Ausgabe 
14.5.1912
 
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bedingungen vorschreiben können und daß ihre Macht weit über die Grenzen des Betriebes sich auf die Privatverhältnisse des Ar⸗ belters und auf sein staatsbürgerliches Leben erstreckt.

Diese Gewalt des Großbetriebes über seine Angestellten macht die Wirkung staatlicher Gesetze von dem guten Willen des Unter⸗ nehmers abhängig. Was nützt dem Arbeiter die Wahlberech tigung, wenn die Abstimmung nicht geheim ist und er für seine Brotstelle fürchten muß, sobald seine Entscheidung dem Arbeitgeber nicht gefällt? Was nliitzen Arbeiterausschüsse in Grube oder Fabrik, wenn derjenige, der sich als Wortführer unbequem macht, gewärtig sein muß, aufs Pflaster zu fliegen? Was nützt die Zu⸗ ziehung zu Ehrenämtern, als Schöffe oder Geschworener, die Wahl in die Stadtverwaltung und dergleichen, wenn der Arbeitgeber keinen Urlaub zur Erfüllung solcher Pflichten gibt? Was würden Gewerbegerichte, Kaufmannsgerichte, Arbeitskammern sein, wenn die Unternehmer einmal nicht wollten und allen Beisitzern kündigten?

Das Staatsbürgertum der Masse steht vielfach noch auf dem Papiere und behauptet sich wirksam nur so weit, als die gewerk schaftliche Organisation Respekt einflößt, oder die Arbeitgeber ver- ständige Achtung vor den Persönlichkeitsrechten der Angestellten zeigen. Um das Recht voll wirksam zu machen, muß das Industrie bürgertum an seine Seite treten. D. h. durch Umwandlung des Arbeitsverhältnisses aus einem Gewaltverhältnis zu einem Rechts⸗ verhältnis muß die Sicherheit gegeben werden, daß niemand seine wirtschaftliche Macht zur Hinderung staatlich verliehener Rechte mißbrauchen kann. Hier liegt die schwerste, aber auch notwendigste Aufgabe der Zukunft.

DerTitanic Untergang und die Physik.

Es gehört unbedingt zur allgemeinen Bildung, daß man dle Quartanerqualen des Accusativus cum Infinitivo iberwunden hat, daß man ut linale und ut concecutivum unterscheiden und ge⸗ brauchen kann, die elementarsten Prinzipien der Physik zu verstehen gehört aber keinesfalls dazu. Was sich z. B. die Presse und die Allerweltsskribenten gelegentlich derTitanic-Katastrophe geleistet haben, das geht nicht auf die Kuhhaut des allerdümmsten und un⸗ fähigsten Gymnasialabiturienten. Daß dieTitanic von dem Eise wie von einem Rasiermesser durchschnitten wurde, ist selbstver⸗ ständlich, obwohl kein Meusch weiß, wie die Beschädigung des Schiffes am Bug ausgesehen hat. Daß aber das weiche Eis das harte Eisen wie ein Rasiermesser zu durchschneiden vermag, ist jedenfalls neu. Wir vermuten, daß das Eis bei dem Zusammen⸗ stoß die Panzerplatten durchstoßen hat, daß es sie vielleicht einge⸗ drückt hat, aber von einemDurchschneiden wie von einem Rasier⸗ messer kann nie und nimmer die Rede sein. Das Ganze ist auch mehr eine Redensart, die gedankenlos nachgeplappert wird, wenn sie einmal als besonders geliebte Stilblüte in der Zeitung gestanden hat, als daß sie ernsthaft geglaubt wird.

Die Sache ist vielleicht nicht so schlimm, aber was soll man dazu sagen, wenn jemand über so einfache physikalische Grund⸗ fragen im unklaren ist, wie etwa ein Körper schwimmt. Man muß als klassisch gebildeter Mensch die Anekdote von Archimedes kennen, der die Methode entdeckt hatte, wie er feststellen konnte, ob die ihm übergebene Königskrone aus reinem Golde gefertigt oder legiert war. Worum es sich dabei aber physikalisch handelt, das zu wissen fällt nicht mehr unter das Rubrum derallgemeinen Bildung. Jeder schwimmende Körper verdrängt so viel Flüssigkeit, wie er selbst wiegt. Das müßte jeder Tertianer wissen. Legt man auf ein schwimmendes Stück Holz einen schweren Gegenstand, so sinkt er tiefer, so tief, bis durch die Wasserverdrängung wieder das Gleich⸗ gewicht hergestellt ist. Das ist so banal, daß man sich schämen müßte, es einem Menschen zu sagen. Aber ebensogut weiß man, daß ein Stück Holz, von dem man ein Stück abschneidet, leichter wird und höher aus dem Wasser hervorragt.

Ueberträgt man nun diese einfache Sache auf den Eisberg, so müßte jeder die dabei auftauchenden Probleme beherrschen. Be schwert man einen Eisberg, so muß er tiefer sinken, erleichtert man ihn, z. B. auch durch Abschmelzen des aus dem Wasser herausragen⸗ den Teiles, so kommt er höher oder richtiger gesagt, er taucht nicht mehr so tief ein, weil er eben leichter wurde. Was bekamen nun dieSachverständigen der großenWelblätter fertig zu schreiben: Ein Eisberg ist sehr schwer zu sehen, weil er nur zum geringsten Teile über das Wasser emporragt. Nur etwa ein Neuntel ragt aus dem Wasser hervor, während der übrige Teil unter Wasser taucht. Aber die Eisberge schmelzen in der warmen Luft auch ab, und wenn sie weit genug abgeschmolzen sind, dann tauchen sie gar nicht mehr aus dem Wasser heraus, so weit verschwindet das Eis über dem Meere. Dann ist der Eisberg gar nicht oder so gut wie gar nicht mehr zu sehen. Reguläre Vogelstraußmanjer! Wollten sich dieSachverständigen nur vergegenwärtigen, daß dem Abschmelzen oben ein Emportauchen entsprechen müßte, wie das Holz, das man erleichtert! Ein Fehler dieser Art müßte jedem sonst noch so rechtschaffenen Tertianer bei der Versetzung das Genick brechen.

Ueber die wahren Verhältnisse herrscht aber auch in dieser Be⸗ ziehung mancherlei Unkenntnis. So ist die Schwere des Eises und

damit der Anteil, zu welchem das Eis aus dem Wasser schaut, sehr verschieden, weil das Eis nicht rein ist. Gletschereis enthält Sand, Geröll und mitunter auch größere Steinblöcke, die es auf seinem breiten Rücken ins Meer trägt, aber auch Lufteinschlüsse. Erstere beschweren das Eis, die letztgenannten erleichtern es. Daher kann der aus dem Wasser herausragende Teil nicht immer festgestellt werden, umsoweniger, als man nicht weiß, ob der Eisberg unten mehr abschmilzt als oben oder umgekehrt. Diese Fälle werden natürlich je nach der Temperatur des Wassers oder der Lust ein⸗ treten. Eine Pyramide von Eis kann sehr aus dem Wasser ragen, ohne daß der vielleicht breite Fuß tief ins Wasser taucht, weil eben unten die so viel größere Eismasse sitzt. Der physikalisch nicht be schwerte Zeitungsmann wendet aber die Regel unbesehen an. Es wurde ein Eisberg von 400 Meter Höhe gesehen, der tauchte dann natürlich mindestens seine 9& 400= 3600 Meter tief ins Meer ein. Woher ein derartiger Block kommen sollte und wie der auf dem Meere schwimmen könnte, das selbst an vielen Stellen lange nicht so tief ist, darüber machen sich die Skribenten keine Kopf⸗ schmerzen, nein, die Regel wird unerbittlich zu Tode gehetzt. Ver⸗ nunft wird Unsiun, Wohltat Plage, nämlich der Wissenschaft wie auch der Menschheit, namentlich der Zeitung lesenden. Als dieTitanic gesunken war, stellte man fest, daß sie über 3 Kilometer tief im Meere läge. Eine viel benutzte Feuilleton korrespondenz brachte daraufhin einen kleinen Artikel:3300 Meter unter dem Meeresspiegel. der viel abgedruckt wurde. Es hieß darin, daß in dieser Tiefe der Wasserdruck so gewaltig sei, daß an Bergung des Schiffes nicht gedacht werden könne, denn der Wasser⸗ druck sei zu gewaltig.Ein Mensch, der zu solchen Tiefen ins Meer hinabsteigen wollte, würde ein Gewicht zu tragen haben, das etwa zwölf eisenbeladenen Güterzligen mit Lokomotive entspräche. Unter diesem riesenhaften Drucke ist der Schiffsrumpf also wahrscheinlich wie Seidenpapier zusammengedrückt worden, die wasserdichten Schotten sind gesprengt und die meisten Einrichtungsgegenstände zerdrückt. Der Mann, der das geschrieben, hat keine Ahnung da⸗ von, daß in jenen Tiefen und in noch viel größeren Lebewesen existieren, die ebenso zarte Schleimhäutchen haben wie wir, und daß diese dennoch nicht zerdrückt werden und auch nicht imstande sind,zwölf eisenbeladene Güterzüge nebst Lokomotive zu tragen: sie würden darunter ebenso platt gequetscht werden, wie ein Lebe⸗ wesen hier oben unter Luftdruck. Auch wir stehen ja immerwährend unter Druck einer Atmosphäre, die uns, um im Jargon obigen Feindes der Physik zu reden, viele Zentner auf den Buckel lädt. Wir spüren aber gar nichts davon, deshalb nämlich, weil der Luft⸗ druck uns gar nichts zu tragen gibt. Er wirkt nämlich wie auch der Wasserdruck in der Tiefe von allen Seiten, und wo die Lebe⸗ wesen in jenen Tiefen keinen inneren Wasserdruck haben können, weil in den betreffenden Hohlraum kein Wasser gelangen darf, da ist stark komprimierte Luft vorhanden, die dem äußeren Wasser⸗ druck das Gegengewicht hält. Die Festigkeit selbst der zartesten Schleimhäutchen ist so groß, daß sie den allseitigen Druck in den größten Wassertiefen aushält. Und wenn der Schiffsrumpf voll Wasser gelaufen ist, dann wirkt auch der Wasserdruck allseitig, so daß er da unten ebenso liegt, wie er hier oben liegen würde wenn er nicht, was man wohl annehmen muß, durch den Fall auf etwa harten Felsboden ganz und gar zertrümmert ist. Aber von einem Zusammendrückenwie Seidenpapier ist gar keine Rede. Ist es bedauerlich, daß man derartige Dinge schreibt, ohne sie zu wissen, so auch, daß die Redakteure nicht so viel Kenntnisse auf den elementarsten Gebieten der Physik haben, am meisten aber, daß man sie den ahnungslosen Lesern vorsetzen darf und kann, die den Unsinn dann immer weiter tragen, weil erinte ressant klingt. F. Linke.

AusDas Elend der Philosophit.

Von Karl Marx

Konsum. Das Produkt, welches man anbietet, ist nicht das Mitzliche an und für sich. Der Konsument erst bestimmt seine Nützlichkeit.

Der Konsument ist nicht freier als der Produzent. Seine

Meinung hängt ab von seinen Mitteln und seinen Bedürfnissen. Beide werden durch seine soziale Lage bestimmt, die wiederum selbst abhängt von der allgemeinen sozialen Orgauisation. Aller⸗ dings, der Arbeiter, der Kartoffeln kauft, und die ausgehaltene Maitresse, die Spitzen kauft, folgen nur ihrer respektiven Mei⸗ nung; aber die Verschiedenheit ihrer Meinungen erklärt sich durch die Verschiedenheit der Stellung, die sie in der Welt einnehmen, und bie selbst wiederum ein Produkt der sozialen Organisation ist. Fabrikarbeit. In der mit Maschinen arbeitenden Fabrik unter⸗ scheidet sich die Arbeit des einen Arbeiters fast in nichts mehr von der Arbeit eines anderen Arbeiters: die Arbeiter können sich von⸗ einander nur unterscheiden durch das Quantum von Zeit, welches sie bei der Arbeit aufwenden. Nichtsdestoweniger erscheint dieser quantitative Unterschied von einem gewissen Gesichtspunkte aus qualitativ, insofern die für die Arbeit aufgewendete Zeit abhängt einerseits von rein materiellen Bedingungen, wie physlsche Kou⸗ stitution, Alter, Geschlecht, anderseits von moralischen, rein nega- tiven Umständen, wie Geduld, Unempfindlichkeit und Emsigkeit.