Ausgabe 
4.11.1913
 
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Wissen istsnacht

wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volkszestung

Nummer 31 Dienstag, den 4.

November 1913 2. Jahrgang

Zur musikalischen Zeitgeschichte.

Leopold Schmidt steuert im Kunstwart und Kulturwart(Halbmonatschau für Ausdruckskultur auf allen Lebensgebieten, vierteljährlich 4,50 Mk., Verlag von Georg D. W. Callwey in München). im ersten, textlich und illustrativ besonders prächtig und vielseitig ausgestatteten Hefte des neuen, 27. Jahrganges, einen lesenswerten Artikel bei, den wir im folgenden mit Erlaubnis des Verlages wiedergeben: 8

Das Jahr 1913 ist für uns Musiker ein Gedenkjahr erster Wir haben Ursache, dankbaren Herzens zu jubi lieren: vor hundert Jahren wurden uns Wagner und Verdi, der eine im Frühling, der andere im Herbst, geschenkt. Ihr Name und ihr Ruhm erfüllten nun die Welt, die sich, nicht immer gleich und willig, der Ueberlegenheit ihres Genies

gebeugt hat. Im besonderen die Opernbühne darf beide als

ihre kräftigsten Förderer und sichersten Stützen für sich in Anspruch nehmen. Allein mit den Zentenarfeiern für die größten musikalischen Dramatiker des 19. Jahrhunderts ist es nicht getan; wir haben uns auch klarzumachen, welche Ein flüsse von ihnen ausgegangen sind, was ihr Wirken für die Gegenwart bedeutet, und was davon voraussichtlich der Zu kunft als mehr oder minder unantastbares Vermächtnis ver bleiben wird. Auch das ist in Aufsätzen, Büchern und Bro schüren, wenigstens was den deutschen Meister betrifft, wohl ausgiebig genug geschehen. Der aufmerksamen Betrachtung aber bietet sich bei solcher Umschau noch etwas anderes, und unwillkürlich gleitet sie von den beiden Gestalten, die sie

fesselten, auf die Umgebung, die sich mit ihnen abzufinden

sucht. Es kann uns heut nicht mehr entgehen, daß die Gegen wart ihre eigenen Forderungen aufstellt; daß sie sich darin scharf von der jüngsten Vergangenheit abhebt, daß sie viel leicht den Anfang einer neuen Epoche verheißt. Seitdem von den beiden Musikern der eine sich die Welt, der andere zum wenigsten die Welt des Scheins erobert hat, sind eine andere Zeit und ein ander Geschlecht heraufgekommen; und nun wir jene feiern, gewahren wir, daß wir selber eine bedeu tungsvolle Umwandlung durchmachen. Vielleicht ist es nicht verfrüht, auch davon einmal zu sprechen.

Seit einigen Jahren macht es sich mehr und mehr be merkbar. Wohl steht auch das Musikleben Deutschlands unter dem Einfluß kunstfeindlicher Tendenzen. In einer Zeit, die an dem Theater der Fünftausend Geschmack findet, in der das Kino die dramatische Kunst bedrängt, in der der Ameri kanismus, die Freude am Unkultivierten den Markt regelt,

kann auch die Musik der Vergröberung, der Ausbeutung für

die Menge nicht ganz entgehen. Aber von allen Künsten ist sie, die weltfremde, vom Zeitgeist am oberflächlichsten be⸗ rührt. Mehr in ihren Erscheinungsformen als in ihrem inneren Wesen zeigt sie sich von ihm beeinflußt. So konnte sich anderseits aller Idealismus und aller Welttrotz in die Musik flüchten. Erscheinungen wie Strauß, Reger, Mahler, Pfitzner und ihre Erfolge wären sonst unerklärbar. Und während andere Künste ob mit Recht oder Unrecht des Verfalls, der Senilität bezichtigt werden, ist es nun offen sichtlich geworden, daß die Tonkunst noch immer die Kraft besitzt, sich aus sich selbst heraus zu verjüngen. Auf einen Aufschwung sondergleichen, auf eine fast überstürzte Entwick⸗ lung, die alle Möglichkeiten erschöpft zu haben schien, war

eine Zeit gefolgt, die in dem Streben nach Selbständigkeit! neuen an seine Stelle zu setzen. Man glaubte, fortschrittlich,

das Mittel(die Technik) mit dem Zweck verwechselte, die dem Wesen aller Kunst Gewalt antuend sich im Experimentieren und Uebertreiben gefiel und eine wirkliche Kunstfertigkeit kaum noch aufkommen ließ. In dem Jahre, das eine Doppel geburt des Genies feiert, wie sie gleich bedeutsam auf musi kalischem Gebiete nur noch 1685, dem Geburtsjahre Bachs und Händels, sich ereignet hat, im Jahre der Erinnerung an die deutschen Befreiungskriege dürfen wir uns nach langem Harren und langer Ungewißheit bewußt werden, daß in der zeitgenössischen Tonkunst ein freiheitlicher Geist erwacht, der mit engenden Vorurteilen und eingewurzelten Irrtümern aufräumt und die frische Luft neuer Hoffnungen in die stickig gewordene Atmosphäre weht.

Es mußte auffallen, daß gerade in den Tagen, wo alle Welt sich anschickte, das Andenken Richard Wagners zu ehren, pietätlose Opposition sich unverhohlen hervorwagte und das leuchtende Bild des Meisters zu beflecken trachtete. Die Ur sache daran ist natürlich zum Teil in jener menschlichen Ver kleinerungssucht zu suchen, die Schiller durch geflügelte Worte gekennzeichnet hat; zum Teil aber entsprang diese Be wegung einer ehrlichen, in künstlerischen Ueberzeugungen begründeten Abneigung, einem Groll, der sich von lang her aufgespeichert hatte. Nicht gegen das Werk Wagners, das unerschütterlich in der Geschichte dasteht, richteten und richten sich solche Gesinnungen, sondern gegen die Folgen, die es für unsere musikalischen Zustände gezeitigt, gegen die Gefahren, die es heraufbeschworen hat. Insofern hängt dieses moderne Antiwagnertum mit der wiedergewonnenen Freiheit des Urteils zusammen und ist eines der Merkmale, die ich für meine Thesen von der musikalischen Regeneration in An spruch nehmen darf. Diese selhst' aber offenbart sich im Schaffen der Lebenden, nicht in der Kritik der Toten. In der Kunst vollziehen sich die großen Umwandlungen in kon kreten Erscheinungen; alle theoretische Spekulation ist nur der Abglanz, die Folge davon.

Der Zustand, der um die Mitte des vorigen Jahrhun⸗ derts in der Musik eingetreten war, der Wagners, Liszts reformatorisches Auftreten(für Frankreich wäre Hector Berlioz zu nennen) möglich und notwendig machte, läßt sich kurz so charakterisieren: der melodische Ausdruck war rück ständig geworden, er entsprach nicht mehr dem wahren Empfinden der Zeit. Er war nur noch künstlerische Kon vention. Die Musiker, die das fühlten, sahen sich zur Un- fruchtbarkeit oder zum Einschlagen eines neuen Weges ge zwungen. Seit Jahrhunderten gab es musikalische Aus drucksnormen, die, durch große Meister variiert, zuletzt durch die Romantiker mit volkstümlichen Elementen durchsetzt worden waren, die aber in ihrem Wesen typisch blieben. Wagner, der Stärkste der drei Genannten, erzwang sich neue Ausdrucksformen für das, was er empfand und künstlerisch gestalten wollte. Es scheint, daß solche Momente der Fort entwicklung nicht ohne Kampf gegen die Form verlaufen können, weil durch die Form zugleich der Ausdruck gebunden ist. Es war aber der große, folgenschwere Irrtum der zweiten Jahrhunderthälfte, daß sie in dem destruktiven Verfahren in erster Linie das Verdienst Wagners erblickte, in dem Gegen⸗ satz, in den er zur Vergangenheit trat; daß sie gewissermaßen nur das Negative, nicht das Positive seines Schaffens er⸗ kannte und hochschätzte. Es kam eine Generation, die den melodischen Ausdruck früherer Zeiten bekämpfte, ohne einen