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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Polkszeitung
Nummer 2
Dienstag, den 15. April 1915
2. Jahrgang
Josef Dietzgen.
(Gestorben am 15. April 1888.) Von Adolf Hepner.
Johann Sebastian Bach blieb ein volles Jahrhundert nach seinem Tode nahezu ver— gessen. Baruch Spinoza starb— wofern außerhalb seiner holländischen Heimat überhaupt gekannt— mehr berüchtigt als berühmt, und seine Schriften, obwohl in der damaligen Gelehrtensprache aller Na⸗ tionen, der lateinischen verfaßt, beein— flußten erst nach mehr denn drei Gene— rationen einige der führenden Geister.
Josef Dietzgen, der heute vor 25 Jahren starb, existiert bis jetzt noch nicht für die deutschen Universitäten. Aber auch außer- halb der offiellen Gelehrsamkeitsstätten, selbst im sozialistischen Lager, hat er nur bei Vereinzelten volle, gerechte Würdigung bisher erfahren.
Daß seine Schriften in den höheren
und gutem Recht die Theorie von der Ent— stehung des Menschen aus dem Universum — in der stufenweisen Entwicklung des Un⸗ organischen zum Organischen, des Organi— schen zu Lebewesen usw.— als den Schluß⸗ stein des monistischen Gedankenbaues rühmen.
Der literarischen und mündlichen Agitation unseres Parteiziels öffnet sich in Dietzgens Darleg⸗
die vor jeder anderen sogar den Vorzug besitzt, immer frisch zu bleiben, weil die Naturwissenschaft unserer Tage, mit ihren stetigen Fortschritten, für den„Universal⸗ zusammenhang“ unausgesetzt verstärkte Be⸗ weise herbeibringt.
Dieses ausgezeichnete praktische Pro⸗
Akademikerkreisen ignoriert wurden, läßt sich unschwer erklären: er war ein„Unzünftiger“; unterzeich⸗ nete er doch die Vorrede zum„Wesen der menschlichen Kopf— arbeit“, seiner 1869 erschienenen grundlegenden Erstlings— arbeit:„Josef Dietzgen, Lohgerber“. Nicht einmal„Doktor“ und nennt sein Büchlein von etwa 100 Seiten„Eine aber— malige Kritik der reinen und praktischen Vernunft!“
Etwas umständlicher gestaltet sich eine Erörterung der Frage, wieso verhältnismäßig nur wenige Sozialisten in Dietzgens Schriften zu Hause sind, obwohl er sie ihnen in erster Linie zugedacht hat.
Zwar einige der kleineren Abhandlungen— insbeson⸗ dere„Die Religion der Sozialdemokratie“— sind in etwa 30 000 Exemplaren im Laufe einer Generation in die Reihen gebildeter Arbeiter gedrungen, die ihr Entzücken daran fan⸗ den. Dabei blieb es aber, auch in den Regionen der führen— den Elemente der Partei— die dann dem Irrtum verfielen, ihren Dietzgen zu„kennen“.
Mit nichten! Es gibt keinen Philosophen, den man, ohne in seinen Hauptschriften Bescheid zu wissen, aus seinem Beiwerk beurteilen kann— keinen in der ganzen Welt. Selbst wer, wie Dietzgen, sich vielfach wiederholt, muß von A bis Z durchstudiert werden, und gerade wegen seiner mit neuen Zutaten verbundenen Wiederholungen, aus denen eine Er⸗ weiterung des Horizonts resultiert.
Manch einen, der nur mit Dietzgens kleineren Abhand- lungen vertraut ist, hörte man in den letzten Jahren sagen: „Ich verehre ihn als einen geistvollen Denker, aber Neues hat er mir eigentlich nicht gesagt.“
Mir sehr vieles Neue— aber freilich erst, nachdem ich den ganzen Dietzgen mir zu eigen gemacht.
Mein Hauptgewinn war die volle Erkenntnis der Lehre vom„Universalzusammenhang“, die sich wie ein roter Faden durch alle Schriften unseres Philosophen zieht und— neben
den ökonomischen Tatsachen— die stärkste Stütze des Sozia⸗ lismus abgibt. Zwar weist auch die moderne Naturwissen⸗ schaft in allen ihren Zweigen die Einheit des Universums auf,
aber selbst ihre berufensten Vertreter gebieten Halt ihrem
„Monismus“ vor den Toren der Zitadelle der sozialen Klafsenprivilegien, obwohl sie mit Vorliebe und Nachdruck
unbenutzt lassen, wie sie sich gleichzeitig bemühen sollte, die in die Länge und Breite sich zusehends ausdeh⸗ nende Arbeiterbewegung durch Dietzgens Erkenntnis⸗ lehre theoretisch zu vertiefen. Was wir seit Marr und Engels unter„materialistischer Geschichtsauf⸗ fassung“ verstehen, findet seine erkenntniswissenschaftliche Be⸗ gründung in Dietzgens Denklehre, dem obengedachten„Wesen der menschlichen Kopfarbeit“ von 1869 und seinen späteren Schriften. Dort lernen wir zunächst, daß das Denken sinn⸗ liches Material voraussetzt, ohne Sinneseindrücke kein Denken möglich ist. Zwar haben dies andere vor Dietzgen bereits gelehrt, aber unter Offenlassen einer Hintertür: Was wir mit den Sinnen nicht wahrnehmen können, wie den Schöpfer des Alls, überlassen wir getrost der Phantasie, der Einbildung, dem blinden Glauben.
Dietzgens Arbeit präsentiert nun das Neue, mit jener „Metaphysik“(Uebersinnlichkeitslehre) gründlich aufzuräu⸗ men und das Denken, den Geist als eine natürliche Kraft ein für allemal an sinnliches Material, an Stoff unlöslich zu binden. Die Gottesfrage speziell oder auch das Forschen nach der Ursache des Weltalls verweist Dietzgen von der Tagesordnung in folgender Weise: Da der Mensch ein Teil des sinnlich gegebenen Universums, sein Geist ebenso wie sein Körper aus Stoffen des Universums organisch entstanden ist, da er nicht denken kann ohne das Denkmaterial eines sinnlich gegebenen Stückes des Universums, kann er über das Uni⸗ versum hinaus oder hinter demselben nichts erforschen, nichts erfassen, nichts erfahren; die Frage nach dem Ursprung des Seins ist also keine dem menschlichen Denken zugehörige; wir haben vielmehr das Universum als unbedingte Vor- aussetzung des Denkens an⸗ und hinzunehmen.
Welcher Denker vor Dietzgen hat die mystische Meta⸗ physie so logisch und einfach abgetan wie er? Welcher Philo⸗ soph vor Dietzgen verstand es, wie er, den„freidenkerischen“ Zweillern— den„Agnostikern“, die Gott weder bejahen noch verneinen mögen— die verlorene Gemütsruhe wiederzu⸗ geben!
Dietzgen hat in seinem„Wesen der menschlichen Kopf⸗ arbeit“ als exstex auf naturwissenschaftlich kontrollierbare
ungen eine reiche Quelle neuer Nahrung,
pagandamittel sollte die Partei nicht länger
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