Ausgabe 
15.7.1913
 
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Di

senistsacht

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolks zeitung

Nummer 5 Dienstag, den

15. Juli 1913 2. Jahrgang

Ein Kulturpionier! Zum 75. Geburtstage Graf Zeppelins.

Die Beschäftigung mit dem Probleme, wie man einen zuftballon steuerbar machen, ihm eine starke Eigenbewegung geben könne, ist fast so alt wie die Geschichte des Luftballons albst. Schon der berühmte französische Luftschiffer Flanchard, der 1785 als erster Mensch den Aermelkanal berflog, hatte an seinem Ballon künstliche Flügel und Steuerruder angebracht. Eine wirkliche Lenkung konnte aber Zur dann erzielt werden, wenn es möglich war, dem Luftschiff ine so starke Eigenbewegung zu geben, daß es damit in den Stand gesetzt wurde, auch gegen den Wind fortzukommen.

Zum ersten Male gelang das dem Franzosen Henry Gäffard, der 1855 einen spindelförmigen Ballon von 4 Meter Länge und 12 Meter Durchmesser erbaute, der eine Dampfmaschine von 3 PS. trug. Diese verlieh durch Drehung ines Schraubenpropellers dem Ballon eine Geschwindigkeit on 3 Metern in der Sekunde(gleich 10,8 Kilometer in der Stunde). Giffard konnte zwar mit seinem Ballon einige Bewegungen vollbringen, mußte aber sehr bald landen, weil ein Apparat nicht genügend das Gleichgewicht bewahrte. Mehr Erfolg hatte der Pariser Dupuy de Löome mit einem Ballon, der mittels einer von 8 Männern bedienten Schraubenspindel bewegt wurde. Ein Segel am hinteren Ende der nachenförmigen Gondel diente als Steuerruder. 872 führte de Lome eine zirka zweistündige Fahrt nach vor⸗ er bestimmtem Ziele aus, wobei er erfolgreich gegen den, benn auch nur schwachen, Wind ankämpfte. Den ersten freilich nur bei Windstille zuverlässigen durch⸗ dus lenkbaren Ballon erbauten die Franzosen Renard und krebs im Jahre 1884. Ihr Luftschiff konnte eine Eigen⸗ eschwindigkeit von 21,6 Kilometer in der Stunde entwickeln. Nittleren Windgeschwindigkeiten gegenüber waren daher die onstrukteure völlig machtlos. In neuerer Zeit zeichneten ich besonders die Lenkballons des Santos Dumont lurch Schnelligkeit und leichte Steuerbarkeit aus. Auch sie rteichten längst nicht die staunenswerten Flugleistungen der kuftschiffe des Grafen Zeppelin. Graf Zeppelin, der am 8. Juli 1913 seinen 75. Geburts- ag feiern konnte, führte im Ballonbau ganz neue Grund- sitze durch. Die Luftschiffe seiner Vorgänger waren mit ganz Benigen Ausnahmen unstarr, d. h. ihr Tragkörper bestand Tur aus einer mit Gas gefüllten, dehnbaren Hülle. Zeppelin Hallons sind dagegen starr. Sie bestehen aus einem im g Querschnitt sechszehn⸗ bis vierundzwanzigeckigen Aluminium- ö serippe, das mit sehr fester und leichter Ballonseide umkleidet st. Das Ganze sieht wie ein riesiger, langer Zylinder aus, er an den Enden spitz zuläuft. Das erste 1899/1900 von Zeppelin erbaute Luftschiff war 128 Meter lang und hatte fänen größten Durchmesser von 11,65 Meter. Innerhalb les großen Hohlzylinders, der in 17 Abteilungen geschieden Bar, befanden sich 17 kleine, kugelförmige Ballons, in jedem Fach einer. 3 Meter unterhalb des Ballonkörpers hingen schei Gondeln, an jedem Ende eine, deren jede einen Benzin⸗ montor von 14,7 PS. Leistung trug. Die Gondeln waren lurch einen Laufsteg miteinander verbunden. Die Motoren birkten auf bier vierflügelige Schrauben von je einem Meter Durchmesser ein, die in der Minute 1100 Umdrehungen machen konnten. 28 Meter unter dem Ballonkörper hing an

nem stählernen Tau ein 100 Kilogramm schweres Lauf-!

gewicht, das in der Ebene um 7 Meter vor- und rückwärts bewegt werden konnte. Es sollte sowohl das Luftschiff im Gleichgewichte erhalten als auch das Aufrichten oder Senken der Spitze erleichtern helfen. Am Ballonkörper befanden sich vier Steuerruder, 2 vorn und 2 hinten. Am 2. Juli 1900

Von dieser Zeit an begann für den Erbauer eine lange Reihe von Mißgeschicken und Glückszufällen, die er alle mit soviel Ruhe wie energisch überwand. Zahllose Verbesserungen nahm Zeppelin, unterstützt von seinem Oberingenieur Dürr, an seinen Luftschiffen vor aber im wesentlichen brauchte an ihrer Konstruktion nichts geändert zu werden.

Die riesenhafte Entwicklung der modernen Motoren- industrie in den letzten Jahren, deren Erzeugnisse im Ver hältnis zu ihren Leistungen immer leichter wurden, ermög⸗ lichten es dem Grafen, seinen Luftschiffen eine immer größere Geschwindigkeit zu geben. Während seine ersten Bauten eine Schnelligkeit bis zu 32½ Kilometer in der Stunde ent⸗ wickelten, erreichen sie heute mit zwei Motoren von je 150 PS. Eigengeschwindigkeiten bis zu 80 und mehr Kilometer in der Stunde, d h. sie können selbst noch gegen starken Sturm an⸗ kämpfen und vorwärtskommen.

Die Fortbewegungs- und damit Steuerungsmöglichkeit cines Ballons hängt natürlich in der Hauptsache von der Art und Kraft seiner Antriebsmaschinen ab. So würde auch Zeppelin nie seine großartigen Erfolge in den letzten Jahren errungen haben, hätte ihm die Industrie nicht sehr starke und dabei doch leichte Motoren zur Verfügung gestellt. Aber es bleibt ihm doch der Ruhm, durch geschickte Zusammenfassung der vorhandenen Möglichkeiten ein wirklich brauchbares und zuverlässiges Luftschiff erbaut zu haben. Wenn auch in neuester Zeit die Flugmaschinen mit ihren Leistungen die der Zeppelinballons bei weitem hinter sich ließen, vor allem un⸗ vergleichlich viel schneller fuhren, so werden jene wahrschein⸗ lich doch unter den Verkehrsmitteln der Zukunft eine wichtige Rolle als Beförderer von Massengütern spielen. Und wenn jetzt auch noch der menschenmordende und kulturwidrige Militarismus die Zeppelinschiffe seinen auf Zerstörung gerichteten Zielen nutzbar macht: deshalb bleiben sie doch Er⸗ zeugnisse höchsten Kulturwertes und deshalb muß auch ihr Schöpfer Graf Zeppelin zu den Kulturpionieren gezählt werden so gut wie James Watt und Stephenson! bd.

Nichtfachliches von der Leipziger Baufach⸗ 0 Ausstellung.

Die seit Anfang Mai dieses Jahres eröffnete Internationale Baufach⸗Ausstellung in Leipzig, die Weltausstellung sür Bauen und Wohnen, wie man sie noch passender bezeichnen kann, erfreut sich von Woche zu Woche eines regeren Besuches. Konnte sie doch kürzlich an dem Sonntage der Einweihung des Leipziger Luftschiffhafens durch zwei Zeppelinschiffe in Gegenwart des Königs von Sachsen und des Grafen Zeppelin sogar den Besucherrekord der Dresdener Hygiene⸗Ausstellung vom Jahre 1911 schlagen! Auf den schönen baumbestandenen Wegen zwischen den reizenden gärtnerischen An⸗ lagen des Ausstellungs⸗ und unter dem schattigen Blätterdache des Vergnügungs⸗Viertels drängen sich besonders an schönen Tagen die Scharen der Einheimischen und der zahlreichen auswärtigen Be⸗ ucher.

a. ach Aus senungk Wieviel Ungezählte mag es geben, dite, abgeschreckt durch die strenge technische Sachlichkeit dieses Namens, in der diesjährigen Leipziger Weltausstellung nicht entfernt das suchen oder zu finden glauben, was die Ausstellung in Wirklichkeit bietet. Freilich haben all die Tausende von Gegenständen, Bildern.