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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volkszeitung
Nummer 6
Mittwoch, den 1a. snai 1913
2. Jahrgang
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Von Josef Dietzgen.
Alles Ringen und Kämpfen der Weltgeschichte, alles Sinnen und Trachten der Wissenschaft findet seine Spitze, seinen gemeinsamen Zweck in der Fr eiheit des Menschen, in der Unterwerfung der Natur unter die Botmäßigkeit seines Geistes.
Was heißt Freiheit? Ist sie eine Chimäre, von der man singt:„Freiheit, die ich meine“, und von der, genauer zuge— sehen, doch nur der Name gekannt ist; nach der die großen Redner von 48 geseufzt und geschmachtet, wie die Backfische nach einem unbekannten Schatz seufzen? Und wahrlich, auch der hat nur einen höchst spießbürgerlichen Begriff von ihrem hohen Wesen, wer, wie der Philister, dabei an die Freiheit von polizeilicher Plackerei denkt, oder an die Freiheit gewerb⸗ licher Konkurrenz, an die Freiheit der religiösen, politischen oder irgend einer Ueberzeugung, oder an die Freiheit, sich mit den Genossen in irgend einem Lokal oder gar unter freiem Himmel zu versammeln und öffentliche Angelegen⸗ heiten zu diskutieren. Alles das sind nur Quasten und Troddeln der Freiheit. Unsere Liberalen und Fortschritts⸗ männer, die nur nach diesem Flittergold suchen, haben schon längst den wahren Leib der Freiheit als Privilegium dem Volke vorweggenommen. Was sie besitzen und größtenteils im Uebermaß genießen: die Befreiung vom Joche sklavischer Arbeit, die Befreiung von Not, Elend und Sorge, von Hunger, Kummer und Ungewißheit, die Befreiung von der Plage, Lasttier der„höheren Gesellschaft“ zu sein,— diese Freiheit, und zwar für die Masse, für das Volk, das ist der heilige Zweck, den zu erfüllen die so unendlich reich gewordene mensch⸗ liche Arbeitskraft den Beruf hat.
Des Menschengeschlechts bisherige Not mochte unver⸗ meidlich sein, weil die Kraft nicht vorhanden war, sie zu lindern. Jahrtausende der Entwicklung waren erfordert, um diese Kraft großzuziehen. Während die Arbeit des Volkes nicht ergiebig genng war, um die Bedürfnisse der Masse zu befriedigen, mochten einzelne Klassen das Privilegium der Herrschaft sich aneignen. Noch mehr: die Entwicklung unserer Arbeitskraft, ihr Ziel, die moderne Ergiebigkeit, fordert die Herrschaft privilegierter Geschlechter, erforderte gleichsam die Ausbeutung der Masse. Wir wollen also das Elend der Ver⸗ gangenheit mit Geduld und Ergebung, ohne Haß und Groll ertragen. Um so vollkommener berechtigt sind dann aber auch die sozialdemokratischen Forderungen für die Gegenwart. Das Volk verlangt nach der realen Erlösung, weil endlich die Bedingungen dazu vorhanden sind. Armut, Hunger und Elend der Vergangenheit waren vielfach durch Mangel an Lebensmitteln verursacht. Gegenwärtig, und seit Dezennien schon, ist es umgekehrt, überschüssiger Reichtum, wie er sich in Geld-, Handels- oder Industriekreisen offenbart, der die Ar⸗ beitskraft des Volkes brach legt. Bisheran war es Aufgabe der geschichtlichen Entwicklung, die Produktion zu organi⸗
sieren, zu arbeiten, zu sparen, Reichtümer zu schaffen. Zu diesem Zweck mochte die Kultur den Menschen als Werkzeug gebrauchen. Soweit ihre Aufgabe innerhalb dieser Knecht⸗ schaft erreicht war, ist sie erreicht. Die Kultur war bisher Zweck, und der Mensch Mittel. Jetzt gilt es die Dinge um⸗ zukehren, den Menschen zum Zweck und Kultur zum Mittel zu machen. Die erste Bedingung, das Werk der Entwicklung
diebe. Statt des luxuriösen Firlefanzes eurer Afterkultur verlangt es die planmäßige Produktion, welche nicht die Völlerei einzelner durch den Mangel des Volkes, sondern das tägliche Brot allgemein und reichlich erzeugt. Bewußte plan- mäßige Organisation der sozialen Arbeit nennt sich der er; sehnte Heiland der neuern Zeit.
Die Gleichheit der Sozialdemokratie ist keine phan⸗ tastische Gleichheit, welche ihren Gegensatz, die Verschiedenheit, ausschließt. Unsere menschliche Natur hat uns allen das gleiche Bedürfnis gegeben, auf diesem Erdboden unsern Hunger zu stillen, unsern Leib zu kleiden, alle unsere verschie⸗ denen Kräfte zu entwickeln. Die Menschenkinder haben von Natur alle das gleiche Verlangen, ihr Leben zu verbringen in tätiger Lust, ohne Elend und Knechtschaft. Die Gleichheit des Verlangens ändert die Verschiedenheit nicht, welche jeden von uns mit Kräften und Talenten eigner Art ausgerüstet hat. Wie also der Gegensatz zwischen Gleichheit und Mannig⸗ faltigkeit in der Natur der Dinge faktisch vereint und über⸗ wunden ist, so soll auch das soziale Leben der Zukunft die Menschen gleich machen an gesellschaftlichem Rang und Wert, ihnen den gleichen Anspruch geben auf Genuß des indivi⸗ duellen Lebens, ohne deshalb die Verschiedenheit aufzuheben, welche jedem seine besondere Aufgabe zuteilt, jedem gestattet, nach seiner eigenen Fasson selig zu werden.
Dazu ist das Erste und Vornehmste: die bisherige Idee vom höchsten Wesen, den Begriff der Vollkommenheit zu reformieren. Bis dahin hat man das Erhabene, das Erste, Höchste, Göttliche und Vollkommene immer als ein einzel- nes Ding oder Wesen gesucht und angeschaut. Hier nahmen die Barbaren irgend einen Baum dafür an, dort war es ein goldenes Kalb, dann eine zornige Gerechtigkeit, die in Blitz und Donner lebte, und die Christen schließlich vergötterten den Geist der Liebe. Warum blieb dieser Geist der Liebe so unvollkommen? Weil dem göttlichen Geiste sein Gegensatz, das Fleisch und Bein, fehlte. Wir werden dem Geist der Liebe nur dann Fleisch und Bein geben, wenn wir das Voll⸗ kommene, das Große und Höchste, weder in einem einzelnen Ding, noch in einer einzelnen Eigenschaft, noch in einer be⸗ sonderen Persönlichkeit, sondern in der Gemeinschaft, in der Zusammengehörigkeit aller Menschen und Dinge suchen. Die bevorzugte Göttlichkeit des Einzelnen soll aufgehoben sein, damit die allgemeine Teufelei aufhöre.
Die sozialdemokratische Gleichheit ist demnach etwas ganz anderes als die fade politische Gleichheit, mit der unsere libe⸗ ralen Parteien das Volk abspeisen möchten. Sie wollen die politische Gleichheit, damit wir ihnen helfen sollen, ein Regiment etablieren, wo sie uns zur Erhaltung und Vermeh⸗ rung ihres Reichtums recht weidlich gebrauchen können. Unsere Gleichheit aber zielt dahin, diesen Reichtum dem wiederzugeben, der ihn durch seine angestrengte Arbeit nach und nach im Verlauf der Geschichte erzeugt hat, nämlich dem Volke.
Solange die Natur als unbezwingbares Verhängnis, als allmächtige Gottheit gewaltet hat und die Menschheit mit Armut knechtete, durfte Einzelnen oder einzelnen Klassen die Herrschaft gestattet sein, um als Führer zu dienen. Die alte, die feudale und die gegenwärtige bürgerliche Sklaverei sind progressive Schritte zur Organisation der Arbeit. Nun aber naht die Zeit, wo ein weiterer Fortschritt erfordert ist. Das Volk ist durch die errungene reiche Ergiebigkeit seiner Arbei
fortzusetzen, ist die Freiheit des Volkes, seine Teilnahme am Konsum. Das Volk ist kein Haufen genußsüchtiger Tage⸗
auf dem Punkte angekommen, wo es verlangt, daß alle Herr⸗
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