Ausgabe 
4.3.1913
 
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öchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

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Nummer 48

Dienstag, den 4. März 1913

I. Jahrgang

duktion suchte den für ihn günstigsten Standort aus. Ganze

Die Urbanisierung Hessens.

Vor unsern Augen vollzieht sich tagtäglich mit stetig wachsender Intensität die Umschichtung der deutschen Reichs⸗ bevölkerung in Stadt und Land. Ihr einseitiges Haupt⸗ merkmal ist die Zusammenballung der Massen(Agglomera tion) in den städtischen Siedelungen. Untrennbar hiervon ist die Stagnation, ja die Entvölkerung des flachen Landes. Diese Urbanisierung des deutschen Volkes(ein Aus⸗ druck, der durchVerstadtlichung oderVerstädterung nur unzutreffend ersetzt werden kann) tritt immer stärker in den Vordergrund der Diskussion unserer Nationalökonomen, und erscheint als ein schwer zu lösendes, weil widerspruchsvolles Kulturproblem. Im Mittelalter hatten sich Stadt und Land friedlich in die wirtschaftlichen Funktionen geteilt. Das Land erzeugte die Rohstoffe und Nahrungsmittel; die Städte ver arbeiteten das und führten durch den Handel aus der Ferne herbei, was sie nicht selber produzierten. Mit der umliegen⸗ den Landschaft bildete die Stadt ein geschlossenes Wirt⸗ schaftsgebiet, das sich durch Arbeitsteilung selbst versorgte. Da bemächtigte sich der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Dampf und das Eisen. Eine bisher ungeahnte Be⸗ völkerungsbewegung brach die alten Städteprivilegien und die Gebundenheit an die Scholle entzwei. Die Ausbildung der Verkehrsmittel zog eine vollständige Umgestaltung der nationalen Arbeitsteilung nach sich. Jeder Zweig der Pro

Gegenden in der Ebene nahmen ein städtisches Gepräge an, und einZug zur Stadt, wie ihn keine frühere Städteform der Weltgeschichte kennt, bildete sich immer schärfer heraus. Vor hundert Jahren gab es in ganz Europa nur 12 Groß⸗ städte, in Deutschland zwei, und heute zählt allein der Bezirk Düsseldorf deren zehn. Es gibt kein Land der Welt, wo der Urbanisierungsprozeß in den letzten Jalrzehnten so gewaltige Fortschritte gemacht hat wie in Deutschland. Nach dem französischen Kriege wohnten 15 Millionen Deutsche in Städten, d. h. in Wohnplätzen von 2000 und mehr Ein⸗ wohnern, und 26 Millionen auf dem Lande. Heute kommen auf das Land diese selben 26 Millionen, auf die Städte aber 39 Millionen. Manche Bezirke haben zu 90 und mehr Prozent städtischen Charakter, so Düsseldorf, Köln und Chemnitz. Von dieser Tendenz ist auch das Großherzogtum Hessen nicht frei geblieben und die soeben veröffentlichten Spezialergebnisse der letzten Volkszählung bestätigen die Ständigkeit dieser Entwicklung. Im Jahre 1910 wohnten rund 61 Prozent der hessischen Bevölkerung in Städten, und nur 39 Prozent auf dem Lande; 1871 betrug die hessische Landbevölkerung noch 64 Prozent. Gerade so wie im Reiche hat sich die absolute Zahl der ländlichen Bewohner seit 1871 nicht wesentlich verändert; sie betrug damals wie heute rund 7 Million. Aber die städtischen Einwohner mehrten sich von 307 000 auf 776 000, also auf weit mehr als das Doppelte. Besonders intensiv war diese Entwicklung seit 1890. Folgende kleine Tabelle zeigt am besten die Stärke dieser Verschiebung:

Städtische Ländliche Einwohner Einwohner 1871 306 540 35,9 Proz. 546 354 64,1 Proz. 1890 443 069 44,6 Proz 549 814 55,4 Proz. 1910 776 263 60,7 Proz. 505 788 39,3 Proz.

Also bei den städtischen Zahlen ein starker und stetiger

besonders seit den 90er Jahren einen äußerst bedenklichen Charakter hat. Gewiß darf nicht übersehen werden, daß viele ländliche Gemeinden nur rein zahlenmäßig das zweite Tausend Einwohner überschritten und trotzdem noch land wirtschaftlich ihre Bedeutung haben. Das war z. B. im letzten Jahrfünft bei 11 Gemeinden der Fall. Im allge⸗ meinen ist es aber doch so, daß nicht nur zahlreiche ländliche Gemieinden, sondern auch kleinere städtische Orte an ihrer, Einwohnerzahl abgenommen haben. Nach der letzten Volks⸗ zählung traf dies bei 8 kleinstädtischen Orten, namentlich in Rheinhessen zu.

Von den drei hessischen Provinzen hat am meisten Ober- hessen seinen ländlichen Charakter erhalten; 69 Prozent der Bewohner sitzen in ländlichen Gemeinden. Aber im letzten Jahrfünft war auch hier die Jahreszunahme in den städti⸗ schen Gemeinden mehr als doppelt so groß wie in den länd⸗ lichen. Umso stärker sind Starkenburg und Rheinhessen urbanisiert; in beiden Kreisen wohnen 70 Prozent in städti⸗ schen Siedelungen. In den fünf größeren Städten wohnten 1905 327 000, 1910 bereits 351000 Menschen, das ist fast ein Drittel der ganzen hessischen Bevölkerung.

Dieser unaufhaltsam erscheinende Umschichtungsprozeß hat natürlich einen tiefgehenden Einfluß auf die wirtschaft⸗ liche Struktur, als auch auf die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung. Das Schwergewicht wurde von der Landwirt⸗ schaft auf Handel und Industrie, vom Land auf die Stadt ge⸗ schoben. Heute sitzt ein Viertel aller Gewerbebetriebe und ein gutes Drittel aller gewerbetätigen Personen in den Groß⸗ städten, wo mit dem Einkommen der Nationalreichtum in so raschem Tempo wächst, daß er dem französischen auf den Fersen ist.

Wie dieser Bevölkerungsprozeß einmal enden wird, läßt sich heute schwer sagen. Jedoch geht man wohl in der An nahme nicht fehl und besonders Oldenburg scheint hier⸗ für einen Beleg zu geben, wenn man die jüngsten Zahlen ansieht, daß es so kommen wird, wie mit dem einst so ge⸗ fürchteten Malthusianischen Uebrvölkerungsgespenst: die Verhältnisse, unterstützt durch politische Maßnahmen, werden am Ende die natürliche Kraft haben, ihr Richtungsziel im Sinne eines wohltätigen Ausgleichs zu verschieben. Hierzu wird vor allen Dingen gehören, daß man endlich, nach dem ungeheuren Hochwachsen der städtischen Kultur, auch der Dorfkultur sinngemäße Pflege zuwendet. Es wird auch zu wenig gewürdigt, wie die Kulturwerte der Stadt, die zum Teil erst völlig neu geschaffen werden mußten, besonders in⸗ folge der umfangreichen bürgerlichen Selbstverwalt⸗ ung zu einer sehr hohen Potenz entwickelt wurden, während man den reichen ländlichen Kulturinhalt verfallen ließ. Heute steht fest, daß die Landflucht nicht allein ökonomische, sondern auch kulturelle und soziale Ursachen hat. Zwischen Dorf und Stadt hat sich ein ungesunder Gegensatz heraus- gebildet; das Dorf ist mit seiner alten bodenständigen Kultur nicht organisch in den neuzeitlichen Entwicklungsgang ein gefügt worden. Man hat es vergessen und nicht an das alte Liebigsche Wort gedacht:Was die menschliche Gesellschaft zusammenhält oder auseinander treibt, und die Nationen und Staaten verschwinden oder mächtig macht, das ist immer und zu allen Zeiten der Boden gewesen, auf dem der Mensch seine Hütten baut! ch.

Aufstieg, bei den ländlichen ein empfindlicher Abfall, der

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