Ausgabe 
14.1.1913
 
Einzelbild herunterladen

ö

unten Oelheim das erste Rohöl gefunden. Es wurde sehr Reklame für die Sache lemacht, aber das Oel versiegte und be⸗ e Kapitalsen gingen verloren. Die beiden einzigen Stellen, benen später in tschland Petrsleum gefunden wurde, sind laelbronn im Elsaz und Wietze in der hannoverschen Heide. Die uptsächliche ktion findet im letztgenannten Bezirke statt. ie entwickelt 15 nur laugsam, gar nicht entsprechend dem Be⸗ , ber im Reiche vorhanden ift. Ein Hauptgrund dafür ist, daß 1 115 Erdöl sich im wesentlichen auf das allerdings hoch⸗ srrtl. leröl verarbeiten läßt. Aber auch in dieser Hinsicht ir das beutsche Oel dem ausländischen nicht ebenbürtig. Das kam her, daß man dieselben Raffinierungsverfahren anwandte, wie m ausländischen Oelen. Das deutsche Oel paßte sich diesen g en nicht an und erst als man daran ging, eigene Raffi⸗ Alonsmethoden für die deutschen Oele auszuarbeiten, konnte man besten ieröle aus deutschem Erdöl herstellen. Wir führen (1911) 200 485 Tonnen Schmieröl im Wert von rund 35 Mil- nen Mark ein, stellen jedoch aus unserer heimischen Rohölgewin⸗ ing für weit über 10 Millionen selbst her. Das ist bisher noch mer die wichtigste Verwendungsart unseres Rohöls 1 7 un sein Gehalt an Leuchtöl ist nur gering, der an Schmieröl da⸗ gen so hoch, wie er nur im schweren alizischen Rohöle vorkommt. e Förderung an inländischem Roherdöl betrug 1880: 1309 onnen, 1911 erreichte sie die Höhe von 142 992 Tonnen im Werte u über 10 Millionen Mark. Eine Zeit lang schien es, als wollte u Erdölindustrie in Deutschlands einschlafen. In den Jahren 05 und 1000 machte sich bei fast allen Werken ein Rückgang be⸗ erklich. Der Hauptgrund war, daß sich durch die in Kraft treten⸗ 1 Handelsverträge der Markt für deutsches Rohöl sehr beunruhigt lte und die Raffinerien mit Einkäufen sehr zurückhaltend waren, sie zunächst die Wirkung der neuen Handelsverträge abwarten ten. Die Lager füllten sich mehr und mehr und die Preise gen bis unter die Gestehungskosten hinunter. Man zahlte für ie Tonne Oel 55 Mark, während man heute in Wietze 75 bis Mark zahlt. Diese Krise ist überwunden und es scheint ein eiteres Emporblüthen der deutschen Erdölindustrie in Aussicht zu ben. 1010 waren im Reiche dreißig Erdölbetriebe vorhanden, die 1 ganzen 1813 Personen beschäftigten. Das Oel floß aus 991 uhrlöchern, von denen 242 im Laufe des Jahres 1910 hinzuge⸗ mmen waren. Der Verbrauch an Petroleum im Wirtschaftsgebiete ist natür⸗ eh sehr viel größer. 1911 betrug er nicht weniger als 974 887 sonnen, und heuer wird die Million überschritten worden sein. uf den Kopf der Bevölkerung kommen etwa 15 Kilogramm Inhresverbrauch, und dieser steigt trotz der sich ausbreitenden Be⸗ itzung von Gas und Elektrizität noch immer. Was das besagen fill, mag man daraus ermessen, daß im Durchschnitt der Jahre 1666/0 diese Kopfquote nur 1,87 Kilogramm betrug. Wie fast alle wichtigen Vedarfsartikel ist auch das Petroleum em 8 unterworfen, der ganz gewaltige Veträge ab⸗ irst. Im Jahre 1911 wurde für 121 Millionen Mark Petroleum eeucht⸗ und Schmseröl) eingeführt, die 77,6 Millionen Mark Zoll gaben. Der Zoll ist also außergewöhnlich hoch, er beträgt 64 ozent des Wertes und wird, da wir auf die Einfuhr unbedingt ligewiesen sind, von den Verbrauchern, die namentlich arme Leute ind, getragen. Rechnet man den Anteil aus, der auf jede Person tfällt, so zahlt jeder Einwohner 1,19 Mark Petroleumzoll. Daß dese 77,6 Millionen Marr im Reichshaushalte eine große Rolle selen, ist klar. Bilden sie doch fast 9 Prozent der gesamten

gutschen Zollerträge. An Brenn petroleum wurden im Jahre

11 852 409 Tonnen im Werte von 47,1 Millionen Mark einge⸗ hrt, davon der größte Teil, nämlich 742 252 Tonnen 78 Proz. us den Vereinigten Staaten. 142 937 Tonnen fast 15 Prozent uus Oesterreich⸗Ungarn. Sonst kamen noch 48 632 Tonnen dus Rumänien und 16 003 Tonnen aus dem asiatischen Rußland. 0 15 Aussuhr von Petroleum aus dem Reiche ist so ut 1

Das Orientproblem.

Bon Parvus.

19. Die Korruptien.

Der koloniale Kapitalsimus wurde zu einem Hemmnis der Abustriellen Entwicklung bes Orients, indem er eine furchtbare ktrelendung der Massen erzeugte. Oden aber unter den herrschen⸗ un Schichten schuf er eine telle Beutejagb und schamlose Korruption. Die Korruption brauchte gewiß nicht erst aus Europa nach hisem bpzantinischen Reich verpflanzt werden. Aber, wie der kusbeutung, so eröffnete der europäische Kapitalismus auch der borruption neue Quellen und gab ihr neue Methoden.

Die Quellen der alten orientalischen Korruption waren sehr ensach: Beamtenerpressungen, Richterbestechlichkeit, Mogeleien bai Lieferungen an den Staat. Das erscheint als ein reines Kinder⸗ el gegenüber den Möglichkeiten, die der Kapitalizmus eröffnete. Vor allem die Staatsschuld. Da handelte es sich um ge⸗ naltige Summen, die jede Einbildung der orientalischen Staats⸗ nänner überstiegen. Nillionen fielen für die Paschas ab, ohne daß g J sich zu rühren brauchten, auf eine Weise, daß sie sich selbst nicht ur wurden, wie das kam. 8s wurde mir z. B. von durchaus

kompetenter Seite wiederholt versichert, daß bei jeder Staatsanleihe ein halbes Prozent von den Banken dem Finanzminister zur Ver⸗ fügung gestellt werde, damit dieser es unter die Persönlichkeiten verteile, die dem Abschluß des Geschäftes am meisten förderlich waren. In den hiesigen Finanzkreisen wird das ganz offen herum- gesprochen und es heißt, das sei eine Regel, die nicht bloß im Orient, sondern allgemein gelte, etwa wie die Maklergebühr auf der Börse.

Doch, wo solche horrende Gewinne zu machen waren, wie die Millionen, die Baron Hirsch bei dem Geschäfte mit den Türkenlosen einsteckte, da mußte offenbar für die Machthaber bei der Regierung mehr abfallen, als ein halbes Prozent. Als 1903 die Konversion der türkischen Staatsschuld stattfand, wurden vertragsmäßig zur Bestreitung derKosten der Operation 1400 000 türkische Pfund bestimmt, über 30 Millionen Francs. Die Kosten betrugen dem nach über 5 Prozent der Schuldsumme.

Eine weitere Quelle waren die Eisenbahnkonzessionen. Auch hier regnete es Millionen: Andere Konzessionen und Handels- privilegien. Ich erinnere an das Eismonopol, das ein Hoflakai einem Augenblick der guten Laune Abdul Hamids verdankte. Wie das alles die Appetite reizte und die Cliquenwirtschaft, den Kampf um die Ministersitze, die Verwaltungsposten, die Einflüsse bei Hofe fördern mußte!

Zugleich aber wurde die Jagd nach einträglichen Posten, dit Streberei, die Protektionswirtschaft durch zwei große Verwaltungs- komplexe, die die europäische Hochfinanz in der Türkei geschafsen hat, nämlich die internationale Schuldenverwaltung und die Tabak⸗ regie mächtig gefördert. Besonders die Schuldenverwaltung kann es sich leisten, höhere Gehälter zu zahlen, denn die Kosten werden ja vom Staat getragen.

Da der koloniale Kapitalismus die Entwicklung eines gewerb. lichen Mittelstandes hindert, so ist der Andrang zu den Beamten⸗ posten desto größer. Die ganze Sehnsucht des Intellektuellen im Orient ist, sich einen einträglichen Beamtenposten zu erschleichen oder zu erkämpfen.

Daneben entwickelte sich ein wirtschaftlicher Prozeß, der neue Geschäftsinteressen schuf und in weiterer Folge den polltischen Kampf noch komplizierter gestaltete, der Korruption Nahrung zuführte.

Die Eisenbahnen, die Dampfschiffahrt, der Handel machten die landwirtschaftlichen Produkte, Getreide, Obst, Tabak usw. zu einem bedeutenden Exportgeschäft. Infolgedessen stieg der Wert des land⸗ wirtschaftlichen Bodens, oder vielmehr: meistens erhielt er dadurch erst überhaupt einen Geldwert. Das kam zum Bewußtsein aller, die große Landbesitzungen hatten oder in der Lage waren, sie zu erlangen. Dieses Bewußtsein stieg rasch mit der Steigerung der landwirtschaftlichen Preise auf dem Weltmarkt. Daraus ergab sich eine Jagd nach Land, die verschiedene Formen und auch verschiedene juristische bezw. politische Schwierigkeiten zu überwinden hat, je nachdem es sich um ausländische Banken oder einheimische Händler, oder türkische Gutsherren, albanische Häuptlinge, kurdische Feudale und Strauchritter, arabische Scheiks und Heeresführer, wie z. B. der Imam Johia, handelt. Ich muß mir versagen, diese Unter- schiede näher zu entwickeln. Will aber bemerken, daß hier ver⸗ schiedene Herrschaftssormen gleichsam ineinander geschachtelt und durch rasche Uebergänge zur kapitalistischen Grundbesitzform über⸗ geführt werden. Während die Feudalherren danach trachten, das persönliche Abhängigkeitsverhältnis der Bauern in ein fachliches Eigentum auf den Boden zu verwandeln, also zu Großarundbesitzern zu werden, find viele kurdische Gewaltige jetzt erst an den Punkt gelangt, sich Feudalrechte anzueignen. Sie überfallen die armeni⸗ schen und kurdischen Dörfer, rauben und morden, um ihre Autorität zu stärken, und legen den Bauern regelmäßige Kontributionen auf. Auf diese Weise wird der gemeine Dieb und Räuber zum gnädigen Herrn Baron. Sofort aber, kraft dieses Herrschaftsrechtes, machen sie sich zu Eigentümern des Grund und Bobens. Der Uebergang, der in Europa Jahrhunderte dauerte, vollzieht sich hier im Hand⸗ umdrehen; ja, er wird gelegentlich überhaupt ausgeschaltet, indem man die Bauern einfach abschlachtet und weglagt und das Land in Besitz nimmt.

Da nunmehr der Orient erst recht in eine Periode der Eisen⸗ bahnbauten eingetreten ist und daneben auch bereits Bergwerke und große industrielle Konzessionen an die Tagesordnung gelangen, so haben die Vertreter der herrschenden und besitzenden Schichten, sowohl die Kaufleute und Bankiers, wie die kurdischen Mordbrenner und die arabischen Sklavenhalter, auch für diese Dinge Appetit be⸗

[kommen.