Sonnabend, den 27. November 1926.
„Evangelische Warte“
kratzt, ein paar kleine nervöse Stadtkinder vor dem Einschlafen in helle Angst versetzte. Wir glauben es ja gar nicht, was für Wirkungen die eine oder andere unvorsichtig hingeworfene Aeußerung oft in der Kindesseele hinterläßt. Die meisten unter uns werden sich wohl an das eine oder andere Wort aus ihrer Kindheit erinnern, das durch das ganze Leben nachgeklungen ist, und wenn es ein Wort war, das von unten stammte, dann ist seine Wirkung auf das Kind auch eine nach unten ziehende gewesen.
Wie sollen wir uns darum vor allen leichtsinnigen und lieblosen oder gar unwahren und unreinen Worten, auch einem unfreundlichen Urteil über andere Menschen, Eltern und Lehrer und andere, die dem Kinde Autorität sind, hüten und darum ringen, daß das Kind aus unserem Munde nur hört,„was wahr— haftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich, was wohllautet“. Es ist etwas furchtbar Ernstes um die Wirkung, die wir durch unsere Worte aufeinander und vor allem auf die Kinder ausüben. Unser Herr hätte sonst nicht das Wort Matth. 12, 36 von der Rechenschaft, die wir für jedes unnütze Wort ab— legen müssen, gesprochen und es durch die todernste Warnung verschärft, den Kleinen, die an Ihn glauben, ein Aergernis zu geben.
Darum ist im Verkehr mit Kindern kaum eine Bitte so
nötig wie die Davids im 41. Psalm:„Herr, behüte meinen Mund und bewahre meine Lippen“. Und es ist große Gnade
unseres Herrn nötig, uns davor zu bewahren, daß wir durch unsere Worte kein Aergernis in einem Kinderherzen anrichten.
Was sollen wir unsere Töchter lehren?
Gebt ihnen eine ordentliche Schulbildung.
Lehret sie ein ordentliches Essen kochen.
Lehret sie waschen, bügeln, Strümpfe stopfen, Knöpfe an⸗ nähen, ihre eigenen Kleider machen und ein ordentliches Hemd.
Lehret sie, daß eine gute Küche viel an der Apotheke spart.
Lehret sie, daß nur derjenige spart, der weniger ausgibt als er einnimmt, daß alle, die mehr ausgeben, verarmen müssen.
*
Die schwere Vorlage.
Ich besuchte eines Tages wieder einmal unser Schulhaus. Bei den größeren Kindern wurde eben Schreibstunde gehalten, und ich ging langsam den Bänken entlang und freute mich an der schönen, noch altmodisch-künstlerischen Schrift, die unser Schulmeister seinen Zöglingen beizubringen wußte. Plötzlich blieb mein Blick an einem Knaben hängen: er hatte eine wundervolle, vom Lehrer selbst geschriebene Vorlage vor sich; er rührte aber keinen Finger, sondern saß zurückgelehnt auf seinem Bänklein da und blickte mürrisch bald auf die Vorlage, bald auf sein leeres Heft.
„Warum schreibst du eigentlich nicht, mein Lieber?“ ich.„Diese Vorlage gefällt mir nicht; sie ist mir viel zu schwer,“ war die Antwort,„ich hätte gerne jene andre gehabt,“ er wies auf seinen Nachbar hin,„die ist leichter und erst noch hübscher!“
„Aber mein Kind,“ sagte ich,„der Herr Lehrer hat dir nun einmal diese Vorlage da gegeben; er weiß wahrscheinlich wohl, warum; fang also hübsch an, sie nachzuschreiben, gelt?“
Das Kinn des Bürschleins begann sich jetzt seltsam zu ver— längern, seine Augen wurden feucht, und plötzlich brach er in lautes Weinen aus und legte den Kopf auf den Tisch.
Ich ging kopfschüttelnd weiter und schaute mir die Arbeiten der übrigen Schüler an; dann näherte ich mich wieder meinem ganz unglücklich dasitzenden kleinen Freund; ich tröstete ihn und sprach ihm Mut zu, doch einmal mit dem Abschreiben zu be— ginnen; es verlange ja niemand, daß seine Arbeit auch nur ent⸗ fernt so schön ausfalle als des Lehrers Vorlage, er solle nur einmal ernstlich beginnen, die ihm gestellte Aufgabe in Angriff zu nehmen.
Das Bürschlein kämpfte offenbar einen schweren Kampf; es überlegte erst noch ein bißchen, dann stellte es die Vorlage auf⸗ recht vor das Heft hin, ergriff die Feder mit noch ein wenig zappeliger Hand und begann endlich, die ihm so schwierig er⸗ scheinenden Buchstaben langsam in sein Heft zu malen.— Jetzt kam auch der Lehrer herbei; er hatte mit feinem pädagogischen Taktgefühl abgewartet, bis der Kleine mit sich im Reinen war. Nun aber setzte er sich heimlich neben ihn auf die Bank, legte seine Hand mit sanftem Druck auf die Hand des Knaben, half seinen noch ungefügigen Fingerlein die Buchstaben ziehen und sprach ihm mit freundlicher, fast mütterlicher Stimme Mut zu. — Und siehe, jetzt gings.
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Landesversammlung des Evangelischen Bundes in Jarmstadt
am 7. und 8. November 1926.
Seit 39 Jahren besteht der Hessische Hauptverein des Evan⸗ gelischen Bundes. Nie ist seine Volkstümlichkeit größer ge—⸗ wesen wie heute. Das ist der Gesamteindruck der in Darmstadt tagenden Landesversammlung. Vom Land her ziehen mit Po⸗ saunen die im Sonderzug angekommenen Scharen in die Stadt. Die Volksversammlungen am Sonntagnachmittag in der Stadt⸗ kirche und der Stadtkapelle sind übervoll. Ists Anzeichen der erwachenden Erkenntnis, wie nötig uns neues evangelisches Leben ist und wie groß die Gefahren für den Protestantismus? Aber auch der Evangelische Bund steckt seine Ziele weiter. Ne⸗ ben den üblichen Versammlungen fand eine besondere Stu⸗ dentenversammlung in der Otto-Berndt-Halle der Technischen Hochschule statt und gleichzeitig eine besondere Arbeiterver⸗ sammlung. Der Evangelische Bund soll keine Sache einzelner Stände und Kreise sein, sondern die starke Zusammenfassung evangelischen Lebens in allen Schichten. In beiden Versamm⸗ lungen finden die besonderen Nöte unserer Zeit, die Führernot und die soziale Not ihre evangelische Beleuchtung. Ein starker Widerhall ist aus Studentenschaft und Arbeiterschaft zu spüren. Für die Arbeiterschaft sprach Arbeitersekretär Laufer. Der Vortrag wird nach dem Wunsch der Versammlung gedruckt wer⸗ den. Die Versammlung erließ folgende Kundgebung an die evangelische Arbeiterschaft Hessens:
„Die anläßlich der Landesversammlung des Evangelischen Bundes in Darmstadt aus 15 hessischen Orten in stattlicher Zahl zusammengetretene evangelische Arbeiterversammlung er⸗ klärt:„Wir bekennen uns mit Freuden zu den Segnungen, die die Reformation unserem Volke gebracht hat. Insbesondere gedenken wir dankbar der sozialen Gedanken, die aus dem ur⸗ christlichen und reformatorischen Geist geflossen sind und der Werke, die gerade die hessische Reformation zur Linderung der wirtschaftlichen und sozialen Nöte ihrer Zeit geschaffen hat. Wir rufen die evangelische Arbeiterschaft auf, treu zum Evangelium Jesu Christi zu stehen, ohne das eine wirkliche Lösung der sozia⸗ len Frage nicht gefunden werden kann.“
Zu den Studenten redete der Bannerpfarrer Haun-Bonn über:„Wir wollen Hüter sein!“.
Festgottesdienste leiteten allenthalben in der Stadt und ihrer Umgebung den Festsonntag ein. In der Stadtkirche pre⸗ digte Pfarrer Haun-Bonn über 2. Korinther 12, 9„Laß dir an meiner Gnade genügen.“ Die Weihestunde wurde durch die wundervolle Bach'sche Reformationskantate„Gott der Herr ist Sonne und Schild“ wesentlich erhöht.
In den Volksversammlungen am Sonntagnachmittag er⸗ klang noch einmal die Erinnerung an die 400jährige Reforma⸗ tionsfeier in Hessen.„Die hessische Reformation, eine Tat des Glaubens. der Liebe und der Hoffnung“ behandelten nach— einander Pfarrer D. Waitz, der verdienstvolle hessische Bundes⸗ vorsitzende, Prälat D. Dr. Diehl und der Direktor des Evan— gelischen Bundes, Studiendirektor Fahrenhorst aus Berlin. Die Reformation war eine Glaubensbewegung, so führte der erste Redner aus, nach ihrer Ursache, keine anderen Beweg— gründe gaben ihr Kraft als die religiösen, aber auch ihrer Wir⸗ kung nach ist sie eine Tat des Glaubens.„Die Reformation ist kein vergangenes Ereignis, sondern ein gegenwärtiges; sie ist noch nicht zu Ende, sondern sie steht erst am Anfang ihrer Aus⸗ wirkung“. Aber auch die Liebe als Triebkraft großartigen sozialen Wirkens hat die Reformation in einzigartiger Weise belebt. Das zeigte uns aus tiefer Sachkenntnis Prälat D. Dr. Diehl. Die Versuchung, die reichen Pfründen und Güter, die durch die Reformation frei wurden, im Interesse seines Hau⸗ ses zu verwenden, wies Philipp der Großmütige standhaft ab,
weil die tiefe Kraft aus dem springender Liebe ihn beseelte. So hat er die reichen Mittel verwandt für ein großzügiges kirchliches Armen- und Er⸗ ziehungswesen, wie es sekbst unsere soziale Zeit nicht mehr be⸗ sitzt. Warmherzige Töne freudigen evangelischen Hoffens schlug der Bundesdirektor an. Das Christentum ist auf Hoffnung ge⸗ sät. Vergangene Nöte haben es stets glaubensvoll zu über⸗ winden gewußt. Trotz aller schweren Schatten über Deutsch⸗ land, trotz aller Mängel unserer Jugend, sind dennoch unend⸗ lich viel hoffnungsvolle Ansätze evangelischer Kraft in unserer Gegenwart zu spüren. Ich will lieber mich zu Tode hoffen, als im Unglauben zu Grunde gehen!“
Die Volksversammlung nahm einmütig gebung an:
Der Hessische Hauptverein des Evangelischen Bundes gibt von seiner 39. Landesversammlung in Darmstadt an die Evangelischen des Landes kund:
Wir gedenken dankbar all der reichen Segnungen, die die vor 400 Jahren im Hessenland aus einer starken evange⸗ lischen Bewegung erwachsene Reformation auf allen Ge— bieten des Lebens dem Lande gebracht hat.
Wir bekennen uns in den geistigen Kämpfen der G zen⸗ wart freudigst zu dem Evangelium, der Kraftquelle für die Gesundung unseres Volkstums.
Wir geloben auch unsererseits in der entschiedenen Ab⸗ wehr jeder Art von Gegenreformation, uns dafür einzu⸗ setzen, daß die Reformation ihre Sendung an unserem Volk weiter erfülle und der evangelische Wille auf aulen Gebieten des öffentlichen Lebens zur Geltung komme.
Wir rufen alle Evangelischen des Landes auf, uns en diesem Dienst an unserem Volk einmütig und tatkräfeig zu unterstützen.“
Am Denkmal Philipps des Großmütigen legte der Vorsitzende des Hessischen Hauptvereins als Zeichen ehrfurchtsvollen Dankes den Kranz in den hessischen Farben nieder.
Anläßlich der Landeshauptversammlung und des Refor⸗ mationsjubiläums fand die Aufführung des Grafschen Luther⸗ festspiels statt, die 5. Aufführung am Sonntag Abend, wiederum vor ausverkauftem Haus, für die auswärtigen Teilnehmer der Landesversammlung bestimmt, und gestaltete sich zu einem ein⸗ zigartigen tiefen Erlebnis. Die seelischen Kämpfe und die innere Entwicklung, die in dem jungen Luther sich abspielten und dann zur Reformation führten, traten mit plastischer Kraft heraus und hinterließen in Sinn und Gemüt der Zuschauer einen tiefen Eindruck. Gleichzeitig begrüßten städtische und kirchliche Behörden sowie die freien evangelischen Organisatio⸗ nen den Evangelischen Bund.
Aus dem Jahresbericht, mit dem die geschäftliche Sitzung am Montag Morgen begann, ist hervorzuheben, daß der Bund in Hessen im letzten Jahr um über 600 Mitglieder gewachsen, heute 219 Vereine mit über 21000 Mitgliedern zählt und den Höchst⸗ stand vor dem Krieg bedeutend überschritten hat.
Ihren Höhepunkt erreichte die Tagung durch den Vortrag des Herrn Geh. Hofrat D. Dr. Berger in der öffentlichen Mit⸗ gliederversammlung in der Otto-Berndt-Halle. Die Zuhörer⸗ schaft wurde von dem Redner in der ihm eigenen durch und durch wissenschaftlichen Art in das Problem„Reformation und Kultur“ hineingeführt. Seine Ausführungen gipfelten darin, zu zeigen, daß die richtig verstandene Rechtfertigungslehre eine Tat war, durch die Luther bis heute unübertroffen dasteht.
Nach diesem Höhepunkt fand die Tagung in geselligem Bei⸗ sammensein ihren harmonischen Ausklang.
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