Ausgabe 
9.9.1913
 
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Meken, nscht zum wenigsten in den Varlamenten. Bakunin aber lehnte diesen kapitalistischen Staat überhaupt ab. Nur nach seiner völligen Zerstörung konnte sich die neue Welt der Freiheit auftun. Tas Proletariat hatte ja nichts gemein mit diesem Staate, es durfte ihn also nicht auf irgend eine Weise für seine Zwecke gebrauchen. Die logische Folgerung war: Ablehnung von Wahlpolitik und Par⸗ lamentarismus. Alle proletarische Organisierungsarbeit konnte nur den einen Zweck haben: Kämpfer zu bewaffnen, die den kapitalisti⸗ schen Staat unmittelbar zu stürzen hatten sei es durch eine be⸗ waffnete Revolution oder auch dieser Gedanke beschäftigte Baku⸗ nin durch die allgemeine Arbeitseinstellung, den Generalstreik. In Bakunins Ideenreich gibt es keine Entwicklung, keinen Ueber⸗ gang, keine Reform, leine Mitarbeit. Außerhalb der geschicht⸗ lich gewordenen Welt vollzieht sich die eine große Aktion des Pro⸗ letariats, und alles Bestehende wird durch ein Wort heldenmütig ringender Sehnsucht in die Luft gesprengt: Freiheit eine aller- persönlichste Freiheit für jeden Menschen! In dem Begriff der Frei⸗ heit erschöpfte sich das ganze wissenschaftliche Interesse Bakunins, wie in der Rüstung der sozialen Revolution seine ganze Taktik. Er bedurfte keiner tiefgrabenden Untersuchungen über das Wesen und die Zusammenhänge der kapitalistischen Gesellschaft, keine scharf⸗ sinnigen Erwägungen über die jeweils anzuwendenden taktischen Mittel. Das Proletariat brauchte nur revolutionär zu erkennen, re⸗ volutionär zu erwachen, revolutionär zu handeln und es war befreit!(Schluß folgt.)

Das sozialistische Bildungswesen in Belgien.

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Im Peuple berichtet-Leon Delsinne über die Fort- schritte, die in den letzten Jahren in der Pflege des Bildungs- wesens erzielt worden sind. Die Erz iehungszen⸗ trale, die vom Genossen De Man geleitet wird, beschäf⸗ tigt jegt zwei ständige Lehrer, die im ganzen Lande die sozialistischen Schulen abhalten. Deren gab es im Winter 1911/12 21 mit 684 Schülern, von denen am Ende noch 357(52,2 Prozent) vorhanden waren. 1912713 waren es schon 41 Schulen und 1130 Schüler zu Beginn, 787 (69,2 Prozent) am Schlusse: also in jeder Hinsicht ein Fort schritt. Für das neue Schuljahr ist noch weit mehr vorge sehen. Die bestehenden 22a wallonischen Schulen wer⸗ den um 2223 neue vermehrt. Von den 14 flämischen bleiben 13, zu denen etwa 10 hinzukommen werden: zu sammen an 70 Schulen. Allein im Brüsseler Gebiet wird es 4 Schulen geben, davon eine flämische. Die bisherige eine französische genügte bei weitem nicht dem Andrang, wesha b noch zwei hinzukommen. Am stärksten ist die Bewegung in der Provinz Lüttich, wo es mindestens 15 Schulen geben

wird, am geringsten im Becken von Charleroi mit nur 3 Schulen, wovon eine flämische. Die Vermehrung der Schulen gestattet auch eine gewisse Gliederung nach dem Stande des Wissens der Schüler. Die Leitfäden, die

den einzelnen Kursen zugrunde liegen, werden nun für je ein Gebiet zusammen als Broschüre den Hörern in die Hand gegeben. Zur Vorbereitung der Diskussion enthalten sie eine Reihe Fragen aus dem behandelten Stoffe. In Brüssel bestehen daneben die beiden Nationalschulen, denen die besten Schüler aus dem ganzen Lande zugeführt werden sollen. Ihr Unterricht wird in je 4 Stunden an den Sonn-

tagen erteilt. Bisher wurden immer zwei Stoffe, künftig wird nur einer an einem Tage behandelt werden, um der

n Diskussion mehr Raum zu Schule wird Genosse

gewähren. In der französischen

Brouckdre in 8 Lektionen die Ge⸗ schichte der Arbeiterpartei behandeln De Man die Ge⸗ schichte der Gewerkschaften(8), wozu 6sozialistische Unter⸗

über Ar⸗ Pariser

An der flämischen

haltungen Vandervelde) und 6Vorträge beiterfragen von Poisson, wie dieser sie an der

sozialistischen Schule gehalten hat, kommen

Schule hält Genosse Vandergoes aus Holland einen Kurs über Volkswirtschaf Die Bibliothekzentrale, die durch Zusammen⸗

fassung des Bücherkaufs wird er; weitert werden. hr Preisermäßigung um 25 Prozent, gibt Ratschläge durch Musterkataloge und liefert ganze, verschieden zusammengestellte Vereinsbibliotheken. An

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se ermöglicht

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Das Werk sollte in keiner Ardbeiterbibliothek sehlen.

manchen Orten wurden Bibliotheken im Anschluß an die Kurse eingerichtet. Weiter wird das Vortragswesen organisiert, für eine Reihe Orte Vortragsprogramme auf gestellt, Kunstabende eingerichtet usw. Um die kino- matographischen Darbietungen der Volkshäuser, die heute durch die Abhängigkeit von den Filmlieferanten herab; gedrückt werden, zu heben, wurde ein Zentralbureau zu ge⸗ meinsamer Beschaffung geeigneten Materials errichtet. Mit den französischen und deutschen Genossen schweben Verhand- lungen behufs eigens hergestellter Films, die ein neues wundervolles Aufklärungsmittel bieten würden(übrigens von den amerikanischen Genossen schon mit großem Erfolg zu Agitationszwecken hergestellt werden). Eine weitere Neuerung sind dieGewerkschafts wo chen: Vereingung aller freizumachenden Gewerkschaftsbeamten zum

Studium der verschiedenen Gewerkschaftseinrichtungen, namentlich der christlichen. Lehrer sind Vandervelde,

Brouckere, Erdmann-Köln und Van den Tempel, Sekretär der holländischen Gewerkschaftskommission. 1911/12 wurde eine Gewerkschaftsschule abgehalten. Den einstweiligen Schluß; stein der Tätigkeit der Zentrale soll die Schaffung einer Zentrale für wissenschaftliche Material- sammlung im Dienste der Presse, der Gewerkschaften, der Fraktion usw. werden. Sie wird ebenfalls in den zu Ende dieses Jahres zu beziehenden neuen Räumen des Volkshauses ihren Platz finden und die dort zu vereinigenden Bibliotheken und Archive der örtlichen und der Landesparteiorganisation sowie des Internationalen Sozialistischen Bureaus als Grundstock benutzen.

Der Generalstreil der Chartisteubewegung in England.

In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hat die englische Arbeiterbewegung eine außerordentliche interessante Entwicklung durchgemacht, die ein riesiges Anwachsen der Anhängerschaft und auch eine Kraftentfaltung in der Arbeiterbewegung zeigt, wie sie in der Art bisher nicht wiedergekehrt ist in der englischen Arbeiter⸗ bewegung. Es ist ein interessantes Geschichtskapitel, das uns eine Zeit vorführt, in der die Arbeiterbewegung im nervösen Tasten und unreifen Pläneschmieden syndikalistischer anarchistelnder Gruppen hin und her getrieben wurde bis zum vollkommenen Zusammen⸗ bruch.

Genosse M. Beer, der lange Zeit in England lebt, hat sich der sehr verdienstvollen Aufgabe unterzogen, in seinem WerkGe⸗ schichte des Sozialismus in England) eine eingehende, mit vielem wichtigen Material ausgestattete Schilderung diefer so wichtigen Epoche der Arbeiterbewegung in England zu geben, wie es sher wohl für deutsche Leser nicht geboten wurde.

Die Chartistenbewegung hat ihre Bezeichnung nach einem Pro⸗ grammCharter, das in kurz zusammengedrängter Form die politischen Forderungen der Arbesterschaft, insbesondere Gleich- berechtigung in der parlamentarischen Vertretung forderte. Das englische Parlament befand sich bis 1832 fast ausschließlich in den Dänden der Großgrundbesitzer, die diese Macht durch Einführung der Kornzölle den Arbeitern unangenehm fühlen ließen und zur Linderung der trüben sozialen Verhältnisse, in welchen sich die eng⸗ lischen Arbeiter befanden, nichts unternahmen. An der Aenderung dieses Zustandes waren nicht nur die Arbeiter, sondern auch die englische Bourgeoisie interessiert. Im Jahre 1892 gelang es, das Wahlrecht zu erweitern, die Bourgeoisie erhielt ihre Ver⸗ tretung, während die Arbeiter die bittere Enttäuschung erleben mußten, daß ihre Forderung auch in dem neuen Parlament schroff abgelehnt wurde.

Bei dem Versagen des politischen Ersolges für die Arbeiter⸗ klasse bei den Wahlen trat nun eine tiese Erbitterung und Ent⸗ täuschung ein, in der die Stimmung gegen die politische Aktion viel Anhang gewann und schließlich auch als Kampfesmittel für die Ar⸗ beiterklasse der Generalstreik eine große Rolle spielte. Es ist hier nicht möglich, ausführlich das sehr interessante dem Leser bei der Lektüre geradezu fesselnde Kapitel aus der Schrift des Genossen Beer hier wiederzugeben, nur einige wichtige Vorgänge heben wir heraus. Wir werden in die Ideen, die den Schuhmacher Benbow bewogen, schon im Jahre 1881 die allgemeine Arbeitseinstellung zu propa⸗ gieren am besten eingeführt durch folgende Argumente:

Das schlimmste Produkt der Unwissenheit besteht in der An⸗ nahme, daß andere Leute das für uns tun würden, was wir selber für uns tun müßten. Es ist reiner Wahnsinn, wenn Arbeiter von ihren Herren verlangen, die Rolle der Befreier zu übernehmen.

) Verlag J. O. W. Diet Nachf., Stuttgart. Preis 6,50 Mk. .

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