Beise begründet, was Denken, Wissen und weiterhin Wissen⸗ schaft bedeuten und uns damit eine zuverlässige, folgerichtige Denkmethode an die Hand gegeben, die mit der„aprioristi⸗ schen“— d. h. einer von der Erfahrung unabhängigen, aus der Vernunft selbst stammenden— Erkenntnis der Alt- und Neu-Kantianer räumt und uns lehrt weder eine über⸗ triebene noch eine zu geringe Vorstellung von der Bedeutung wissenschaftlicher Regeln und Gesetze zu hegen. Daß auch die „unwandelbaren Naturgesetze“ dem Flusse der Entwicklung unterworfen sind, zeigt uns zuerst überzeugend Dietzgens Er- kenntniskritik, in Uebereinstimmung mit den neuesten Forsch⸗ ungen von Naturwissenschaftern wie Mach, Duhem, Verworn usw.
Einen wesentlichen Teil von Dietzgens Erkenntnislehre bilden seine Ausführungen über das„Absolute und Rela⸗— tive“, das„Allgemeine und Besondere“, die eine sehr ein⸗ leuchtende Lösung der Probleme von„Kraft und Stoff“, „Geist und Materie“ enthalten.
Es gibt nur ein Absolutes oder Unbedingtes, nur eine absolute Wahrheit: das Weltall, das Universum— endlos in Zeit und Raum, ohne Anfang und ohne Aufhören; alle Teile und Stücke des Universums, einschließlich des Menschen, sind relativer Natur, d. h. hängen miteinander zusammen, voneinander ab und verändern sich durch ihre komplizierte gegenseitige Beeinflussung. Weil nur das Universum absolut, jedes seiner zahllosen Teile und unendlich kleinen Teilchen relativ d. h. bedingt ist, kann es keine absoluten Wahrheiten, keine absolute Moral, kein absolut Gutes oder Böses, kein absolntes Recht geben; denn der Gedanke von Wahrheit, Moral, Gut und Böse und von Recht erfließt aus veränder- licher materieller Quelle: aus wandelbaren Umständen der Zeiten und Gegenden; auch der Gedanke von„Wahrheit“, „Mora!“ usw. ist an sinnlichen Stoff gebunden. Die Rela⸗ tivität oder Bedingtheit aller Dinge und Vorgänge durch ihren organischen Zusammenhang mit dem Universum und dessen einzelnen Teilen involviert auch die Relativität der— aus der Verbindung der Materie mit unserer Gehirnnerven— tätigkeit erzeugten— Ideen. Dies gemahnt zur Toleranz gegen Andersdenkende und sollte uns abhalten, Geschehnisse der Vergangenheit und Gegenwart von ausschließlich ein— seitigem Standpunkte zu betrachten. Daher geht bei Dietzgen, parallel mit der Lehre von der absoluten Eigenschaft des organischen Universalzusammenhanges und der relativen Natur jedes seiner Teile, die Verneinung der hergebrachten Annahme„absoluter Gegensätze“ und die Exläuterung der Relativität aller Gegensätze, sowie deren Auflösung durch Aufdeckung des„Allgemeinen bezw. Gemeinschaftlichen“ in ihnen.
Diesem wichtigen und hochinteressanten Teile seiner Denkiehre hat unser Autor ganz besondere Pflege zuteil wer⸗ den lassen. Es erscheint mir kaum möglich, daß ein Sozialist
wosern seine geistige Konsumfähigkeit nicht durch alte Vor- urteile eingeschränkt ist— nach ernsthaftem Studium von Dietzgens„Sämtlichen Schriften“ dieselben aus der Hand legen kann, ohne sich in seiner Weltanschauung bereichert, in seiner Erkenntnismethode geläutert, in seiner Ueberzeugung gestärkt zu fühlen.
und nicht nur das. Die originelle Schönheit seiner Sprache, der verblüffende Reichtum an Weisheitssprüchen sicheri einem namljaften Teile von Dietzgens Schriften von ihrer rein philosophischen Bedeutung ganz abgesehen einen Platz unter den großen Literaturzierden der Welt.
„Das uschlichen Kopfarbeit“ speziell halte ich für ein Kunstwerk ersten Ranges, das man wie jedes andere Meisterwerk nie genug betrachten kann, weil sein An; blick jedesmal nicht nur frischen Genuß am Bekannten ge- sdährt. sondern immer neue Herrlichkeiten auslöst, an denen es schier unerschöpflich erscheint.
Zur Einführung in Josef Dietzgens Denklehre und Weltanschauung ist Mindergeschulten das Büchlein von Henriette Roland-⸗Holst zu empfehlen. Dann nehme man den ersten Band der„Sämtlichen Schriften“ zur Hand und lese „Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit“ mehrere Male in nicht zu langen Zwischenräumen.
Ich kenne den Einwand:„Philosophie ist für den Arbei-
ter zu schwierig.“ Auf Dietzgens Schriften trifft dies nicht zu; nur an wenigen Stellen darin begegnet man Schwerver⸗ ständlichem, sehr selten einem unklaren Ausdruck. Im Ver⸗ gleich mit der Diktion von Marx'„Kapital“ ist die Dietzgen⸗ sche Begriffsentwicklung wahrhaft populär zu nennen. Wer „Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit“ studiert hat, be⸗ greift auch leichter„Das Akquisit der Philosophie“ und die
„Logischen Briefe“, sowie die„Streifzüge ins Gebiet der Er- kenntnistheorie“ und die kleineren Schriften. 2
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Josef Dietzgen erlag einem Herzschlag, 20 Jahre nach Be⸗ ginn seiner philosophischen Schriftstellertätigkeit, der er per⸗ sönliche Propaganda auf dem Fuße folgen zu lassen, zu be⸗ scheiden war; er lebte aber, wie wir wissen, der Ueberzeugung, daß die ihm anerkennende Zeit unfehlbar kommen werde.
Zur Schätzung des Charakters dieses seltenen Mannes gelangt man durch den dem ersten Bande seiner„Sämtlichen Schriften“(1911, München) vorgedruckten, von seinem Sohne
Eugen verfaßten„Lebensabriß“, in Verbindung mit den im dritten Bande befindlichen Privatbriefen Josef Dietzgens an
seinen Sohn in Amerika.
Der Arbeiter-Philosoph. (Joseph Dietzgens Werk.)
Obgleich mit der Ausbreitung der modernen Arbeiterbewegung innerhalb des Proletariates das Interesse für theoretische Dinge in erfreulichem Maße wächst, so steht es doch noch lange nicht in dem rechten Verhältnis zu dem Umfange und der Bedeutung dieser Be⸗ wegung. Es ist daher durchaus notwendig, auf den großen Wert des Studiums der theoretischen Werke des Sozialtsmus energisch hinzuweisen, weil es im Interesse der selbständigen geistigen Jort⸗ entwicklung des Proletariates unbedingt erforderlich ist. Auch heute noch werden die Klassiker des modernen Sozialismus mehr in populären Uebertragungen als wie im Original gelesen. Das ist für den Anfänger natürlich auch der gangbarste Weg. Die großen Denker und Vorkämpfer des Proletariates hatten zwar durchaus nicht die Absicht, Lehrbücher im wissenschaftlichen Jargon in die Welt zu schicken, die nur dem erleuchteten Verstande der Akademiker faßbar, aber es war ihnen natürlich auch nicht möglich, in der landläufigen vulgären Sprache zu reden, darunter hätte der Gegenstand leiden müssen. Bei einigem intellektuellen Ernst und Fleiß ist es jedoch dem Arbeiter wohl möglich, Marx, Engels, Lassalle und Dietzgen im Original zu lesen.
Besonders das Studium des letzteren ist von der Arbeiterschaft arg vernachlässigt worden. Wir können daher den 25. Todestag Dietzgens nicht würdiger begehen, als erneut auf sein Lebenswerk aufmerksam zu machen. Der Verlag der Dietzgenschen Philosophie in München hat des Philosophen Werke in drei Bänden heraus- gebracht(Preis 12 Mark); außerdem sind einzelne grundlegende Arbeiten gesondert erschienen. Im Interesse der Einheitlichkeit ist die Gesamtausgabe zu begrlißen und kann den Bibliotheken zur Anschaffung empfohlen werden.
Der theorelisch weniger Geschulte mag zunächst dle prachtvolle Einführung in die Dietzgensche Philosophie von Henriette Roland⸗ Holst lesen. Die Verfasserin hat es vorzüglich verstanden, den Kern der Dietzgenschen Philosophie in klarer, leichtverständlicher Weise herauszuarbeiten. Das umfangreiche Kapitel„Die Bedeu⸗ tung der Dietzgenschen Philosophie für das Proletariat“ führt den überzeugenden Nachweis, daß diese Theorie für das volle Verständ⸗ nis des Klassenkampfes fehr von Vorteil ist.
Die Grundlage des modernen wissenschaftlichen Sozialismus ist der dialektische Materialismus, wonach alle Dinge in Natur und Gesellschaft auf relativen, vermittelbaren Gegensätzen beruhen; aus ihrer sich beständig erneuernden Tätigkeit entspringt alle Ent⸗ wicklung. Marx und Engels begründeten dieses theoretische Prinzip aus der bisherigen Geschichte der Menschheit, aus ihrem früheren und gegenwärtigen Denken und Tun. Dann untersuchten sie mit Hilse der neu gewonnenen Methode die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft, führten mit zwingender Klarhelt und Ob sektivität Nachweis der zeitlich⸗historischen Bedingtheit des Kapltalismus, kamen zur Begründung des wissenschastlichen Sozialismus. Dietz⸗ gen nun wandte die Methode des dialektischen Materialismus, zu⸗ nächst auf Marx sußend— er bekannte sich gern und oft als Marx⸗ schüler— später selbständia auf den Entwicklungsprozeß der natiͤr⸗ lichen Dinge an, genau so, wie sie Marx zur Erforschung der gesell⸗ schaftlichen Verbaltuiffe benuste. Beide kamen auch im welentlichen zu gleichen Resultaten. Damit wurde der dialektische Materlalis⸗ mus phllosopbische, erkenntniskritische Methode— und Marx und Dietzgen— 5 seitdem unzertrennlich zusammen.
Der Inhalt und das Ziel aller Philosophie W sich in der Erkenntnis des Verstandes oder der Ergründung der Methode, wie die Menschen den Verstand gebrauchen milssen; biese Tatsache ergibt — aus der Geschichte der Philosophle. Dieben stellt alb in en Mittelpunkt feiner philosophischen Forschung die oblekttve Erkenntnis des Verstandes, der„Menschlichen Kopfarbeit“. Die Beschaffenheit des Geistes(Geist sm weitesten Sinne bes 0 0 zu ergründen, war das Streben der bürgeclichen Phllesophle


