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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volkszeitung
Nummer 36
Dienstag, den 9.
Dezember 1913 2. Jahrgang
Sozialdemokratische Bildung.
Vor einigen Tagen hatte Genosse Viktor Adler in Graz einen Vortrag über die Bedeutung der sozialdemo— kratischen Bildungsarbeit gehalten, der auch für uns reichs— deutsche Sozialdemokraten von großem Interesse ist. Bildung, so führte Genosse Adler aus, hängt nicht davon ab, daß man ein gewisses Quantum von Kenntnissen angehäuft hat. Ich kenne sehr gelehrte Herren, die ich nicht gebildet nennen möchte; es sind Spezialisten, die ein großes Quantum von Tatsachen in ihrem Gedächtnis angehäuft haben, die aber den Zusammenhang zwischen dem persönlichen Leben mit dem Leben der Menschheit niemals hergestellt haben. Die Er— kenntnis des Zusammenhanges meines persönlichen Lebens mit der Welt, mit dem Leben meiner Klasse, mit dem Leben der Menschheit muß die Frucht dieser Bildung sein, aus dieser Erkenntnis muß das Bewußtsein der Würde des Arbeiters, dann weiter der Wille, die Funktion, die ihm obliegt, vor dem ganzen Volke auszuüben, erwachsen— dann haben wir, was wir„Bildung“ nennen. Was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen, wir wollen Bildung unter die Arbeiter bringen? Heißt das, wir wollen ihnen ein Quantum astronomischer oder chemischer oder statistischer Kenntnisse beibringen? Das ist ja alles gewiß sehr nützlich für sie. Aber meinen wir nicht etwas ganz andres? Wenn ich von einem gebildeten Arbeiter spreche, so will ich sagen: Das ist ein Mann, der sich eine deutliche Vorstellung davon erworben hat, in welchem Zu— sammenhang er selbst, sein ganzes Leben, seine Existenz mit der Außenwelt steht, und zwar zunächst mit der Klasse, in der er lebt. Das ist der erste Schritt für uns, zum Klassen⸗ bewußtsein zu kommen, das heißt für den Arbeiter, sich zu erkennen, als ein Glied der Arbeiterklasse, sich selbst aus der Isolierung, aus der Einsamkeit herausreißen, der der un— gebildete Arbeiter naturgemäß verfällt.
Der indifferente, der unaufgeklärte Arbeiter steht auf dem Standpunkt, daß sein Schicksal ein persönliches ist, daß es ein Glücksfall ist, wenn es dem einen gut geht, und daß er nur Pech hat, wenn es ihm schlecht geht. Daß es nur sein Pech ist, als armer Teufel geboren zu sein, und daß es so der Lauf der Welt sei, daß es reiche Leute und arme Teufel gibt. Was wir als erste Erkenntnis in die Massen der Arbeiter— schaft zu tragen haben, ist das Bewußtsein, daß ihr Schicksal nicht ein einzelnes, ein individuelles ist, sondern daß sie ein Klassenschicksal tragen, und daß dieses Schicksal der Arbeiter klasse wieder nicht etwa ein zufälliges ist, sondern ein ge— schichtlicher Zusammenhang in der großen Geschichte der Menschheit. Dieser Gedankengang ist natürlich etwas, was nicht so mit wenigen allgemeinen Sätzen erörtert und abgetan werden kann, sondern dazu ist notwendig ein wirkliches Durchdringen der Menschheitsgeschichte und ein Erfassen der Vorgänge unsrer heutigen Geschichte, damit sich der Arbeiter als Glied der Klasse fühle und zu der Erkenntnis gelange, daß sein Schicksal das Produkt des Schicksals seiner Klasse ist und seine Pflicht es ist, die Pflichten, die ihm die Geschichte gegenüber seinen Klassengenossen auferlegt, zu erfassen und zu erfüllen.
Das Wichtigste, was vor allem andern zu erlernen ist, ist das Lesenlernen. Eine Bibliothek ist, wie es sich eigentlich
von selbst versteht, nicht da zum Aufputz, zur Parade, sondern
daß man sie benützt, daß sie gelesen wird. Aber die Frage. wie man eine solche Bibliothek benützen will, wie man lesen
soll, ist so wichtig, daß es von großem Nutzen wäre, wenn
darüber eigne Vorträge abgehalten werden würden. Nicht das ist ausschlaggebend, daß jemand eine gewisse Summe von Wissen aus den Büchern in sein Gedächtnis aufnimmt, daß er ziel- und planlos alles liest, sondern daß er zu lesen versteht. Eine Bibliothek ist nicht nur eine Registratur von Büchern, die nebeneinander stehen, eine Bibliothek ist etwas Lebendiges, ein organischer Zusammenhang, und der sie be— nützt, muß lernen, mit ihr umzugehen. Bücher sind nicht da, um alle gelesen zu werden. Der vor einiger Zeit verstorbene Schriftsteller Burkhard, der eine Riesenbibliothek gehabt hatte, wurde einmal gefragt:„Ja, haben Sie denn das alles gelesen?“ Er antwortete:„Bücher sind ja nicht da zum Lesen, sondern um befragt zu werden.“ Das ist etwas sehr Wichtiges. Und diejenigen, die dazu berufen sind, müssen auf die Arbeiter in diesem Sinne einwirken.
Wir haben noch heute eine Menge Leute, die sich mit gutem Rechte Sozialdemokraten nennen und mit ganzem Herzen Sozialdemokraten sind, die für die Partei und für die Sache durch Feuer gehen, denen aber das eigentliche Wissen, die eigentliche sozialdemokratische Bildung fehlt, die die Arbeit des Tages nicht mit dem eigentlichen Kampfe und Ziele der Partei in Zusammenhang bringen können. Sie wissen sehr gut, daß ich dies nicht vielleicht im Tone des Vor— wurfs sage. Ich bin doch an dieser Tatsache so viel schuld oder so wenig schuld wie jeder andre von uns. Schuld waren die Verhältnisse, die nicht von uns geschaffen wurden, die es aber erschwert oder unmöglich gemacht haben, alle unsre Kämpfer mit der für die Parteibewegung notwendigen sozial— demokratischen Bildung zu erfüllen. Vor allem ist es die Arbeit des Tages— dabei spreche ich gar nicht von der Ar— beit der Werkstätte— ich meine die politische und organi⸗ satorische Arbeit des Tages, die so viele Kräfte absorbiert, daß es schwer ist, noch soviel Zeit und Kraft zu gewinnen, um zu lernen. Und doch ist dies unbedingt notwendig, sonst gehen wir zugrunde.
Wir können mit großer Genugtuung sagen, daß die Ar⸗ beiterbewegung seit zwanzig Jahren viel erreicht hat. Jeder von Ihnen, der auf eine längere Tätigkeit zurückblicken kann, kann sich eine Vorstellung machen von der Rolle, die die Ar— beiterschaft vor zwanzig Jahren eingenommen hat. Der Ar- beiter ist heute so geachtet, wie er damals geringgeschätzt wurde, von vielen gefürchtet, vielleicht gehaßt, was aber noch immer besser ist als verachtet. Das, was wir geworden sind, sind wir geworden trotz der Unzufriedenheit mancher einzelner unter uns. Und es wird weiter vorwärts gehen, dafür bürgen uns der Kampfesmut und der Bildungsdrang, die in unsern Reihen vorhanden sind. Zu unserm Glück hat der Bildungs⸗ drang nicht abgenommen, sondern zugenommen, und es ist für mich ein Gegenstand fortwährender Erhebung, zu sehen, wie eine große Anzahl von Leuten diese Bildungsarbeit mit dem größten Ernst, mit jugendlichem Fanatismus in die Hände nehmen und im Zusammenhang mit ihr die Aus- bildung unsrer Jugend. Die Entwicklung der Jugend- organisation und die Agitation ist eine der erfreulichsten Tat⸗ sachen.
Es gibt gute Tage und es gibt schlimme Tage in unsrer Partei. Aber wer keine Prügel verträgt und mutlos wird, weil es einmal nicht so ging wie man gehofft hatte, der ist kein wahrer Sozialdemokrat. Wir wissen heute sehr genau, daß jede Politik, die nicht auf dem Wissen der Arbeiterklasse


