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„Evangelische Warte“
Alles in allem: es wäre gut gewesen, wenn Prof. Becker, bevor er seine Flegenverordnung erließ, da⸗ bei nicht bloß an die Städte, wo die Schulfahne unter anderen Fahnen verschusinde!, sondern auch an das ihm dielleicht weniger vertraute latte Land gedacht und sich die möglichen verhängnisvollen, sowohl der Festigaung der Staatsautorität ue der Hebung der Staatsfreudig— leit nicht eben günstigen Folgen seiner Maßnahme hin⸗ teichend klar gemacht hitte. Vielleicht hätte er dann doch Bedenken getragen, jenen Erlaß hinausgehen zu lassen, der in seinen rechtlichen Voraussetzungen an⸗ sechtbar, in seiner Wir tung für den inneren Frieden gefährlich und niht nur den Anhängern von schwarz— weiß⸗rot ein neuer Stein des Anstoßes(und dazu auch ein Erfolg verheißender Angriffspunkt!), sondern auch den besonnen und realpolitisch Urteilenden unter den Vertretern von schwarz- ot⸗gold bedenklich ist.
Kuinmerbrot. JIgn voriger Nummer brachten wir einen Bericht über die kaurigen Verhältnisse bei den Textilheimarbeitern. Heute soll ein Wort über die Landarbeiter und ihre Arbeitsbedingungen gebracht werden. Der Deutsche Landarbeiterverband hat eine bisher unwidersprochene Lohnstatistik veröffentlicht, wonach der erwachsene männliche Landaebeiter in der Stunde 30 bis 35 Pfennige(Bar- und Deputatlohn) verdient. Am wenigsten in Ostpreußen(28,5 Pfennige), am meisten in Hannover(36,15 Pfennige). Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren verdienen In der Stunde 10 Pfennig, Frauen etwa 11,6 Pfennig. Es wird ertechnet, daß ein Deputatfamilie, in der drei Personen arbei— en, jährlich 1264 Mark verdient, für die Arbeitsstunde durch⸗ schnittlich 17,5 Pfennige. Wie dabei Verpflegung, Wohnung und etwa überlassener Landbesitz mit verrechnet sind, ist nicht ersicht⸗ lich, es käme dann sehr auf Art und Güte der Verpflegung an, die offenbar sehr verschieden ist. Der Knecht über 18 Jahre verdient monatlich bar 13,35, die Magd im selben Alter 8,80 Mark. Dafür müssen Kleider, Wäsche und Schuhe beschafft 1 werden. Ist das nicht ein Leben der Arbeit ohne alle Hoffnung? And ist nicht die Landflucht, über die so sehr geklagt wird, bei olchen Verhältunissen nur zu verständlich? Nun erklären die Hutsbesitzer schlechtweg, höhere Löhne bei der schlechten Renta— bilität der landwirtschaftlichen Getriebe nicht zahlen zu können.
Möglich. Müßte aber nicht(fragt„C. W.“ 1926, 14) eine un⸗ Der Dorfpfarrer muß ja hier Einblick haben) dem mit gründlicher Sachkenntnis nachgehen? Denn nicht nur die Lebenshaltung des Landarbeiters, sondern der gesunde Volksnachwuchs aus dem Lande steht auf dem Spiel. 9 Ob es gut sein wird, was hier vorgeschlagen ist, erscheint uns wenigstens zweifelhaft. Gewiß hat die Kirche soziale Auf⸗ gaben, die ihr nicht abgenommen werden sollen. Besser wird es jedenfalls sein, wenn die Kirche sich aus den politischen, auch den sozialpolitischen Kämpfen fernhält. Dafür haben wir ja unsere auf christlich-sozialem B den stehende politische Be— bpegung, welche mit gründlicher Sachkenntnis, da sie ja aus allen Volksschichten Anhänger hat und über fachkundige Männer
genügend verfügt, diesen Zuständen nachgehen kann. —+..r—r—r——— 5 ̃ĩ˖ĩꝙ« f———
Mf der Marte.
Ueber Marolko sind sich die Völker noch nicht einig. Spanien ordert die Zuteilung der gegenwärtig internationalen Hafen⸗ stadt Tanger. Die spanische Regierung hat deswegen eine offizielle Anfrage an die englische Regierung gerichtet. Eng⸗ land soll eine röllig ablehnende Antwort erteilt haben.
In Köln fand am 15. August eine große deutsche Kund⸗ gebung für Rhein, Pfalz und Saar statt. Von allen Rednern wurde die Treue zum deutschen Vaterland betont. Der Redner
des Vundes der Saarvereine Pfarrer D. Schlich-Saar⸗
b rücken forderte dazu noch eine Revision und Aenderung des
Saarstatuts. Eine große Genugtuung ist die Aufklärung des Falles raff. Am 23. März 1922, zwei Tage, nachdem ein deutscher —. ů—ů— n
Hegenstück, die böhmische Soldatenhure Courasche, die nach lurzem Glücke durch eigene Schuld schliezlich als Landströtzerin, Vagabundin verkommt; da ist auch Herzhruder, der, vom Schick⸗ al bald begünstigt, bald verfolgt, sich doch immer sein redliches, mitfühlendes Herz erhält, seinem Blutbruder Simplicius allzeit die Treue wahrt und ihm nach Möglichkeit das Gute vergilt, was dieser ihm erwiesen hat. Und endlich Simplicius selbst: Als unschuldiger, unwissender Knabe gerät er in den Kriegs⸗
ubel, lernt sich noch allerlei Demütigungen und Drangsalen
dank seiner Klugheit, Geschicklichkeit und Lernbegier bald in der lollen Welt zurechtzufinden und seinen Vorteil wahrzunehmen. Er wird bald ein tüchtiger Soldat, kommt rasch empor und er⸗ wirbt sich Ehre und Reichtum in Fülle, vergißt aber auch bald alle guten Lehren, die er in seiner Kindheit empfangen, wird ein Stutzer, Verschwender und Schürzenjäger, verliert sein Vermögen, wird nach einander Quacksalber, simpler Musketier und Marodeur, kommt wieder zu Gelde, uittiert den Dienst lebt in behaglichen bürgerlichen Verhältnissen und flieht schließ⸗ lich die Welt, geht als Einsiedler in die Wildnis, um dort„zu philosophieren und ein Gott wohlgefälliges Leben“ zu führen, was ihm in der süd- und lasterhaften Welt nicht möglich war.
In der Schilderung und Charakterisierung dieser Laster uweist sich Grimmeshausen als Meister. Mit Humor weiß er in lebendigen, anschaulichen Szenen markante Beispiel solcher Untugenden vorzuführen. Die Unmäßigkeiten im Fressen und Saufen, das Stutzertum und a la mode Unwesen, den Hang zum Tanzen und die dadurch geförderten geschlechtlichen Aus— shweifungen, das Karten- und Mürfelspiel, das Fluchen und Cotteslästern, dies alles weiß Grimmelshausen in kräftigen und befflichen Farben zu malen. Als echten Satiriker macht er cht so sehr durch Moralpredigen seinem Anseillen über die berderbtheit der Welt Luft, sondern sucht durch karikierende, übertriebene Schilderungen der menschlichen Torheiten und 9 aster diese als närrisch und eines vernünftigen Menschen un⸗
rürid hinzustellen und an diesem erzieherischen 2
Wegelagerer ein gewallsames Ende find. t; da ist sein weibliches
Polizeibeamter von einem Agenten des belgischen Militär— Sicherheitsdienstes ermordet worden war, wurde der belgische Leutnant Graff getötet. Am 27. Januar verurteilte das Kriegs- gericht der Besatzungsarmee den Polizeioberleutnant Rein- hard, den Polizeioberwachtmeister Riebke und die Polizei⸗ wachtmeister Klein und Grabert zum Tode, den Polizei⸗ wachtmeister Termöhlen zu 20 Jahren Zwangsarbeit, den Angeklagten Döhmland zu 15 Jahren Zwangsarbeit, die Angeklagte Frau Elisabeth Heckmann, geb. Delrcée, zu 5 Jahren Zuchthaus und die Angeklagten Nowak u. Klauß zu 3 Jahren Gefängnis. Das Aachener Berufungsgericht be— stätigte dieses Urteil am 4. August des gleichen Jahres mit der Abänderung, daß die gegen Grabert erkannte Strafe auf 20 Jahre Zwangsarbeit ermäßigt wurde.
Ein internationales Juristenkollegium hat nun festgestellt, daß diese Verurteilungen über Unschuldige gefällt worden seien, während die von dem Stettiner Schwurgericht für schuldig er— kannten Ka ws und Engeler die Täter seien.
In Frankfurt a. M. wurde am 15. August unter großen Feierlichkeiten die neuerrichtete alte Brücke eingeweiht und dem Verkehr übergeben.
Aus Politik und Parlament.
Neuregelung der Sonntagsruhe.
Im Reichsarbeitsministerium ist der vorläufige Entwurf eines Arbeitsschutzgesetzes fertiggestellt worden, dessen Kernstück die Neuregelung der Arbeitszeit im weitesten Sinne, also einschließlich der Sonntagsruhe, bildet. Die jetzigen Vorschriften der Gewerbeordnung sollen durch die einschlägigen Bestimmungen des in Vor—⸗ bereitung befindlichen Arbeitsschutzgesetzes ersetzt werden.
Wie verlautet, will der Entwurf die Neuregelung der Sonntagsruhe auf folgender Basis vornehmen:
1. Die Einrichtung der Ausnahmesonntage soll auf⸗ rechterhalten bleiben. Die Ortspolizeibehörden sollen nach wie vor befugt sein, bis zu sechs Ausnahmesonn⸗ tage zuzulassen. Dagegen soll das jetzige Recht der höhe— ren Verwaltungsbehörden, bis zu vier weitere Sonn— tage zu genehmigen, auf Wallfahrtsorte und ähn! pe Orte mit zeitweilig besonderem Fremdenverkehr be— schränkt werden, und zwar ohne die Festlegung einer Höchstzahl. Die Beschäftigungszeit soll von acht auf sechs Stunden herabgesetzt werden. An der Sechs-Uhr⸗ Schlußstunde soll mit der raßgabe festgehalten werden, daß an höchstens drei Sonntagen eine Beschäftigung bis 7 Uhr zulässig sein soll, sofern an diesen Tagen die Be— schäftigungszeit fünf Stunden nicht übersteigt.
2. Auch an der jetzigen Moglichkeit, für die soge— nannten Bedürfnisgewerbe für jeden Sonntag eine all⸗ gemeine Verkaufszeit zu gestatten, soll festgehalten werden. Welche Geschäftszweige als unter den Begriff „Bedürfnisgewerbe“ fallend anzusehen sind, sollen der Reichsarbeitsminister oder die Länder zu bestimmen be⸗ fugt sein. Auch hier soll die Beschäftigung nicht nach 6 Uhr zulässig sein und insgesamt zwei Stunden nicht überschreiten dürfen.
3. Neu soll die Bestimmung eingefügt werden, daß eine regelmäßige Verkaufszeit auch für nicht unter den Bedürfnisgewerbebegriff fallende Verkaufsstellen zu⸗ gelassen werden kann, sofern die Laden⸗Eröffnung in⸗ folge weitläufiger Siedlungsweise zwecks Versorgung der Landbevölkerung erforderlich erscheint. Die Be⸗ schäftigung soll auch hier auf zwei Stunden beschränkt bleiben mit einer spätesten Schlußstunde von 6 Uhr.
Zustimmung zum Handelsprovisorium.
Der handelspolitische Ausschuß des Reichstages er⸗ örterte am 14. August die Bestimmungen des Handels⸗ provisoriums mit Frankreich und stimmte diesem sowie dem Saarabkommen einmütig zu. Nachdem noch be— schlossen worden war, die Mehlzollverordnung aufzu⸗ heben, vertagte sich der Ausschuß.
dem sittlich und tief religiöbsempfindenden Manne, wie er selbst mehrfach betont, besonders viel gelegen. Es ist nur aber sehr merkwürdig, daß man zwar allenthalben in den Werken Grimmelshausens erkennt, daß ihr Verfasser eine durch und durch religiöse Persönlichkeit ist, daß sich aber trotzdem bis jetzt noch nicht einwandfrei hat feststellen lassen, ob dieser sich während des größten Teiles seines Lebens zur katholischen oder pro⸗⸗ testantischen Konfession bekannt hat.— Etwas für die damalige, in religiöser Hinsicht so unduldsame Zeit ganz Erstaunliches, Wie sein Simplicius scheint Grimmelshausen im Grunde seines Herzens allzeit„weder Petrisch noch Paulisch“ gesonnen gewesen zu sein. An einem rechtschaffenen echt christlichen Leben lag ihm mehr als an komplizierten Dogmen. Mit den besten und aufgeklärtesten Köpfen seiner Zeit ersehnte er die Beseitigung der unheilvollen konfessionellen Spaltungen und träumte von einer wieder geeinten wahren christlichen Religion. So soll ja auch der„Teutsche Held“, von dem er im dritten Buche des „Simplicissimus“ erzählt, zuletzt aus dem Geistlichen aller Kon— fessionen ein Konzil berufen, zu dem Zwecke, festzustellen, was „die rechte, wahre, heilige und christliche Religion“ sei, zu der sich dann alle bekennen müssen.
Zuvor aber wird, so erzählt dort Grimmelshausen, der „Teutsche Held“ mit dem ihn von Gott verliehenen Schwerte
ohne Blutvergießen den Frieden auf der ganzen Welt herstellen und alle Lande der Erde unter deutschen Zepter vereinigen. Diese schönen Zukunftsräume legt der Dichter allerdings bezeichnender Weise einem verrückten Gelehrten, der sich für den Gott Jupiter hält, in den Mund. Mußte sich aber der Dichter
denn nicht sagen, daß bei ruhiger Ueberlegung derartige Hoff— nungen und Sehnsüchte nur als närrische Phantastereien er⸗ scheinen konnten? Sein vaterlandsliebendes Herz empört sich zwar über die bestehenden erbärmlichen Verhältnisse, sieht je⸗ doch keine Möglichkeit, wie dem Anheil so bald erfolgreich ge— steuert werden könnte. Gerade deshalb aber hält er es für die
ö zu setzen, was dem immer weiter um sich greifenden Uebel Ab⸗
bei den damals in Deutschland herrschenden trostlosen Zuständen
Zum Reichstheatergesetz.
Die Konzessionsbehörden aller deutschen Länder werden im Oktober in Weimar eine Tagung abhalten, auf der der im Reichsinnenministerium fertiggestellte Entwurf eines Reichstheatergesetzes besprochen werden und endgültige Fassung erhalten soll.
Kleine Nachrichten.
Evangelischer Weltkongreß in Rom.
„Der Evangelist“ vom 8. August 1926 bringt fol⸗ gende Mitteilung:„In Amerika hat Pred. Dr. Jakob K. Shields den Vorschlag gemacht, es möchte ein großer Protestantischer Weltkongreß in Rom, der ewigen Stadt am Tiber, veranstaltet werden, um den Kardi— nälen, Bischöfen und Prälaten der katholischen Kirche und besonders auch Herrn Mussolini samt seinen Behör— den Gelegenheit zu einem ebenso generösen Verhalten gegenüber der protestantischen Geistlichkeit und Laien— schaft zu geben, wie diese es beim Eucharistischen Kon—
greß in Chicago an den Tag gelegt hat.“— Auch ein Echo vom Eucharistischen Kongreß in Chicago. Chorinfahrt.
Am 19. Juni 1927 veranstaltet der Chorin⸗Schutz⸗ bund seine nächste Chorinfahrt. Er bittet die evange— lischen Organisationen, bei der Wahl ihrer Tagungen diesen Termin zu berücksichtigen.
Die gefährlichen Märsche.
Obermusikmeister a. D. Rausch, der am Vor⸗ abend des französischen Nationalfestes(14. Juli) im Festhallengarten in Koblenz, während ein Fackelzug der Franzosen vorbeikam, Märsche hatte spielen lassen, wurde vom französischen Militärgericht zu 1000 Mark Geldstrase und einem Monat Gefängnis verurteilt.
Dir Wolflonferenz der christl. Jungmännervereine in hesingsfors vom 1. bis 6. Auguft 1926. Originalbericht von Pfarrer Johannes Bronisch. Die 19. Weltkonferenz der christlichen Jungmännervereine
in Helsingfors war von 1248 Delegierten aus 46 verschiedenen
Nationen beschickt; ein Fünftel waren Jugendliche. Zum
erstenmal nahmen auch Vertreter der orthodoxen Kirche aus
den Balkanstaaten teil, wo seit Kriegsschluß amerikanische
Sekretäre christlicher Vereine junger Männer Vereinsarbeit be⸗
treiben, ihr in die Augen fallender Führer war Bischof Athena—
goras aus Korfu. Auch römisch⸗katholische Delegierte aus
Polen, Belgien, Tschechoslowalei, Italien, Südamerika usw.
waren anwesend, auch zeitweise ein römisch-katholischer Pfarrer
aus Breslau als Beobachter. Bedauerlich war, daß in der römisch⸗katholischen Kirche von Helsingfors für diese römisch-katho⸗ lischen Teilnehmer am letzten Morgen eine Messe war, während die Konferenz ihre große Abendmahlsfeier mit über 1000 Kom⸗ munikanten in der Johanniskirche hielt, der auch Griechisch— katholische beiwohnten. Bischof Athenagoras schloß sie mit dem
Segenswort 2. Korinther 13, 13 in griechischer Sprache. Die
deutsche Abordnung mit 300 Mann stand unter Führung ihres
Reichswarts Lic. Stange und hatte gemeinsame Hinreise von
Stettin bis Hilsingfors und zum großen Teil auch gemeinsame
Rückreise. Sie fanden in Finnland selbstverständlich eine herz⸗
liche Aufnahme, und die führende christliche Zeitung„Kotrinaa“
scheute sich nicht, in ihrem der Konferenz gewidmeten Be— grüßungsartikel mit besonderem Nachdruck die Abgesandten aus der Heimat Luthers zu begrüßen und an die Verbindung des
Glaubens und der Politik seit altersher zu erinnern, die zwi—
schen Deutschland und Finnland bestände. Finnländische Regi⸗
menter fochten einst im Gefolge Gustav Adolfs bei Breitenfeld mit, und deutsche Truppen haben 1918 entscheidend zur Befreiung
Finnlands vom roten Terror beigetragen. Darum fand auch
die Gedenkfeier, die am 1. Konferenztag die deutsche Delegation
am deutschen und finnischen Kriegerdenkmal von 1918 abhielt, viel Beachtung der Bevölkerung. Und wo auf den Reisen ins
Land vor oder nach der Konferenz die Deutschen sich zeigten,
überhand nehmende Nachahmung und Nachäffung des Aus— ländischen in Sprache und Literatur, Sitten und Gebräuchen. Sein„Teutscher Michel“ ist das schönste Beispiel für diese gute deutsche Gesinnung des Dichters. Mit Wohlwollen sieht er die Bemühungen, die auf eine Reinigung der deutschen Sprache von fremdländischen Beimischungen hinzielen, hütet sich aber vor dem Uebereifer fanatischer Puristen, die im übertriebenen Reformierungsdrange sogar längst eingebürgerten Fremdwörter durch neugebildete deutsche Bezeichnungen ersetzen wollen. Viel wichtiger und und erstrebenswerter als solche Aeußerlichkeiten erscheint ihm eine Läuterung der Deutschen in Sitten und Ge— sittung. Denn die fremden Sprachen schaden an sich selbst nichts, sonder die angenommene mit eingeschlichene Sitten.... Wie werden wir bestehen, wenn uns ein Volk bekriegen und unser Freiheit unter sich zwingen wollte, dessen Sprache wir schon reden, dessen Lebensart uns wohlgefällt, dessen Kleidung wir bereits tragen, dessen Tun und Wandeln wir lieben und ihm in allem nachäffen? Ich schließe aber hiermit kurz und sage noch einmal: Gegenwärtiger Zeit Wörter mag man sich wohl gebrauchen; man soll aber der alten Sitte vornehmlich aber ihrer Standhaftigkeit und Tugend nachfolgen... Ist demnach derjenige der allerbeste Teutsche, welcher der alten Teutschen Tugend übet und liebet, mann er gleich mit besser oder zierlicher redet, als ein kropfiger Pingauer, und bei einem solchen ist auch das beste Teutsch zu finden.“ In harten Worten tadelt er des— halb im„Stolzen Melcher“ diejenigen, die im fremden Solde gegen Deutschland kämpfen; und getreu diesen in seinen Schrif— ten geäußerten Anschauungen, ergriff Grimmelshausen selbst noch einmal kurz vor seinem Tode, als die Raubkriege der Fran— zosen begannen, die Waffen, um deutsches Land gegen die Ge— lüste des eroberungssüchtigen westlichen Nachbars zu ver— teidigen.
So erweist sich Grimmelshausen in Worten und Werken als ein echter deutscher Mann. Für uns aber, die wir jetzt nicht immer unter den Nachwirkungen des entsetzlichsten aller Kriege leiben, haben seine Schriften trotz ihrem ehrwürdigen Alter noch
Zweck war ihm, bruch tun könnte. Vor allem eifert er gegen die mehr und mehr ein ganz besonderes aktuelles Interesse.


