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„Evangelische Warte“
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Ernst die Evangelische Volksgemeinschaft wollen. In Rheinland-Westfalen ist man zu sehr auf Distanz ge⸗ stimmt. Aber das ist bei dem starken religiösen Leben daselbst ja begreiflich. Diese Anfangskrise zwischen Pro⸗ testanten und Pietisten wird sicherlich überwunden wer⸗ den, will man sich nicht gleich zur Bedeutungslosigkeit verurteilen. Doch darüber vielleicht auf ein ander mal Genaueres.
Aber sollen denn da unsere Pfarrer mittun? Das beantworten wir entschieden mit Ja; trotzdem der Ver⸗ fasser gegen die politische Betätigung der evangelischen Geistlichen schon manch scharfes Wort gesagt und ge⸗ schrieben. Die Pfarrer bei den seitherigen Interessen— parteien waren in jedem Fall ein peinlicher Anblick, auch wenn sie vom glühendsten Idealismus beseelt waren. Die Evangelische Volksgemeinschaft darf und muß den evangelischen Pfarrer für ihren Dienst in An⸗ spruch nehmen. Da darf er sich nicht versagen, sondern soll sein Bestes tun, das neue politische Gebilde auf möglichster Höhe der Gesinnung und des Wirkens zu halten.
Ueber das Verhältnis zu den bisherigen Parteien und ihr zu Leicht-befunden-werden wäre viel zu sagen. Tatsache ist, daß sich die meisten Anhänger der Evange— lischen Volksgemeinschaft blutenden Herzens z. B. von den Deutschnationalen und Demokraten losgemacht haben. Viel lieber wären sie diesen treu geblieben, hätten sie die Interessen der evangelischen Kirche und die Durchdringung des Volkslebens mit religiös-sitt⸗ lichen Kräften dort besser gewahrt gesehen. Nur bittere Not trieb zu einem absoluten politischen Neubau, der sich heute leider nur allzusehr rechtfertigt. Man will keine Opposition zu den aufbauenden nationalen, kul— turellen und religiösen Kräften, die bei anderen Par— teien hervortreten, aber zu oft durch das Parteiinteresse getrübt und entwertet werden. Man will ernst machen mit einer Volksgemeinschaft, die endlich über allen bru— talen Parteiinteressen steht und möglichst gerecht und harmonisch ausgleicht.
Die Aussichten solchen Unternehmens wird man verschieden beurteilen, je nach der Schulung und Ein— stellung des einzelnen. Aber ohne Zweifel ist es des Schweißes aller Edlen in der evangelischen Kirche wert. Welch herrlicher Gedanke, diese Evangelische Volksge— meinschaft über alle Interessenparteien siegen zu sehen im friedlichen Wettbewerb mit dem Zentrum. Auf der idealen Grundlage der Zugehörigkeit zu einer schristlichen Kirche werden dann alle politischen, wissenschaftlichen, sozialen, erzieherischen, künstlerischen, sittlichen u. a. Fragen entschieden, und vielleicht kommt auf dieser Grundlage die alle umfassende Volkskirche auch aufs neue zu Ehren, deren Reduktion auf eine vielleicht lebendigere religiöse Gesellschaft für unser Volksleben von unabsehbarem Schaden wäre.
um das hessische Volksbegehren.
Den Frankfurter Nachrichten“ wird darüber folgendes ge— schrieben:
Darmstadt, 12. August. Sieben Wochen hat die Prüfung der Unterschriftenlisten für das Volksbegehren auf Auflösung des hessischen Landtages, das von den im Hessischen Wirtschafts⸗ und Ordnungsblock vereinigten drei Parteien betrieben wurde, gedauert. Der von der Regierung ernannte Abstimmungsleiter, Ministerialrat Nornemann, hat an den ihm überwiesenen Listen eine scharfe Auslese getroffen nach der Fragestellung, ob auch die zahlreichen Gesetzesvorschriften bei Leistung der Unterschrif⸗ ten beobachtet worden sind. In der heute stattgefundenen ersten Sitzung des vom Abstimmungsleiter zusammenberufenen Ab⸗ stimmungsausschusses, der sich aus zwei Vertretern der Sozial⸗ demokratischen Partei, je einem Vertreter des Zentrums, der Demokraten, des Bauernbundes und der Deutschen Volkspartei zusammensetzt, wurde seitens des Vertreters des Bauernbundes darauf hingewiesen, daß nicht alle Parteien les fehlt die
Deutschnationale Volkspartei) im Ausschuß vertreten sind, wo⸗ nach die Vertreter des Volksbegehrens in die Minderheit ver⸗ setzt sesen. Der Abstimmungsleiter und die Vertreter der Linken verwiesen darauf, daß einmal der Abstimmungsleiter zur Er⸗ nennung der Ausschußzmitglieder ermächtigt sei und der Wirt⸗ schafts- und Ordnungsblock als eine Einheit aufzufassen sei, die mit einem Vertreter eigentlich genügend vertreten sei. Nur dem Umstande, daß der kommunistische Vertreter kein Interesse an der Angelegenheit habe, habe es der Block zu verdanken, daß ihm zwei Sitze(Deutsche Volkspartei und Bauernbund) einge— räumt werden könnten. Diese Frage der Zusammensetzung des Ausschusses wird vermutlich noch weiter erörtert werden, wobei von der Rechten darauf verwiesen wird, daß es eine unzulässige Zurücksetzung der Rechtsparteien sei, die Deutschnationale Volks⸗ partei, die sonst in allen Ausschüssen vertreten sei, auszu⸗ schließen.
Der Abstimmungsleiter teilt dann das Ergebnis der Listen⸗ prüfung mit. Da die Anterschriftensammlung die erste derartige in Hessen ist und die zahlreichen Gesetzesvorschriften noch nicht genügend bekannt waren, ist eine große Reihe von Fehlern bei der Unterschriftenleistung usw. gemacht worden. Ueber einige derartige Formfehler wird der Ausschuß Beschlüsse fassen, so u. a. darüber, ob Unterschriften, bei denen ursprünglich Wohn- ort und Berufe fehlten, und die nachher von anderer Hand durch Strichelung nachgetragen wurden, für ungültig zu erklären sind oder nicht. Werden sie für gültig erklärt, so ermittelt der Ab— stimmungsleiter nach seiner Prüfung 88 113 gültige Unter— schriften, wenn nicht, so vermindert sich die Zahl auf 72 002 gültige Unterschriften. Das verfassungsmäßig vorgeschriebene Zwanzigstel der wahlberechtigten Landtagswähler beträgt 12 494, so daß also, selbst wenn der Ausschuß noch weitere Fehler feststellen sollte, diese Ziffer weit überschritten ist. Wo die Unterschrift selbst eingenhändig, die Bezeichnung(Geburts- name, Beruf u. s. w.) aber von anderer Hand geleistet wurden, hat der Abstimmungsleiter die Unterschrift für un— gültig erklärt. Bei dieser Art der scharfen Auslese ist es nicht zu verwundern, daß die Zahl der ursprünglich eingereichten Unter— schriften in Höhe von 168 339 erheblich vermindert wurde. Von den 2290 eingereichten Listen wurde der weitaus größte Teil beanstandet und mit Ausnahme von 208 Listen mit entsprechen⸗ den Aenderungen wieder eingereicht, so daß schließlich 2082 Listen mit 152 642 Unterschriften vorlagen, von denen der Ab⸗ stimmungsleiter die obengenannte Zahl für gültig erklärt hat.
Die Abgeordneten der Sozialdemokraten, des Zentrums und der Demokraten traten für eine nochmalige genaueste Prüfung der Listen seitens des Ausschusses ein. Der Bauernbund schloß sich dem an, schlug aber vor, einstweilen zu erklären, daß die gesetzlich vorgeschriebene Zahl von Unterschriften erreicht ist und mit der Volksabstimmung über Auflösung des Landtages gerech— net werden kann. Dem widersprachen die oben genannten Ab— geordneten, die sich selbst erst genau von dem Stand der Dinge überzeugen wollen. Abg. Reiber(Dem.) deutet an, daß der Landtag über das Volksbegehren erst Beschluß fassen müsse und wenn der Landtag erkläre, die verfassungsmäßig vorgeschriebene Unterschriftenzahl sei nicht vorhanden, dann sei die Unterschrif⸗ tenzahl eben nicht vorhanden, einerlei wie die Ziffer de facto sich belaufe. Demgegenüber wies der Bauernbundvertreter auf die klare Formulierung des Verfassungsparagraphen hin, wo— nach ein Zwanzigstel der stimmberechtigten Landtagswähler ge— nüge, um eine Volksabstimmung herbeizuführen. Daran könne auch der Landtag nichts ändern. Der Ausschuß beschloß darauf, mit der Prüfung der Listen zu beginnen.
zur Sthulbeflaggung in Preußen. Von Christian Deutschmann.
Wer die Befriedigung unseres Volkes wünscht, muß es bedauern, daß der preußische Unterrichtsminister, der schon in den„Fällen“ Schillings, Bode, Hauptmann, Wittig, Lessing keine besonders glückliche und geschickte Hand bewiesen hat, durch seinen neuesten Erlaß, wel⸗ cher für jede Schule die Anschaffung einer Fahne in den
Farben schwarz⸗rot⸗gold und die erstmalige Beflaggung
der Schulgebäude damit am Verfassungstage 14 August) vorschreibt, unnötig neue Reibungs- und Kon⸗ fliktsmöglichkeiten geschaffen hat. Der Reichstag selbst hatte die weitere Erörterung und endgültige Lösung dieser heiklen Frage, die schon so viel Unfrieden in unse⸗ rem Volke angerichtet hat, bis zum Herbst vertagt. Da war es nicht eben klug, durch den Schulbeflaggungserlaß den Burgfrieden vor der Zeit aufs schwerste zu gefähr⸗ den. Schon hat eine ganze Reihe von Schulvorständen die Anschaffung der Fahne abgelehnt, und auch, wenn es gelingen sollte(was immerhin zweifelhaft ist), die⸗ sen Widerstand zu brechen, wird der Sache, um die es uns geht: dem Volksfrieden und der Volksgemeinschaft, dadurch schwerlich genützt. Zunächst ist es auch noch sehr umstritten, ob alle Schulgebäude im Sinne des Erlasses als„öffentliche“ angesprochen werden können. Schreiber dieses wohnt auf dem Lande, wo die meisten Schul⸗ häuser„Küstereien“, d. h. Eigentum der Kirchenge⸗ meinde, sind. Wie würde sich die Rechtslage gestalten, wenn— und ein solcher Fall wäre sehr wohl denkbar — der Gemeindekirchenrat als gesetzlicher Vertreter des Hausbesitzers(der Kirchengemeinde) eine Beflaggung des Schulhauses untersagte? Ein solcher Schritt brauchte durchaus nicht von„antirepublikanischer“ Ge— sinnung diktiert zu sein, sondern lediglich von dem Be— streben, nicht ohne wirkliche Not die politischen Gegen⸗ sätze in dem engen Rahmen der Dorfgemeinde neu auf⸗ leben und die politischen Leidenschaften aufeinander— platzen zu lassen. Daß aber eine zwingende Notwendig⸗ keit zur Beflaggung der Schulgebäude vorliegt, wird auch der preußische Unterrichtsminister nicht behaupten lönnen, da es in der monarchischen Vorkriegszeit sehr gut ohne eine Schulfahne gegangen ist. Es steht auch kaum zu erwarten, daß durch die Hissung der gegenwär⸗ tigen Reichsfarben auf den Schulgebäuden der Wille der Staatsbejahung in Schulgemeinde, Lehrerschaft oder Schulkindern irgendwie gekräftigt werden wird. Viel⸗ mehr wird so, wie die Dinge zurzeit liegen, solche Be— flaggung zumal in sehr vielen Dörfern als ein gewoll⸗ ter Affront gegen die Anhänger von schwarz-weiß⸗rot angesehen werden. Und dies mit einem gewissen Recht, da ja die vom Reichspräsidenten angeregte Schaffung einer Einheitsflagge erkennen läßt, daß die derzeitigen Reichsfarben schwarz-rot-gold selbst von maßgebendster Stelle nicht als unabänderlich und für alle Zeiten gül⸗ tig angesehen werden. Auch der preußische Unterrichts- minister dürfte wissen, daß es in Preußen tausende von Dörfern gibt, in welchen diejenigen, die schwarz⸗weiß⸗ rot dem schwarz⸗rot⸗gold vorziehen, 75—100 Prozent der Bewohner ausmachen. Werden diese der neuen Schul⸗ fahne nicht mit sehr gemischten oder vielmehr mit sehr eindeutigen Gefühlen gegenüberstehen? Und wird nicht der Lehrer, der als notgedrungener Vollstrecker des unterrichtsministeriellen Willens diese Fahne auf⸗ ziehen muß(auf dem Lande wenigstens wird in den meisten Fällen er es tun müssen) dadurch unter Umstän⸗ den in eine peinliche Lage gebracht? Wird der Minister in der Lage sein(die Frage stellen, heißt: sie vereinen), ihn gegen die persönliche Animosität und die wirtschaft⸗ lichen Nachteile, die ihm durch solches Handeln gegen die Anschauungen und Gefühle der überwiegenden Dorfmehrheit erwachsen können, zu schützen? Ganz zu schweigen von den Gewissenskonflikten, in die mancher Lehrer kommen mag, der seiner innersten Ueberzeugung nach viel lieber die schwarz-weiß⸗rote als die schwarz⸗ tot⸗goldene Fahne hochzöge. Wenn aber nun schon ein⸗ mal auf den Schulen geflaggt werden soll— wie gesagt, ist es bislang sehr gut ohne dies gegangen!— dann hätte man den Schulvorständen freistellen sollen, ob sie
mit den Reichs- oder mit den Landesfarben flaggen
wollen. Ueber die preußischen Landesfarben ist kein Streit, und sie in Vorschlag zu bringen, hätte eigentlich für einen preußischen Minister besonders nahe ge— legen!
Der Dichter oͤes„Simplitius Simplitissimus“. Zum 250 Todestag Johann Christophs von Grimmelshausen. Von Dr. phil. Kurt Cramer.
Vor einem viertel Jahrtausend, am 17. August ds. Is. 1676,
starb in dem badischen Städtchen Renchen, das damals noch ein
Dorf war und dem Bischof von Straßburg zugehörte, der Schult— heiß Johann Christoph von Grimmelshausen, der Verfasser der „Simplicianischen Schrift“. Der Todeseintrag ist eine der wenigen ganz sicher verbürgten Nachrichten, die wir über diesen Dichter besitzen. Erst in den letzten Jahren und Jahrzehnten ist es fleißiger und mühsamer Forscherarbeit gelungen, etwas das Dunkel zu lichten, das bisher über dem Leben des Dichters lag; doch ist auch das bis jetzt in Erfahrung Gebrachte noch immer wenig genug.
Wir wissen, daß er 1637 Musterschreiber beim Grafen Götz, von 16391648 in Offenburg Sekretär des Stadtkommandanten, 1648 Regimentsschreiber in Wasserburg gewesen ist, wissen ferner, daß er am 30. August 1649 in Offenburg eine gewisse Katharina Henninger, die Tochter eines Schauenburgischen Wachtmeisterleutnants, geheiratet und mehrere Kinder mit ihr gezeugt hat. Außerdem ist uns bekannt, daß er von 16501660 in Gaisbach und von 16621664 auf der diesem Orte benach— barten Ullenbahn Schaffner gewesen ist, von 1665-1666 aber Wirt in Gaisbach und schließlich von 16671676 Schultheiß in Renchen.
Das sind die wenigen ganz feststehenden Tatsachen, die man über das Leben Grimmelshausens hat in Erfahrung bringen können. Der Tag, das Jahr und der Ort seiner Geburt haben sich noch immer nicht genau feststellen lassen. Die einen nehmen das Jahr 1625, andere 1620 und wieder andere sogar 1610 als sein Geburtsjahr an. Und ob er direkt in Gelnhausen oder in einem der umliegenden hessischen Dörfer das Licht der Welt er— blickt hat, ist gleichfalls noch nicht entschieden, eben so wenig wie seine Jugendschicksale bis zum Jahr 1637.
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Außer einigen wenigen und gelegentliche Erwähnung, die der Dichter in Urkunden findet, sind es vor allem die„Simplicianischen Schriften“, die uns Auskunft über sein Leben und seine Persönlichkeit geben, Mit gutem Rechte wird besonders sein Hauptwerk, der„Sim— plicius Simplicissimus“, als ein in vieler Hinsicht autobio— graphischer Roman angesehen; doch muß man sich hüten, in gar zu weitgehendem Maße das Schicksal des Romanhelden mit dem des Dichters zu indentifizieren.
Unzweifelhaft ist Grimmelshausen, ähnlich wie sein Sim— plicius, schon frühzeitig in den Strudel des dreißigjährigen Krieges hineingerissen, vielleicht auch, wie dieser, in jungen Jahren von Soldaten entführt worden. Während dieser Mili— tärzeit muß er in vielen Teilen Deutschlands und vielleicht auch des Auslandes herumgekommen sein. So hatte er reichlich Ge— legenheit, das Rasen der Kriegsfurie aus eigener Anschauung kennen zu lernen. In keinem anderen Buche hat das Tun und Treiben, Fühlen und Denken jener Kriegszeit so deutlich und lebendig seinen Ausdruck gefunden, wie in den„Simplicia— nischen Schriften“. Allerdings war es Grimmelshausen, der immer nur niedere militärische Stellung bekleidet hat, nicht vergönnt, vom hohen Gesichtspunkte aus die mannigfach ver— schlungenen Fäden des strategischen und politischen Getriebes jener Zeit zu überschauen, eben so wenig wie er mehr als ge— legentliche Einblicke in das Leben der höheren und höchsten Stände hat tun können. Was er kannte, und was er mit scharfem Auge zu erfassen und mit treffenden Worten in der anschaulichsten Weise darzustellen wußte, war das Leben der großen Masse: Der einfachen Soldaten und niederen Offiziere, der Bürger und Bauern.
In einem der ersten Kapitel des„Simplicissimus“ symboli— siert er meisterlich in Traume vom Kriegsbaum, die durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse der verschiedenen Stände zu einander. Simplicius träumt einmal, so wird dort erzählt, von einem Baum, der Stamm und die Wurzel desselben werden von Bürgern und Bauern gebildet. Von ihnen empfängt der Baum
handschriftlichen Aufzeichnungen all seine Kraft und Lebensfähigkeit.
Aber er kann nicht zum Gedeihen kommen; denn auf den Zweigen sitzen, statt der Blät⸗ ter, unzählige Scharen von Kriegsleuten, die durch allerlei Plackereien die unteren friedlichen Stände bedrücken und quälen und das, was jene in saurer Arbeit Nützliches und Lebensnot⸗ wendiges schaffen, leichtsinnig und übermütig vernichten und vergeuden. In dem obersten Teile der Baumkrone aber, wohin den anderen der Aufstieg so gut wie unmöglich gemacht ist, sitzen die nur aus Adligem bestehenden Offiziere. Diese sind die eigentlichen Nutzniesser des Krieges. Sie bedrücken sowohl die ihnen untergebenen Soldaten, als auch Bürger und Bauern und fangen mit Leichtigkeit die Goldstücke auf, die bisweilen ein Kommissarius aus einer Wanne in Form von Kontributionen über den Baum ausschüttet; Sie führen ein Leben herrlich und in Freuden; während die anderen Stände, die große Masse des Volkes, darben und verderben.
In einer reichen, überreichen Fülle von Bildern und Ge— schehnissen führt der Dichter in seinen Simplicianischen Schriften die verschiedenen Szenen des wildbewegten Kriegstheaters dem Leser vor Augen, und zwar immer so, wie es der Mann aus dem Volke und das einfache Militär erlebte. Wir hören von Plünderungen, Raub, Mord und Totschlag, von Quälereien und Marterungen, von Kriegslisten, Gaunerstreichen und Narrenpossen, sehen den Dichter mit seiner Gelehrsamkeit prunken und gleich darauf von abergläubigen Vorstellungen be—
fangen und hören mit Ergriffenheit, wie er, wenn auch scheinbar
mit lächelndem Munde, so doch in Wirklichkeit mit tiefem sitt⸗ lichem Ernst die Ausschweifungen und Laster seiner Zeit an den Pranger stellt.
In einer Reihe vorzüglich beobachteter und scharf um⸗ rissener Typen charakterisiert er aufs treffendste die verschie⸗ denen Vertreter des Soldatenstandes. Da ist der feige, trottel⸗ hafte Hungerleider Schmalhans; da ist der Kecke Draufgänger Springinsfeld, der nirgends ein dauerndes Glück zu finden weiß; da ist Oliviere, das früh verdorbene Muttersöhnchen, der schließlich nach einem verruchten Leben als meuchelmörderischer
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