ideale Regungen dabei maßgebend gewesen sind, sondern das sehr reale Interesse des Geldverdienens.
5 Bevor unser Zentralbildungs⸗Ausschuß an die Schaffung eines Jugendschriften⸗Verzeichnisses herangehen konnte, empfahl er den Arbeitereltern das Verzeichnis, das die Lehrer⸗Jugendschriftenausschüsse jährlich herausgeben. Wenn auch die Grundsätze, die für die Lehrer zur Wertung von Jugendschriften maßgebend sind, nicht ganz mit unseren An⸗ sichten übereinstimmen, so legte der Zentralbildungs⸗Aus- schuß doch Wert darauf, zu betonen, daß er in sehr wesent⸗ lichen Fragen mit der Lehrerschaft Hand in Hand gehe und ihre Verzeichnisse gern von ihm beachtet und zu Rate gezogen würden. In dem ersten Verzeichnis empfehlenswerter Jugendschriften, das der Zentralbildungs⸗Ausschuß heraus⸗ gab, waren 83 Bücher verzeichnet, 1911 bereits 705 und heute ist die Zahl 1000 schon überschritten. Ebenso war das Organ unserer Jugendbewegung, Die Arbeiter-Jugend, unablässig im Sinne der Verbreitung guter Bücher tätig. Die lokalen Bildungsausschüsse versuchten, durch Veranstaltung von Jugendschriften⸗Ausstellungen ihren Teil zur Bekämpfung der Schundliteratur beizutragen.
Der bürgerliche Buchhandel brachte den neuen Bedürf— nissen auf dein Gebiete der Jugendschriften durchaus kein Verständnis entgegen. Die Interesselosigkeit der Sorti⸗ mentsbuchhändler ergibt sich aus der Tatsache, daß sie sich bei dem billigen, guten Buch mit einem bescheidenen Gewinn abfinden müssen. Trotzdem ist dieser Widerstand, den das offizielle Organ der Buchhändler, das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, unterstützt, ungemein kurzsichtig. Tat⸗ sächlich kommt man doch nur durch das billige Buch an Schichten heran, die bis jetzt gar keine Beziehungen zum Büchermarkt haben.„Die billigen guten Bücher,“ so meint der Hamburger Lehrer Brunckhorst in seiner vorzüglichen Schrift„Grundsätzliches und Praktisches von der Verbreitung guter Jugend: und Volkslektüre“—„die billigen guten
Bücher werden gekauft, wenn sie dem Publikum, für das sie
bestimmt sind, angeboten werden!“ Denn darauf muß doch schliezlich alle Arbeit hinauslaufen, daß die Verbindung hergestellt wird zwischen dem guten Buch und dem Arbeiter. Partei und Gewerkschaften haben diese Notwendigkeit früh— zeitig erkannt und große und mustergültige Bibliotheken geschaffen. Aber: So bedeutungsvoll auch der Ausbau unserer Bibliotheken ist und so sehr wir die Ausgestaltung der Jugendschriften-Abteilungen fordern müssen, dürfen wir doch nicht vergessen, daß die Bibliotheken immer nur Mittel ein sollen, Mittel, über die wir zu dem Eigenbesitz am Buche kommen,„Wir sehen die Bibliotheken als ein notwendiges und sehr wirksames Mittel der literarischen Erziehung an, das aber nur für eine Uebergangszeit in der Entwicklung des einzelnen seine starke Bedeutung hat.“(Brunckhorst.) Und nun zum Schluß noch ein paar Bemerkungen allge⸗ meiner Natur: Es ist nicht zu leugnen, daß der Kampf gegen den Schund auf dem Gebiete der Jugendschrift schon be⸗ achtenswerte Erfolge aufweisen kann. Tatsächlich sind die bekannten Indianergeschichten aus den Schaufenstern so gut wie verschwunden. Aber trotzdem wäre es verkehrt, nun an— zunehmen, daß dafür nur gute Literatur geführt wird. In der Jugendschriften-Warte lieferte kürzlich der Hamburger Lehrer Will den schlüssigen Beweis, daß davon leider keine Rede sein kann. Er kennzeichnet in einem längeren Aufsatz das Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst in Ber lin SW 61, das früher die berüchtigten Serien„Texas Jack“, „Sitting Bull“,„Klaus Störtebecker“ usw. vertrieb. Diese Sachen sind nun ein wenig anrüchig geworden; man änderte diese Aufmachung und gibt jetzt Serien heraus, wie:„Von deutscher Treue“,„Unter deutscher Flagge“,„Unter Fahnen und Standarten“,„Um den Erdball“, die, obwohl„von Be— börden empfohlen, von deutschen Fürsten ständig gekauft und verbreitet“, zu den schlimmsten Erzeugnissen der Schund⸗ literatur gehören. Es muß die vornehmste Aufgabe der organisierten Ar⸗ beiterschaft bleiben, mit allen Mitteln diese Art der Jugend- literatur zu bekämpfen. In höherem Maße als bisher,
müssen ir die Lektüre unserer Jugendlichen überwachen.
Wenn es uns gelingt, nicht nur diesen vergiftenden Schund der Jugend fernzuhalten, sondern sie zum Lesen guter Bücher zu veranlassen, dann leisten wir damit ein Stück fruchtbarer sozial⸗pädagogischer Gegenwartsarbeit, das der Gesamtarbei— terbewegung hundertfach wieder zugute kommt. F.
Der Völkerkrieg der Fürsten.
Die Kriege 1813/15. Von Kurt Eisner.
Drittes Kapitel: Jacobinerspiel und Opfer⸗ legende.
8 Mit diesen Geldmitteln und Abschlagszahlungen von Rußland für die Verpflegung seiner Truppen in Schlesien wurden die dringendsten Bedürfnisse bis zur Schlacht von Leipzig und bis zur Ankunft in Frankfurt a. M. bestritten. Nach dem errungenen glück⸗ lichen Siege fanden sich an beiden Orten mehrere Kaufleute, welche sich zu freiwilligen Anleihen und Vorschüssen bloß gegen einfache Wechsel, obgleich zu eben nicht geringen Zinsen und Kosten, erboten.“
Diese spätere Darstellung, so sehr sie der Bestimmtheit ent⸗ behrt und auch im Einzelnen ungenau ist, beweist immer so viel, daß der Krieg nicht mit freiwilligen Geldopfern geführt worden ist.
Zwangsanleihen wurden bei Ausbruch des Krieges nicht nur in Schlesien, sondern auch bei Berliner Kaufleuten gewaltsam er⸗ hoben; so brachte im Februar 1813 der Staatsrat v. Heydebreck die derart gewonnenen Berliner Opfer in Wechseln persönlich nach Breslau. Zwischen den Militär- und Zivilbehörden kam es über die Verwendung der Kassenbestände vielfach zu Händeln. Im Juni 1813 beschwerte sich die Liegnitzer Regierung bei Hardenberg, daß Gneisenau die in Glatz beschlagnahmten Gelder der Liegnitzschen Regierungshauptkasse für militärische Zwecke verwende, und die großen Bedürfnisse der Zivilbehörden deshalb nicht befriedigt wer⸗ den könnten. Auf den Vorhalt Hardenbergs bestritt Gneisenau in einem Brief vom 10. Juli, daß Hand an die Kassen gelegt worden wäre, obwohl„die mir untergebenen Landwehren den bittersten Entbehrungen ausgesetzt waren“. Die Bedürfnisse der Zivilbe— hörden bestanden hauptsächlich in den Gehältern der höheren Beamten.
Den tief gesunkenen Kredit sucht man dadurch in seinen finan— ziellen Wirkungen zu überwinden, daß schon im Januar 1813 den umlaufenden preußischen Schatzscheinen Zwangskurs verliehen wurde. Die Nötigung, die weit unter dem Normalwert stehenden Papiere statt zum Tageskurs zum aufgedruckten Wert anzunehmen, erregte eine bedrohliche Empörung. Anfang März wurde deshalb das frühere Edikt aufgehoben und der Zwangskurs nur beibehalten bei Vergütung der Naturalleistungen zur Verpflegung der Truppen, bei Gehältern und Pensionen über 400 Thalern jährlich mit einem Viertel des Betrages. Für die Ausrüstung der Truppen wurde dagegen die Vergütung in Tresorscheinen nach dem Tageskurs zu⸗ gelassen. Um aber die Mittel zu den Ausgaben aufzubringen, so hieß es in diesem Edikt,„und die Grundbesitzer und Fabrikanten unter dem Drucke unvermeidlicher Zwangsleistungen nicht zu Grunde gehen zu lassen, ist eine gezwungene Anleihe bei dem Kauf⸗ mannsstande und anderen Kapitalisten und Rentiers eröffnet worden“. Im Juni 1813 wurde sogar russisches Papier zur An⸗ nahme wie preußisches bares Geld als„gute Zahlung“ verordnet.
Ein viel klareres Bild als der Bericht Rothers gibt die Finanz⸗ übersicht, die der preußische Finanzminister Bülow— er hatte das Amt 1813 übernommen, nachdem er als Finanzminister des Königs Jérôme überflüssig geworden— unmittelbar nach dem Kriege auf— gestellt hat.
Darnach gingen an eigenen Mitteln vom 1. Dezember 1813 bis 31. Dezember 1814 24,2 Millionen Taler ein. Die Ausgaben be⸗ trugen 17,1 Millionen Taler ohne Militäretat, u. a.: Schulden⸗ tilgung 5,6 Millionen, Hof⸗ und obere Staatsbehörden in Berlin 2,8 Millionen, Allgemeine Verwaltung 4,6 Millionen. Für Militär⸗ und Kriegszwecke blieben 7,1 Millionen Taler übrig. Gebraucht aber wurden zur Deckung der monatlichen Soldrückstände und für die laufenden Ausgaben 29,2 Millionen. Dieses Defizit wurde wesentlich gedeckt durch auswärtige Hilfsmittel: rückständige eng⸗ lische Subsidien für 1813 3 Millionen Taler, englische Subsidien 1814 4,4 Millionen, Englische Kreditbilletts 5.2 Millionen, Russische Zulage 2,2 Millionen, dazu Anteil an der französischen Kriegs⸗ kontribution, Ueberschüsse aus der Verwaltung der besetzten Gebiete — alles in allem 21,3 Millionen Taler, von denen aber nur 15,0 Millionen Taler verfügbar waren. Der Rest des Defizits wurde durch außerordentliche inländische Hilfsmittel gedeckt, von denen 1,6 Millionen Taler auf die alten, 6,6 Millionen auf die neu ge⸗ wonnenen Provinzen entfielen.
Die Haupteinnahme aus eigenen Mitteln für Kriegszwecke floß ein grimmiger Humor der Tatsachen! aus dem„Kriegs⸗ impost“, d. h. aus der Wiedereinführung der Kontinentalsperre zu Finanzzwecken unmittelbar nach ihrer Aufhebung. Nichts hat so fehr zur Entfesselung des kriegerischen Volksaufstandes in den Ostsceprovinzen beigetragen. Eigenmächtig hatte Stein Aufang des Jahres die Sperre aufgehoben. Aber bereits am 15. April 1813 wurden wieder hohe Ein⸗ und Durchgangszölle, auch eine besondere Accise für den Verbrauch von Kolontalwaren eingeführt. Steins Plan war es, diesen Kriegsimpost gleichmäßig in allen Häfen 18


