Ausgabe 
14.10.1913
 
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Miller(1840) kündigte sich die Wandlung in Verdis Art an wozu noch die Anregung kam, die er als Musiker von Meyerbeers großer Oper erfuhr. In steigender Mächtigkeit trat sie dann in den Werken in die Erscheinung, die Verdis Weltruhm begründeten: in Rigoletto(1851), Troubadour und Traviata(1853), Masken⸗ ball(1850). Aida, die heute noch am häufigsten aufgeführte Oper Verdis, markiert endlich den Beginn der letzten Periode des Meisters, in der sich der Einfluß der Wagner schen Grundsätze geltend macht. Diese Oper, die um den Preis von 100 000 Frcs. von Jsmael Nascha, dem Khedive von Aegypten zur Eröffnungsfeier des Suez⸗ kanals bestellt worden war, und noch mehr Othello(1887), bedeuten so etwas wie eine Vermählung der großen Oper mit dem Mufikdrama, und zugleich, ergänzt durch den auf die moderne klemische Oper stilbildenden Falstaff(1893), den Höhepunkt in Verdis Schaffen. Neben diesen zahlreichen musikdramatischen Ar⸗ beiten hat Verdi auch noch einige Werk für Kirchenmusik hinter⸗ lassen: ein Requiem 1874 zu Manzonis Gedächtnis, das trotz einiger Hinneigung zur Theatralik durch seine tiese Religiosttät und die Inbrunst seiner Empfindung zu den wertvollsten Vertonungen der Totenmesse gehört, und, als letzte Gabe, vier religiöse Stücke (1808), die die ungebrochene Meisterschaft des Fünfundachtzig⸗ jährigen überwältigend dartun. Verdi starb zu Mailand am 27. Januar 1901.

Die gewaltige Energie, mit der sich das kulturelle Leben in den letzten Jahrzehnten zu neuen Werten umsetzte, hat es ermöglicht, daß wir heute Erscheinungen, die zeitlich noch nahe liegen, mit der vollen Objektivität des Historikers beurteilen können. Die Ursachen, die sie bedingen, haben ihre Wirkungskraft auf das Heute verloren, und so sind sie uns eben Wirkungen, die wir unter klarer und nüchterner Abwägung der bedingenden Umstände als Objekte gleich- sam wägen und messen können. Verdis Eigenart wurzelt in lulturellen und politischen Zuständen, zu denen wir heute einen genau bestimmenden Abstand haben. Ich habe in der Darlegung von Verdis Lebensgeschichte vier Perioden angenommen, die sich in seinem Schassen abzeichnen. Diese Einteilung, so wenig sie natür- lich als eine strenge Form angewandt werden soll, ermöglicht es, der Persönlichkeit des Meisters nach allen Selten gerecht zu werden; denn es ist klar, daß eine Beurteilung vom einseitigen Standpunkt des Musikers aus notwendig ungerecht sein mußte. Und Verdi ist ein viel zu interessantes Problem der Kulturgeschichte, als daß sein Wert mit dem StreitrufHie Oper hie Musikdrama stehen und fallen sollte.

Verdi unterschied sich zu Beginn seiner Laufbahn in nichts von dem DTurchschnitt der italienischen Opernkomponisten jener Zeit. Es bedurfte eines tiefgreifenden Erlebnisses, um das Genie in ihm zu erwecken. Der Schlag, der Verdi die Familie raubte, nahm ihm das Interesse am Einzelnen, Individuellen, wie es in dem Begrisse Familie zum Ausdruck kommt und machte ihn frei für das All⸗ gemeine. Sein Gesichtskreis weitete sich und erstreckte sich Über die eigenartigen Zustände, wie sie damals im politischen Leben Italiens herrschten. Es war gerade damals, daß sich die Ideen, die der Turiner Philosoph Vinzenzo Gioberti in seinen Schriften vertrat, einer außerordentlichen Beliebtheit erfreuten. Giobertis politisches Streben bezweckte einen Föderativbund aller Staaten Italiens unter dem Vorsitz des Papstes und unterstützt durch die Waffengewalt Sardiniens g J Lieblingsidee vieler Päpste den Italienern, die eine politische Freiheit anstrebten, umso an⸗

nehm vorkommen, als die Energie ihrer Religiosität der ihrer poli Denkart von je so ziemlich das Gleichgewicht hielt. In der Fo a sich d Freignisse in einer vorher nicht zu erwartenden Weise 1, stellte sich freilich mehr und mehr heraus, daß

die klerikale in einer lichen

endenz der freiheitlichen Bestrebungen ihren Grund dem eben erwähnten Volkscharakter leicht verständ⸗ äuschung hatte. Die Ideen Giobertis verloren all⸗

mung direkt und unverblümt der Revolution zu. Wer den pracht⸗ vollen Radikalismus des romanischen Temperaments kennt, kann sich vorstellen, was in diesen Tagen ein Künstler, ein Musiker, dem Volke sein konn Verdi war gewiß keinTendenz⸗Komponist

Volkswillens geschickt benutzte, um dadurch mit einem Schlage der Liebling der Masse zu werden; aber er war eine leidenschastliche Natur, die nach Rasse und Erziehung den instinktiv demokratischen

Zug verkörperte, der den Italiener auszeichnet und neben klimati⸗ schen Gründen vielleicht einer der Hauptgründe für seine enorme nie 1 1 leere rer 380 1 7 1 7 11

Lebenskraft in kulturellen Dingen ist. So entstand zwischen dem

Verdi jener Zeit und dem Publikum, nein: dem Volke, eine innige Wechselwirkung. Die suggesttive Kraft von Verdis Musik,das leiden⸗ schaftliche brechen des melodischen Gedankens, die wilden,

a e kräftige und einfache, ja gerade wegen

bell auflodernd zur jubelnden Humne, bald nieder⸗ rigsten Klage, ein großartiger, erhabener seelischer o) begeisterte die dörer und rissen sie zu den Kundgebungen hin; die intensive Spannung im e Liebe des Volkes, das mit dem Rufeviva es politisch verpöntenviva l' Italia! seine

u ndete, und seine eigene, tatkräftige An⸗ teilnahme an den Geschicken des Landes inspirierten den eister zu neuem Schaffen. Heute freilich ist diese doppelte Wirkung er⸗ storben; die Werke jener Periode erhalten nicht mehr, wie Taine in einem geistvollen Baszag-Essay sagt, ihre Berechtigung vom

Publikum. Aber der Fall Verdi ist doch ein ebenso eigenartiges wie erhebendes Dokument in der Kunstgeschichte, die der r wohl nur und das mit Recht nach Urfachen, der Nicht⸗Künstker dagegen nach Wirkungen studieren mag.

Mit der Revolution des Jahres 1849 wird der Patrlot Verdi frei, beginnt, wie wir oben sahen, die Reihe der Meisterwerke. Die Untersuchung dieser Schöpfungen von den Gesichtspunkten des modernen Musikers aus kann hier nicht unsere Aufgabe sein. So⸗ viel ist gewiß, daß die fortschreitende Vervollkommnung der Ueber- einstimmung von Wort und Ton uns manches von Verdis Werken entfremdete. Wir finden da des öfteren Texte, die schließlich fast nur Gelegenheit zur Musik, zurArie sind und, wie sehr wir den musikalischen Einfall bei diesen Sachen meist schätzen können, als individuelle Aeußerung wenig bedeuten. Eine gewisse Primitivität der Formen, die wohl auch den Vorzug enthält, allgemein und leicht verständlich zu wirken, trägt dazu bei, manches verhältnismäßig schnell veralten zu lassen. Andererseits aber: welch eine dramatische Kraft an den Höhepunkten, welch ein Reichtum der Rhythmen und welch ein Schwung der melodischen Linien. In Aida und Othello tritt übrigens der ausgesprochene Operncharakter zurück, die Neigung, durch äußere Mittel und durch eine bloß numerische däufung der Effekte zu wirken, verliert sich und Verdi wird ein innerlich gefestigter absoluter Künstler und das infolge einer logischen, harmonischen Entwicklung, die alles Sprunghafte, Gewaltsame vermied. Daher denn diese letzten Werke so richtig als die eines Meisters, eines geklärten, in sich abgeschlossenen Schöpfers angesprochen werden dürfen(was auch aus der Tatsache erhellt, daß die Anregung, die Verdl von Wagner erfuhr, ohne jeden Einfluß auf die Seele seiner Werke blieb!). Jalstaff endlich ist eine mächtige Prophezeiung: die Tendenz zur komischen Oper, wie wir sie als Reaktion auf den Wagnerschen Pathos seit den Meistersingern in dem Schassen eines Hugo Wolf und Wolf⸗Ferrart tätig sehen, tritt in diesem prächtigen Werke in einer genialen Formvollendung zu Tag. Gerade diese feine Oper wird sa bis fetzt am meisten vernachlässigt. Das hängt wohl mit der immer noch bestehenden Vorliebe des Publikums für denGesang als Selbst⸗ zweck zusammen. Vielleicht aber wird jetzt, gelegentlich der offiziellen Verdi⸗Feiern, in diesem Punkte Wandlung geschafsen, eine Bewertung des Meisters angebahnt, die sich wie auf die Vor⸗ zlige feiner bedeutenden, großzligigen Persönlichkeit, so auf die Er⸗ kenntnis seiner wirklich un vergänglichen Meisterwerke eben des Othello und Falstaff grlündet.

Woher stammt die menschliche Energie. Von Dr. ing. Richard, Nürnberg.

Arbeit kann nicht aus nichts geschaffen werden! Das ist ein Grundgesetz in der Natur. Wenn ich eine Last, etwa einen Stein in den obersten Stock eines Hauses trage, so leiste ich Arbeit; ich überwinde die Energie, mit der der Stein zur Erde hingezogen wird, die Fallenergie wollen wir sie kurz nennen. Der Stein ist unverändert an Stoff. Wenn ich denselben Stein vom Fenster des obersten Stockes auf die Straße fallen lasse, so verrichtet er wieder Arbeit, frei⸗ lich nicht immer nützliche. Man sagt, der Stein enthielt mechanische Energie aufgespeichert. Ein anderes Bild! Wenn wir einen Dampfkessel heizen, so wird das Wasser durch die Wärme in Dampf verwandelt, der sich auszudehnen sucht. Wir können die in ihm steckende Energie zu nützlicher Arbeit verwerten, wir können etwa mittels eines Damps⸗ krans eine Last heben oder einen Eisenbahnzug fortbewegen. Man sagt, der Dampf enthält Wärmeenerige; diese Energie kann mittels einer geeigneten Maschine mechanische Arbeit leisten, sie kann ebenso elektrische Energie erzeugen, diese können wir wieder in Lichtenergie umwandeln. Und es ist eine Grundeigenschaft der Energie, daß sie umwandelbar ist; eine Energieform kann man in die andere umformen und Ostwald sagt einmal:Es gibt kein Geschehnis ohne Energieumwandlung. Woher stammt diese Energie, die wir dem Dampf entnehmen? Zweifellos aus der Kohle. Beim Verbrennen mit Luft wird diese Energie in Form von Wärmeenergie an das Wasser abgegeben. Der Dampf ist der Träger der Wärmeenergie; hat er diese Energie abge⸗ geben, dann wird er wieder in Wasser zurückverwandelk. Aehnlich verändert die Kohle ihre Form, aber wenn die Energie verausgabt ist, dann erhalten wir die Kohle nicht wieder zurück; die Verbrennungsgase sind durch den Schorn · stein in die Luft gewandert und nichts als ein wenig Asche und Schlacke ist zurückgeblieben. Der Stoff der Kohle ist also vollkommen verändert und solche Energie, bei deren Verausgabung auch der Stoff eine dollkommene U tung erfährt, nennt man chemische Energie.

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