Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Polkszeitung
Nummer 2 Mittwoch, den 17. April 1912 1. Jahrgang
Ueber Kartelle und Trusts.
Regelung der Produktion ist bekanntlich das wirtschaft⸗ liche Ziel des Sozialismus. An Stelle des regellosen Wirr— warrs, der jetzt herrscht, eine planmäßige Wirtschaft zu setzen, die allen die Versorgung mit den notwendigen Gegenständen des Bedarfs garantiert, und dazu die Ent- eignung zu dem Zwecke, die persönliche Freiheit des Ein— zelnen in solch riesenhaftem Betriebe zu sichern— wenn das beides einmal durchgeführt ist, dann wird der gefürchtete „Zukunftsstaat“ da sein.
Diese Dinge sind so oft ausgesprochen worden, 1055 man erwarten dürfte, jeder politisch und. tlich gebildete Mensch müsse sie kennen. Um so mehr muß es A auffollen, daß vor kurzem im preußischen WWgehebneten haue der National⸗ liberale Abgeordnete Schifferer die Behauptung auf— stellen konnte: je mehr wir in der Lage sind, un⸗ sere Produktion zu regeln, um so besser für die Arbeiter.— Ist der Mann über Nacht Sozialdemo— krat geworden? Werden wir ihn demnächst in unseren Reihen begrüßen, um mit uns zusammen kräftig auf eine Regelung der Produktion hinzuarbeiten?
Nun, bis jetzt ist Herr Schifferer glücklicherweise noch in der nationalliberalen Partei geblieben. Und überhaupt— gerade aus seinem Munde ist ein solcher Satz höchst verdäch⸗ tig. Der Herr, der jetzt als Privatgelehrter auf seinem Gute lebt, ist nämlich selbst Großkapitalist, hat Jahre lang eine Großbrauerei besessen und bezieht wohl auch jetzt noch als Mitglied des Aufsichtsrats verschiedener Großbrauereien an— sehnliche Tantiemen. Wie kommt Saul unter die Propheten? Wie ist der Großkapitalist zum Lobredner sozialistischer Wirt⸗ schaft geworden?
Das Rätsel löst t sich, wenn man seine Rede im Zusammen— hang betrachtet. Sie ist nämlich eine Lobpreisung der kapi— talistischen Kartelle. Die Kartelle— so sagt Herr 8 — regeln die Produktion, sie verhüten in schlechten Zeiten ein Verschleudern der Ware, ein übermäßiges Sinken der Preise, endlich— und dies ist ihm die Hauptsache— sie bilden einen„Damm gegen die Vertrustung“
„Wenn sich einzelne Unternehmungen zu einem Kartell zu— sammenschließen, dann bleibt die Einzelexistenz der Unternehm⸗ ungen bestehen. Fällt das Kartell später einmal auseinander, so sind immer noch die Einzelunte rnehmungen vorhanden. Bei der Vertrustung werden die Siuenen Existenzen aufgesogen; bei ihr erfolgt die Vernichtung der Selbständigkeit des einzelnen Geschäfts.“
Es ist geradezu erstaunlich, wie sehr selbst bei einem so gescheiten und gebildeten Manne die unmittel bare praktische Tätigkeit den Blick fürs Ganze 2 595 und verkümmert. Was Herr Schifferer hier vertritt, ist gewissern saßen eine Mi ittel⸗ standspolitik für Großkapi talisten. Genau! wie der kleine Krämer die gesamte Wirtschaft des Staates nur nach seinen eigenen Interessen beurteilt, weil er nichts anderes kennt, als was ihm bei seiner aufreibenden täglichen Arbeit unter die Augen tritt, genau so beurteilt Herr Schifferer die ge⸗ samte Staats. und Wirtschaftspolitik nach den Interessen des mittleren Großkapitalisten. Ein Mann, der es so weit ge— bracht hat, ein großes Unternehmen zu betreiben und erheb— lichen Profit daraus zu ziehen, muß in dieser Existenz vom Staate geschützt werden. Alles, was ihn beeinträchtigt, ist „ungerecht“— gerade wie der kleine Mittelständler 5 8 5 Maßnahme als„ungerecht“ empfindet, die ihm unbequem ist
(3. B. Sonntagsruhe), mag sie auch im Interesse anderer enen noch so notwendig sein. Das ist offenbar Herrn Schifferers Gedankengang, und
dabei verfällt er iatürlich in die seltsamsten Widersprüche. Um die Berechtigung der Kartelle nachzuweisen(die dem Kapitalisten Vorteil bringen), sagt er: je mehr die Produk⸗ tion geregelt wird, desto besser auch für die Arbeiter; und im selben Atemzuge verwirft er die Vertrustung, weil sie die einzelnen Existenzen(d. h. Unternehmer e auf⸗ saugt. Aber das muß doch ein Kind sehen, daß der Trust auf alle Fälle einen höheren Grad von Produktions reg gelung dar⸗ stellt, als das Kartell. Woraus klärlich folgt, daß es nicht die Regelung der Produktion, nicht das Interesse der Gesamt⸗ wirt 1 ist, was Herrn Schifferer zu einem so begeisterten Lobredner der Kartelle macht, sondern das Privatinteresse seiner 80 lassengenossen. Genau wie der bornierteste Mittel- ständler verwechselt auch er die Sonderinteressen seiner Gruppe mit dem„allgemeinen Wohl“.
Abgesehen hiervon aber wird auch die Frage erlaubt sein, welche Sorte von Kartellen Herr Schifferer denn eigentlich meint. Wenn er so ganz allgemein behauptet, die Kartelle lassen die Einzelexistenz des Unternehmens unberührt, so vergißt er, daß es eine ganze Reihe verschiedener Arten von Kartellen gibt, die in sich eine Entwicklungsreihe dar- stellen, derart, daß jedes folgende einen innigeren Zusammen⸗ schluß der beteil igten Unternehmungen bedeutet, als das vor⸗ hergehende, und daß man bei den höchsten Arten schon ein 1 Fase neben die Behauptung machen kann, sie ließen die Einzelexistenz der Unternehmungen unberührt. Ja, man kann in diesem Sinne den Trust sogar einfach als ein weiterentwickeltes Kartell auffassen, sodaß der Wesens— unterschied zwischen beiden, den Herr Schifferer so betonte, in Wirklichkeit gar nicht existiert. Eine kurze Betrachtung mag das klar machen.
Die älteste und loseste Form des Zusammenschlusses ver schiedener Unternehmungen sind Vereinbarungen über Zahl- ungstermine und Zahlungsbedingung en. Schon sie be⸗ deuten, streng genommen, einen Eingriff in die Selbständig— keit des Unternehmers: er kann mit seinen Kunden nicht mehr umgehen, wie er will, er muß sich nach den Abmach⸗ ungen richten, die er mit seinen Konkurrenten getroffen hat. Ohne solche Beschränkung des Einzelnen ist eben auch die leiseste Regelung der Produktion unmöglich. Ein Schritt weiter ist das Preis kartell. Nun steht es dem Einzelnen nicht mehr frei, seine Preise nach Belieben zu berechnen, son⸗ dern das Kartell screit Mindestpreise vor. Preis kartelle erreichten ihren Zweck nicht, gerade weil sie zu lose waren, d. h., 5 weil sie dem einzelnen Teilnehmer zu viel Freiheit ließen. Man ging wieder einen Schritt weiter und suchte die Preise künstlich hochzuhalten durch Ein⸗ schränkr der Produktion. Man denke, welch gewaltigen Eingriff in die Selbstän it des Unternehmers das bedeutet! Er ist nicht mehr Herr Hause, er kaun nicht mehr produzieren, soviel er will, sondern er muß sich das Quantum(das sog.„Konti agent) vom Kartell vorschreiben lassen. Und noch einen Schritt weiter, da wird ihm auch noch r V e mit ber Kundschaft aus der Hand genommen? n Syndikat d. h. es richtet ein 5 i einzelne Teil⸗ 5 hr verkaufen, darf e fragen mehr ntgegennehmen, son⸗
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