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öchentliche Beilage der Oberhessischen Dolks zeitung
nummer 5 Dienstag, den!
I. Februar 1913 1. Jahrgang
Aus der proletarischen Bildungsbewegung. Die Berliner Arbeiterbibliotheken.
Das Bildungswesen der Berliner Arbeiterschaft steht letzt endlich vor einer grundsätzlichen Reorganisation. Die maßgebenden Partei- und Gewerkschaftsinstanzen sind, nach- dem die anderen Großstädte Deutschlands schon längst mit gutem Beispiel vorangingen, zu der Einsicht gelangt, daß es so wie bisher nicht weitergehen kann. Groß-Berlin, der Sitz des Zentralbildungsausschusses für Deutschland, hat mit überraschender Eile einen Bezirksbildungsausschuß erhalten. Diese Tatsache entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Die Einrichtungen, die schon in den größeren Städten Hinter⸗ pommerns bestehen, werden nun auch endlich in Groß-Berlin, dem geistigen Zentralpunkt der Arbeiterbewegung, eingeführt.
Nach den bekannten Grundsätzen der zentralen Bezirks⸗ bildungsausschüsse haben vor allem Partei und Gewerkschaft das Bildungswesen gemeinsam in die Hand zu nehmen.
Das Fundament aller Arbeiterbildungseinrichtungen ist die Bibliothek; durch diese wird auf den bildungsbedürftigen Proletarier der umfassendste und tiefste Einfluß ausgeübt. Daher haben die Bezirksbildungsausschüsse auch in erster Linie die Aufgabe, das Bibliothekwesen eines Ortes oder Bezirks nach gemeinsamen, zentralistischen Grundsätzen zu organisieren. Welchen großen Fortschritt das Prinzip der Zentralisation gegenüber dem bisherigen Partikularismus
besonders für die Bibliotheken bedeutet, ist bereits des öfteren mit aller Gründlichkeit dargelegt worden.
Die straffe Zentralisation, die andererseits gleichzeitig die feinste und tiefste Dezentralisation einschließt, ist heute die höchste Form der Organisation, denn auf allen Gebieten hat sie ihre Triumphe gefeiert.
Die Hauptfrage ist an dieser Stelle nur die, mit welcher Gründlichkeit und Schnelligkeit es dem Bezirksbildungsaus⸗ schuß Groß⸗Berlins gelingen wird, die zerrissenen und zer⸗ streuten Arbeiterbibliotheken zu zentralisieren. Für den mit den Besonderheiten und Eigentümlichkeiten der Berliner Ar⸗ beiterbewegung Vertrauten ist es ohne weiteres klar, daß dies keine leichte Aufgabe sein wird. Der Uebergang zur Hentralisation wird sich wesentlich schwieriger gestalten als in anderen Orten und Bezirken.
Miaährend in den meisten deutschen Großstädten das Ar⸗ beiterbildungswesen verhältnismäßig neueren Datums ist, hat es in Berlin schon eine lange historische Entwicklung. Der Anfang wurde gemacht unmittelbar nach dem Fall des Sozialistengesetzes, mit der Gründung der Arbeiterbildungs⸗ schule durch Wilhelm Liebknecht. Dieses Institut war von Anfang an frei von jeder dogmatischen Parteistellung; es sollte den Proletarier schlechthin bilden. Die Schule hat in ihrer zwanzigjährigen Entwicklung die verschiedensten Wand⸗ lungen und Schicksale erlebt, bis sie seit ungefähr zehn Jahren erst das wurde, was sie eigentlich sein sollte: eine Institution, die dem Arbeiter eine ausgesprochen proletarisch-sozialistische Bildung vermittelt. Und die spätere Entwicklung der Schule hat bewiesen, daß sie den richtigen Weg beschritten hatte. Heute ist die Schule in Berlin für die Arbeiterschaft die einzig festbestehende Einrichtung, die planmäßig und bewußt im Geiste des Sozialismus Bildungsarbeit betreibt. Leider wird dies lange nicht in dem Maße anerkannt und unter⸗ stützt, wie es eigentlich notwendig wäre.
aber der ernsten Bildungsarbeit innerhalb der Arbeiter- bewegung Berlins eine von dem übrigen abgesonderte Stel- lung zugewiesen. Das mag anfänglich richtig gewesen sein, heute aber, wo alles auf die einheitliche Organisationsform hinausläuft, ist es zweifellos überlebt. Die Arbeiter- bildungsschule konnte mit ihren beschränkten Mitteln selbst⸗ verständlich nicht alle Bildungsarbeit in einem Orte wie Groß-Berlin bewältigen. Hätten sich Partei und Gewerk; schaft von vornherein auf diese Einrichtung geeinigt und sie mit vereinten Kräften ausgebaut, dann wäre heute nicht der enorme Wirrwarr vorhanden. So aber schufen die einzelnen Organisationen, besonders die Gewerkschaften, für ihre Mit⸗ glieder eigene Bildungsmöglichkeiten, vor allem die Biblio- theken. Damit wurde der Grund gelegt für den Bildungs- partikularismus, wie er augenblicklich noch herrscht. Alle großen Fragen, die allgemeine Interessen der Arbeiterbewe⸗ gung berühren, werden von der Partei und Gewerkschaft nach gemeinsamen Grundsätzen erledigt; nur eine der größten Fragen, die uns bewegt und die am ersten eine gemeinsame Regelung erfordert— die Bildungsfrage, wird in Berlin von jeder Organisation separat behandelt. Hier arbeitet jede Organisation nach eigenen Gesichtspunkten und Grundsätzen, ganz unabhängig von der Gesamtheit. Während im übrigen in der Arbeiterbewegung, im besonderen bei den Gewerkschaf⸗ ten, der Geist der Zentralisation gesiegt, herrscht in der Or⸗ ganisation der Bildungsmittel die platteste Dezentralisation. Unter der Herrschaft dieses Systems bestehen in Groß-Berlin, nicht zu hoch berechnet, 50 Arbeiterbibliotheken neben⸗ einander, die keine innere Verbindung, keinen einheitlichen Zusammenhang haben.
Diese Entwicklungstendenz wurde in Groß-Berlin be⸗ sonders lebhaft gefördert durch das Vorhandensein einer großen Zahl starker, leistungsfähiger Gewerkschaften. Nach⸗ dem in der Arbeiterbewegung die Notwendigkeit einer gründ⸗ lichen Arbeiterbildung anerkannt worden war, schufen sich die größeren Gewerkschaften, die über reiche Mittel verfügen, Bibliotheken, die für einen Teil ihrer Mitglieder zweifellos etwas sehr Gutes darstellen. Es seien nur die Metallarbeiter⸗ bibliothek mit 17000 Bänden und 18 Abgabestellen, die Holz⸗ arbeiterbibliothek mit zirka 5000 Bänden, die Transport- arbeiterbibliothek mit ebenfalls zirka 5000 Bänden und die Buchdruckerbibliothek mit 4000 Bänden angeführt. Das sind für einzelne Gewerkschaften gewiß sehr respektable Zahlen. Diese Organisationen haben trotz der Dezentralisation durch intensive Arbeit für sich etwas Brauchbares geschaffen und sind aus diesem Grunde heute meistens Gegner einer einheit- lichen Zentralisation, nur weil sie das mühevoll Geschaffene nicht so ohne weiteres an die Allgemeinheit abtreten wollen. Aber diese Bibliotheken zeigen in ihrem gegenwärtigen höchsten Entwicklungsgrad, welche Grenzen ihrer weiteren Ausdehnungsmöglichkeit gesetzt sind, und zwar in erster Linie durch die örtlichen Verhältnisse Groß⸗Berlins. Die Gewerk⸗ schaftsbibliotheken, die nur eine Hauptbibliothek unterhalten, können bei der gewaltigen räumlichen Ausdehnung Berlins immer nur einen Teil ihrer Mitglieder zur Benützung heran⸗ ziehen, der im Innern der Stadt wohnt. Mit Ausnahme der Metallarbeiterbibliothek sind alle Gewerkschaftsbibliotheken im Gewerkschaftshause oder in der Nähe desselben unter⸗ gebracht, auch die große Heimannsche Bibliothek. Die an der Außenseite der Stadt und den ausgedehnten Vororten
Mit der Gründung der Arbeiterbildungsschule wurde
Wohnenden können also nur mit großer Mühe die Bibliothek


