Worauf beruht die Wirkung des Mesothoriums?
Nachdem es in den letzten Jahren etwas stille geworden ist um das Radium, widerhallt seit kurzem die ganze Kultur⸗ welt von dem neuen Schlagwort Mesothorium, von dem die große Menge nur das eine glaubt, daß es etwas ähnliches sein soll wie das Radium und daß viele Aerzte behaupten es heile Krebserkrankungen gründlich. Sicher weiß man all⸗ gemein nur das eine darüber, daß es wegen seiner Heil— wirkung derzeit die teuerste aller Substanzen sei. Diese Tat⸗ sache ist eine wahre Schandsäule der kapitalistischen Welt ⸗ ordnung.
Der Physiker kennt Mesothorium schon seit längerem als ein Zerfallsprodukt des Elementes Thorium, das in der Praxis aus uranhaltigen Mineralien, namentlich aus dem in der Glühstrumpfindustrie verwendeten Monazitsand her⸗— gestellt wird. Dieses Zerfallsprodukt wurde bisher bei der fabrikmäßigen Aufarbeitung der Thormineralien entfernt, hat aber augenblicklich unendlich mehr Wert als das Haupt- produkt, dessen Abfall es war.
Die Physiker haben es untersucht und erklärten es als aus zwei Substanzen bestehend, die aber beide radioaktiv sind. Das heißt, sie senden Strahlen aus wie das Radium, die durch feste Gegenstände dringen und eigentümliche Wirkungen auf lebende Wesen ausüben. Das Radium be— sitzt dreierlei solcher(Alpha, Beta, Gamma) Straklen; das Mesothorium hat nur einerlei, die den Beta-Strahlen des Radiums entsprechen.
Ueber die physiologischen Wirkungen nun die Wissenschaft allerlei merkwürdige gestellt, die durch die neuesten Heilerfolge des in ein besonders aktuelles Interesse geraten.
M. Koernicke, ein deutscher Botaniker, bestrahlte die Wurzelspitze von Bohnen und Mohnkeimlingen mit den Strahlen; die Wirkung war, daß die Pflanzen im Wachstum um das 5—10fache hinter normalen Bohnen zurückblieben. Becquerel und das Ehepaar Curie, die Altmeister der Radiumwissenschaft, konnten durch intensive Bestrahlung Keinmpflanzen sogar zum Absterben bringen. Sie experimentierten auch mit Schimmelpilzen, an denen sich der ganze Vorgang der Lebensbeschädigung genau beobachten ließ. Der Inhalt der Pilzfäden zog sich sofort nach Ein⸗ wirkung der Radiumstrahlen zu dichten Kugeln zusammen, die sich mit einer Hülle umgaben, sich also offenbar vor den
dieser Strahlen hat Tatsachen fest⸗ Mesothoriums
ihnen ungewohnten Strahlen schützten. Dadurch war er⸗ wiesen, daß die lebndige Substanz eine radioaktive Ein— wirkung von gewisser Stärke als Schädigung empfindet.
Andererseits hat der Wiener Botaniker H. Molisch fest⸗ gestellt, daß die Keimpflanzen von Wicken die Radiumstrahlen, wenn das Präparat mit Zinkblende vermischt war, begierig aufsuchen und intensive Wachstumbewegungen und Krüm⸗ mungen ausführen, um in ihre unmittelbare Nähe zu ge— langen. Auch der Pariser Zoologe G. Bohn berichtet von einer lebensförderlichen Wirkung des Radiums. Wenn man die Eier von Seeigeln, den namentlich im Süden weitver⸗ breiteten drolligen Meerestieren, die zu den Verwandten der Seesterne gehören, mit Radium bestrahlt, entwickeln sie sich, auch ohne befruchtet zu sein.
Es standen sich also gute und üble Wirkungen gegen über und wenn man aus diesem Widerspruch einen logisch befriedigenden Gedanken herauszuschälen versuchte, so war es der, daß nicht nur die verschieden en Strahlungen verschieden wirken, son dern auch die einzelnen Funktionen des lebendigen Körpers durch den offenbar starken ra* ben Reiz in ver⸗ schiedener Weise beeinflußt werden. 183 Wachstum wird gehindert, die Vermehrung wird anger— der Stofswechsel gerät in einen starren, latenten Zustand. ist etwa das Bild, das man sich derzeit von der Wirkung radioaktiver Stoffe auf das Leben machen kann.
8 Das Das
Vergleicht man damit, was die Aerzte von dem Meso⸗- thorium behaupten, findet man die angeblich wunderbare Heilwirku ng des neuen Präparates nicht mehr so unverständ⸗ lich. Mesothorium ist ein schwach wirkendes Radium⸗
präparat. Im g int es das Wace krebsiger Wucherungen zi n. Krebs eb 0 st von enormem Wachstumsbestreben und demgemäß
all den Krankheiten im Blute der Patienten kreisen.
Stoffwechsel. Beides wird durch radioaktive Sub
hemmt, wenn nicht verhindert, gesunde Zellen aber r zur Vermehrung angeregt. Die medizinischen Versuche am Menschen wiederholen also praktisch, was man aus den Vor studien in Botanik und Zoologie schon wußte. 1 f.
Neues von den roten Blutkörperchen. Sehr interessante Unter⸗ suchungen über die roten Blutkörperchen haben neuerdings zwel un⸗ garische Gelehrte, die Professoren von Liebermann und von Fillinger in Budapest ausgeführt. Sie gingen der Frage nach, ob nicht die roten Blutkörperchen bei verschiedenen Krankheiten, die gar keine eigentlichen Blutkrankheiten sind— man denke an Syphilis, Krebs, Lungenentzündung—, vielleicht doch krankhafte Verein derungen erfahren, die wir mit dem Wikroskop nur nicht sehen können. Wir lesen darüber im Kosmos-Handweiser(Stuttgart: v. Liebermann und v. Fillinger stellten sich zunächst ein entsprechen, dt
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des Salzgemisch her, in dem sich rote Blutkörperchen von einem ge⸗ 5 sunden Menschen unverändert erhalten: die roten Blutkörperchen ein veränderten sich nicht, wenn die Forscher in ihr Salzgemisch einen N z Tropfen Blut brachten. Das wurde zunächst in vielen Fällen mit ö 1 dem Blute von Gesunden erprobt. Wurde nun zur Probe Blut N 11 von Patienten genommen, die an den oben aufgezählten Krankheiten 1 N litten, so siel die Probe ganz anders aus: die roten Blutkörperchen,
die mit dem Blutstropfen in das Gemisch verbracht wurden, löten un sich auf, d. h. sie gaben ihren roten Farbstoff an das Salzgemisch N. ab. Es trat, wie der technische Ausdruck hier lautet,„dämolyse“, d. h. wörtlich etwa„Auflösung des Blutes“ ein. Diese interest 90
Beobachtung sagt uns gleich eine ganze Menge: daß die roten Mlut⸗ körperchen wohl bei allen Krankheiten, obgleich sie uns bel der mikroskopischen Betrachtung ganz gesund erscheinen, doch Verände⸗ rungen oder Schädigungen erfahren, die ihnen die normale Wlder⸗ standskraft raubt, so daß sie sich bei der Probe mit dem Salsgemisch nicht mehr wie normale Blutkörperchen verhalten. Wir müsen annehmen, daß es sich dabei um eine Vergiftung der roten Blul⸗ körperchen mit den giftigen Stoffwechselprodukten handelt, die bei Und die Tat⸗ sache, daß die roten Blutkörperchen bei so verschiedenen Krankheiten mit geschädigt werden, zeigt uns in schöner Weise, wie die Erkron⸗ f kung irgend eines Organs in unserem Körper unseren ganzen Or⸗ 1 ganismus, den gesamten Zellenstaat in Witleidenschaft zieht.— v. Liebermann und v. Fillinger haben auch das Verhalten der roten g Blutkörperchen nach Alkoholgenuß studiert, und sie haben gefunden, daß auch hier eine, allerdings vorübergehende Schädigung der roten N Blutkörperchen eintritt! Die roten Blutkörperchen werden einsaß durch den Alkohol vergiftet. 5 Narkose im Altertum. Der Jenenser Professor Theodor 0 Meyer⸗Steineg hat ein anmutig belehrendes Büchlein del Eugen Diedrichs erscheinen lassen, das in novellistischer Form—. 85 sein Tag im Leben des Galen“— das Medizinwesen im zweiten Jahrhundert des römischen Kaiserreichs darstellt. Wir erfahren 2 daraus, und das ist die Absicht des Verfassers, wie alt doch die modernste Medizin ist. Zur Zeit Galens, des bersihmten Arztes, kennt man die Versuche am lebendigen Tiere, man hat schon tiese Einsichten in die Funktionen des menschlichen Körpers gewonnen, in der Medizin herrscht der Streit der wissenschastlichen Richtungen wie heutzutage, während die Menge sich statt an der Nissenschaft lieber an die Marktschreier und Kurpfuscher wendet oder nach Lourdes pilgert, dessen Rolle damals das göttliche Heiligtum des Asklepios spielt. Es gibt schon damals die Jagd der Aerzte nach Patienten und sogar nach— Krankenkassen. Die Klage Galens Über die Aerzte ist sachlich durch die geschichtlichen Quellen verblürgl; „Besteht nicht der wichtigste Teil ihres Beruses darin, sich gegen⸗ seltig die Patienten wie eine Ware abzujagen? Ist nicht ein jeder
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von ihnen, wenn die Gilde der Schmiede oder die Zunst des 1 Walter sich einen Arzt ausstellen will, eifrigst bemüht, sich selbst und 1 sein Können in schamloser Weise anzupreisen?“ 3 Ganz übderraschend wirkt die Schilderung einer kunstvollen ö 5 1
Operation, die wörtlich aus einem alten Schriftsteller übersetzt ist. Man sieht, wie schon alle Sorgfalt auf die Antisepsis verwendet 1
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wird, und schließlich nimmt der Chirurg die Operation erst vor, 6 nachdem der Kranke narkotisiert ist. Als Betäubungsmittel wird e die Mandragorawurzel verwandt, die das auch heute wieder 185 1
Narkose verwandte Scopolamin enthält.


