Ausgabe 
4.3.1913
 
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Der Völkerkrieg der Fürsten.

181915. Bon Kurt Eisner. 1. Kapitel: Der Abfall

4 er großen Armee Mitte De⸗ zember 1812 nach London kam der Zucker an der Londoner Börse begeistert von 40 auf 70 linge. Jetzt schien erreicht, was Lewis Goldsr in seinem Anti⸗Korsika⸗Monitor durch die Propa⸗ ganda für den Meuchelmord gelegentlich empfahl er eine össent⸗ liche Sammlung, um einen ordentlichen Preis für ben glücklichen Mörder Napoleons zusammenzubringen vergebens zu bewirken versucht hatte: die Ausrottung Bonapartes. Der kleine englische Winkelsournalist stand mit dieser Agitation durchaus nicht allein. Samuel Taylor Coleridge, der Dichter, der aus einem Lobredner der französischen Revolution und dem Gründer eines kommunisti⸗ schen Idealstaals am Susquehanna ein christlich⸗frömmelnder kon⸗ servativer Reaktlonär geworden war, begründete in Zeitungs⸗ artikeln philosophisch den Satz, daß einen Verbrecher, wie Napoleon, den seine Taten außerhalb des Schutzes des Gesetzes gestellt hätten, jeder Mensch als einen Geächteten töten dlirse. Nur einer schloß sich von dem gemeinen Jubel aus, Byron, der Revolutionär, der in Napoleon den Abtrünnigen der Freiheit gehaßt hat. Jetzt schwieg er. Als dann aber Napoelon bei Leipzig wirklich zusammenge⸗ brochen war, schrieb Byron in sein Tagebuch seine erregten Stimmungen nieder: seine Aufzeichnungen beweisen, daß wie in Deutschland ein Fichte auch in England die Führer radikaler Ge⸗ sinnung, ein Byron und Shelly Napoleon bekämpften, weil er ein Verräter der Revolution geworden, daß sie seine Person aber weit iber all das Gewimmel seiner Feinde stellten, an deren Masse sein Schicksal zerrann. Das unnatürliche und verhängnisvolle Bündnis zwischen Revolutionären und Reaktlonären, das Napoleon fällte, und mit ihm die Revolution selbst auslöschte, zeichnet sich in diesen Betrachtungen des englischen Dichters:Von Männern sich schlagen zu lassen, das hätte nichts zu sagen, aber von drei stupiden, legitim⸗ dynastischen Strohköpfen von Durchschnittsmassen o Schande! o Schande! Und Byron erkannte auch sofort die Wirkungen des Sturzes Napoleons. Wenn er im November 1913 schrieb:Ich hätte gedacht, wenn ihn das Schicksal zerschnetterle, würde er sallen, im Zusammenbruch des Erdkreises selbst, aber nicht Stufe um Stuse zur Nichtigkeit herabsinken So schreiten wir deun wieder zu dem öden und stumpfsinnigen alten System vom curopälschen Gleichgewicht zurück; wir spielen wieder mit Stroh halmen auf den Nasen der Könige, statt sie an ihren Höchstihren Nasen zu zupfen! Gebt mir eine Republik oder die Gewaltherr⸗ schaft eines Einzigen, eher s gemischte Regiment von einer, zwei oder drei Personen.

Das war die Sehnfucht und das Ziel aller wahren Freiheits krleger der Zeit: Napoleon stürze, damit in den Trlimmern das ganze alte System zusammenbräche. Das predigte Fichte und dafür ging die idealistisch schwärmende deutsche Jugend in den Tod. Das war aber nicht die Absicht der herrschenden Mächte, die sich gegen Napoleon verschworen Sie wollten gerade umgekehrt den Mann vernlchten, der doch immer der Jakobiner geblieben war, wenn er auch die Mittel seiner Politik gewechselt hatte. Und die Völker hätten es wissen lönnen, welches Spiel mit ihnen getrieben werden sollte. Denn war kes denkbar, daß Freiheltskriege beglunen mit dem Einbruch der Kosaken, mit den heuchlerischen Proklamatio⸗ nen der verstocktesten aller Monarchen und mit den unablässigen Bestechungen einer Macht, die setzt wie im 18. Jahrhundert die europälschen und besonders die deutschen Kerle zusammen kaufte, um lie als Schlachtvieh für seine Geschäfts teressen zu verwerten und zu vernichten. Nach der Absicht und Meinung der Herrschen⸗ den waren di tslriege von Anfang an nichts anderes wie

Als die Kunde vom Ur

drüngten

Während man in England die Zeit nahe glaubte, da der Feind endlich unschädlich gemacht wäre, vollzog sich im Osten Deutschlands die hochverräterische, erstmilitärische, dann auch ziolle Auslieferung Preußens an Rußland. Das nämlich ist die Bedeutung der berühmten

Konvention von Tau

rogger durch die Vork die preußsischen Truppen dem xussischen Feind überlieferte, und jenes preußischen Landtages, im Februar 1913, der sich aus eigen Recht berief und die Landwehr schuf.

In diesem Unternehmen fanden sich zusamn die unzufriedenen Offiziere, der preußische Adel und das ostpreußl Bürgertum, soweit es durch die Unterbindung des Handel Eugland bis zum Patriotismus zugrunde et oder dee ver geschädigt

war

Die hohen preußischen Militärs, die keinen Raum der Betätigung sanden und denen en Staatsmänner und hohen Beamten ausa zum großen Teil in russische Dienste übergetr o stliche Junkertum suchte längst von Preußen, Friedrich Wilhelm und der Regierung Oardenberas loszukommen, und mit Rußland vereint zu werden. Der Adel fühlte sich näher mit den rufsischen J und dem Zaren verwand Gleichheit der Getreideerportinteressen, des Bauernschindens und des Bauernlegens mit dem deut

schen Volk und den Emportömmlingen der Bur asen von Nürn

Durch die unseligen Finanzeinrichtungen, vorzüglich durch die der Ausführung, find die derzen der Nation von der Reglerxung gewandt worden. Nie ist des Patriotismus viel bei uns gew wenigstens nicht von der echten Art. Glorreiche Zeit und steig Wohlstand haben etwas dem ähnliches hervorgebracht, was abet der Zeit der Not nicht vorhielt. Jetzt ist schwunden und das Gegenteil ist eingetreten. Nicht mehr Gle gültigkeit, sondern offenbares Uebelwollen gegen die Regierung 1 es, was in der meisten Herz und Mund ist. gern Rußland, Schlesien gern Oestekreich angehören. Die Stimmung in der Mark wird nicht viel besser sein. Der Adel geht in allen der Regierung seindseligen Ge⸗ in nungen voran. Sind dies nicht alles Zeichen der nahen Auflösung?

Es waren wirtschaftliche Gründe, die wesentlich solche Stim⸗ mungen erzeugten. Fast alle, die die Erhebung gegen Napoleon vorbereiteten, steckten in großen Geldbedrängnissen; auch Gneisenau. Der vordem völlig steuerfreie Adel bäumte sich auf, daß auch er zu den steuerlichen Lasten herangezogen werden mußte. Die Konti- nentalsperre drohte den getreidehandelnden Adel zu ruinieren. Als auch eine Wirkung der Sperre im Sommer 181m auf dem schlesischen Wollmarkt die Preise sanken, schilderte Gnelsenau die Gemütsversassung der schlesischen Junker als verzweifelt; er sprach von ihrerBetäubung.

Die hochverrätetische, durch dle dürftigen Reformen erregte Neigung des preußischen Adels, sich von Rußland aunektieren zu lassen, wuchs von Jahr zu Jahr. Was man bisher nicht gewagt hatte, weil man sich vor der Macht des mit Friedrich Wilhelm III. verbündeten Napoleon fürchtete, schien jetzt möglich. Die Kosaken sollten Deutschland die Freiheit bringen!

In all den wirr schwankenden Plänen dieser Jahre, die von den Stein und Gneisenau gewälzt wurden, hofften die aus Beruf und Wirksamlkeit geschleuderten Preußen, die auch aus wirtschaft⸗ licher Not in abenteuerliche Unternehmungen gezwungen wurden, immer doch nur die Rettung von einer anderen JFreum d herr⸗ schaft. Eine Fremdherrschaft sollte durch eine andere Fremd- herrschaft ersetzt werden. Gneisenau, der als geheimer Unter- händler 1812 wieder in England weilte, sah damals die einzige Lösung in der Eroberung ganz Europas durch England. Gneisenau hatte vergeblich im Sommer 1811 Friedrich Wilbelm III. den Ent⸗ wurf einer Miliz zur Organisation eines Volksaufstandes unter⸗ breltet. Der König hatte den in allen Einzelheiten ausgeführten Plan lediglich mit ungläubigen und auch Über die Massen läppischen Randbemerkungen verziert. Gneisenau hatte in dem Entwurf den Predigern die Aufgabe zugedacht, die Untertanen auf ihre Miliz⸗ pflichten gegen den Feind zu vexeidigen. Friedrich Wilhelm III. schrieb dazu:Wenn ein Prediger erschossen sein wird, hat dle Sache ein Ende,. Zu den Bemerkungen über das Zusammenwirken der Milizen und der regelmäßigen Truppen schrieb der König an den Nand:Ein par Exekutionen und die ganze Sache hat ein Ende, alles wird sich bald zerstreuen. Jede Wehrhastigkeit des Volkes schien dem König undenkbar, wie aus einer anderen mafestätischen Glosse sich ergibt:Mangel an Lebensmitteln, keine Gewohnheit an Entbehrungen und Ausdauer, noch weniger Er⸗ fahrung im Kriege, und einige Flinten⸗ und Kanonenschüsse zer⸗ streuen diese Leglon. Friedrich Wilhelm hielt vor allem seine von ihm regierten Preußen für durchaus ungeeignet, gegen den Feind einen Volkskrieg zu führen:Bei einer Nation, die gewitzt ist und Intelligenz hat, geht so etwas zur Not, wie aber bei uns? Dagegen hatte der König ein spielerisches Interesse an der Unisorm der Milizen, an deren Einführung er doch niemals gedacht; er malte höchsteigenhändig ein schwarz⸗weißes Kreuz, das die Milizen als Medaflle-Band auf der Brust tragen sollten. Auch wehrte er lebhaft die MWelnung Gneisenaus ab, daß die Uebungen der Miliz nicht durch eine Menge von Kommandowörtern belastet und keine anderen Hilfsmittel angewendet werden dürften als die, welche der Verstand den Leuten eingebe.Der Verstand schmierte S. M. tleffinnig an den Randdem muß man aber zu Oilse kommen, und deshalb Lommandowörter. Wenn schließlich Gneisenau schwärmte:Schon jetzt möchte bei der Sektion für den Kultus und den Unterricht die Veranstaltung getrossen werden, daß Besehle an sämtliche Geistliche aller christlichen Konsessionen bereit liegen, wonach diese, bei ausgebrochenem Kriege, die Gemeinden in der Kirche versammeln, über einen passenden Text predigen, Frank- reichs Untersochungsplan mit schwarzen Farben schildern, an das jüdische Volk unter den Matkabäern erinnern, das gleicher Be⸗ örlickung wiberstanden und dessen Beispiel uns anseuern miisse. auf gleichen Widerstand zu denken so spuckte der königliche Felb⸗ webel in die Flammen das Wort, das in seinem Geiste die schimpf⸗ lichste Verachtung ausdrücken sollte:Als Poesie gut.

Bel solcher Verfassung des obersten Kriegsherrn war es zu verstehen, daß schlechterdinas niemand auf den König von Preußen zäblte. Und als jetzt auch die schwedischen Pläne gescheitert waren. da schrieb Gueisenau am 2. November 1812 an den hannöveris cuelischen Staatsmann, Grafen Münster, gegen denvielköpfige schen Versassungsplan des Freiherrn vom Stein 12 Stellung hat ihm die Erschaffung eines solchen Ungeheuers geboten, aber ausführbar wäre ein solcher Plan nimmermehr gewesen!

Und er fügte den die ganze Stimmung der Zeit jäh enthüllenden Satz hinzu:Wir müssen, nun die Dinge so sich gewendet ha

auf etwas denken. England muß für sich erobern u

andetes

berg. Schon am 20. April 1811 batte der liberalste Kopf der mili⸗ AMrlichen Relexmer. Gneilenau. diefe Stimmung des prenzi⸗

einigen als einen integrierenden Teil des Brisischen Reichs. Die

schen Adels und über ihre Ursachen an Hardenberg ge erleben b

vollends alles hinge⸗ l

Preußen möchte

allen Eroberungen selne Konstitutjon geben, die selben mit sich ver⸗ 7

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