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12.8.1913
 
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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

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Nummer 19

Dienstag, den 12. Rugust 1913

2. Jahrgang

Genossenschaftliche Erziehungsarbeit.

Wie uns die Erfahrung lehrt, stehen Menschen und Ver⸗ hältnisse in einer beständigen Wechselwirkung: andere Men⸗ schen schaffen andere Verhältnisse, und andere Verhältniss schaffen andere Menschen. Ebenso gut wie man sagen kann, die Menschen sind das Produkt der jeweiligen Verhältnisse, kann man auch sagen, die Verhältnisse sind das Erzeugnis der jeweils lebenden Menschen. Es ist eine gegenseitige Be einflussung vorhanden zwischen den Menschen und ihren Lebensbedingungen; diese Tatsache muß man festhalten, wenn man die Entwicklungsgeschichte der Menschheit verstehen will. Und man muß auch mit dieser Tatsache rechnen, wenn man die Aufwärtsentwicklung der Menschheit fördern will.

Bei dem Bestreben, eine neue, höhere Gesellschaftsord nung ins Leben zu rufen, das heißt, das menschliche Zusam menleben und Zusammenarbeiten auf eine neue Grundlage zu stellen, die den Prinzipien der Vernunft, der Gerechtigkeit

und der Sozialmoral entspricht, kommt es offenbar nicht nur darauf an, die Lebens- und Arbeitsbedingungen neu zu ge

stalten und zu verbessern, sondern auch darauf, das vorhan dene Menschenmaterial zu veredeln. Bessere Verhältnisse und bessere Menschen! muß die Parole lauten, unter der das soziale Neuland erobert wird. Darum ist auch die soziale Frage der Gegenwart nicht mehr eine rein wirtschaftliche, eine sogenannte Magenfrage, sondern sie hat sich zu einer Bildungs-, Erziehungs- und Kulturfrage erweitert. Und weil werden auch die Aufgaben der Menschheits pioniere, die dem Neuen Bahn brechen wollen, immer um fangreicher und vielseitiger, und immer neue Gebiete mensch licher Betätigung werden in den Bereich sozialreformerischer Arbeit gezogen. In der modernen Genossenschaftsbewegung tritt die Wechselwirkung zwischen Menschen und Verhältnissen deutlich zutage. Die Träger dieser neuen Bewegung haben erkannt, daß man tüchtige, geschulte Mitarbeiter haben muß, wenn man die hohen Aufgaben erfüllen und die hohen Ziele erreichen will, die man sich gestellt hat. Die Genossenschafts frage ist also auch eine Kulturfrage, wovon die kurzsichtigen Leute keine Ahnung haben, die in dem Genossenschaftsladen eine Krämerei und in dem Konsumverein eine Dividenden- züchterei erblicken. Darum spielt die genossenschaftliche Er ziehung, die Heranbildung unserer Mitglieder zu tüchtigen Genossenschaftern, eine solch überaus wichtige Rolle.

Da wir Menschen soziale Wesen sind, die in Gruppen zusammenleben und darum aufeinander angewiesen sind, so läuft alle Erziehung darauf hinaus, das Verhältnis der Menschen untereinander so zu gestalten, daß die Reibungs⸗ flächen vermindert und Zusammenstöße vermieden werden. Die Menschen sollen wie Menschen zusammenleben, sie sollen, wie der alte griechische Philosoph Plato sagt, empfinden, wie lieb und verwandt der Mensch dem Menschen ist, sie sollen in jedem anderen Menschen ein Heiligtum erblicken, das man nicht verletzen darf. Und zu dieser Höhe des Menschtums müssen sie erzogen werden.

Bekanntlich ist die Organisation ein geeignetes Mittel, der sozialen Erziehung Vorschub zu leisten, weil die enge Be rührung der Mitglieder eines Vereins miteinander dazu beiträgt, Ecken und Kanten abzuschleifen und die gegenseiti gen Vorzüge zu offenbaren. In ihrem eigenen Interesse sind die Organisationen gezwungen, ihre Mitglieder zu bilden und zu erziehen, weil sie nur mit geschulten Leuten etwas anfangen können. 2

Wenn man die Gegenwart mit der früheren Zeit ver gleicht, so muß man sagen, daß die Bildungs⸗ und Er⸗ ziehungsmöglichkeiten ganz ungeheuer gewachsen sind. In den Zeiten der Vergangenheit und diese Vergangenheit liegt noch gar nicht weit zurück waren die Oberschichten in dieser Beziehung sehr bevorzugt, da sich die Möglichkeit, mit Wissenschaft und Kultur in Verbindung zu treten, auf sie beschränkte. In die Mittelschichten sickerte nur wenig davon herab, und die Unterschichten blieben völlig unberührt. Kein Mensch kümmerte sich um die große Masse des Volkes, und die heranwachsende Generation blieb sich selbst überlassen. Von einer planmäßigen Bildungs⸗ und Erziehungsarbeit konnte nirgends die Rede sein.

Das ist nun ganz anders geworden. Mit dem Aufkom⸗ men der kapitalistischen Wirtschaftsweise machte sich ein bis⸗ her ungeahntes Bedürfnis nach einer allgemeinen Volks⸗ bildung fühlbar. Die verbesserte Maschinentechnik erforderte bessere Arbeitskräfte, und eine vollkommenere Arbeitsweise stellte höhere Ansprüche an die Arbeiter. Das Kapital konnte mit dem bisherigen Menschenmaterial, das in geistiger und technischer Beziehung zurückgeblieben war, nichts anfangen; es bedurfte zur Herstellung und Bedienung der kunstvollen Kraft⸗ und Arbeitsmaschinen geschulter Leute, deren Gehirn die neuen Eindrücke in sich aufnehmen und deren Geist die neuen Ideen in sich verarbeiten konnte. Die kapitalistischen Betriebe, in denen eine Erfindung die andere jagte, hatten Arbeiter nötig, deren geistiger Horizont erweitert war, die eine große Anpassungsfähigkeit an das Neue besaßen. Auch das sich immer großartiger entwickelnde Verkehrswesen und die beginnende Eroberung des Weltmarkts durch die fortge schrittenen Völker konnten ohne tüchtige Hilfskräfte nicht mehr auskommen. 5

Da diese Mitarbeiter nicht vorhanden waren, mußten sie geschaffen werden, und darum setzte gleich mit dem Beginn der kapitalistischen Aera ein Bildungseifer ein, wie ihn die Welt noch niemals gekannt hatte. Das Jahrhundert der Aufklärung brach an, das berühmte pädagogische Jahr⸗ hundert. Ueber das gesamte Volk sollte die Bildung ausge⸗ gossen werden, und die Wissenschaft, einstmals das Vorrecht einer kleinen Zahl Menschen, sollte zu einem Gemeingute des Volkes werden. Mit richtigem Instinkt legte man den Hebel unten an und suchte vom tiefsten Grund aus die Volksmasse zu hehen. Der Staat gründete Volksschulen und streute den Samen des Wissens bis in die entlegensten Winkel und Ecken unseres Landes.

Leider aber gewinnt es immer mehr den Anschein, als ob die Bildungsarbeit der letzten Jahrzehnte nicht den beab⸗ sichtigten Erfolg gehabt hat. Die moderne Menschheit ist sicherlich aufgeklärter als die frühere Menschheit, aber ob sie auch besser geworden ist, das ist eine viel umstrittene Frage. Es wird von Kennern des Volkslebens behauptet, daß die Bildung des Herzens mit der Bildung des Kopfes nicht gleichen Schritt gehalten habe, daß die geistige Bewegung der Gegenwart wohl in die Breite, aber nicht genügend in die Tiefe gewachsen sei. Und es wird darum immer dringen⸗ der die Forderung erhoben, daß Bildung und Aufklärung durch planmäßige Erziehung und Schulung ergänzt werden müsse.

Dieser Umschwung im weiten Gebiete des Bildungs⸗ und Erziehungswesens macht sich allgemein bemerkbar. Durch die Erfahrung haben wir lernen müssen, daß eine tiefe Kluft besteht awischen Verstandes⸗ und Willensbildung, zwischen