸗ len. Von der engeren europäischen Heimat ist besonders unser Bundesstaat Oesterreich reich mit Bildern und plastischen Modellen aus den schönen Alpenländern vertreten. Vesonders jetzt vor der nahen Ferienzeit, die den österreichischen Alpenländern so viele Be⸗ sucher zuführt, werden diese Gegenstände interessieren. Modelle von Bergbahnen führen uns auf berühmte Aussichtspunkte, kühne Eisen⸗ bahnbrücken Über tosende Gießbäche, ein Modell der aussichtsreichen Mendelstraße geleitet aus dem im Sonnenglanze brütenden Etschtale auf den luftigen Mendelpaß in 1362 Meter Höhe, eine Nachbildung der Stilfser Jochstraße von Trofoi bis zur Dreisprachenspitze in un⸗ gezählten Kehren, an den Gletschern des Ortlergebietes vorüber, sogar bis 2754 Meter hinauf.

Aus der schönen, weiten Welt in die schöne Heimat zurck. Der Verein Sächsischer Heimatschutz gibt in seinem eigenen Pavillon im Bild, in Modellen und im Original die schönsten und denkwürdigsten Stätten und Naturdenkmale des Sachsenlandes, Sachsens Vögel- und Blumenwelt, seine Mineralien, die schlichten bunten Spielsachen der erzgebirgischen Industrie, dle einfachen, gesunden Erzeugnisse einheimischer Töpferindustrie und dergleichen. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß auch Oester⸗ reich eine Art Naturdenkmal geschickt hat, einen Granitwürfel von 7 Kubikmeter Inhalt und einem Gewicht vonnur 370 Zentner.

(Jortsetzung solgt.)

7 5. Das Problem der Armut. Deutscher und englischer Staatssozialismus. Das englische Ehepaar Webb ist der deutschen Arbeiter-

schaft nicht unbekannt, seine Arbeiten über die

engste deutsche

seitdem britischen Arbeiterorganisationen in den neunziger Jahren von Eduard Bernstein u. a. in unsre Sprache übersetzt worden sind. Das jüngst erschieneneDas Problem der Armut' mutet den deutschen Sozialpolitiker insoweit zum

Buch:

» Sidney und Beatrice Webb:Das Problem der Armut.

Autorisierte Uebertragung von Helene Simon. Diederichs in Jena 1012.

Teil frem

Verlegt bei Eugen

dartig an, als in ihm der Individualcharakter des nit merkwürdiger Breite behandelt wird; eine Eigen⸗ nlichkeit, die als Rückwirkung der von Regierungsmännern geübten Vorurteilslosigkeit zu betrachten sein mag. Aber gerade indem die Verfasser den moralischen Sumpf schildern, in den die untersten Schichten des englischen Volkes herab- gesunken sind, vergessen sie nie die gesellschaftlichen Zusam⸗ menhänge, durch die die sittlichen Verwüstungen veranlaßt oder doch gefördert worden sind.

Wer die Gestalten, Geräusche und Gerüche der Armen⸗ viertel kennt, so heißt es im ersten Kapitel des Buches,oder wer gar mit den Leidensgeschichten von Familien unterhalb der Armutsgrenze vertraut ist, dem schärft sich der Blick für eine Art moralischer Malaria, deren unheilvoller Einfluß die geistige Lebenskraft untergräbt. Mag hier und da ein moralisches Genie überleben, trauriger geworden, aber ohne

Schaden an seiner Seele; die Masse einer jeden Generat erliegt allmählich, während sie inmitten tierischer Gemeinhei heranwächst, dem Stumpfsinn und zynischen Unglauben an alles Bessere. Häufen sich solche Menschengruppen, bilden sie gar buchstäblich abgesonderte Städte der Armen, so de⸗ deutet das eine Erkrankung des Gemeinwesens, dem sie an- gehören. Gegen dieses Elend ist die Armenpflege ohn⸗ mächtig hier sind Maßnahmen im Interesse der Gesamthei am Platze, die dem Reichen nicht minder Leben und Gesun heit sichern wie dem Armen. Das Wirken der öffe Gesundheitsbehörden hat zur Folge gehabt, daß Typhus und Cholera als Epidemien beseitigt wurden; und die Frage, es denn gestattet seit, daß Staat und Gemeinde dem einz Vorschriften machen, in das viel berufene Recht der Fami eingreifen, beantwortet sich durch den Erfolg sozialen Wi von selbst. 2

Auch dem wirtschaftlichen Elend können die öffentlichen Gewalten steuern, vor allem, wenn man in Betracht zie daß die Arbeiterschaft in ihren Organisationen selber Hand ans Werk gelegt hat und es nur Sache von Staat und meinde ist, diese Organisationen zu stärken. Unter den eng lischen Gewerkschaften haben Anspruch auf Unterstützung guten Zeiten 98 Prozent, in den schlechten Jahren, wo mehr bereits ausgesteuert sind, immer noch 89 Prozent. Nach 5 den in der englischen Armenwesenkommission gemachten An⸗ gaben erreicht die im besten Jahre des letzten Jahrzehnts in Großbritannien verausgabte Lohnsumme etwa 700 lionen Pfund Sterling; die im schlechtesten Jahre veraus⸗ gabte Summe betrug kaum weniger als 680 Pfund, was be- deutet, daß selbst in der schwärzesten Periode geschäftlich Tiefstandes immer noch Fünfzehnsechzehntel aller Loh arbeiter Beschäftigung fanden. Das eine Sechzehntel der Are beitslosen umfaßt immerhin Hunderttausende von Arbeiternz aber der Staat wäre imstande gewesen, Einrichtungen zu treffen, die verhüteten, daß die periodischen Gef stockungen ein Fallen der gesamten Warennachfrage be⸗ wirkten. Mag es auch nur bedingt zutreffen, was die Bere fasser behaupten, daß nämlich die Herstellung öffentlicher Arbeiten in Zeiten der Krise annähernd normale Verhälk⸗ nisse schaffen kann, so zeigt die Aufrollung des Problem doch, daß die land an den treten.

Diese Forderungen berühren weiter das Gebiet der beiterversicherung und der Armenpflege im weitesten Si und hier zeigt sich, daß England, die angebliche Hochburg individualistischer Rücksichtslosigkeit, dem deutschenStage der Sozialreform ein beträchtliches Stück im sozialen Pflich bewußtsein voraus ist. Wo ist der deutsche Sozialpolitiker der heute schon schreiben könnte, daß die Behauptung bestimmten Lohnsatzes, unter dem niemand arbesten nicht nur das allgemeine Prinzip; der Gewerkschaft sondern daß es auch heute bereits die Anerkennung Nationalökonomen gefunden habe, daß alle Parteien des Parlaments diesem Prinzip zugestimmt hätten, soweit siaat⸗ liche Arbeiten oder Lieferungen in Betracht kämen, und 2 s im Schiedsgerichtsgesetz von 1908 für bestimmte f

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Sozialpolitiker auch immanchesterlichen Eng- Staat mit sehr bestimmten Forderungen heran⸗

8 strien tatsächlich zum Gesetz erhoben worden sei? 3 Aber weiter! Die Verfasser beschäftigen sich eingehend mit der Frage der staatlichen Versicherung gegen Ar- beitslosigkeit, die sie neben andern staatlichen nahmen für eine Selbstverständlichkeit halten. Hier kennen sie keinen andern Weg, als daß der Staat in der Art de Genter Systems die Gewerkschaften zu Trägern Versicherung macht. Und zwar soll dies, was bez 0. für die englische Auffassungsweise ist, vornehmlich aus moralischen Gründen geschehen. Der Staat allein sei nicht imstande, zu verhindern, daß Arbeitsscheue und andere 5 würdige die Unterstützung mißbrauchen, ebensowenig wie

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arbeitslosen Mitglieder zu tragen; ihnen verbleibe

Entscheidung, ob eine gebotene Stellung anzunehmen oder nicht. Ihre Sache sei es auch, die als notwendis

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