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Jahres 1808 war ex aber offenbar bereit, die Truppen zurückzu⸗ ziehen. Als Stein nach Berlin reiste, um mit Darn über die Kriegskontribution zu unterhandeln, fand er ein übe rraschendes Entgegenkommen. Daru verstand sich sowohl zu der Herabsetzung der geforderten Summe um ein Drittel wie zum Verzicht auf die dem preußischen König anstößigste Forderung, für 50 000 Millionen Francs Domänen zu erhal D arstellung, die der sonst ver⸗ dienstvolle Max Lehmann in seinem großen Stein⸗Werk von dieser Berliner Tätigkeit seines Helden gibt, ist auffällig dunkel. Man versteht nicht den plötzlichen Umschwung der französischen Stimmung, die Beharrung auf den ursprünglichen Forderungen und die Aufrechterhaltung der Okkupation gerade zu einer Zeit, wo die beginnenden spanischen Verwicklungen eine andere Verwendung der Truppen notwendig machten. Und doch sind bereits von Bignon die Motive klar und bestimmt angegeben.
Stein, der in seinen Verhandlungen mit den Franzosen an⸗ scheinend die äußerste, fast charakterlose Nachgiebigkeit zeigte, ver⸗ suchte zu gleicher Zeit einen Volkskrieg gegen Napoleon zu rüsten. Das war sein gutes Recht, wenn man will, auch sein patriotischer Ruhm. Nur darf man da Napoleon nicht beschimpfen, wenn er in der Gegenwehr die notwendigen Maßnahmen traf. Stein hat es verschuldet, wenn die französische Besetzung nun noch bis gegen das Ende des Jahres aufrecht erhalten wurde. Wenn Stein immer wieder mit dem goldenen Service Friedrichs II. und den Kronsuwelen operierte, die man verpfänden oder verkaufen müsse, um das Vaterland vor dem finanziellen Verderben zu retten, konnte in dieser Gankelei Napoleon etwas anderes sehen als den Versuch, die bewährte Sentimentalität der Untertanen, die so gern über die Not der Fürsten schluchzt, zu einer gefährlichen Aufreizung der öffentlichen Meinung zu benutzen! Oder wenn Stein Napoleon anbot, eine im Hafen von Lissabon liegende russische Flotte in Zahlung zu geben— Rußland schuldete den Preußen einige Mil⸗ lionen— so konnte Napoleon wiederum dieses Anerbieten nicht anders auffassen, als daß Stein auf solche Weise zwischen dem Zaren und Napoleon Unfrieden stiften wollte. Schlimmer noch waren die Berliner Brotrevolten in dieser Zeit. Max Lehmann führt sie in sehr unklarer Weise bloß auf die Weigerung der fran⸗ zösischen Verwaltung zursck, die entwerteten Scheidemünzen auf ihren wirklichen Wert herabzusetzen; deshalb hätten die kleinen Bäcker nicht mehr Vorräte laufen können und es wäre Brotmangel eingetreten. Sehr viel klarer ist die bestimmte Darstellung Big⸗ nons, daß man auf Anstiften Steins geflissentlich die Getreide— und Mehlvorräte beiseite geschafft hätte, so daß die Bäcker nichts zu backen hatten, und das hungernde Volk selbst in Preußen zu rebellieren begann; ein sehr gefährlicher Zustand in einem Augen⸗ blick, da in Spanien der Volkskrieg gegen Frankreich entsesselt wurde. Die französische Verwaltung entdeckte die versteckten Vor⸗ räte und der Brotmangel war sofort behoben, die Ruhe kehrte zu⸗ rlick. Zugleich traf auch Napoleon die umfassendsten Maßnahmen, um die Ernährung der Berliner sicher zu stellen; das Volk dürfe in den von Frankreich besetzten Gebieten, so schrieb er damals, nicht Hunger leiden. Es war die Zeit, wo selbst Friedrich Wilhelm III. in Königsberg sich entschloß, eine geheime Weisung ergehen zu lassen, daß ein Mobilmachungsplan entworfen würde. Schon bevor jener bekannte Brief Steins, in dem er seine Absicht eines Volks⸗ krieges gegen Napoleon höchst unvorsichtig entwickelte, in die Hände Napoleons gefallen war, besaß Napoleon ähnliche Zeugnisse aus den Kreisen der preußischen Regierungsmänner. Der Steinsche Brief war nur ein letzter Beweis des Doppelspiels, und er mußte Napoleon um so mehr erbittern, als gerade er die Berufung Steins in die preußische Regierung begünstigt und für seine Leistungen hohe Anerkennung gehabt hatte.
Napoleon war ebenso an einer gedeihlichen Entwicklung Preußens interessiert, wie er den inneren Aufstieg der andern deutschen Staaten förderte. Er fügte Preußen keine tyrannischen Schädigungen zu, er ergriff keine härteren Maßnahmen als durch die kriegerischen und politischen Notwendigkeiten bedingt waren. Das Elend Preußens war nicht durch Napoleon, sondern durch die regierende Kaste Preußens verschuldet und es wurde durch sie auch nach dem Zusammenbruch erhalten und vermehrt. Freilich schlepp⸗ ten sich durch alle preußischen Geschichtswerke— eines vom andern abschreibend— die Riesenzahlen über die unerträgliche Auspressung Preußens durch Napoleon.
Die Geschichte der preußischen Kontribution ist ein sehr in⸗ teressanter Beitrag zur Entstehung preußischer Geschichtslegenden und zur Gewissenhaftigkeit deutscher Geschichtsschreibung. Alle An⸗ gaben über die Höhe der Kontribution gehen nähmlich auf eine „Berechnung“ Max Dunckers zurück. Es wird aber niemals er⸗ wähnt, wann und zu welchem Zwecke diese Berechnung an⸗ gefertigt worden ist. Ergänzen wir diese Kontributionssumme noch durch die Höhe der Kontribution, mit der die— geschichtliche Wahr⸗ heit belastet wird. Die Arbeit Dunckers, deren Ergebnis immer nachgeschrieben wurde, erschien zuerst 1871 im Aprilheft der von dem Schrecken früherer Gymnasiastengenerationen David Müller herausgegebenen Zeitschrift für preußische Geschichte und Landes- kunde. Schon der erste Satz des Aufsatzes beweist den Zweck und die Glaubwürdigkeit:„Die Präliminarien vom 26. Februar dieses Jahres legen Frankreich eine Kriegskostenentschädigung von fünf Milliarden zugunsten Deutschlands auf. Die außerdeutsche Presse hat hierin ein rbitante Forderung, den schnödesten Mißbrauch des S 8 t.“ Herr Duncker hatte also, um die öffentliche Meinung über die fünf trag erhalten, einen Präzedenzfall herzurichten. Und er setzte sich bin und rechnete in einem wilden Phantastestück, daß Napoleon vam
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Milliardenforderung zu beruhigen, den Auf⸗
November 1806 bis November 1808 aus Preußen 1129 374 217 Fr. und 50 Cent. erpreßt habe. Für die Zeit vom November 1809 bis Oktober 1813 errechnete er dann weitere 583 821843 Fr. 8 Cent. So genau war die Rechnung, bis auf 8 Centimes genau. Und Duncker hatte dann die Moral von der Geschichte fertig, um 5 willen er seinen Rechenkopf strapaziert hatte: nach dem jener napoleonischen Kontribution und nach dem Unterschlede Größe und des Reichtums Frankreichs und des damaligen Preußen hätten Frankreich nicht fünf, sondern 20 Milliarden Krsegs⸗ kostenentschädigung auferlegt werden müssen. 5 (Fortsetzung folgt.)
Aus unserer Sammelmappe.
Was die Bäume von der Geschichte des Wetters erzählen. Ein Baum ist ein lebendiger Bericht von all den klimatischen Veränder⸗ ungen, die vor sich gegangen sind, seit er sein Wachstum begann. Jeder„Ring“, jede Jahresschicht von neuem Holz, weist in der Dicke und Art des Wachstums so charakteristische Merkmale auf, daß der, der gelernt hat, diese Schriftzüge der Natur zu entziffern, die Art der die Veränderung hervorgerufenen Bedingungen genau erkennt. Waldbrände, die in der Vergangenheit gewüstet haben, der Einsall irgend eines feindlichen Insekts, eine Regenzeit oder eine Persode der Dürre— alles ist deutlich dargestellt in der Holzbildung des Stammes von Jahr zu Jahr. Die Forschung in diesem neuen Zweig der Klimakunde ist hauptsächlich in Amerika ausgebildet worden; die Regierung hat diesen Tatsachen ihre Aufmerlsamkeit zugewendet, und Sachverständige der Behörde sind in letzter Zeit am Werke ge⸗ wesen, um aus einem umfangreichen, auf diese Weise gesammelten Tatsachenmaterial Schlüsse zu ziehen für die Klimaschwankungen, die der amerikanische Kontinent in der Vergangenheit durchlebt hat, Vesonders sind unter der Leitung des Carnegie-Instituts in Washing⸗ ton zwei Jahre lang Messungen an den Riesenbäumen von Kall⸗ fornien vorgenommen worden, die die an andern Bäumen des Landes ausgeführten Untersuchungen des Jorest Servlce der Bere“ einigten Staaten ergänzten. Im Hardwood Record wird nun eine zusammenfassende Darstellung der gewonnenen Resultate geboten, Einige der Bäume, die man vom Wetter der Vergangenheit erzählen ließ, blicken auf ein Alter von 30 Jahrhunderten und mehr zurück. Dem ältesten Baum konnte eine Zahl von 3150 Jahren nachgerechnet werden. Sorgfältiges Studium der Art des Wachstums bei über 300 kalifornischen Riesenbäumen, die alle 2000 Jahre und mehr alt waren, läßt die Tatsache als erwiesen gelten, daß sehr bedeutende Schwankungen in den klimatischen Bedingungen während Perioden von einigen hundert Jahren auftraten. Auch die Tausende dos Messungen und Analysen, die von dem Forest Service bei der Be⸗ obachtung des Wachstums der Wälder gesammelt wurden, umfassen eine große Menge von sehr alten Bäumen der verschiedensten Aren, die dann besonders studiert wurden. Einige dieser Arten sind die westliche gelbe Fichte in den nördlichen und südlichen Grenzgebleten ihres Vorkommens, die Jeffrey-⸗Fichte in Südkalifornsen, die Douglas-Kiefer im Nordwesten, die weiße Eiche und die gelbe in den südlichen Alleghanies und die Rottanne im Norden. Nur, in⸗ dem man den Durchschnitt aus dem Wachstum sehr vieler 5 nimmt, die in weit entfernten Teilen des Landes und unter völlig verschiedenen lokalen Bedingungen auswachsen, ist es möglich, die Fehlerquellen auszuscheiden, die durch die vielen örtlichen Faltoren entstehen, die die Entfaltung der einzelnen Bäume und Wälder be ⸗ dingen. So ist z. B. ein Schluß, den man aus dem Studium der gelben Fichte in Arizona ziehen kann, der, daß das Klima im Eüb⸗ westen trockener geworden ist, daß die Winter kürzer und der fall geringer sind als früher, und zwar schon seit einer langen Zeit. Diese Annahme wird unterstützt durch das Vorhandensein von großen Bewässerungsanlagen in den Ruinen der alten Bewohner dieses Landes, aus denen hervorgeht, daß Wasser früher reichlich vorhanden war in Gegenden, die heute keine Spuren mehr von Brunnen, men und anderen Feuchtigkeitsquellen ausweisen. Aus dem tum einer bestimmten Baumart in Idaho geht hervor, daß auch die Winter kürzer sind und der Schneefall geringer ist als früher, aber in diesem Falle war der Wechsel der klimatischen Bedingungen für das Wachstum der Bäume günstig, weil dadurch eine längere Zeit des Wachstums herbeigeführt wurde. Um das innere Leben der Bäume zu studieren, verwendet man eine Art von Drillbohrer, der einen soliden Holzkern vom Innern bis zur Rinde entfernt. Du 5 diese Form der Untersuchung wird sich das Material noch außer⸗ ordentlich vermehren lassen und so neues Licht auf das Klima cpet 3000 jährigen Vergangenheit geworsen werden. 3


