Ausgabe 
10.6.1913
 
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übrigen Organe ihre Funktionen einstellten.

Mit einzelnen Organen von niederen Tieren ließ sich immerhin mehr erreichen. Als Maximalleistung erwähnt Carrel, daß das Herz eines Hühnerembryos, das man in künstlich leb rhaltener Salzlösung funktionieren ließ, noch an hundert veiterschlug, ein Ergebnis, das allerdings in der Physiologie nicht ohne Vorläufer ist. Wie denn überhaupt die Carrelschen Versuche, so sensationell sie auch einem großen Leserkreis erscheinen mögen, dem Natur- forscher nichts prinzipiell neues, sondern nur eine bemerkens⸗ werte Bestätigung der altbekannten Tatsache von der relativen Unabhängigkeit der tierischen Organe von einander bringen.

Eine Erscheinung, die an der Pflanze jedermann ge läufig ist, erscheint, da sie nun auch von den Tieren bekannt wird, geradezu wunderbar. Daß ein abgerissenes Blatt, eine abgeschnittene Blüte, oft nur ein Teil eines solchen Organs, so zum Beispiel dieAugen der Kartoffelknolle tagelang für sich weiterleben können, oft sogar neuerdings zu einer vollständigen Pflanze auswachsen, wie die Vermehrung durch Stecklinge beweist, ist noch viel wunderbarer als das Resul tat der Carrelschen Versuche, beruht aber im Wesen doch nur auf derselben Urtatsache des Lebens und der Regeneration. Wir sind nur daran gewöhnt, daß Tier und Mensch nach tiefgehenden Verletzungen sterben, weil bei solchen gewöhn⸗ lich entweder Verblutung erfolgt, oder aber eine Lähmung des Atemzentrums eintritt, die schon in kürzester Zeit den Tod nach sich zieht. Bei der Pflanze ist das Blut als das man neuestens ihren Zellsaft erkannt hat so verteilt, daß es auch nach Verletzungen nur zum geringsten Teil aus- fließen kann, und die Regelung ihrer Atemtätigkeit ist nicht an bestimmte Stellen gebunden. Deshalb schaden ihnen Vorletzungen relativ so wenig. Auf dem allein beruht der Unterschied.

Abgesehen von diesen Zusammenhängen sind aber auch die tierischen Organe ebenso selbständig wie die pflanzlichen. Darum kann sich die Chirurgie die unglaublichsten Eingriffe, sogar in das Gehirn des Menschen, erlauben.

Nichts anderes bestätigen uns auch die Carrelschen Er gebnisse. Sie führen unser Wissen nur in einem wesentlichen Punkte weiter, da sie auch jenen, die bisher noch daran zweifelten, handgreiflich bewiesen haben, daß das Leben nicht an die Tätigkeit des Gehirns und der Nerven, oder mit anderem Ausdruck gesagt, nicht an eine einheitliche Seele gebunden ist. Der tierische und mensch- liche Organismus erscheint nur nach außen als eine Einheit, in Wirklichkeit aber ist er eine soziale Gemeinschaft von In · dividuen und Verbänden. Und das Leben, das Seelische sitzt in jedem einzelnen Individuum. Denn gibt man dem die Lebensmöglichkeit, so lebt es eine Zeitlang, auch nachdem der Staatsverband zerfallen ist. Das haben die sensatio⸗ nellen Untersuchungen über dieses merkwürdige Ueberleben der Organe nach dem Tode bewiesen, und deswegen muß man sie sich doch merken.

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er Völkerkrieg der Fürsten. 181915.

Von Kurt Eisner. VIII.

2 i(Fortsetzung.)

Daß eine unter solchen Umständen und zu solchem Zweck ent⸗ standene Berechnung an sich für keinen ernsthaften Historiker als eine durchaus lautere Geschichtsquelle gelten darf, ist eine Grund⸗ regel der Geschichtskritik. Es wäre eine dankbare geschichtskritische Humoreske, einmal die Dunckersche Rechnung im einzelnen zu zer⸗ gliedern. Indessen das ist nicht notwendig. Jeder, der nur einmal einen Blick in alte preuzßische Finanzrechnungen geworsen hat, er⸗ kennt die lächerliche Unmöglichkeit jener Zahlen. Unmöglich in einem Lande, dessen höchste Jahreseinnahme vor der Titlsiter Halbierung 25 Millionen Taler= 925 Millionen Fr. betragen hatte, dessen Kassenb ide nach der Schlacht bei Jena für den preußischen König gerettet, in dem kein entsprechende Kredite in Anspruch g, keine llen erschlossen wor⸗ den ware Klassen keine Steuern bezal olt sein will, so müssen doch Leute dag n haben.

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3 ö Die Rechnung Dunckers wird schließlich widerlegt durch eh

amtliche Aufstellung des späteren Präsidenten der preußlischen handlung Rother, der diegesamten außerordentlichen wer dungen Preußens, in denen auch alle unmittelbaren und mite baren Leistungen für Kriegszwecke enthalten sind, ür die gange Zeit von 1806 bis 1812 auf 144,5 Millionen Taler 8881 Millionen Fr. berechnet. Noch schärfer wird das Bild der wi lichen preußischen Leistungen, wenn man die außerordentlichen f eigenen Mitteln gewonnenen Einnahmen betrachtet, die 1 derselben amtlichen Angabe für die Zeit von 1800 bis zum l der Freiheitskriege im ganzen aus außerordentlichen Steuern. Millionen Taler, ans Zwangsanleihen 17,7 Millionen Taler brachten oder insgesamt 153,4 Millionen Fr.! Mit diesen wirs lichen Zahlen vergleiche man die 1871er Phantasiezahlen Duncker In Wahrheit konnte Napoleon aus den Massen kaum etwas auspressen. Das hatten die eigenen Beherrscher schon zum letzten Tropsen geleistet, ehe Napoleon einen Pfennig Preußen zog. War er rücksichtslos in der Eintreibung der Kon butionen? 1806 hatte Napoleon der Provinz Westpreußen, auf Vorstellungen des Burggrafen Alexander zu Dohna, überhaupt se Kontribution erlassen. In Erfurt hatte man sich 1808 schließl ö auf eine Kriegsschuld Preußens von 120 Millionen Fr.= 32½ M lionen Taler geeinigt, 50 Millionen in bar oder guten We 70 Millionen in Domänenpfandbriefen zu bezahlen. Von der Ba forderung sollten monatlich 4 Millionen Fr. abgetragen werden die Pfandbriefe bis zur Auslösung mit 4 Prozent verzinst werde Wenn Napoleon auf der vertragsmäßigen Bestimmu bestandat hätte, daß vor der Abtragung der ganzen Ariegsten Truppen das Land nicht räumen würden, so wäre Preußen haupt niemals von der französischen Vesetzung befreit worden; de auch jene niedrige Kriegskontributiou ist niemals vollständig k zahlt worden. Nur bis zum April 1809 wurden die Monats rat pünktlich entrichtet. Dann geriet die Abzahlung vollständig i Stocken. Der preußische Finanzminister Altenstein unternahm zu Deckung der Schuld so kindische Finanzmanöver zum N eine Abgabe auf Gold-, Silbergeräte und Juwelen daß N wolem diese Operationen garnicht anders deuten konnte, als daß 5 überhaupt nicht daran dächte, seine Schuld zu zahlen. Napole polterte wohl gelegentlich, wie es seine Art war; so äußerte e nachdem er wieder einmal einen zerknirschten Bettelbrief Königin Luise erhalten hatte, zu deren Schwester: wenn Preu nicht zahle, so müsse es Schlesien hergeben. Aber obwohl Pr dauernd nicht zahlte, wurde ihm doch nicht Schlesien Hardenberg, der die Finanzpolitik Altensteins vernichtend teilte, erklärte selbst, was ihn unendlich überrasche, das sel dig Nachsicht, welche der Kaiser bisher geübt habe. Aber auch alm Hardenberg im Juni 1810 Staatskanzler und nach Altensteius Em⸗ lassung zugleich Finanzminister geworden war preußische Hoß⸗ patrioten hatten vergeben. Napoleon zu wirken versucht, die l patrioten hatten vergebens auf Napoleon zu wirken versucht, die mit der gleichen Langsamkeit und Unpünktlichkeit von stakten, ohne: daß Napoleon die Geduld verlor. Der englische Historiker Seelen englische Geschichtsschreiber haben mehr Verständnis für pole tisch handelnde Köpfe als deutsche, welche ihre einheimischen! familiären Potentatenlaunen als treibende Kraft der Weltgeschiche auch auf Gestalten wie Napoleon übertragen begründet in feinen! großen Werk über das Zeitalter Steins, warum Napoleon Schlesier nicht wegnahm, obwohl auch Hardenberg mit der Kontribution in! Rückstand blieb. Es sei einunglaubliches Märchen,das Napo', leon so darstellt, als wäre er in jenen seiner großen Entscheidungen welche die Karte von Europa veränderten, durch Leldenschaft ober; Rachsucht geleitet worden, und wir werden auf einmal die Abfurd tät der Annahme erkennen, daß er entschlossen war, Schlesien weg zunehmen, wenn ihm nicht eine gewisse Summe monatlich vox; Preußen gezahlt würde. Wir können sicher sein, daß, wieviel and Preußen zahlte, er Schlesien weggenommen hätte, wenn es seinet Polttit also zu tun dienlich gewesen wäre, und daß er umgekehrt es nicht weggenommen hätte, wie wenig Preußen zahlen mochte. Sicher hing das Schicksal Schlesiens in keiner Weise von dem Zu- stande der preußischen Finanzen ab, es hing ab von Napoleons Be. ziehungen zu Rußland und Oesterreich. Seeley findet die Aunahmt kindisch, als ob Napoleon wirklich ungehalten und 8 gegen Preußen gewesen wäre, weil es seine Verpflichtungen nicht erfüllte. Bir würden in der Tat Hardenberg getadelt haben, wenn er wirklich, wie er zu tun vorgab, neue Mittel gefunden hätte, aus den Hilfsquellen des Landes Napoleons Schatz zu füllen. Ibm 1 wenig als möglich zu zahlen, hätte in der Tat das erste Ziel der preußischen Regierung sein müssen, seitdem seine a Preußens in Wirklichkeit in keiner Weise durch den Betrag Zahlungen berührt wurde. Es ist daher in keiner 5 raschend, zu finden, daß keine Zunahme der vorherging, als leon nach der Rückkehr Hardenbergs einen gelinderen Ton aut