Ausgabe 
2.7.1912
 
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der Sitten beigetragen? Das Problem erregte selne Seele bis in bie tiessten Tiefen und versetzte ihn in einen ekstasischen Zustand. Ich fühlte meinen Kopf, so erzählt er in einem Brief,von einem rauschähnlichen Taumel ergriffen. Krampfhafte Zuckungen erfaßten mich... Da ich beim Gehen nicht mehr zu atmen ver⸗ mochte, sank ich unter einen Baum am Wege hin und verharrte dort eine halbe Stunde in einer solchen Erregung, daß ich erst beim Aufstehen bemerkte, wie die ganze Vorderseite meiner Weste von Tränen benetzt war, während ich mir gar nicht bewußt geworden, geweint zu haben. Es war wie eine plötzliche Erweckung seines Gentes:Ich sah eine andere Welt vor mir und wurde ein andrer Mann. Er löste dle gestellte Aufgabe, indem er die aristokratische Luxuskunst der damaligen Zeit mit beredten Worten als Ver- derberin der Tugend und der Sitteneinfalt anklagte, und er erhielt den Preis, obgleich seine Beantwortung kaum im Sinne der aka⸗ demischen Fragesteller ausgefallen war. Das Aufsehen, das seine Schrift allenthalben machte, und die Wirkungen, die sie ausübte, ließen ihn, der bis dahin unsicher getastet und geschwankt hatte, mit einemmal seine Lebensaufgabe klar vor sich sehen. Er beschloß, seine ganze Arbeitskraft hinsort nur noch der Ausgestaltung seiner neuen Ideen zu widmen und auch sein äußeres Dasein diesen Ideen an zupassen. Ein blürgerlicher Beruf schien ihm damit unvereinbar. Da er aber von seiner literarischen Tätigkeit nicht leben konnte, so erwarb er seinen Unterhalt durch Notenabschreiben und schränkte im Übrigen seine Bedürfnisse aufs äußerste ein. Der große Erfolg, den er bald darauf mit einer Oper:Der Dorswahrsager hatte, befriedigte ihn nicht. In einer zweiten Difoner Preisschrift, die aber nicht gekrönt wurde,Ueber den Ursprung und die Grund⸗ lagen der Ungleichheit unter den Menschen, flihrte er die Ge⸗ dankengänge der ersten weiter sort. Er widmete diese Schrift seiner Vaterstadt Genf, der er kurz vorher einen Besuch abgestattet hatte, bei welcher Gelegenheit er das dortige Bürgerrecht erwarb und zum Protestantismus zurückkehrte. Er hatte die Absicht, sich hier niederzulassen, aber das Aergernis, das seine Schrift bei den Genser Autoritäten erregte, machte ihm diesen Schritt unmöglich. geben. Und er wagt es sogar, vor die Stufen des Thrones zu Da indessen seine Sehnsucht nach der Einsamkeit und seine Ab⸗ neigung gegen das Pariser Leben unüberwindlich geworden waren, so nahm er das Anerbieten seiner Gönnerin Frau von Epinay dank⸗ bar an, die ihm eine Wohnung in ihrem Gartenhause Eremitage beim Wald von Montmorency überließ. Hier und, nach dem baldigen Bruch mit Frau von Epinay und seinen Pariser Freunden, in Montmoreney selbst brachte Rousseau sechs fruchtbare Jahre zu (1756 1762), in deren Verlauf er die drei großen Werke ver faßte, die seinen Namen unsterblich gemacht haben: den RomanDie neue Heloise mit seinen meisterhaften Naturschilderungen, seinen schwärmerischen Liebesszenen und seinen Hymnen auf die Heilig keit der Ehe und auf das Recht der Leidenschaft; den Gesellschafts⸗ vertrag, in dem die Lehre von der ursprünglichen Freiheit und Gleichheit aller Menschen verkündet und die radikale, auf der Souveränität des Volkes basierende emokratie als aufgestellt wird; und den Emil, der Rousseaus Ansichten über die naturgemäße Erziehung darlegte. Die Wirkung, die Die neue Heloise auf das Lesepublikum und auf die Literatur der ganzen zivilisierten Welt au war eine ungeheure. Besonders die Frauen waren berauscht von dem Buch und von seinem Dichter.

Dagegen hatte das Erscheinen desGesellschaftsvertrags

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D Staatsideal

Ute,

und des

Emil, jener Bilcher, die später den gewaltigsten Einfluß auf poli⸗

tischem und pädagogischem Gebiet ausüben sollten, zunächst nur

höchst peinliche Folgen für den Versasser. Das Pariser Parlament verurteilte denEmil, ließ ihn auf dem Hofe des Justizgebäudes durch den Henker ver stellte gegen den Geri gingen g rag in derselben sse t, f Idyll in

und Nebel zu verl

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assen und ein fünf Jahre währendes

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Gebiet, von hier nach Neuschatel, dann auf eine Insel des

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sophen Hume eine Zuflucht fand d dieser

Jahre wurde sein Nervensystem völlig zerrüttet und unte Einfluß der erlitte Verfolgungen entwickelte sich eine Neigung zum Argwol die fast zur Geisteskrankheit steigerte und zu gels 8 e

Er verließ plötzlich England, erhob gegen Hume und andre dle abenteuerlichsten Beschuldigungen und irrte einige Jahre hindurch unstät in Nord- und Südfrankreich umher. In dieser Zeit arbeitete er an seinen schon früher begonnenen Bekenntnissen, in denen er mit einem unerhört rücksichtslosen Wahrheitsmut seine geheimsten Gedanken und guten und bösen Neigungen aufdeckte, sich zugleich aber auch gegen die Angrisse seiner wirklichen und vermeintlichen Feinde zu verteidigen suchte. Als er 1770 wieder nach Paris zurück- kehren durfte, beendete er das Buch und hielt in verschiedenen Kreisen Vorlesungen daraus, die aber schließlich auf Ersuchen der Frau von Epinay von der Polizei verboten wurden. Er ernährte sich nun wieder durch Notenabschreiben und zog schließlich auf Ein⸗ ladung des Marquis de Girardin in ein stilles Landhaus zu Er⸗ menonville bei Paris, wo er noch kurz vor seinem Tode den ehr⸗ furchtsvollen Besuch des zwanziglährigen Robespierre empfing, der später der begeistertste Prophet seiner Lehren werden sollte. Am 2. Juli 1778 ist Rousseau hier gestorben, eines plötzlichen Todes, aber nicht durch Selbstmord, wie vielfach behauptet wird. Man bestattete ihn an demselben Tage, brachte seine Leiche aber im Ok⸗ tober 1794 nach Paris, wo sie im Pantheon beigesetzt wurde, um zwanzig Jahre später, beim Beginn der bourbonischen Reaktions- zeit, von den Pfaffen wieder heimlich entfernt und in eine Kalk⸗

grube geworfen zu werden. 00

II. Sein Lebenswerk.

Gar manches aroßen Mannes Name ist verklungen, sein Ruhm und der Glanz seiner Taten find im Laufe der Jahrhunderte ver⸗ blichen. Vergeblich war all sein Streben und Ringen nach den

Kränzen des Ruhmes und der Unsterblichkeit, verwittert sind die

stolzen Denkmäler aus Erz und Marmor, denen er den Ruf seiner Taten für eine Ewigkeit anzuvertrauen gedachte; längst hat der Schleier der Vergessenheit auch seinen Namen verhüllt. Nur der, der es verstanden, feine Taten mit markigen Zügen in die Herzen der Menschheit einzuschreiben und seinem Zeitalter den Stempel seines Genius aufzudrücken, wird im Andenken der Nachwelt fort⸗ leben. So zeigen denn auch die begeisterten Huldigungen, die man allenthalben demgroßen Genfer Rousseau in diesen Tagen zu seinem 200. Geburtstage darbringt, daß die Völker sich sehr wohl ihres mutigen, unerschrockenen Anwaltes, der mit der ganzen Kraft seiner Beredsamkeit und mit der ganzen Begeisterung eines von der Liebe zum Menschengeschlecht durchglühten Herzens die Rechte verteidigt, die Natur und Vernunft den Menschen verleihen. Rousseau warein Mann des Volkes.

Aus den unteren Kreisen hervorgegangen, hat er es nie ver⸗ standen, sich der vornehmen Gesellschaft anzuschmiegen und sein Benehmen ihren Sitten anzupassen. Er durchschaute die Hohlheit und innere Unwahrheit ihrer Unterhaltungen, ihrer Höflichkeiten, die Lügen in ihrem Verkehr, die Külnstelei in ihren Freuden. Wie follte er sich hier glücklich fühlen, derEnthustast für Wahrheit, filr Freiheit, für Tugend, der bloß mit der Anlage zu einer hohen und freien Denkart geboren wurde. Einen tiefen Blick hatte er in das innerste Wesen der Gesellschaft, des Volkes und der Verwaltung getan, sein tiefes Nachdenken hatte ihm Verachtung gegen die Sitten, gegen die Grundsätze und gegen die Vorurteile des Jahrhunderts eingeflößt. Diese Zustände konnten nimmermehr Zweck der Schöpfung gewesen sein, das sagte ihm sein eigenes Herz, in dem die Flamme der Freiheit loderte und der Unwille gegen die Knech⸗ tung und Sklaverei, unter deren Druck die Völker seufzten, gärte und sich zu entladen suchte. Und sein Geist erhob seine Schwingen und stellte sich kühn der Gottheit an die Seite, um auf einem höheren Tribunale sich ein ideales Staatsgebilde zu konstruieren. Aus diesen Betrachtungen entstand derContrat social, derGesellschaftsver⸗ trag oderDie Grundlagen des Staatsrecht.

Nie hatte jemand gewagt, eine solche Sprache zu führen im einem Lande, wo schon zweihundert Jahre vor Rousseaus Auftreten der Despotismus zum Grundgesetze des Staates erhoben worden in den Worten:Der König kann Krieg führen, Wassenstillstand wann es ihm beliebt, er kann Steuern auf⸗ n tatuten und Ordonnanzen erlassen, Magistrate afsen, wie er Lust hat. Alles, was er sagt, gilt als Gesetz und dem Orakel eines zweiten Apollo gleich geachtet. Wer sich

e freiheitliche Aeußerung das Mißsallen des Königs zu⸗

ogen, der konnte sicher sein, daß er nicht mehr lange das Licht en würde. Wie Blitze zündeten die Ideen, die der neue Apostel Freiheit vortrug. Wie ein Rachegeist erscheint er, indem er zit flammendem Eifer die heiligsten Menschenrechte vertritt und rlich proklamiert:Der Mensch wird frei geboren, und überall er in Letten. Aber nimmermehr kann es wahr sein, daß es rene Sklaven gibt, sondern die Gewalt hat die ersten Sklaven doch die Stärke gibt kein Recht, und der Mensch it

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legen, Gesetze geben, 10

iger Gewalt verbunden, zu gehorchen. Darum kuk

ein Joch abzuwerfen, das die Gewalt und nicht das

ischen auf die Schultern gelegt hat. Dennfeiner

Freiheit ent heißt seiner Eigenschaft als Mensch entsagen,

deiße 0 der Men chheit, sa selbst ihren Pflichten entsagen. Ist d id ne furchtbare Kriegserklärung gegen Despoten u

Tyra die die Völker als ihre Fußschemel gebrauchten, die mit

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