Ausgabe 
9.9.1913
 
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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen PDolks zeitung

Nummer 23

Dienstag, den 9. September 1913

2. Jahrgang N

Marx und Bakunin. Von Kurt Eisner. Fritz Brupbacher, Marx und Bakunin. Ein Beitrag zur Geschichte der Inter⸗ nationalen Arbeiterorganisation. Mit 5 Bildern. München bei G. Birk& Co.

Mit August Bebel ist der Führer der proletarischen Inter nationale gestorben, der den entscheidendsten Einfluß auf die Politisierung der sozialistischen Arbeiterbewegung geübt hat. In der unbeirrbaren und über alle Grenzen erfolgreichen Be⸗ tätigung dieser klaren Erkenutnisse, daß der Emanzipationskampf der Arbeiterklasse ein politischer Kampf sein müsse, liegt die geschichtliche Bedeutung von Bebels Lebenswerk. Darin wurde er der rechte Schüler von Karl Marx und Friedrich Engels, darum schätzten unsere Schöpfer und Meister der Theorie niemand höher als diesen Leipziger Drechslermeister; er hatte am besten begriffen und am glücklichsten bewirkt, was jene dachten.

Marx wies die geschichtliche Entwicklung der menschlichen Gesell schaft der Bewegung der Dinge zu, nicht der Einzelanstrengung der Personen. Bewegung der Dinge aber heißt, zu Ende gedacht, nichts anderes als die Gesamtarbeit der Völker, Klassen, Mensch⸗ heit, also die Universalität der Personen. So verstanden wird die Tätigkeit der Menschen, welche die Bewegung der Dinge vollziehen, Politik in ihrem höchsten Begriff: Arbeit an der menschlichen Gesellschaft, unter Voraussetzuug all ihrer geschichtlich gewordenen Bedingungen, eine alle Gebiete des staatlichen Daseins umfassende Arbeit, die zugleich den Dingen sich anpaßt und sie beeinflußt, unter dem richtungbestimmenden Erkennen und Wollen eines höchsten Endziels gesellschaftlicher Verfassung, Arbeit, die jedes taugliche Mittel nutzt. Damit erhebt sich die Arbeiterbewegung über die Ro⸗ mantik und Phantastik der einen großen Umwälzung. Der Sozialismus wird Wissenschaft, das heißt: die Arbeiterbewegung wird Politik.

Den heutigen Sozialdemokraten erscheint diese Eigenart der Arbeiterbewegung selbstverständlich. Wie könnte sie anders sein! Und wenn wir uns heute das große Leben eines August Bebels ver⸗ gegenwärtigen so meinen wir leicht, seine geschichtliche Bedeutung bestünde in seiner Loslösung von dem liberalen und demokratischen Bürgertum, in dem theoretischen Bewußtsein und der tätigen Or⸗ ganisation des Klassenkampfes gegen die kapitalistische Gesellschaft. Natürlich, auch das ist die ungeheure Leistung der ersten und ältesten Führer der sozialistischen Bewegung. Aber das ist nicht das ent⸗ scheidende Verdienst gewesen, das teilten sie mit anderen, un⸗ und vorwissenschaftlichen Richtungen des proletarischen Freiheits⸗ kampfes. Ist heute die Arbeiterbewegung zu solch stolzer und un⸗ überwindlicher Macht gewachsen, und sind jene Gruppen, die in den dämmernden und gärenden Anfängen um die Seelen des Prole tariats warben, entweder spurlos verschwunden, zu wirkungsloser Sektirerei verkrüppelt oder schlimmstenfalls zu schädlichen und verdächtigen Störern entartet, so ist das die nicht genug zu rühmende Leistung des wissenschaftlichen Scharfsinns und Weitblicks von Karl Marx, des Geschichtsrealisten mit dem dennoch ungestümen Herzen des Revolutionärs, so ist das die Tat jener Männer, die dem sozialistischen Gedanken in mächtigen politisch handelnden Par⸗ teien das Werkzeug seiner Erfüllung schufen.

Es war durchaus nicht von Anfang an selbstverständlich, daß das aufgeklärte, klassenbewußte Proletariat diesen Weg der Politik ging. Selbst unter den Männern, die zu den Schöpfern der marxisti⸗ schen Sozialdemokratie gehörten, gab es diesen und jenen, der bis⸗ weilen in die andere Richtung schwankte; ein Wilhelm Liebknecht

war in seinen Anfängen nicht frei von solchen Stimmungen. Selbst bis zur Gegenwart tauchen immer wieder Regungen aus jener alten Welt auf, nicht nur in den Syndikalisten Frankreichs, sondern auch in anderen Ländern ist der antipolitische Geist nicht ausge⸗ storben, ja, in gewissen Begrenzungen möchte man nicht einmal sein völliges Erlöschen wünschen, da er sofern er nicht etwa zu zer⸗ störender Alleinherrschaft auswächst zu seinem Teile die welt⸗ geschichtliche Zuversicht und die opfernd mutige Tatkraft, das Helden⸗ tum des Proletariats befeuert, wenn die revolutionäre Leidenschaft der Klasse in der politischen Tagesarbeit zu ersticken droht.

Deshalb, weil es die heutige Partei sowohl den ewigen Werk wie das gefahrvolle Verhängnis jener antipolitischen Geistesrichtung in der Klarheit der geschichtlichen Erfahrung erkennen läßt, ist es von keineswegs nur historischem Interesse, einmal den Weg der modernen Arbeiterbewegung von deranderen Seite zu verfolgen, der sie nicht gegen das liberale und radikale Bürgertum abgrenzt, sondern gegen die anarchistische Bewegung. Je mehr man sich aber bemüht, bei solcher geschichtlichen Rückschau Gerechtigkeit auch gegen die Unterlegenen und Erledigten zu üben, umso fruchtbarer wird die gewonnene Erkenntnis für die Klärung der heutigen Pro⸗ bleme werden. Das aber ist das Verdienst des soeben im Münchner Parteiverlag erschienenen Buches des Züricher Arztes Brupbacher. Indem der Verfasser mit unverhüllter Liebe den tragisch untergegan⸗ genen Bakunin neben den triumphierenden Weltherrscher Marx stellt, indem er, auf Grund eines reichen und seltenen, in Deutsch⸗ land zumeist ganz unbekannten Materials, den Charakter und die Bedeutung des Besiegten gegen den Sieger verteidigt, dessen rück⸗ sichtlosen, selbst brutalen Vernichtungskampf Brupbacher überscharf verurteilt, erweist er umso eindringlicher, fast wider Willen, das ge⸗ schichtliche Recht und die allgewaltige Leistung des Marxischen Geistes, von dem es beinahe wie die mystische Kraft einer Vorsehung für die proletarische Bewegung ausströmt. Die moralische Rettung Bakunins wird so zu einem ragenden Marx⸗Monument.

Die heutige Welt hat von Bakunin nur sehr unbestimmte Vor⸗ stellungen. Ein russischer Revolutionär der Barrikade, ein Phan⸗ tast, ein Abenteurer, ein Wirrkopf, ein Held so sehen wir ihn. Aber war er nicht gar nur ein Spitzel? Auch der Verdacht ruht dunkel auf ihm. In jedem Falle war es ein Anarchist. Indessen, was ist dieser Anarchismus? Und wurde er darum aus der Marxschen Internationale ausgestoßen?

Insofern der Anarchismus Bakunins in einer bestimmten Vor⸗ stellung eines dezentralistischen Zukunftsstaates besteht, konnte er nicht zum Bruch mit Marx führen; denn Marx lehnte eine Meinung über die Gestaltung eines Zukunftsstaates überhaupt ab. In der Kritik des Kapitalismus unterschieden sich die beiden Männer, viel⸗ leicht durch die Gründlichkeit der Einsicht, aber sicher nicht durch den Nadikalismus seiner Bekämpfung. Der proletarische Klassenkampf war für Bakunin wie für Marx die Grundlage jeder Aktion. Die revolutionäre Gesinnung glühte in Bakunin noch heißer, als in Marx, denn der Russe war eine ungebundene Freischärler⸗Natur, der Deutsche ein kämpfender systematisch gelehrter Denker. Warum also konnten die Freunde und gemeinsam dem Proletariat dienenden Männer auf die Dauer nicht miteinander leben? Warum führte schließlich Marx wider ihn den Kampf bis zur Vernichtung des Geg⸗ ners? Es sind die verschiedenen Auffassungen vomgegenwärti⸗ gen Staate, die ihr Verhältnis zur proletarischen Aktion be⸗ stimmten und jedes gemeinsame Handeln schließlich unmöglich mach⸗ ten. Das schied den Anarchisten vom Sozialisten: Marx wollte den herrschenden Staat erobern und umgestalten, er lehrte, daß man sich der Machtmittel und Einrichtungen dieses Staates bedienen müsse, kurz daß man als Partei Politik treiben müsse. auf allen Ge⸗