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Latastrophe streben bis in unsere Zeit und entzünden noch immer Brände: wäre vor einem Jahrhundert jene Organssation Europas, die auch die Lösung der osteuropälschen Probleme einschloß, nicht vernichtet worden, es wäre heute keine Nahrung für einen Balkan⸗
krieg gewesen.
Es scheint die possenhaste Geschichtsaufsassung des Glases Wasser, den Zufall einer ohne besondere Absicht in blinder Zer⸗ störungswut herbeigefil 1 Elementarerscheinung als Ausgang so welttragender Entse gen zu bestimmen. Dennoch kann niemand, der ohne Sch wund Schablonen jener Zeit vulkanischer Erschütterungen zu ergr versucht, über den Brand von Moskau hinweg. Was die Zeitgenossen dunkel empfanden, was Napoleon selbst als Ursache jeines Untergangs behauptet, muß auch der heutige Historiker anerkennen, der gelernt hat, die Gesetzmäßigkeit eines über alles Persönliche und Zufällige hinauswirkenden ge schichtlichen Geschehens zu Wie erhielt aber eine zufällige Brandkatastrophe diese Bedeutung, wie konnte gerade sie geschicht⸗ liche Wendungen auslösen, die den Weltkämpfen eines Menschen⸗ alters Richtung und Ziel gaben?
Diese Frage muß allen Betrachtungen vorangestellt werden, die den Völkerkrieg der Fürsten— den„Befreiungs⸗ krieg“— in Gründen und Erfolgen zu messen bemüht sind.
Zugleich bilden die Moskauer Wochen Napoleons das schwierigste Problem seiner gesamten Wirksamkeit. Wie kam es, daß Napoleon über einen Monat, vom 14. September bis zum 10. Oktober, in den Trümmern Moskaus untätig verharrte? Warum entschloß er sich nicht, mit seiner trotz der Schwächungen, die sie auf dem Zuge erlitten, immer noch übermächtigen Armee das russische Heer zu vernichten? Warum marschierte er nicht nach Petersburg? Kleine Streifzüge, die die Franzosen während der Moskauer Zeit unternahmen, hatten doch bewiesen, daß es leicht war, die unter unfähigster Führung stehenden russischen Truppen zu zermalmen!
Die Lösung der Frage liegt in der russischen Politik Napoleons.
Auf St. Helena bekannte das stärkste Willensgenie der Ge⸗ schichte:„Nie war ich Herr meiner Bewegungen, nie wirklich ganz ich felbst. Ich mochte viele Pläne haben, besaß aber nie Freiheit genug, einen davon vollständig durchzuführen. Wle sest ich auch das Ruder hielt, wie stark auch mein Arm war, die zahlreich und schnell andringenden Wogen waren doch noch stärker, und ich war nur klug genug, lieber nachzugeben, als durch hartnäckigen Wider⸗ stand mich dem Umschlagen auszusetzen. Nie war ich wahrhaft Herr meiner Handlungen; stets regierten mich die Umstände. So war es; weil ich nicht die törichte Anmaßung hatte, die Exeignisse aus meinem Susteme zu spinnen, sondern im Gegenteil mein Sustem dem unvorhergesehenen Gewebe der Ereignisse einfügte.“
Das war nicht die Entschuldigung eines abgehausten Komödianten, der das Bedürfnis hatte, für die Nachwelt Perücken zu probieren. Es war die tiefste Erkenntnis eines Mannes, der nicht nur Geschichte machte, sondern auch über Geschichte philo⸗ sophlerte. Einmal aber, beim Moskauer Brand, warsen ihm die Umstände so heillos alle Berechnungen um, daß er sich nicht mehr zurechtsand und in der beharrlichen Weiterführung seines ursprüng⸗ lichen Systems sich und seine Politik zugrunde richtete. Napoleon hat später gern den Gedanken ausgesponnen, was ohne den Brand von Moskau hätte geschehen können.„Wenn Moskau nicht den Flammen Überliefert worden wäre,“ sagte er in der wehrlosen Ein⸗ samkeit der Ozeans,„hätte ich der Welt das seltene Schauspiel einer friedlich überwinternden Armee inmitten eines seindlich gesinnten, sie von allen Seiten bedrängenden Volkes gegeben: ein im Eise sest⸗ gefahrenes Schiff! In Frankreich würde man eine Zeit lang nichts von mir gehört haben, aber die Franzosen hätten sich sicher ruhig und klug verhalten. Der Winter in Rußland hätte zwar schwer auf jedermann gelastet, aber im Frühlsahr wären sie dann alle auf ein⸗ mal erwacht. Sobald die schoͤne Jahreszeit gekommen wäre, würde ich sofort auf den Feind losmarschiert sein. Ich hätte ihn geschlagen und wäre Herr Über sein Reich gewesen. Aber glauben Sie mir, Alexander hätte es gar nicht so weit kommen lassen. Er hätte sich schon vorher alle Bedingungen, die ich ihm machte, gesallen lassen, und dann würde Frankreich endlich freles Spiel gehabt haben. Und in der Tat, es hätte wenig gefehlt! Ich war gekommen, um be⸗ waffnete Menschen zu bekämpfen, aber nicht die tobenden Elemente. Ich habe Armeen zerstört; aber die Flammen, das Eis, die Er⸗ starrung, den Tod konnte ich nicht besiegen. Das Geschick war stärker als ich und dennoch, welches Unglück für Frankreich, für Europa! Der zu Moskau geschlossene Frieden hätte meinen Kriegsunter⸗ nehmungen ein Ende gemacht. Er wäre für die große Sache das Ende der Glücksfälle und der Anfang der Ruhe und Sicherheit ge⸗ wesen. Ein neuer Horizont, neue Arbeiten hätten sich aufgetan und wären von dem Gedeihen, dem Wohle aller erfüllt gewesen. Die europälsche Politik war begründet, es blieb nur noch die Frage, sie zu organisteren!... Die große Sache des Volkes war gewonnen, die Revolution war vollendet Ich war die Bundeslade der alten und neuen Allianz, der natürliche Vermittler zwischen der alten und neuen Ordnung.“
Europäische Politik! Es ist seit dem Sturz Napoleons ein wesenloses Wort geworden, von enropäischer Politik zu reden. Im Munde Napoleons war es ein tätiger Begriff. Seitdem konnte man ein halbes Jahrhundert nur von englischer und russischer Politik sprechen, und europäische Politik gibt es bis zum heutigen Tage nicht.
Napoleon war sich seit jeher klar darüber, daß nicht nur Eng⸗ lands Welthandelsherrschaft, sondern auch Rußlands Weltzarismus der Jeind war, der überwunden werden mußte, ehe sich Europa ge⸗
stalten konnte. Alle seine Versuche, Rußland in Frieden und Freund⸗ schaft zu fesseln, waren Verteldigungs⸗ und Bändigungsmaß
gegen Rußland. Es ist deshalb ebenso salsch, den Niedergang Napoleons von dem Bruch mit Rußland zu datieren, wie etwa gar die muftische„Schuld“ Napoleons in dem Bunde mit Rußland zu
behaupten. Denn dieser Bund mit Kußland hat niemals, keinen
Augenblick, innerlich bestanden. 5
In Tilsit und auf dem Erfurter Fürstentag schien die n rufsische Freundschaft festgeschmiedet zu sein. Aber wer denkend sich in jene Verhandlungen vertieft, wie sie am klarsten der sranzösische Historiker Vandal dargestellt hat, erkennt sosort, daß Napoleon niemals daran gedacht hat, die rufsische Politik zu unterstützen. Er hat sie immer nur für seine europäische Politik neutralistieren und wirtschaftlich gegen England zu richten versucht.
Während der Tilsiter Friedensverhandlungen hatte Napoleon zuerst beabsichtigt, als Gegenstlick zum Rheinbund einen Nordbund zu schaffen, der sich vom Rhein bis zur Weichsel erstreckte, und das Großherzogtum Berg, Hessen, Braunschweig, Nassau, Sachsen, Schlesien, das Großherzogtum Warschau(mit den r Gebiete) unter französischem Einfluß vereinigte. Dieser großer konnte nicht durchgesetzt werden. Vor allem lag ihm daran, an Oftgrenze gegen Rußland Grenzsesten aufzurichten. Diese Aufgabe war Polen zugewiesen, und deshalb blieb auch Preußen bestehen; ein gedemütigtes, zerstückeltes, selbst mißhandeltes Preußen, das nicht mehr die Kraft hätte, die Waffen gegen Frankreich zu erheben, von dem er aber immer noch erwartete, daß es sich allmählich in das französische System einpassen würde. Diese beiden Grenzsesten sollten zugleich durch einen Abgrund der Feindschaft gehindert wer⸗ den, mit Rußland zu konspfrieren. Der Zar wie Napoleon hatten 1807 mit dem gleichen Mittel und dem gleichen Mißerfolg versucht, der eine in Polen einen Feind Frankreichs, der andere in Preußen einen Feind Rußlauds für alle Zeiten zu rüsten. Der Zar hatte in den Tilsiter Verhandlungen dem französischen Kaiser angeboten, daß er über Polen einen französischen Herrscher setzte; aber Napoleon erkannte die Absicht dieses freundlichen Angebots, und er dachte nicht daran, die Spitze polnischen Nationalhasses gegen Frankreich zu lenken, und dadurch an der Ostgrenze statt eines Ver⸗ teidigers einen Verräter seines Reiches zu schassen: darum wurde Polen mit Sachsen verbunden. Bonaparte hatte die Anregung des Zaren, Jerome auf den Thron des Großherzogtums Warschau zu setzen, und ihn zugleich mit einer sächsischen Prinzession zu ver⸗ heiraten, mit der Begründung zurückgewiesen:„Die Politik des Kaisers ist, daß sein unmittelbarer Einfluß nicht die Elbe über⸗ schreitet, und er hat diese Politik gewählt, weil sie allein sich mit dem Sustem ernster und beständiger Freundschaft verträgt, die er mit dem großen Kaiserresch des Nordens herstellen will.“ Nur auf 241 Weise glaubte Napoleon im Großherzogtum Warschau nicht sowohl die polnische Nation wiederherzustellen, als eine polnische Ax mee gegen Rußland zu organisieren.
Auch Napoleons Plan scheiterte, in Preußen einen unauslösch⸗ lichen Haß gegen Rußland zu begründen. Sein Angebot an den Zaren, Teile Ostpreußens zu erwerben, wurde von Alexander I. abgelehnt. Napoleon überschätzte Überhaupt noch immer die Reiz barkeit preußischen Ehrgefühls, das gegen Rußland niemals, auch bei den frechsten Zumutungen nicht, sich hervorwagte. Nicht umsonst hatte Napoleon in dem Tilsiter Frledensvertrag mit Preußen den Hohn des Artikels 4 ersonnen, daß er auf die preußischen Ex⸗ oberungen verzichte,„par égard pour Sa Majesté I'Empereur de toutes les Russies“, aus Rlicksicht auf den russischen Kaiser. Dlese Wendung hätte ein empfindlicheres Nationalgefühl mit tödlichem Haß gegen Rußland erfüllen mülssen. Denn dieses Rußland, dem zuliebe Napoleon die Reste Preußens setzt zu erhalten behauptete, war doch der Verbündete Preußens gewesen und hätte mit ihm zugleich stegen oder untergehen müssen; und sein Verrat erst hatte Preußen Frankreich ausgeliefert. Gibt es ein aufreizenderes r- bältnis, als sein Leben der Gnade des Verräters danken zu mlissen? Aber Friedrich Wilhelm III. war froh, wenn er nur ein bischen Land behielt, das er regieren und ausbeuten konnte; und so war er wirklich— sehr wider die Absicht Napoleons— dem Zaren dankbar, daß er ihm bei der verräterischen Ausplünderung einige Zehr⸗ plennige in die Tasche gesteckt.
Aber dieser mißlungene Versuch Napoleons, zwischen Preußen und Rußland Feindschaft zu säen, zeigt, wie er von Anfang an gegen Rußland rüstete.
Es war wiederum geschichtliche Wahrheit, wenn er auf St. Helena sich gegen den Vorwurf verteidigte, er habe durch den Vertrag von Tilsit Europa an die Kette Rußlands gelegt; ohne den 4 von Moskau würde man gesehen haben, daß er durch senen ag Ruß⸗ land vielmehr an die Kette Europas gelegt habe. Ebenso waren die zwischen ihm und dem Zaren verhandelten Orientpläne niemals etwas anderes wie ablenkende und besänftigende Unterhaltungen. Napoleon dachte nicht daran, die orientalische Erweiterungspolitik des Zarismus irgendwie zu fördern.
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Die erste Marx⸗Biographie.
Im Verlag von F. Meiner in Leipzig ist soeben erschienen: Karl Marx Leben und Werk. Versfasser ist John Spargo. Aus im Vorwort des Verfassers geben wir folgendes wieder: J
Professor Veblen, einer der fähigsten und glänzenden
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