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Sonnabend, den 25. September 1926. a

Evangelische Warte

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r 4 der Religion und Kirche gegenüber gleichgültig werde, beginne sich nurfür einen kleinen Teil des Proletariats zu bewahr heiten.Selbst die Bolschewiks haben nach anfänglichen Ver suchen nicht nur nicht Kirche und Religion unterdrückt, sondern sie in den Dienst ihrer Propaganda gestellt. Nicht etwa aus Tole⸗ ranz, die sie Andersdenkenden gegenüber überhaupt nicht üben, sondern aus Notwendigkeit, um nicht den kirchlichen Einfluß auf mindestens fünf Sechstel der russischen Bevölkerung mit voller, unverhüllter Schärfe gegen sich gerichtet zu bekommen!

Aber man könne im eigenen Lande bleiben: auch die Tat⸗ sache, daß Deutschland selbst einen Bund religiöser Sozialisten aufweise, zeige, daß eine Verknüpfung sozialistischer Kulturan⸗ schauungen mit religiödsen Empfindungen durchaus noch möglich sei.

Kleine Nachrichten.

Dereucharistische Weltkongreß.

Die katholische Presse veröffentlicht jetzt die Schlußergebnisse des Internationalen eucharistischen Kongresses in Chicago, der im Juni stattfand. Danach waren von der kirchlichen Hierarchie zugegen: 12 Kardinäle 457 Erzbischöfe, 265 Bischöfe, 17 mitrierte Aebte, 3 apost. Delegaten, 800 Monsignori und rund 5000 Prie ster.

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Bruderschaft sozialistischer Theologen.

Anfang August hat in Meersburg der dritte Kongreß reli giöser Sozialisten stattgefunden. Er gab auch den Anlaß, daß die religiös-sozialen Pfarrer in Deutschland sich zu einer Bruder schaft zusammengeschlossen haben. Vorsitzender ist Pfr. Lic Dr. Piechowski in Berlin-Neukölln.

* Dr. Sellins Funde.

Professor Sellin teilt von den Ausgrabungen in Balata mit, daß der Palast der alten kanaantischen Stadtkönige nunmehr frei gelegt worden ist. Dabei ist auch der Tempel des kananäischen Bundesgottes, der im Buch der Richter, Kap. 9, erwähnt wird, freigelegt und sogar eine keilinschriftliche Tafel gefunden wor den.

*

Ein Schlag gegen das Tiroler Deutschtum.

Das italienische Unterrichtsministerium hat angeordnet, daß vom 1. Oktober ds. Is. ab in den deutschen Unterklassen der Realschulen in Bozen und den flowenischen Unterklassen der Realschule in Udine sowie in den noch bestehenden Klassen der Lehrerseminare von Tolmein und Bozen die italienische Unter richtssprache eingeführt wird.

Damit hört das deutsche Schulwesen in Südtirol auf zu be⸗ stehen. Die Professoren dieser Anstalten wurden in den Ruhe⸗

stand versetzt. Aus Hessen.

Evangelische Arbeitervereine am Mittelrhein.

In den Tagen vom 9. bis 11. September veranstaltete der Mittelrheinische Verband evangelischer Arbeitervereine erst malig für seins Mitarbeiter eine Freizeit in Darmstadt. Ueber 40 Teilnehmer wurden gezählt, die in ernstestem Ringen sich mühten um die Lösungl der sie und unser Volk bewegenden Fragen wie:Kirche und Arbeiterschaft, evangelische Kirche als soziale Organisation, Wirtschaftsethik, Führerproblem, insbe⸗

sondere Standesführerfragen, Arbeiterjugend, Sozialpolitik.Die R.f. H. diente mit einem Vortrag über:Vom Reich, Volk und seinen Hrenzen. Der Verlauf der Tagung gibt in jeder Hin sicht Mut zum weiteren Fortschreiten auf diesem Wege, der Er folg wird nicht ausbleiben.

Die Freizeit war der Auftakt zum 34. Verbandstag des Mittelrheinischen Verbandes. Am Samstagnachmittag tagte die Veretreterversammlung, stark beschickt von fast allen Ver⸗ einen des Gebiets. Der Hauptvortrag:Verein, Verband, Ge samtverband führte die Teilnehmer heraus aus der Enge der Vereinsarbeit in die großen Zusammenhänge der Gesamtbe wegung. Die Begrüßungsfeier am Abend stellte die Arbeit des Verbandes in das Licht der Oeffentlichkeit. Erstklassige Musik⸗ und Gesangsvorträge verschönerten die Veranstaltung. Es würde hier zu weit führen, all die trefflichen Worte der Aner kennung und der Bereitwilligkeit zur Mithülfe wiederzugeben. Hervorgehoben zu werden verdienen aber die Worte des Herrn Prälat D. Dr. Diehl, nicht nur, weil er der Leiter der Hessischen evangelischen Kirche ist, sondern weil er durch Vort und Tat ein von Herzen kommendes Bekenntnis zur evange lischen Arbeitervereinsbewegung ablegt. Ebenso haben Herr Dekan Weißgerber Messel und Herr Stadtpfarrer Kle berger-Darmstadt in zu Herzen gehenden Worten der Aner kennung ihre Bereitwilligkeit zur Mithülfe, das notwendige Werk der evangelischen Arbeitervereine zu fördern, versichert. Der Generalsekretär des Gesamtverbandes Rudolph-Berlin konnte in seinen Begrüßungsworten im Namen der ganzen Be wegung der Kirche das Gelöbnis zurückgeben: Treue um Treue!

Der Landesverein für Innere-Mission und der evangelische Bund ließen herzliche Glück- und Segenswünsche übermitteln.

Als Mittel- und Höhepunkt der Tagung darf der Festgottes dienst am Sonntag in der altehrwürdigen Stadtkirche angesehen werden. Er wird sicher auch in der Geschichte der Kirche als ein besonderer verzeichnet bleiben. Herr Stadtpfarrer Vogel predigte über 2. Korinther 1,24:Nicht daß wir Herrn seien über euren Glauben, sondern wir sind Gehülfen eurer Freude; denn ihr steht im Glauben. Der Nachmittag vereinigte große Scharen von Mitgliedern und Freunden aus allen Teilen der Verbandsgebietes zur Nachfeier. Städtisches Orchester, die Ge sangsabteilungen der Vereine und Jugendmusiker gaben ihr bestes her, den Teilnehmern einige Stunden rechter Freude zu bereiten. Der Gesamteindruck der 4tägigen Veranstaltung ist der, daß hier Kräfte am Werke sind, von ernstem Wollen beseelt, für Evangelium, Volk und Stand einzustehen. Die starle Be teiligung von evangelischer Arbeiterjugend gab dem Ganzen eine ganz besondere Note und zeigte, daß ein belebender, frischer Zug durch die Bewegung hindurchgeht.

Allerlei. Die Landarbeiter.

Zu dem die Lage der Landarbeiter behandelnden Aufsatz Kummerbrot, der(unter Beiseitelassung einer dort stehenden scharfen Glossierung) der sozialpolitischen Rundschau derChristl. Welt(1926, 14) entnommen war, sind sachliche Aeußerungen aus verschiedenen Gegenden des Reiches entgegengestellt worden, aus denen sich ein wesentlich anderes Bild der Lage ergibt. So

schreibt man aus Schleswig⸗Holstein: Die Durchschnittslöhne in der Wilstermarsch sind: Knechte über 18 Jahre 60 bis 80 Mark monatlich und vollständige Aufnahme in die Hausgemeinschaft; Mägde unter den gleichen Bedingungen 40 bis 50 Mark. selben Löhne gelten in den Nachbarlandschaften; für Dithmar⸗ In Mittelpommern hat der Knecht

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Danach besteht kaum ein Zweifel darüber, daß die Darstel⸗ lung des Landarbeiterverbandes mindestens in ihrer Verall⸗ gemeinerung den Tatsachen zuwiderläuft und politischen Zwech⸗

bedürfnissen entsprungen ist. *

Ultramontane Einmischungen.

Zum Fall Wittig teilt dieAllg. D. Lehrer-⸗Ztg.(30) einige bisher unbekannte Einzelheiten mit. Das anscheinend aus bester Quelle orientierte Blatt schreibt unter der Ueberschrift:Minister Becker und Professor Wittig wie folgt:

Zu der rechtswidrigen Behandlung, die dem Breslauer Professor Dr. Wittig widerfahren ist, werden noch folgende Ein⸗ zelheiten bekannt: Ein Breslauer Kollege und Jurist hat sich des inRegierungsgeschäften wahrlich unbewanderten Priesters und Dichters als Freund angenommen. Er war am 13. März 1926 im Kultusministerium in Berlin und hat mit dem Ministerial⸗ direktor Richter die Formen besprochen, wie der Fall Wittig, unbeschadet seiner Rechte und der Wünsche der römischen Kirche, beigelegt werden sollte. Dabei ist das Emeritierungsgesuch wört⸗ lich festgelegt worden, und der Ministerialdirektor Richter hat, seinen Text ausdrücklich für richtig erklärt. Dieses also mit der Regierung selbst vereinbarte Emeritierungsgesuch ist unter dem gleichen Datum, 13. März 1926, an die Regierung in Berlin ab⸗ gegangen.

Einige Zeit darauf hat der Minister Becker selbst mit dem Nunitius Pacelli in Gegenwart eines Breslauer Professors über den Fall Wittig verhandelt.

Aber unter dem 9. April 1926 erhält Professor Wittig die von ihm erbetene Entlassung, und zwar zunächst unter Sistie⸗ rung seiner Bezüge, später erst unter Belassung der Bezüge. Und erst fünf Wochen später wird dem Professor Wittig die von ihm allein erbetene Emeritierung nach dem Recht bewilligt. Da es sich also in dem Ministerium unmöglich um irgendwelche äußere, Versehen handeln kann, fragen wir öffentlich, welche Einflüsse zugunsten der römischen Kirche in dem Ministerium zwischen dem 13. März und 9. April gewirkt haben, um einem Staatsbe⸗ amten das Recht auf sein zukünftiges öffentliches Wirken ig Staatsdienst zu entziehen. Die gesamte Lehrerschaft hat ein hohes Interesse daran, dieser unterirdischen klerikalen Sin⸗ flüsse im Preußischen Unterrichtsministerium endlich habhaft zu werden.

Es wird wirklich immer schöner. Der Nuntius, also ein aus⸗ ländischer Diplomat, mischt sich in innere Angelegenheiten der preußischen Unterrichtsverwaltung und fordert die Entlassung d. h. die Absetzung eines preußischen Universitätsprofessors. Herr Becker selbst erklärt Herrn Pacelli, daß es so einfach nicht gehe aber ein paar Tage später hat Wittig doch seine Entlassung und zwar unter Sistierung seiner Bezüge in Händen. Prachtvolle Zustände 1!

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