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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen PDolkszeitung
Nummer 4
Dienstag, den 30. Npril 1912
1. Jahrgang
Ein Bischof über den Sozialismus.
Auf einen Angriff, den der anglikanische Bischof des
Staates Tennessee gegen den Sozialismus gerichtet hat, antwortet sein Kollege Bischof Spaulding von
Utah, Präsident des christlich-sozialistischen Verbandes der Vereinigten Staaten, in folgenden Ausführungen:
„Bischof Gailor gibt in seiner Rede über Erziehung und Religion denen unter uns, die Sozialisten sind, sehr häßliche Namen. Nach ihm fordern wir eine Volkserziehung in posi— tivem Unglauben, glauben an einen plumpen Materialis— mus, ist Gott für uns nur eine Sage oder ein Traum, er— streben wir auf religiösem Gebiete den Atheismus. Es ist nicht leicht, diese Anklagen in nutzbringender Weise zu wider— legen. Wenn ich sagte, der Bischof von Tennessee weiß nicht, was Sozialismus ist, sonst würde er ihn nicht in so bitteren Worten bekämpfen, dann würde er sicher antworten: der Bischof von Utah weiß nicht, was Sozialismus ist, sonst würde er sich nicht als Sozialisten bekennen. Ich hoffe da⸗ her, meinen Protest in einer Weise auszudrücken, die zur Wahrheit führt.
Für die meisten von uns ist Marx der Darwin der Sozialwissenschaft. Wenn Haeckel erklärt, daß die An⸗ nahme der Entwicklungslehre zum Atheismus führe, minde— slens zu einem extremen Agnostizismus(Glaube an die Un— möglichkeit des Erkennens der Weltursache usw.), so findet Henry Drummond seinerseits, daß er Darwin eine edlere Gottesvorstellung verdanke. Ebenso gibt es, obwohl Bebel annehmen mag, daß der marxistische Sozialismus zum Atheismus führe, ebenso begeisterte Sozialisten wie Bebel, die erklären, daß Marx sie zu besseren Christen ge— macht habe. Ich gebe zu, daß es für den christlichen Denker schwerer ist, sich der Marrschen Soziologie zu bedienen, als der Darwinschen Biolgoie. Das Leben Darwins war ruhig und friedlich, verglichen mit dem von Marx, der aus einem christlichen Lande nach dem andern verjagt wurde und da— durch etwas verbittert werden mußte. Dann war Darwin Engländer und Marx Deutscher und, wie Professor James sagt: der englische Gedankenausdruck ist frei von der sach⸗ lichen Schroffheit des Deutschen und beschränkt sich auf die unbestimmte Andeutung, getreu der englischen Mode, immer fromm zu bleiben. Wenn ein ernstlicher Versuch gemacht würde, die„deutsche Sachlichkeit von Marx in die Ausdrucks— weise der heutigen amerikanischen Denkart zu übertragen, dann würde seine Philosophie sicher allen denen von höchstem Werte erscheinen, die— wie der Bischof von Tennessee— erklären, daß das heutige soziale System von Unvollkommen⸗ heiten und Ungerechtigkeiten voll ist.
Die Marxsche Sozialphilosophie geht meines Erachtens auf 4 Grundgedanken zurück: a) die wirt⸗ schaftliche Geschichtsauffassung; b) die Tatsache des Klassen— kampfes: c) die Notwendigkeit der sozialen Revolution; d) das Bewußtsein, daß diese Revolution das Werk der Ar— beiter⸗, nicht der Kapitalistenklasse sein muß.
a) In der Julinummer der amerikanischen Zeitschrist für Soziologie glaubt Prof. Elwood von der Missouri— Universität, ernste Beschränkungen des ersten Grundsatzes aufstellen zu können. Gewiß war Marz einseitig. Er war nicht Christ. Und doch hat ein aufmerksames Lesen des Flwoodschen Artikels mich nicht überzeugt, daß die Bedeut⸗ ung, die Marx den Verhältnissen(Milieu) für die Entwick⸗
lung der Gesellschaft und des Individuums beimißt, irrig
sei. Die Reformer, die sie vergessen, tun es meist zu ihrem
Schaden. Ich fragte einmal den Soziologen Jakob Rüs, ob er noch immer seiner früher geäußerten Meinung sei, daß das Milieu für die Entfaltung des Lebens S 0 zu achten
sei. Er antwortete:„Nein, weil ich jetzt weiß, daß es= 99 Prozent zu setzen ist.“ Die Einbildung unserer Schuljahre, wo man uns lehrte, daß jeder von uns Präsident der Ver— einigten Stoaten werden könne, daß auf dem Gipfel immer Platz sei, und daß die Ausdauer über alle Hindernisse triumphiere, ist keine Philosophie der sozialen Entwicklung mehr. Es ist gut für uns, daß sie zerstört wurde, und wir sind Marx Dank schuldig, daß er sie zerstört hat. Wenn der Boden nicht vorbereitet ist, keimt der Same nicht.
h) Der Klassenkampf ist eine Tatsache, ob wir ihn mögen oder nicht. Ehre Marx und seinen Schülern, daß sie es wagten, die Unwahrheit der Lehre,„die Interessen von Arbeitgeber und Arbeiter sind dieselben“, zu verkünden. In unserem heutigen sozialen System sind die Interessen von Kapital und Arbeit entgegengesetzte. Wenn das Kapital Zinsen, Risikoprämie, Profit und Bodenrente tragen soll, muß es die Arbeitskraft zum billigsten Preise kaufen.
c) Spargo zeigt in seinem„Marx' Leben“ deutlich. daß das Wort„Evolution“(Fortbildung) den Gedanken von Marx heute genauer ausdrückt, als das Wort„Revo— lution“ Umwälzung). Aber möge die Umgestaltung nun allmählich oder plötzlich sein: wo ist heute ein ernsthafter Mensch, der die Notwendigkeit einer Umgestaltung von Grund auf, als Vorbedingung wohlgeordneter sozialer Verhältnisse, bestreiten möchte? Ich nehme an, daß der Ausdruck„soziale Revolution“ bei Marx auf sozialem Gebiete das bedeutet, was Paulus vom Individuum meint, wenn er sagte, daß es„geistig wiedergeboren“ werden müsse. Es gibt heute all— zuviel Reformer, die neue Flicken auf einen vertragenen Rock setzen, neuen Wein in alte Schläuche gießen wollen.
d) Obwohl Marx betonte, daß die soziale Umgestaltung von den Arbeitern selbst kommen müsse, weil sie nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hätten, begrüßt er doch im Kommunistischen Manifest die Idealisten, die weise genu; sind, daß sie das Licht kommen sehen und die Bewegung in der Richtung der Logik und Gerechtigkeit förderten.
Wie wünschenswert wäre es, daß der Bischof von Tennessee diese Form der sozialistischen Bewegung zum
Gegenstand seines Nachdenkens machte! Er kennt die Be⸗ strebungen menschenfreundlicher Arbeitgeber und Staats männer, aber warum zeigt er nicht das mindeste Interess für die Arbeiterbewegung vom Standpunkt des Arbeiters aus? Ich bedauere das, weil ich weiß, wie bedauerlich die Unwissenheit solcher ist, die über Empfinden, Wollen und Politik der Arbeiter besser aufgeklärt sein sollten.“ Ver⸗ fasser erzählt als Beispiel, wie es ihm nicht gelungen sei, in den bedeutendsten Buchhandlungen der Millionenstadt Phila⸗ delphia etwas sozialistische Literatur aufzutreiben. Man
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sagte ihm das dümmste Zeug über Marx und erklärte:„Wir
Der Ter
führen solche Bücher nicht. Man verlangt sie nicht. Ich glaube nicht, daß sie in Philadelphia zu haben find.“ End⸗
lich traf er einen Sozialisten und erfuhr, daß der dortig⸗ Ortsverein monatlich für 1000 Dollar Literatur umsetzt. Er widerlegt aus seiner genauen Kenntnis der Bewegung in der ganzen Union die Behauptung seines Gegners, daß ernste
Christen und Geistliche, wenn sie in sozialistischen Versamm


