Ausgabe 
13.5.1913
 
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schast endigs. Es fühlt sich berufen, die geschichtliche Entwick⸗ lung der Dinge fortzusetzen ohne Beihilfe privilegierter Führer. Die Freiheit, mit welcher die Bourgeoisie das Volk in den Kampf lockt wider den feudalen Adel und gegen die Bureaukratie, die Gleichheit und Brüderlichkeit, welche uns die Klerisei anpreist, um zum Zwecke ihrer priesterlichen Herrschaft uns mit Stricken des Aberglaubens zu binden, schlägt um in die reale Freiheit, Gleichheit und Brüder⸗ lichkeit der sozialen Demokratie.

Die kultivierte menschliche Gesellschaft Einzelwesen, woran wir glauben. Auf ihrer sozialdemo⸗ kratischen Gestaltung beruht unsere Hoffnung. Sie erst wird die Liebe zur Wahrheit machen, für welche religiöse Phantasten bisher nur geschwärmt haben. Wir verlangen von der Gesellschaft, daß sie nicht nur menschlich heiße, sondern menschlich sei.

ist das höchste

3 Höhere Schulen. * Von Julian Borchardt.

Wozu brauchen wirhöhere undniedere Schulen? Wohl kann man sich vorstellen, daß verschiedenartige Schulen notwendig sein mögen je nach der verschiedenen Ausbildung, die die Kinder für ihren späteren Beruf im Leben brauchen. Aber das hat dann doch nichts mithoch undniedrig zu tun. Halten wir uns, um die wahren Gründe dieser Teilung zu finden, gleich an diehöchste aller Schulen, an das Gymnasium. Da wird von denen, die das n Gymnasiumin seiner Eigenart erhalten wollen, ge⸗ agt, es sei die Gelehrtenschule. Nur das humanistische Gymnasium könne diejenige Bildung geben, die der Betrieb der Wissenschaft und die geistige Führung der Nation erfordern. Damit steht aber in seltsamem Widerspruch die Angabe eben derselben Personen, daß das Gymnasium heutzutage weit entfernt sei, diese seine Aufgabe zu erfüllen. Gerade die eifrigsten Befürworter des Gymnasiums haben neuerdings dessen Leistungen in Grund und Boden ver⸗ dammt. So erklärte z. B. im preußischen Herrenhause am 21. Mai 1912 Herr Dr. Graf Norck v. Wartenburg:Mit unseren Abiturien⸗ ten steht es übel, sie können im allgemeinen nichts gründlich, und ihr deutscher Stil ist fast noch schlechter als der lateinische. Ein Oberlehrer hatte ihm mitgeteilt, daß die Unsicherheit des Wissens bei den Abiturienten sich auf alle Gebiete erstrecke. Auf Fragen, die durchaus der allgemeinen Bildung angehören, werden oft die unglaublichsten Antworten gegeben. Fast noch schlimmere Angaben machte in der gleichen Sitzung der Fachmann Professor Hillebrandt. Fragt man nach den Ursachen dieser überaus mangelhaften Leistungen, so sind sich auch darüber die Sachverständigen voll⸗ kommen einig: es besuchen das Gymnasium viel zu viel unge⸗ eignete Schüler, d. h. Schüler, welche für die schwere Kost, die dort geboten wird, nicht die nötige Befähigung haben. In der Reichstagssitzung vom 23. Januar 101 teilte der Oberlehrer Kuck hoff vom Zentrum mit, daß nur etwa Dreifünftel derer, die in die Sexta eingetreten sind, das Einjährigenzeugnis erlangen. Nur aber von allen Sextanern erreicht das Ziel der Schule, das Abiturientenexamen, und von diesem Viertel wiederum nur in der vorgeschriebenen Zeit!

Wie kommt es nun, daß das Gymnasium und so ziemlich dasselbe gilt auch von den übrigen höheren Schulen dermaßen überlausen wird von ungeeigneten Schülern, von Schülern, die weder die Fähigkeit noch auch nur die Absicht haben, die Schule bis zum Abiturientenexamen durchzumachen? Auch darüber sind sich die Fachleute durchaus im klaren: es ist eben ein großer Irrtum, anzunehmen, daß das Gymnastum die Schule für die Befähigten, die Begabten, die späteren Gelehrten sei. Es ist vielmehr die Schule für die Reichen, für diesenigen, die Geld geung haben, ihren Kindern durch den Besuch der höheren Schule allerlei Berech⸗ tigungen zu erkaufen. Am schlimmsten wirkt die Berech⸗ tigung zum einjährigen Militärdienst, die auf der höheren Schule erworben wird. Sie verwüstet geradezu den Unterricht. Hören wir darüber wieder die Stimmen einiger sehrstaatserhaltender Leute.

In der schon erwähnten Sitzung des Reichstages vom 29. Jan. 1913 sagte der Münchener Studiendirektor Dr. Kerschensteiner, daß infolge des Einjährigenzeugnisses das Gymnasium

mit Schülermaterial belastet ist, dem die Schnur alles, die Bil⸗ dung nichts ist... das Einjährigfreiwilligenrecht ist heute ein Privileg nicht der Tüchtigen, sondern der Vermögenden. Was sich in den höheren Schulen die Schnur ersitzt, das ist eher geistig und körperlich verkrüppelt, als daß es wirklich gebildet wäre.

Der bereits genannte Oberlehrer Kuckhoff vom Zentrum sagte: Heutzutage werden die höheren Schulen vielsach nicht zu dem Zweck besucht, um sich höhere Bildung zu erwerben, sondern allein zu dem Zweck, das Einjährigenzeugnis zu bekommen. Welt gröber drückte sich Professor Uphnes aus, der die Gymnasien eine Probier⸗ Anstalt nannte für die Söhne derer, die Geld haben. Und Prosessor Hillebrandt gab der Empfindung Ausdruck,daß heute unser Gum⸗ Uastum eine Schutzstätte für die geistig Schwachen ib. Man habe sich gewöhnt,unsere höheren Schulen als ein Warenhaus zu betr. achten, wo man mit billiger Arbeit und mit geringen geistigen Mitteln gute Berechtigungen bekommt. Er scheute sich

auch nicht, den Zubrang zum Studlum einsach alsKampf um den Futterplatz zu bezeichnen.

Wenn man somit den Ursprung des Uebels ganz gut kennt, so ist natürlich auch der Weg zur Heilung klar vorgezeichnet: es müßte eine geistige Auslese stattfinden, nur die Befählgten dürften zur höheren Schule zugelassen werden. Das wünschte denn auch Pro⸗ fessor Hillebrandt mit den Worten:

Allen Begabten muß Tür und Tor geöffnet werden, ob arm ob reich, aber die Unbegabten sollen möglichst zurlickgehalten werden, gleichgültig ob arm oder reich.

Leiber 15 er jedoch vergessen hinzuzufügen, wie man das wohl machen soll? Heutzutage entscheidet schon der erste Schritt in die Schule hinein meist über das ganze spätere Leben. Haben die Eltern kein Geld und müssen sie deshalb das Kind in die Volks⸗ schule bringen, so nützen ihm die herrlichsten Begabungen nichts, es wird kaum je zu einer höheren Laufbahn gelangen können. Umgekehrt wird gerade deshalb jeder Vater, der es irgend er⸗ schwingen kann, für seine heiligste Pflicht halten, das Kind in die höhere, womöglich in die buchte Schule zu schicken, um ihm fllr später jede Laufbahn offen zu halten, denn bei einem 69jährigen Kinde kann man ja noch gar nicht wissen, was es für Begabungen hat und für welchen Beruf es sich später einmal eignen wird. Wer wollte da die furchtbare Verantwortung auf sich nehmen, aus Geiz dem Kind irgend eine Laufbahn verschlossen zu haben, da er doch immer damit rechnen muß, daß sich später Fähigkeiten zeigen, die man in so früher Jugend noch nicht erkennen konnte? Nur der bringt sein Kind in die Volksschule, der es muß, weil er die höhere Schule nicht bezahlen kann.

Das Ganze zeigt eben wieder die totale Verkehrtheit und Ver⸗ rücktheit unserer Zustände, die das ganze Leben nach der Größe des Geldsacks abstufen. Einen Weg hinaus aus dieser Misere gibt es allerdings, und der heißt: Einheitsschule. Will man wirk⸗ lich alle Begabten zulassen und alle Unbegabten zurückweisen, gleich⸗ gliltig, ob reich oder arm, daun muß man erstens die Entscheidung bis in ein Lebensalter verschieben, wo sich die Begabung erkennen läßt, und zweitens muß man allen die Gelegenheit geben, ihre Begabung zu zeigen und zu entwickeln. Man muß also sämtliche Kinder die des Tagelöhners sowohl wie die des Fürsten im Alter von 614 Jahren in dieselbe gemeinschaftliche Volksschule schicken, wo ihnen auf Staatskosten die gleiche Grundlage all⸗ gemeiner Bildung geboten wird. Haben sie diese 8 Schulfahre hinter sich, dann muß sich daran die Fachausbildung für den Beruf anschließen. Dann kann es also auch Gelehrtenschulen geben, welche vom 14. Lebensjahre an diejenigen Kinder besuchen, die dazu be⸗ fähigt sind und einen gelehrten Beruf ergreisen wollen. So ist die Einheitsschule nicht nur Voraussetzung für eine gründliche all⸗ gemeine Bildung des gesamten Volkes, sondern auch für einen gründlichen Betrieb der Wissenschaften. Aber merkwürdig, nur die Sozialdemokratie erstrebt die Einheitsschule, von sämtlichenstaatserhaltenden Partelen wird sie bekämpft.

Die Verkehrsmittel in den Weltstädten.

Man will es vielfach noch immer nicht wahrhaben, daß wir in einer neuen Zeit leben, einer Zeit, die sich von früheren ganz und gar unterscheidet, weil die Entwicklung tatsächlich ganz andere Formen und eine ganz andere Wendung genom⸗ men hat. Wer sich aber-mit den wirtschaftlichen Erscheinungen

beschäftigt, wird das ohne weiteres erkennen. Allein schon die Vevölkerungsentwicklung zeigt das zur Evidenz. 1800 beherbergte ganz Europa 175 Millionen Menschen. Um zu dieser Einwohnerzahl zu gelangen, waren fast geologische Epochen nötig. Jetzt, nach etwas über hundert Jahren, ist Europas Bevölkerung auf rund 510 Millionen angewachsen. Es wäre früher schlechterdings unmöglich gewesen, diese Men⸗ schenmasse zu ernähren. Erst die neue Wirtschaft und die Ent⸗ wicklung der Verkehrsmittel, die wir der hochstehenden Wissen⸗ schaft und Technik verdanken, ermöglichen diese Leistung. Die Entwicklung der Bevölkerung bringt eine Erschei⸗ nung mit sich, die zwar scheinbar nicht ganz neu ist, nämlich die Zusammendrängung in den Städten, besonders in den Großstädten. Auch das Altertum hat seine Großstädte gehabt. Babylon und Rom werden immer als Beispiele dafür angeführt. Doch trifft das eigentlich nur für Rom zu. Babylon war keine Großstadt im modernen Sinne, es war vielmehr ein riesiges Zelt⸗ und Hüttenlager, das nur die Befestigung als gemeinsam Bindendes hatte. Allein Rom Wies schon einige Erscheinungen auf, die wir auch in den modernen Weltstädten wiederfinden, nämlich die Zusammen⸗ pferchung der Menschen in vielstöckigen Wohnkasernen. Aber das war doch immerhin ein Ausnahmefall. Die heutige Wohnweise in Deutschland ist nun schon fast typisch dye städtische und wird es trotz aller entgegenstehenden Bestreb⸗ ungen noch immer mehr. Sie bringt naturnotwendig ein früher ungekannten Verkehr mit sich und stellt daber an d

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