Ausgabe 
8.4.1913
 
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Nr. 7, Sancho hat in dem Bisherigen der Gattung mehr zugeteilt, als je ein Sterblicher vor ihm, und resümiert dies nun in dem Satz:Die Gattung ist nichts... die Gattung ist nur ein Gedachtes GGeist, Gespenst). P. 239. Schließlich hat es denn auch mit demNichts Sanchos, das mit demGedachten identisch ist, nichts auf sich, denn er selbst istdas schöpferische Nichts, und die Gattung schafft, wie wir sahen, sehr viel, wobei sie also sehr gutNichts sein kann. Ueberdem erzählt Sachon uns P. 456:Durch das Sein wird garnichts gerechtfertigt; das Gedachte i st so gut wie das Nichtgedachte.

Von P. 448 an spinnt Sancho ein 30 Seiten langes Garn ab, umFeuer aus dem Denken und der Kritik des mit sich einigen Egoisten zu schlagen. Wir haben schon zuviel Aeußer⸗ ungen seines Denkens und seiner Kritik erlebt, um dem Leser noch mit Sanchos Armenhaus-Gerstenbrühe einenAnstoß zu geben. Einen Löffel voll von dieser Brühe mag hinreichen.

Glaubt Ihr, die Gedanken flögen so vogelfrei umher, daß sich jeder welche holen dürfte, die er dann als sein unan⸗ tastbares Eigentum gegen mich geltend machte? Was um herfliegt ist alles Mein. P. 457. Sancho begeht hier Jagdfrevel an gedachten Schnepfen. Wir haben gesehen, wie viele von den umherfliegenden Gedanken er sich eingefangen hat. Er wähnte sie erhaschen zu können, sobald er ihnen nur das Salz des Heilign auf den Schwanz streute. Dieser un⸗ geheure Widerspruch zwischen seinem wirklichen Eigentum an Gedanken und seiner Illusion darüber mag als klassisches und sinnfälliges Exempel seines ganzen Eigentums im außerge wöhnlichen Verstande dienen. Eben dieser Kontrast bildet seinen Selbstgenuß.

Der Völkerkrieg der Fürsten. 1813/15. Von Kurt Eisner. III. (Schluß.)

So dachte auch Frledrich Wilhelm jetzt nicht an legend welche natlonale Erhebung des Volkes, sondern nur daran, wie man die ungünstige Lage Napoleons zugunsten des preußischen Königs⸗ hauses ausnützen könnte. Und der preußische Landesvater spann in diesen Tagen patriotischer Gärung ganz gemittlich Heiratspläne zwischen seinem Sohn und einer Dame aus dem Geschlechte der Bonaparte. In einem sehr merkwürdigen Berichte des französischen Gesandten am Berliner Hose an den französischen Minister des Aeußern, vom 12. Januar 1812 werden diese Heiratspläne sehr ein⸗

ehend erörtert. Friedrich Wilhelm III., das geht aus dem Bericht hetvor, hoffte aus solcher Verbindung die Wirkung, daß Napoleon ihnzum Teil wieder in seinen alten Glanz einsetzen würde. Der König versicherte ferner durch den französischen Gesandten Napoleon auf das Bestimmteste,daß er durch nichts in seinem politischen Systeme irre gemacht werden könnte, man milsse alles mögliche anwenden, um jede Art von Mißtrauen Frankreichs, die in Betreff Preußens stattfinden könnte, zu tilgen. Allerdings seien die meisten reußischen Untertanen gegen die Franzosen aufgebracht; wegen er ihnen auferlegten Lasten. Aber wenn man sie nicht durch un⸗ erschwingliche Forderungen zum Aeußersten treiben würde, so würden sie keine Gewalt brauchen. Der Gesandte führt wörtlich folgende Aeußerung des preußischen Königs an:Man darf si⸗ über das nicht wundern, was an Orten vorfällt, wo der Feind hin⸗ kommt; aber an eben denselben Orten haben doch die Behörden und die Einwohner dle französische Armee auf das Beste bewillkommt, und alle ihre Leiden geduldig ertragen; dies beweist die Reinheit meiner Gesinnungen und den Gehorsam gegen meine Besehle. Ich glaube bestimmte Anzeichen zu haben, daß Oesterreich bei seiner Verbindung mit Frankreich sest aushalten wird. Wäre dies aber auch nicht der Fall, so ist meine Lage von der Lage dieser Macht sehr verschleden. Ich bin der natürliche Verbündete Frankreichs. Bei der Veränderung des Systems würde ich nur meine Lage ver⸗ schlimmern und dem Kaiser das Recht geben, mich als Feind, und zwar mit Grund, zu behandeln. Ich weiß wohl, daß es Narren gibt, welche Frankreich zu Boden geworfen glauben; sie werden aber sehen, daß es in kurzer Zeit eine ebenso schöne Armee von 300 000 Maun aufgestellt haben wird, wie die erste war. Ich glaube, daß sie noch schlimme Augenblicke und Opfer zu bringen haben werden. Ich werde, was nur immer zu tragen ist, erdulden, um die künftige Ruhe und Wohlfahrt meiner Familie und meiner Völker zu sichern. Sagen Sie dem Kaiser, daß ich nur in Beziehung auf Geld keine weiteren Opfer mehr bringen kann: wenn er mir aber Geld gibt, so kann ich noch 5060 000 Mann für feinen Dlenst aus⸗ beben und bewafsfnen.

Schließlich kam der König auch noch auf die Hesratspläue zu

prechen. Er sei als Familienvater nicht sehr abgeneigt, eine Ver⸗ indung aus bloß politischen Rücksichten eingehen zu lassen. Er

wäre dazu bereit,wenn er sehr bedeutende Vorteile und von solcher Beschaffenheit dabei erblicken sollte, daß die Monarchie zu einem höheren Rang ben wllrde, als den sie gegenwärtig behaupte.

Das waren die wirklichen Anschauungen Friedrich Wilhelms. Das schloß nicht aus, daß gleichzeitig insgeheim von ihm und seiner Regierung mit allen Höfen gegen Napoleon konspiriert wurde. Das war seit jeher preußische Politik, alle mit allen zu verraten.

Die Kriegspartei am preußischen Hose war bemüht, den König vor allem dem französischen Einflusse zu entziehen. Denn die ganze Mark war von Franzofen besetzt. Man fand ein sehr einfaches Mittel. Eines Tages wurde dem König dle eigens erfundene Räubergeschichte erzählt, daß die Franzosen beabsichtigten, ihn zu verhaften. Sofort entschloß sich Friedrich Wilhelm, zu flüchten und sich in die einzige Provinz zu begeben, die nach dem 1812 mit Frank- reich geschlossenen Vertrag von französischer Besetzung frei geblieben war: nach Schlesien. Am 21. Januar 1813 verließ der König mit dem Kronprinzen Berlin, um seine Residenz nach Breslau zu ver⸗ legen.

Genau einen Monat später verließ ein anderer deutscher Landesvater seine getreuen Untertanen, der anhänglichste Trabant Napoleons, der König von Sachsen, der öffentlich seinem Volke ver⸗ künden ließ, daß er der Zeitumstände wegen gezwungen sei, die Residenz auf einige Zeit zu verlassen. Der Sachse reiste erst nach Regensburg und dann nach Prag. Er wollte dem Vergnllgen ent⸗ gehen, die verbündeten Kosaken und Preußen in seiner Residenz zu begrüßen.

Berlin aber sollte statt seines Königs bald die ersten Befreier Deutschlands kennen lernen. Am 19. Februar streiste ein Trupp Kofaken die Stadt und feuerte ein Geschüt ab, dessen Kugel ein Haus der Königsstraße traf, ohne weiteres Unheil anzurichten. Weitere russische Truppen folgten. Wie diese Befreier aussahen, schildert Karl Friedrich von Klöden in seinen Jugenderinnerungen gar anmutig:Im Lustgarten standen einige russische Regimenter Infanterie, kleine Menschen, jämmerlich und elend von Gestalt, dumm und tierisch aussehend. Gierig verschlangen sie die Zwiebeln, die wir ihnen brachten; an dem elnen Ende der Reihen ertönte ein einförmiger Gesang in einer Molltonart mit wunder⸗ lichen quickenden Zwischentönen, am anderen Ende erhielt ein Kerl Stockprügel. Gegen die Franzosen stachen diese Soldaten gar sehr ab. Auf den Schloßhöfen lagen die Kosaken an den Wänden umher und suchten sich höchst unbefangen gegenseitig das Ungeziefer ab. Das Haus, in welchem ich wohnte, erhielt sechs Kosaken zu ange⸗ nehmer Einquartierung. Es stand dem Wirte auf dem Hofe eine Stube leer, und wir Bewohner des Hauses waren Übereingekom⸗ men, unsere Einquartierung dieser Art hier hineinzulegen und sie gomeinschaftlich zu verpflegen. Die sechs Kerle wurden sehr lustig, da sie viel Branntwein begehrten und erhielten, aber nach einigen Stunden schwamm die ganze Stube und man konnte vor Ekel nicht hineintreten.

Warum wäscht die Seife?

Zu den zahllosen Dingen des täglichen Lebens, deren Erklärung unmöglich erscheint, gehörte bis vor kurzem die reinigende Wirkung der Seife. Trotzdem der Gebrauch der Seife fast in zwei Jahrtausende zurückgeht, konnte man sich in keiner Weise ein befriedigendes Bild davon machen, welche Vorgänge der so überraschend einfachen Reinigung aller Sub- stanzen bei Anwendung von Seifenlauge zugrunde liegen. dem Chemiker ist Seife ein Gemisch fettsaurer Alkalisalze, das sich bei Beimengung von Wasser in freie Lauge und saure Seife spaltet. Die Lauge ist imstande, Fett neuerdings zu verseifen, das heißt aufzulösen. Da nun das, was man landläufigSchmutz nennt, als ein Gemisch von Fetten und dazu gemengten festen VBestandteilen angesehen werden kann, so war es naheliegend, anzunehmen, daß bei der Seifenwirk⸗ ung dasFett des Schmutzes aufgelöst, dadurch dessen feste Bestandteile frei werden und nun von dem Wasser weggespült werden können.

Wenn man jedoch ein wenig über diesen Erklärungsver⸗ such nachdenkt, wird man bald auf allerlei unerklärt gebliebene Dinge stoßen.

Vor allem sieht man nicht ein, warum die frei gewordenen Schmutzpartikelchen sich von ihrer Unterlage trennen, da sie schon durch die bloße Adhäsion auch ohne Beimischung von Fett, z. B. an Leinwand, haften und es tatsächlich zahllose Schmutzflecken gibt, die kein Fett enthalten. Außerdem weiß der Fachmann, daß die Verseifung, nämlich die Auf⸗ lösung der Fette, ein sehr langsamer Vorgang ist, während die momentan reinigende Wirkung der Seife jedermann be⸗ kannt ist. Man mußte daher zugeben, daß die Seisenwirkung derzeit nicht erklärt werden kann.

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