Ausgabe 
3.6.1913
 
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und 16. Jahrhundert) bewahrt das deutsche Märchen eine von Erinnerungen. Wer sich die Grimmschen Märchen darauf ht, die hierher gehören, erfreut sich sofort an den Erzählungen von den Reisegenossen des Petrus und des Heilands und an denen 25 den Gesellen des Teufels, an den Geschichten vom unerlaubten Einschwindeln oder vom traumhaften Aufenthalt im Himmel oder von allzu keckem Umgehen mit den Gaben, die der Herr verlieh. Darunter mischen sich die ernsthaften und eindringlichen Exempel bon den Ständen, dem Alter, der Lebenszeit des Menschen, vom Lohn der guten und von der Strafe der bösen Tat und dann die

Narrheiten der klugen, der dummen und der faulen Leute, die Prahlereien und Zauberstücke der Handwerker und Gaukler, die Schildbürger⸗ und die Schwabenstreiche.

Nun haben wir die Hauptmasse und die bezeichnendsten der deutschen Märchen geordnet, wir lassen ihnen folgen die Reihe der en und Erzählungen, die offenbar erst später, im 17. und 18. Jahrhundert, ihren Weg in das deutsche Volksmärchen fanden. Die Geschichte vom Wolf und den sieben jungen Geißlein, die pom Rotkäppchen und Dornröschen haben in ihrer etwas eitlen, aber graziösen Zierlichkeit, ihrer ein wenig selbstgefälligen und selbstbewußten Vortragsart, ihrer lustigen und spaßhaft über⸗ treibenden Pointierung, ihrem Geschmack an hübschen Kleidern, reichem Schmuck und auter Küche, ihrer träumenden und blühenden Tracht etwas von französischem Geist und französischer Anmut. Sie werden wohl nichts sein als die in das Volk gewanderten Kunst⸗ märchen von Charles Perrault und andern französischen Erzählern des 17. Jahrhunderts.

Im 17. Jahrhundert wurden die Märchen ausTausend und einer Nacht in Frankreich berühmt, übersetzt und zeugten eine neue, unendliche Literatur von Feengeschichten. Von Frankreich her drangen in jener Zeit die arabischen Märchen nach Deutschland, und das vom Similiberg, vom Geist im Glase, von den zertanzten Schuhen, von den drei Vögelkens und das Rätselmärchen sind solche arabische Märchen im deutschen Märchenschatz.

Der gläserne Sarg zeigt die Ueberladenheit des Baroks, der RMNäuberbräutigam klingt an die Räubergeschichten des achtzehnten 5 Jahrhunderts an, Jorinde und Joringel entnahmen die Brüder Grimm der Jugendgeschichte von Jung⸗Stilling.

Schneeweißchen und Rosenrot, die Gänsehirtin, die Nixe am

Teich, die Krystallkugeln, Spindel, Weberschiffchen und Nadel unter- scheiden sich im Tone deutlich von den andern Grimmschen Märchen. Sie sind kunstreicher, absichtlicher und stehen der Literatur noch näher: der feine Läuterungsprozeß ist an ihnen noch nicht vollendet, der den Kunstmärchen allmählich durch das fortwährende Um erzählen die echte Volkstümlichkeit gibt. Besonders die Aehnlich⸗ keiten der Kristallkugeln mit dem Märchen von den drei Tier schwägern bei Musäus drängt sich uns sofort ins Bewußtsein, wahr⸗ scheinlich hat die Kristallkugel neben Musäus keinen selbständigen Wert, sondern ist seine volkstümliche Weiterbildung.

An den Schluß stellen wir, weil die Märchen doch nun einmal den Kindern gehören, jene lustigen Kindermärchen, bei denen man jedesmal das helle und verwunderte Auflachen der Kinder zu hören glaubt und ihre Freude so gern mitfühlt an sonderbaren und komischen und gehäuften Lauten, an ewigen bis zur Albernheit ge eigerten Wiederholungen und an den unsinnigsten Lügereien.

Goethe als Naturforscher. Bei der herrschenden Ueberschätzung der Persönlichkeit ist jene Art von Literaturgeschichte üppig ins Kraut ge N schossen, die über dem Studium der geringfügigsten und all⸗ läglichsten Lebensäußerungen desGroßen Mannes ganz vergißt, sich in den Geist seines Wirkens zu versenken; so haben wir nun schon in der riesenhaft angeschwollenen Goetheliteratur Untersuchungen über die Brille oder die . Taselfreuden des Weimarer Halbgottes und Spezialisten für seine flüchtigsten Alkoveninteressen, noch immer fehlte es aber bis vor kurzem an einer aus dem Verständnis des modernen Naturwissenschaftlers heraus erfaßten Würdigung Goethes in der Richtung, die ihm selbst als die wichtigste seines Wesens erschien. Schon eine unbefangene Durchsicht der Eckermannschen Gespräche mit Goethe zeigt nämlich, daß er sich auf dem Höhepunkt seines Schaffens und in seinem ganzen Nachsommer in erster Hinsicht als Natur⸗ kenner und Forscher fühlte. Als ihm Nachrichten über die französische Revolution gebracht werden, geht er achtlos an ihnen vorüber angesichts gleichzeiti Neuig⸗ keiten über einen gelehrten Streit zwischen franz tuürforschern. Nichts ersehnt er so heiß, wie seine Anerken nung als Naturforscher im deutschen Gele 1, der größte Teil seiner Tagesarbeit ist naturwissenschaftlichen Be⸗ schäftigungen gewidmet. Mit eifersüchtiger Hartnäckigkeit bekämpft er

ischen Na⸗

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schen Institut zu Jena ein. Er sammelt ein ansehnliches Herbarium und eines mit pflanzlichen Verbildungen; im Goethehause stehen noch vier große Schränke mit versteiner ten Pflanzenresten, er experimentiert mit Keimlingen, die er unter farbigen Gläsern zieht. In seinem Garten läßt er die Gewächse nachJusiers natürlichem System anpflanzen und stellt eine Theorie auf, daß die Blätter der Bäume einen gelben und einen blauen Farbstoff enthalten, durch deres Vermischung das Blattgrün entsteht. Er hält selbst botanische Vorträge und mikroskopiert eifrig, teils mit Frau von Stein zusammen, der er darüber halb verliebte, halb gelehrte Billetdoux schreibt, schließlich verfaßt er selbst gelehrte Ab handlungen, von denen seine Entdeckung des menschlichen Zwischenkiefers in einer Zeitschrift, sein botanisches Werk Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, gleichzeitig mit dem Faust als eigenes Buch erschienen.

Und der Erfolg dieser vielfachen naturwissenschaftlichen Tätigkeit? Noch fünfzig Jahre nach Goethes Tode gehen die bedeutendsten Naturforscher an seinem Wirken vorüber, ohne etwas davon zu bemerken, was man heute ohne Unter- laß laut von ihm rühmt: daß er der eigentliche Vater der Entwicklungslehre sei. Seine Farbentheorie blieb von An fang bis heute ein Gegenstand, über den man die Achseln zuckte. Und seine heute gerühmte Metamorphose der Pflan- zen wurde zu seinen Lebzeiten so wenig geschätzt, daß zu Goethes höchstem Aergernis sein Verleger Göschen sich wei gerte, die nur 86 Seiten umfassende Schrift herauszugeben, nachdem er bei Sastverständigen darüber Erkundigungen eingeholt hatte. Vom buchhändlerischen Standpunkt aus hatte er freilich damit nicht Unrecht, denn die Schrift hat noch zwei Menschenalter hindurch nicht die geringste Be achtung gefunden. Sie enthielt auch viel Verwirrtes. Was Goethe über die Ausbildung und Verfeinerung der Säfte der Pflanzen sagt, war unter dem Niveau der Kenntnisse seiner Zeit, so wie auch seine mikroskopischen Zeichnungen nicht über die Fähigkeiten eines Dilettanten hinausweisen. Und auch seine großen naturphilosophischen Gedanken liest erst die dritte Generation aus seinen Dichtungen und Ab⸗ handlungen heraus zu einer Zeit, da sie unabhängig von Goethe, in klarer, wissenschaftlich bewiesener Form schon längst das Kultureigentum Europas geworden sind.

Das ist im Wesen das Ergebnis einer sehr interessanten Untersuchung über Goethe als Biologen, die Gottwald Hirsch in den Annahlen für Naturphilosophie vor kurzem veröffentlichte. Wohl hat Goethe nach ihm das Prinzip der Einheit des Lebens erkannt, aber er hat es als Künstler er⸗ schaut und nicht als Forscher bewiesen. Auch die gesetz. mäßige Entwicklung des Lebendigen, sogar die Grundlagen der so modernen Probleme von Vererbung und Anpassung hat er offenbar gekannt, aber ganz klar sind seine Meinungen hierüber nie zu erkennen. Er war eben kein gelehrter Kopf, der Künstler in ihm über⸗ wucherte stets das reine und sachliche Denken, und wenn er sich auch in den Gedankenkreisen bewegte, die schließlich zur Abstammungslehre führten, so wäre doch durch Goethes Wirken allein kaum jene Aera der naturwissenschaftlichen Denkrevolution hereingebrochen, in der wir uns heute be⸗ finden. Und so ist das Resultat dieser neuen Untersuchung: Goethe ist und bleibt auch unserer Zeit viel mehr ein lebens⸗

künstlerisches und ästhetisches, wie ein wissenschaftliches

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3 unersättlichen on zwei volle ssen mußte, wie e tung durch die nen war. eon tat nur, was riegen in Frankreich unter⸗ ner, die ganze einheimische Be⸗ aft unter bloßer französischer Kontrolle, in Tätigkeit be⸗ Zuerst war Napoleon durch die Unklarheit der russischen ik und die Rücksicht auf die türkischen Verhältnisse genötigt, die ppen in Preußen zu belassen. In den ersten Monaten des

Froberers erzeugte Mensch e Preußen die e Ueber

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