Ausgabe 
4.3.1913
 
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Wir haben oben das Stoffgetriebe der lebendigen Zelle mit dem in einer arbeitenden Dampfmaschine verglichen und haben gesagt, daß nicht nur Stoffe von außen zugefshrt werden müssen, damit die Leistungen der Zelle oder der Dampfmaschine vonstatten gehen können, sondern daß auch die im Stoffgetriebe entstehenden Schlacken aus der Zelle, wie aus der Dampfmaschine, entfernt werden müssen, wenn nicht der ganze Betrieb in die Brüche gehen soll. Diese Tat⸗ sache ist den Physiologen schon leit bald 50 Jahren bekannt. In den sechsziger Jahren machte der Physiologe Ranke folgenden Versuch. Er ließ Froschmuskeln sehr angestrengt arbeiten, indem er Fröschen ein Gift gab, das heftige Muskel- krämpfe hervorruft. Als die Muskeln der Tiere müde ge worden waren und nicht gut mehr arbeiten konnten, tötete er die Tiere und verrieb ihre Muskeln zu einem Brei. Von diesem Brei spritzte er nicht ermüdeten Fröschen ein wenig unter die Haut. Und siehe da: die Muskeln dieser Frösche wurden müde, ohne daß sie gearbeitet hatten!

Da hatte der Forscher eine wichtige Entdeckung gemacht! Denn es war mit seinen Versuchen gezeigt, daß bei der Muskelarbeit Stoffe entstehen, die, gleichsam wie Asche in der Dampfmaschine, die weitere Tätigkeit der Muskeln hemmen. Diese Stoffe müssen aus dem Muskel heraus- geschafft werden, wenn er leistungsfähig bleiben soll. Das besorgt das Blut: es wäscht die Schlacken aus dem Muskel heranz. Daß das Blut das macht, das wissen wir auch aus Experimenten. Mosso ließ Hunde 12 bis 18 Stunden in einem Tretrade laufen, bis die Kräfte der Tiere fast erschöpft waren. Dann entnahm er diesen Tieren Blut und spritzte es nicht ermüdeten Hunden in die Blutgefäße ein. Da wur- den die Hunde, die gar nicht gearbeitet hatten, auch müde.

Genau so wie mit dem Muskel, ist es mit den Nerven zellen auch. Das hat Verworn gezeigt: auch bei der Tätig⸗ keit der Nervenzellen entstehen Schlacken, die weggeschafft werden müssen, wenn die Leistungsfähigkeit der Nerven- zellen nicht erlahmen soll. Verworn zeigte, daß, wenn man das Rückenmark eines Frosches, der angestrengt gearbeitet hatte und müde geworden war, gut auswäscht, das Tier sich wieder erholt und leistungsfähig wird. Verworn machte das so, daß er in die große Schlagader eines Frosches ein Glas- röhrchen einband und durch dasselbe eine Waschflüssigkeit in die Ader des Tieres pumpte. Dann gelangt die Waschflüssig⸗ keit natürlich auch in die Blutgefäße des Rückenmarkes und wäscht hier die Schlacken weg.

Wie ist es nun mit dem Müde-Werden, wenn man grade nicht ein Versuchsfrosch, sondern ein unversehrter Mensch ist? Wir haben sehr angestrengt geistig gearbeitet z. B. uns durch ein sehr schwieriges Kapitel eines Buches durchgearbeitet. Wir haben viel nachdenken müssen und fühlen uns darauf müde. Was ist hier geschehen? Nun, die Nervenzellen unseres Gehirns haben viel gearbeitet und es find dann sehr viel Zerfallsprodukte, Schlacken in den Nerven- zellen entstanden, genau so wie in einer Dampfmaschine, die einmal länger als sonst in Betrieb gewesen. Das Blut kreist in den seinen Blutäderchen um die Nervenzellen im Gehirn und holt ständig die Schlacken heraus. Aber weil wir so viel gedacht haben, sind es dieses Mal so viel Schlacken, daß das Blut nicht alle gleich herausholen kann. Oder mit an⸗ deren Worten: es werden mehr Schlacken in den tätigen Nervenzellen gebildet, als das Blut herauszuwaschen ver mag. Da häufen sich die Schlacken in den Nervenzellen an; die Nervenzellen verlieren ihre Leistungsfähigkeit, das Denken will nicht mehr gehen. Wir klappen das Buch zu, spannen aus, um uns zu erholen. Da arbeiten die Nervenzellen wieder weniger, und das Blut hat nun Zeit, nicht nur die wenigen neuentstehenden Schlacken herauszuschaffen, sondern auch diejenigen, die vom früheren angestrengten Arbeiten, in den Nervenzellen liegen geblieben waren. Das ist der Sinn der Erholung, desAusspannens. Auch hier ist es wieder wi⸗ mit der Dampfmaschine. Wenn einmal stärker als sonst geheizt werden mußte, dann kann die Bedienung der Dampf⸗ maschine nicht schnell genug alle Asche herausschaffen, es bleibt etwas zurück, und die Maschine muß dann für einige Zeit wieder weniger arbeiten oder gar stillgestellt werden,

an Asche herauszuschaffen. ist nur ein klein wenig von dem, was die Fo N schon heute von dem Getriebe in der Gedankenfabrik weiß. Aber das, was die Grundlage abgibt für ein weiteres Ein⸗ dringen in das Verständnis derseelischen Vorgänge. Genau so wie man vor allem die Hebelgesetze lernen muß. wenn man Maschinenkunde treiben will. 5 Allerdings gibt es noch viel zu lernen, wenn man dann auf eine richtige Fabrik kommt und das Getriebe der Räder, Winden und Transmissionen sieht. Da denkt man, daß fei doch mit den Hebelgesetzen nicht weit her, ich komme mit ihnen allein in diesem Wirrwarr der Fabrik nicht zurecht. Aber doch ist's so, daß alles hier auf Hebelgesetze zurückgeführt werden muß.... Und so ist es auch in der Gedanken fabrik: Zunächst ein Wirrwarr von Dingen, von Erscheinungen, die einem sounerklärlich erscheinen, daß man am liebsten gleich den lieben Herrgott in seiner verdienten Ruhe stört, um sich die Sache von obenerklären zu lassen. Mit diesem alten ehrwürdigen Herrn kommt man aber in der Naturwissen⸗ schaft nicht gut vorwärts. Bei näherem Zusehen erweist es sich, daß allem Denken doch nichts anderes zugrunde liegt, als eine Kette chemischer Vorgänge, stofflicher Umsetzungen in den Zellen des Gehirnes....

Nas Das

Aus unserer Sammelmappe.

Vom Feuer ohne Flammen. Die chemophysikalische Forschung hat uns in jüngster Zeit mit einer neuen Art von Feuerung bekannt gemacht, die berufen sein dürfte, eine neue Aera nicht nur in der Technik, sondern auch amhäuslichen Herd einzuleiten, wenn* gelingt, sie in praktisch brauchbare Form zu bringen. 5

Interessanter Weise wurde das Verfahren gleichzeitig in Deutschland und England entdeckt, allerdings vorläufig erst im eng lischen Kulturkreis praktisch verwertet. a

Es beruht auf dem Prinzip, daß die leuchtende Flamme, das Zeichen unvollkommener Verbrennung, vermieden werden soll. Dies geschieht in dem in jedem chemischen Laboratorium und in vielen Werkstattbetrieben wohl bekanntenBunsenbrenner schon längst mit dem Effekt gesteigerter Heizwirkung. Einen weiteren Fortschritt in dieser Richtung bedeutet es, wenn man durch eine solche durch Luft⸗ zufuhr nichtleuchtende Gasslamme einen seuerbeständigen Stoff, 15 B. Asbest oder Keramit, zum Glühen bringt. Dieses an der Auz⸗ strömungsstelle des Heizgases angebrachte und natürlich am welk · mäßigsten flächensörmig ausgebreitete Diaphragma beginnt alsbalb in Rot nicht lange in Weißglut zu erstrahlen und die flammen⸗ lose Feuerung tritt in Aktion. 4

Es gelang bereits in Tiegelöfen, bei denen ein grobtörniges Magnesitgemisch als Glühstoff verwendet wurde, mit geringfügigem Gasverbrauch Nutztemperatur von 1880 Gr. Celsius, also denkbar in⸗ tenstoste Helzung, zu erzielen. 5

Es eröffnen sich hierdurch glänzende Aussichten für die Kessel-. jeuerung, soweit sie mit Gas betrieben werden kann und nicht weniger für die häusliche Heizung, in der anstelle des bescheidenen Gasofens bald die flammenlose Feuerung ihren Einzug halten und 1 wesentliche Ersparnisse mit sich bringen wird, da sich die Oeizung durch Aenderung des Gas- und Luftgemisches regulieren und schon 1 etzt gegen den Heizwert der Kohle und des bisher gebrauchten Hen gases eine Ersparnis von 5860 Grad herausgestellt hat. a

Auch eine nach diesem Prinzip zu Cleveland hergestellte und praktisch sich bewährende Kesselheizanlage soll den Nutzungsessekt von den jetzt üblichen 5065 Prozent auf 95 Prozent gesteigert haben.

Man wird also wohl bald noch viel von der flam Jeuctung zu hören bekommen und sie wird, wenngleich sie die Kohlenfrage nicht aus der Welt schaffen kann, da zur Herstellung des Leuchtgases auf das sie sich derzeit allein beschränkt, nach wie dor Lohle wenn auch nicht bester Qualität notwendig i, schen us Hansfenerung, abgesehen von allen wirtschaftlichen Vorteilen,* die Hygiene des Stadtlebens den unschätzbaren Vorzug der lofigkeit bieten, der für die Gesundheit und Lebensfreude der Städter wichtiger ist, als man gemeinhin auch nur ahnt. 3

Im Wettbewerb zwischen Gas und Elektrizität aber scheint den Gassabriken hier plötzlich ein unerwarteter Helfer erstanden zu der ihnen vielleicht eine neue Blütezeit verheißt, a