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Die Lelpziger Arbeiterschaft ist gew a Wege und kann mit Befrie die geleistete Arbeit turückblicken. J r i Möge doch diese Arbeit den übrigen Arbeiterorganisationen in Deutschland als gutes Veispiel dienen! W. H.
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* 2 2 Vom„Ding an sich“.
Indem unsere Sinnesorgane— Auge, Ohr, Geruch, Geschmack und Haut— durch die Dinge der Außenwelt beeinflußt werden und den empfangenen Reiz den Nervenzellen der Großhirnrinde, mit denen sie verbunden fortleiten, bekommen wir die Mög⸗ lichkeit, uns in der Umwelt zu orientieren. Wir bauen uns auf Grund unserer neseindrücke unser Weltbild auf
Fehlt uns eines der Sinnesorgane, so wird unsere Orientie— rung in der Umn mangelhaft, unser Weltbild wird anders als bei den normalen Leuten. Ein Blindgeborener kennt keine Farben. Auch Leuten mit sonst normalem Gesichts inn sehlt zu⸗ weilen die Fähigkeit, Rot von Grün oder Blau von Gelb zu unter⸗ scheiden: sie sind„farbenblind“, sie sehen anders als normale Menschen, die Dinge der Außenwelt erscheinen ihnen anders als uns.
Wenn wir einem Kranken, der Spulwürmer hat, das Wurm⸗ mittel Santonin geben, um seine Würmer abzutreiben, und der Patient zu viel auf einmal von der Arznei nimmt, so bekommt er Vergiftungserscheinungen. Die erste Veränderung, die an unserem Kranken auftritt, ist eine Veränderung seines Gesichtssinnes: der Kranke teilt uns mit, er sehe nunmehr alles gelb und schließlich violett.
Wir wollen an einem Kranken eine kleine Operation vor⸗ nehmen, etwa eine kleine Geschwulst, die er unter der Haut sitzen hat, herausschneiden. Wir spritzen ihm an der Stelle, wo er operiert werden soll, etwas Cocain unter die Haut, und unser Patient fühlt jetzt keinen chmerz, wenn wir ihm die Haut mit dem Messer durchschneiden. C r meiner Lehrer hatte seine besondere Freude daran, bei solchen Operationen, nachdem er den betrefsen⸗ den Patienten die Augen verbunden hatte, so ruhig mit dem Operationswerkzeug zu hantieren, daß die Patienten glaubten, die Operation habe noch gar nicht begonnen. Dann nahm er ihnen die Binde von den Augen und freute sich über den glückstrahlenden Anblick der Patienten, die setzt sahen, daß die gefürchtete Operation schon überstanden war. Sie haben keine Schmerzen gehabt, weil das Gift Cocain die Nerven in der Haut, deren Reizung Schmerz⸗ empfindung veranlaßt, so verändert(lähmt), daß sie ihre Arbeit nicht mehr tun können. Von der betreffenden Hautstelle aus wer— den keine Schmerzempfindungen mehr ausgelöst. Es gelir
E igt dadurch, den Vatienten über seine augenblickliche welt zu „täuschen“, sie 1
anders darzustellen, als sie uns, denen kein Cocain eingespritzt worden ist, erscheinen würde.
Aus all diesen Beispielen können wir eine ganze Menge lernen. Wir sehen, daß die Welt uns anders erscheint, we uns irgend⸗ eines der S 0 ie sehlt oder wenn eines der Sinnesorgane oder die diesem S gorgan zugeteilten Nervenzellen in unserem Gehirne verändert sind. Es 1 stalso unser Weltbild ab- hängig von dem Zustande unseres Körpers, von dem Zustande unserer Sinnesorgane und unseres Gehirnes.
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das zweisellos 0 dem Tierreich. Der Spuren, an denen wir mit unserer Na eser Gersche existiert für uns
Nun stellen wir uns vor, wir würden mit anders ge⸗ arteten unesorganen und anders geartetem Gehirn geboren Es würde de die tuns anders erscheinen als heute Daß
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in müßte, zeigt uns manche Beobachtung aus r Hund verfolgt mit seinem Geruchsorgan se gleichgültig vorbeigehen
gar nicht. Tiere kennen
4* Die Welt
Anzeichen eines kommenden Erdbebens, die uns völlig entgehen. Auch die Tatsache, daß wir durch ki istliche Verfeinerung unserer Sinnesorgane 3. B. mit Hilse der verschiedensten Meßapparate, Ferngläser, Mikroskope usw Dinge entdecken, die uns ohne diese völlig entgangen zeigt, daß unser Weltbild anders wäre, wenn wir andere Sinnesorgane oder mehr Sinnesorgane als fetzt
hätten.
Das Ergebnis dieser Betrachtungen könnte zum Schluß ver⸗ führen, daß ö der Wirklichkeit, der Welt um uns entspricht. bild, wie wir, die wir schmack usw. sind, es gerade in uns herumtragen, und wäre anders, wenn wir anders wären. Unser Weltbild sei nur Erscheinung, nicht Wirklichkeit. Unserem kennen der Wirklichkeit seien Schranken gesetzt, denn über unsere Sinnesorgane— auch wenn wir sie durch allerlei Dilfsinstrumente verfeinern— können wir nicht hinaus. Unser Erkennen der Wirklichkeit habe seine Grenzen, denn n is würden wir die eigentliche Wirklichkeit, die Dinge, wie sie wirklich sind, das Ding an sich“, wie der technische Aus- druck in der Wissenschaft lautet, erkennen. Alles nur Schein, was die Grundlage unseres Denkens unseres Handelns abgibt, die wahre Welt bleibe uns hinter ewigen Siegeln.
Es ist klar, daß diese S Menschen herab- stimmen, seinen Forscherdra Die Schluß folgerung, daß das Wesen der Dinge, die wi n Dinge, das Ding an sich uns ewig verschlossen bleiben 1 wäre gleichsam ein Erwachen aus dem Rausche, in den der go iche Mensch sich
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gerungen
hineingewiegt hat. Die wissenschaftlichen Vertreter der Theologie haben sich auch den hier gezeichneten Sachverhalt sehr zunutze ge⸗ macht, um den Leuten zu zeigen, daß es noch„etwas“ gebe, was der denkende Mensch, die Wissenschaft nie und nimmer erfassen würde, daß die Wissenschaft gar nicht allgewaltig sei, daß die Wissenschaft sich gar zu viel anmaße, wenn sie die heiligen Geheimnisse der Religion anzutasten erstrebe. Es bleibe immer noch„etwas“ zurück, was nicht erfaßbar, nicht menschlich denkbar sei— und das sei dann so ein Reservatgebiet für den lieben Herrgott. Neulich habe ich einen Theologieprofessor aus Jena in einer öffentlichen Versamm⸗ lung sprechen hören. Er sprach von allerlei Dingen und schließlich auch vom„Ding an sich“. Sobald er vom„Ding an sich“ zu sprechen angefangen hatte, bekam seine Stimme einen pastoralen Ton, seine Augen richteten sich auf die Decke des Saales, in der die Versamm⸗ lung stattfand und der alte Herr im Himmel erschien auf dem
Ist es aber wirklich richtig, daß unser Weltbild nur Schein sei, daß es hinter der Wirklichkeit, wie wir sie mit unsexen Sinnes- organen und unserem Gehirn erfassen, eine Wirklichkeit gebe, wie wir sie nie erfassen könnten, hinter den Dingen, wie sie uns er⸗ scheinen, wie wir sie erkennen,— das uns unzugängliche„Ding an sich“'? Wir haben gesagt, man könnte durch eine Reihe von Tat⸗ fachen zu diesem Schlusse verführt werden. Wo liegt nun der Fehler, den man begeht, wenn man aus den oben betrachteten Tat⸗ sachen den Schluß zieht, wir würden durch unser Weltbild über die Wirklichkeit getäuscht, die wahre Wirklichkeit, das„Ding an sich“ könnten wir nicht erfassen, wir sehen die Wirklichkeit verändert durch unsere Sinnesorgane?
Um es gleich zu sagen: der Fehler dieser Schlußfolgerung liegt arin, daß wir dabei uns selber— unseren Körper mit den innesorganen und dem Gehirn— nicht als einen Teil der Wirk⸗ chkeit betrachten). Wir selber find aber genau so „wirklich“, wie z. B. die Kirsche, die wir betrachten, die wir erkennen. Erkenne ich eine Kirsche, so müssen z wei Bedingungen erfüllt sein, zwei Teile der Wirxklichkelt zu einander in Beziehung treten: mein Körper und die Kirsche. Das Bild „Kirsche“, wie ich es in Gedanken trage und wie es einen Bestand⸗ teil meines Weltbildes überhaupt bildet, ist nur dann da, wenn der erkennende Mensch und die Lirsche zu einander in Beziehung getreten sind. Die„Kirsche an sich“ und„mein Körper an sich“ geben beide zusammen die Grundlage ab für mein Bild der Kirsche. Dann ist unser Bild der Kirsche und unser Weltbild Über⸗ haupt nicht Schein mehr, sondern ein Stück Wirklichkeit selber, so wie sie ist, wenn die bestimmten zwei Teile von ihr zu einander in Beziehung getreten sind.
Verändern wir den einen Teil der Wirklichkeit, der zum ande⸗ ren— zu unserem Körper— in Beziehung getreten ist. Wir über⸗ malen zum Beispiel eine rote Kugel grün. Indem nun die ver⸗ änderte Kugel in Beziehung zu meinem Körper tritt, ist auch das Bild der Kugel, das ich bekomme, anders geworden: ich sehe nunmehr eine grüne Kugel, nicht eine rote. Verändern wir nun den zweiten Teil der Wirklichkeit, der zur Kugel in Beziehung tritt, unseren Körper. Geben wir ihm z. B. das Gift Santonin, wie in dem oben erwähnten Falle. Die Kugel wird jetzt gelb gesehen. Während wir früher hätten sagen müssen, daß wir dabei über die wahre Farbe der Kugel getäuscht werden, können wir jetzt sagen: wie durch das grüne Uebermalen der roten Kugel die rote Kugel wirklich grün wird, so wird durch die durch das Gift Santonin hervorgerufene Veränderung unseres Gehirnes die grüne Kugel wirklich gelb. Für den mit Santonin vergifteten Menschen i st die grüne Kugel gelb. Bringen wir dieselbe grüne Kugel zu einem anderen Teile der Wirklichkeit in Beziehung, z. B. zu einem nicht vergifteten Menschen, so üst fie grün. Der Gallensteinpatient, der Morphium bekommen hat, wird nicht über die Wirklichkeit der Schmerzen getäuscht, sondern ex hat w irklich keine Schmer⸗ zen mehr S
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Die Wirklichkeit seiner Schmerzen ist da, wenn normale Nervenzellen und der Gallenstein in Beziehung zu einander treten. ind die Nervenzellen durch das Morphium verändert, so ist damit die frühere Wirklichkeit nicht mehr da, sondern eine andere, eine neue Wirklichkeit, die aus den vergifteten Nervenzellen und dem Gallenstein besteht. Diese Wirklichkeit bedeutet Schmerz⸗ 0
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Da hilft uns vielleicht folgendes Beispiel, die Sache leichter zu begreifen. Ein Topf mit Wasser steht auf einem kalten Herd. Solange das Wasser zum kalten Herd in Beziehung steht, ist es eine Flüssigkeit. Sobald wir den Herd heizen, beginnt das Wasser zu verdampfen: in Beziehung zum heißen Herd ist das Wasser keine Flüssigkeit mehr, sondern Dampf. Also ist Wasser ein Schein bloß, eine„Täuschung“? Nein, es ist Wirklichkeit: flüssige Wirklichkeit, wenn es zum kalten Herd, und dampfförmige Wirklich⸗ keit, wen es zum heißen Herd in Bezlehung tritt. Ebenso wird die Umwelt einmal menschliche Wirklichkeit sein— wie wir sie aus unserem Weltbild kennen— wenn die Umwelt zum Menschen, als einem Teile der Wirklichkeit, in Beziehung tritt, und das andere Mal etwa tlerische Wirklichkeit— wie sie dem Hunde- oder dem Affenweltbilde entspricht—, wenn sie zu dem Tiere, das mit anderen Sinnesorganen und einem anderen Gehirn ausgestattet ist, in Beziehung tritt. Das Weltbild des Menschen ind des Tieres sind beide verschieden, aber das eine ist ebensowenig Schein oder Täuschung wie das andere.
zach seinen gewaltigen Triumphen im Kampfe mit der Natur
) Diese Vorstellung bat der Physiologe Ber worn in einer Reihe von Schriften entwickelt.
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