Ausgabe 
14.1.1913
 
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Nummer 41

Dienstag, den 14. Januar 1913

1. Jahrgang

Die Bedeutung der Entwickelungstheorie für

unsere Naturanschauung). (Schluß.) Könnte man das, was man an dem einzelnen Geschöpf wahrnimmt, auf die ganze Welt anwenden? Hat sich auch die Welt, hat sich auch die Menschheit entwickelt? Die Ant-

wort auf diese Fragen verdanken wir einigen hervorragenden

Denkern und Forschern der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Der deutsche Dichter und Denker Herder ge: hörte zu den ersten, die die Geschichte der Menschheit als einen Entwicklungsvorgang aufzufassen lehrten. Während noch vor wenigen Jahrhunderten selbst die gelehrtesten und geistreich⸗ sten Männer es für angemessen hielten, die Geschichte der Menschheit mit einem Hokuspokus beginnen zu lassen, mit einem erschaffenen Menschenpaar, das gleich von Anfang an im Besitz der menschlichen Eigenschaften sein sollte, so ist es für die neuere Zeit eine unabweisliche Forderung der Ver nunft geworden, den Menschen mit all seinem materiellen und geistigen Kulturbesitz als etwas ganz allmählich Gewor- denes zu betrachten. Von dem ungeschliffenen Steinbeil der älteren Steinzeit bis zu der modernen Rotationsmaschine und von den rohen primitiven Verständigungsmitteln bis zur heutigen drahtlosen Telegraphie; von der Keule des un- geschlachten Eiszeitmenschen bis zur raffinierten Technik des Massenmordes, auf den selbst die von Humanität über⸗ quellenden Heuchler der offiziellen internationalen Friedens- konferenzen stolz sein können, das alles ist geworden, es hat sich Schritt für Schritt entwickelt. Aus der mannigfachen Wechselwirkung zwischen den Eigentümlichkeiten des mensch⸗ lichen Körpers und Geistes auf der einen Seite und den mannigfach sich gestaltenden Lebensbedingungen auf der an deren hat sich jeder Schritt in jener Entwicklung mit Not⸗ wendigkeit ergeben. Das ist der leitende Gedanke der Ge- schichtswissenschaft der Gegenwart. Aus dem Nebeneinander verschiedener Lebensführungen bei den gegenwärtigen Völ⸗ kern, aus den sonderbaren Ueberresten altertümlicher Sitten und Gebräuche läßt sich der Entwicklungsgang unserer eige nen Völkergruppe veranschaulichen, verstehen, in seine einzel⸗ nen Stufen zerlegen, auf seine notwendigen Vorbeding ungen zurückführen.

Sollte es aber gelingen, diese Art der Betrachtung auch auf die ganze Welt anzuwenden? Wiederum sind es einige geniale Männer des achtzehnten Jahrhunderts, die zu dieser Einsicht die Grundsteine gelegt haben. Der Philosoph Kant, der Astronom Herschel und der Mathematiker Laplace, ferner aus dem neunzehnten Jahrhundert die beiden deutschen Na turforscher Bunsen und Kirchhoff. Diese Männer haben der Menschheit einen Einblick in das Werden der Welten ver- schafft, wie er großartiger nicht gedacht werden kann. Das Weltall ist uns nicht mehr ein unverstandenes Nebenein- ander von Nebelmassen, Sternen und Planeten. Wir sehen vor unserem geistigen Auge die unermeßlichen Nebel sich zu dichten Massen zusammenballen, wir sehen aus ihnen Welt- körper von der Art unserer Sonne entstehen. Diese senden ihr eigenes Licht aus, Licht von verschiedener Farbe, ja nach dem Grade ihrer Abkühlung, je nach der Temperatur, die man von manchen von ihnen mit überraschender Genauigkeit anzugeben imstande ist. Doch die Abkühlung schreitet unauf⸗ haltsam fort, die unvermeidliche Folge ist die Bildung einer festen Kruste. Wasser kann sich in flüssigem Zustand nieder⸗

schlagen, Festländer und. Meere zieren nun das Autlitz des Weltkörpers. Es kommt aber eine Zeit, wo das Wasser und selbst die Lufthülle wieder aufgesogen werden, der Welt- körper zeigt unverkennbare Züge des Alterns; endlich kommt der letzte Schlag: der Weltkörper zerfällt in Stücke, die nun fortfahren, sich im Weltraum herumzutreiben, bis sie auf ihren Wanderungen in den Bereich der Anziehung durch einen noch lebensfrischeren größeren Weltkörper geraten und nun in Gestalt von Sternschnuppen oder Meteorsteinen auf die Oberfläche des jüngeren Weltkörpers herunterregnen. Aus dem unverstandenen Nebeneinander der verschiedenen Zustände der Weltkörper ist jetzt ein großartiges Bild der Entwicklung der Weltkörper geworden. Die einzelnen Welt⸗ körper, die Sterne, die Sonne, die Erde, der Mond, sie alle sind für uns nur Beispiele für das eine oder andere Stadium dieses großartigen Weltbildungsprozesses. Wir verstehen sie als die notwendigen Glieder in einer Kette von Naturvor- gängen, die sich abspielen müssen, wenn einmal der Aefang gemacht wurde.

Haben wir das alles eingesehen, so eröffnet sich vor un- serem geistigen Blicke eine unheimlich klaffende Lücke. Aus der einen Seite ist die anthropologische Entwicklung, die all mähliche Gestaltung der Lebensverhältnisse des Menschen, eine anerkannte Sache. Auf der anderen Seite ist die kosmo⸗ logische Entwicklung, die Entwicklung vom Nebelfleck bis zum Planeten und bis zum Nebelstaub, ebenso anerkannt. Aber dazwischen! Soll da eine unerforschte und unerforschliche Leere bestehen bleiben? Hat uns der Sternkundige bis zur Bildung des Planeten, bis zur Entstehung der Wohnstätte für Lebewesen geführt, um uns hier in diesem entscheidenden Augenblick wieder auf den alten Hokuspokus zu verweisen? Wo der Sternkundige uns verläßt, da kann der Archäologe, der Urgeschichtsforscher noch nicht die Führung übernehmen. Der Mensch gehört zur Tierwelt, das weiß jeder aus der Schule. Die Tierwelt steht mit der Pflanzenwelt in mannig⸗ fachen Beziehungen, die Tierwelt ist ohne Pflanzenwelt un⸗ denkbar. Wenn in der Sternenwelt alles auf ein von festen Gesetzen geregeltes Werden hinweist, wenn die verschiedenen Stufen in der Lebensführung des Menschen ebenfalls nur als Etappen auf dem langen Wege seiner Entwicklung sich dar⸗ stellen, wie soll die Lücke zwischen dem Erkalten des Planeten und dem Erscheinen des Menschen dem Zufall überlassen wer den? Unser Bedürfnis, die Erscheinungen in ihrem Zu⸗ sammenhang zu erkennen, läßt uns hier nicht ruhen, ehe wir auch für dieses Stück des Weltprozesses die Lösung gefunden haben. Es kann nicht anders sein, auch die ganze Lebewelt und der Mensch als Glied derselben ist nicht unvermittelt und in fertiger Form aufgetreten, auch die gesamte Lebewelt hat ihre Entwicklung, ihre Geschichte gehabt. Dieser Gedanke nistete sich schon in den Gehirnen der Denker aus dem acht⸗ zehnten Jahrhundert ein. Doch dauerte es lange, bis er die klare Form eines zwingenden Beweises angenommen hat, dem sich kein denkender Mensch entschlagen kann. Das Durch- dringen, die vollständige Anerkennung dieses. Gedankens ge⸗ hört ganz dem neunzehnten Jahrhundert an. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erst hat sich dieser Ge⸗ danke derart eingebürgert, daß er heute die Grundlage für die gesamten Betrachtungen über die belebte Natur bildet. Die heutige Wissenschaft von den Lebewesen Biologie nennt man sie steht ganz und gar im Zeichen der Entwick⸗ lungsindee.

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Wissen istsnachf

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung