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Evangelische Warte

Organ der Evangelischen Volksgemeinschaft

Erscheint zunächst wöchentlich am Samstag. Bezugspreis: 50 Pfg. monatlich frei ins Haus.

Für Rücksendung ungewünschter Manuskripte wird nicht garantiert.

Schriftleitung: Edwin Hamburger in Staden(Oberh.)

2. Jahrgang.

Lage und zukunftsaussichten der deutschen Wirtithaft

Von Fr. Baltrusch. (Schluß.)

Die Lage der Landwirtschaft ist prekär. Die Rog⸗ gen- und Kartoffelpreise sind trotz der Zollgesetzgebung infolge guter Ernte und der gesunkenen Kaufkraft des Volkes sehr niedrig und decken vielfach nicht die Pro⸗ duktionskosten. Der Landwirtschaft fehlen die früheren langfristigen und billigen Hypothekarkredite. Die kurz⸗ fristigen Kredite müssen nach Kräften in langfristige umgewandelt werden. Weitere langfristige ausländische Kredite sollte man zu besseren Bedingungen als bisher für die Landwirtschaft hereinholen. Die jetzigen kurz⸗ fristigen Kredite müssen der Landwirtschaft weiter ver⸗ längert werden. Außerdem sind Maßnahmen zu treffen, die zu stabileren Erzeugerpreisen in der Landwirtschaft führen. Diese liegen letzten Endes sowohl im Interesse der Landwirtschaft wie der Verbraucher. Zur Beschaf⸗ fung der notwendigen Düngemittel müssen der Land⸗ wirtschaft besondere langfristige und billige Kredite zur Verfügung gestellt werden.

In den Handelsvertragsverhandlungen, die von vitalstem Interesse für unsere Wirtschaft sind, sind wir erfreulicherweise vorwärts gekommen. Mit einer gan⸗ zen Reihe von Staaten haben wir Handelsverträge mit dem Rechte der Meistbegünstigung abgeschlossen. Mit Frankreich stehen wir noch in Verhandlungen und mit Polen im Zollkrieg. Mit diesen Ländern ist es wegen ihrer inflationierten Währung sehr schwer, sich zoll⸗ politisch zu verständigen. Die natürlichen Verhältnisse werden aber Frankreich und auch Polen dazu treiben, mit Deutschland zum Abschluß von Handelsverträgen zu kommen.

Die Stärkung der inneren Kaufkraft darf neben der Förderung des Exports unter keinen Umständen verges⸗ sen werden. Es ist darum eine Torheit sondergleichen, daß einzelne Industrien und Gewerbe glauben, die Krise dadurch bestehen zu können, daß sie den Angestellten und Arbeiterin die ohnehin meist zu niedrigen Löhne und Ge⸗ hälter herabsetzen. Wenn wir die Absatzkrise noch weiter verschärfen wollen, dann ist dazu allerdings das beste Mittel die Herabsetzung der Einkommenbezüge der An⸗ gestellten und Arbeiter.

Ein weiteres Mittel, die Wirtschaftskrise zu mildern und zu beheben, ist vor allen Dingen die rechtzeitige In⸗ gangbringung des Baumarktes. Es muß dafür gesorgt werden, daß ein größerer Teil als bisher von der Haus⸗ zinssteuer für die Zwecke des Wohnungsbaues freige⸗ macht wird. Vor allen Dingen ist der Wohnungsbau

Abonnements⸗ u. Anzeigen⸗Annahmestelle, Druck und Verlag: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher 1362. Postscheckkonto 8437 Frankfurt⸗M.

Sonnabend, den 24. April 1926.

auf dem Lande zu fördern. Das deutsche Volk hat keiner⸗ lei Interesse daran, die Großstädte noch größer zu machen. Vielleicht gelingt es, die geplante große ame⸗ rikanische Anleihe(von einer Milliarde) für die Be⸗ fruchtung des Wohnungsbaues in Deutschland hereinzu bekommen.

Wenn wir die angedeuteten Mittel zur Behebung der Krise alsbald anwenden, dann brauchen wir keines⸗ wegs dem Wirtschaftspessimismus anheimzufallen. Es ist auch nicht klug, sich einem solchen Pessimismus hinzu⸗ geben. Dennder Pessimist ist der einzige Mist, auf dem nichts wächst, sagte schon einst mit Recht der Hofpredi⸗ ger Stoecker. Wir haben auch gar keinen Anlaß, zu schwarz in die Zukunft zu sehen. Wir hatten eine gute Ernte. Der landwirtschaftliche Produktionsapparat ist immerhin wieder auf der Höhe. Unsere Viehstapel sind, wie die letzten Viehzählungen beweisen, zum größten Teil wieder auf Friedensstand, teilweise darüber, angelangt. In der Industrie sind die Produktionsziffern des Frie⸗ dens zum Teil erreicht, zum Teil überschritten. Pro⸗ duktionsstätten haben wir nicht zu wenig, sondern eher zu viel. Unsere Handelsmarine, die uns die Feinde bis auf 350 000 Tonnen weggenommen hatten, weist, sechs Jahre nach dem Kriege, erfreulicherweise wieder 3 Mil⸗ lionen Tonnen auf. Und wenn wir mehr Sparsamkeit in den öffentlichen Haushalten wie auch bei den einzel⸗ nen walten lassen, die Lasten aus dem Dawesplan herab⸗ gesetzt bekommen und die angedeuteten Maßnahmen in unserer Wirtschaft schnell durchgeführt werden, wird auch die jetzige Krise wir haben ja schon schlimmeres durch⸗ gemacht in absehbarer Zeit überwunden sein.

Aus dem oberhessischen Provinzialtag.

Am 29. März ds. Is. tagte in Gießen der Provin⸗ zialtag der Provinz Oberhessen. Diese Tagung ist inso⸗ fern bemerkenswert, als hier zum ersten Male sich die Gelegenheit zu parlamentarischer Betätigung für einen Abgeordneten der Evangelischen Volksgemeinschaft bot. Unser Vertreter, Herr Bürgermeister Völker- Lich, stellte folgenden beachtenswerten Antrag:

Der Provinzialtag wolle beschließen, aus den bei dem Ueberlandwerk Oberhessen und dem Wasser⸗ werk Inheiden zur Kapitalisierung gelangenden Mit⸗ tel den Betrag von einer Million Reichsmark an die 6 oberhessischen Kreise, verteilt nach dem Verhältnis ihrer Einwohnerzahl, langfristig zu einem Zinsfuß von 6 v. H. auszuleihen und damit die Bedingung zu verbinden, daß die Kreise die ihnen geliehenen Gelder zur Förderung des Wohnungsbaues verwen⸗ den, indem sie zu dem gleichen Zinsfuß Bauhypo⸗ thekengelder zur Verfügung stellen.

Friede im Herrn.

Johannes 16,33. Solches habe ich zu euch geredet, daß ihr in mir Friede habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt über⸗ wunden.

In diesen so ungewöhnlich warmen Frühlingstagen kam ich nach einem Gang in meinen Garten wieder nach Hause. Es war mir sehr warm geworden in dieser für diese Jahreszeit un⸗ gewöhnlichen Hitze. Wie fühlte ich da die Wohltat des kühlen Hauses. Das war eine erwünschte Erquickung. Diese Erquickung hätte ich aber nicht gefühlt, wenn ich nicht vorher in der Hitze gewesen wäre. Durch die Sonnenglut lernte ich den Schatten schätzen. Das war demnach ein ähnliches Erlebnis, wie wir alle es hatten nach dem großen Kriege. Früher gab es viele Leute, die so ganz oberflächlich vom Kriege sprachen. Wer fühlte die ganze Furchtbarkeit eines Krieges? So mancher stellte sich eine angenehme Abwechslung vor. Heute schätzen wir den Frieden, weil wir den Krieg kennen gelernt haben.

In der Welt werden wir leider nie den Frieden vollständig erleben. Auch das haben wir ja gesehen. Als der Krieg mit den Feinden aufhörte, begann der Krieg im eignen Lande. Als wir nach außen Frieden hatten, da hatten wir im Innern den Krieg. Statt daß unser Volk sich dem Genuß des Friedens hingab, sorgte es für gegenseitige Bekämpfung. Wenn auch dieser innere Streit nicht immer mit Waffen ausgeführt wird, die Bildung der Interessenparteien sorgt ja genügend dafür, daß kein Stand dem anderen das Leben gönnt. Wo aber Krieg ist, da müssen wir uns fürchten, umzukommen.In der Welt habt ihr Angst. Gerade diesem ständigen Krieg in der Welt gegenüber sehnen wir uns deshalb weiter nach dem Frieden. Wir haben so etwas vom Frieden erlebt. Wir haben es erfahren, welche Erlösung der Friede ist. Hätten wir doch Frieden! Wie schätzen wir heute diese segensreiche Himmelstochter! Aber in der Welt finden wir ihn nicht, den Frieden. Da zeigt uns Jesus den Weg zum rechten

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Zur Begründung dieses Antrages führte er u. a. folgendes aus:In der Zeit einer wirtschaftlichen Krise, wie wir sie jetzt durchleben, müsse jedermann auf

Mittel sinnen, wie das Wirtschaftsleben wieder in Gang zu bringen sei. Schwer laste die Wohnungsnot auf unserem Volk, ebenso schwer die Arbeitsnot, die Er⸗ werbslosigkeit; das gesamte Baugewerbe liege brach und brauche dringend der Hilfe, da es sonst nicht nur bei der Arbeiterschaft, sondern auch bei weiten Kreisen des gewerblichen Mittelstandes mit Riesenschritten ab⸗ wärts gehe. Die Provinzialverwaltung sei in der Lage zu helfen. Für 1926 sollten an Rücklagen Millio⸗ nen Mark den Banken zugeführt werden, das sei ein Un⸗ recht. Die Banken, die 67 Prozent Zinsen gewähren, wollen mit den Geldern nur Geschäfte machen, denn sie bringen sie zu einem Zinsfuß von 1215 Prozent wie⸗ der auf den Markt; bei derartigen Zinssätzen aber könne die Wirtschaft sich nicht erholen, sondern sie gehe zu Grunde. Er bat den Provinzialtag dringend, seinen Antrag anzunehmen und schloß mit den Worten, man dürfe die Sorge um die Beseitigung der wirtschaftlichen Nöte unseres Volkes nicht dem Staat allein überlassen, die Not des Volkes gehe uns alle an und, wer in der Lage sei zu helfen und tue es nicht, der tue Unrecht.

Man hätte meinen sollen, daß der Provinzialtag einen derartigen wohlgemeinten Vorschlag mit Freuden angenommen hätte. Weit gefehlt! Wie kann auch eine Partei, die nur einen Vertreter im Provinzial⸗ tag hat, einen derartigen Antrag stellen. Wenn's wenigstens eine große Partei gewesen wäre. Nun ist man auf der Rechten wie auf der Linken in arger Ver⸗ legenheit, man geht um den Kern der Sache herum wie die Katze um den heißen Brei und bei der Abstim⸗ mung wird der Antrag dem Provinzialausschuß zur Prüfung überwiesen. Es wäre im Interesse unserer oberhessischen werktätigen Bevölkerung dringend zu wünschen, daß der Provinzialausschuß der Volksnot das Verständnis entgegenbringt, das man billigerweise von ihm erwarten muß.

Des weiteren unterstützte unser Vertreter tatkräf⸗ tig einen von der Rechten wie auch von der Linken ge⸗ stellten Antrag auf allgemeine Herabsetzung der Strom⸗ preise des Ueberlandwerkes Oberhessen. Auch hierüber soll der Provinzialausschuß endgültig beschließen.

Ueber die Arbeit des Provinzialtages ist im ein⸗ zelnen noch folgendes zu sagen:

Unter Punkt 1 der Tagesordnung wurde der Ver⸗ waltungsbericht der Provinzialverwaltung Oberhessen für das Rechnungsjahr 1924 vorgetragen. Der Rech⸗ nungsabschluß weist eine Einnahme auf von 1 103 744,82 Mark und eine Ausgabe von 992 617,90 Mark, es ver⸗ bleibt also ein Ueberschuß von 111 126,92 Mark. Be⸗

Frieden. Nur in ihm können wir den Frieden finden. In der Welt suchen wir vergebens. Bei ihm aber finden wir, wonach wir sehnlichst verlangen.

Friede macht froh! Wer nun in der Welt lebt, der kann ja nicht froh werden. Die irdisch gesinnten Menschen sind ja die mit den unfrohen und unzufriedenen Gesichtern. Darf es ihnen noch so gut gehen, sie freuen sich nicht. Darf ihnen noch so viel Liebe erwiesen werden, sie danken nicht. Ihnen gegen⸗ über stehen die immer so frohen und getrösteten Menschen. Haben die einen Angst und Aerger in der Welt, so stehen die anderen über der Welt mit ihren kleinen und großen Verdrißlichkeiten. Sie haben eben den Frieden gefunden, von dem Jesus spricht. Sie haben nirgends diesen Frieden gefunden als allein in Jesus. Jesus steht da scharf der Welt gegenüber. Nun wollen wir aber auch verstehen, warum es gerade den Weltmenschen oft so gut, den frommen Menschen aber so schlecht geht wie Hiob. Diese Weltmenschen können ja nie den Frieden schätzen. Sie suchen ihn ja gar nicht. Aber der Fromme sucht ihn, fühlt den Gegensatz zwischen dem Streit in der Welt, und dem Frieden in Jesus. Welch eine Wohltat ist dieser Friede in Jesus! Je mehr sie die Falschheit in der Welt zu spüren bekommen, je mehr Leid und Trübsal sie aushalten müssen, um so höher schätzen sie den Frieden in Jesus.

Was will ihnen nun noch die Welt anhaben? Jesus sagt: Seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Wer in Jesus seinen Frieden gefunden hat, der hat auch mit Jesus über die Welt gesiegt. Wie bedauernswert ist doch ein Mensch, der sich von irdischen Dingen thyrannisieren läßt! Wie mancher ärgert sich über kleine und kleinste Dinge. Eine Frau will die Welt vergiften, weil ihr irgend ein Gericht nicht geraten ist. Ein Mann stellt sich an, als ob ihm das Schlimmste geschehen sei, wenn einmal die Suppe oder dergleichen angebrannt ist. Arme Menschen, deren Leben von solchen Kleinigkeiten bestimmt wird. Andere Menschen haben viel schlimmere Schicksale zu er⸗ dulden. Ein Dr. Martin Luther stand wider die ganzen Macht⸗ haber Roms und des Kaisers. Man hatte ihn in die Acht er⸗

klärt. Wer ihn fand, durfte ihn ungestraft umbringen. Der Graf von Erbach hat ihm ja einmal in der Stadt Miltenberg aufgepaßt, um ihn umzubringen. Also war doch sein Leben bedroht. Dennoch war Luther ein froher Mann, seitdem er zum Evangelium durchgedrungen war. Er hatte auch seinen Frieden in Jesus gefunden. Dadurch hatte er Augen bekommen für die Herrlichkeiten der schönen Gottesnatur. Mit prächtigen Farben der Dichtkunst besingt erdie schönste Zeit im Jahre mit ihrem Vogelsang, der auch in ihm das Lied erweckt.

Diese Freudigkeit eines friedlichen Herzens hat dann Luther weiter übertragen auf die protestantische Lerche, auf Paul Ger⸗ hardt. Wenn wir daran denken, was dieser Sänger alles erlebt hat. wie er den dreißigjährigen Krieg mit seinen furchtbaren Wir⸗ kungen im deutschen Lande gesehen hat, wie er selbst vom Brote gejagt wurde durch seinen Landesherrn, und wir lesen oder singen seine Lieder, dann tuen wir einen Blick in das Innere eines Menschen, der mit seinem Heiland die Welt überwunden und seinen Frieden in Jesus gefunden hat.Wenn ich gleich fall und sterbe, fällt doch mein Himmel nicht, so singt er getröstet. Er fühlt den Jammer der Welt, aber er ertrinkt nicht in ihm Denn er denkt gering über sich und sein Erdenschicksal:An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd, was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert.

Mit diesem Glauben wurde in der Vergangenheit unser Volk wieder aufgebaut. Alle Folgen des fuchtbaren dreißigjährigen Krieges konnte dieser Glaube mehr und mehr verwischen. Wir leben eben auch in einer Aufbauzeit. Wir müssen unser Volk wieder neu aufbauen. Es geht nur mit dem erprobten lutheri⸗ schen Frieden in dem Herrn, der uns froh und freudig sein und hoffen und uns getrost in die Zukunft schauen läßt.

Mein Herze geht in Sprüngen Und kann nicht traurig sein, Ist voller Freud und Singen,

Sieht lauter Sonnenschein! Amen. Hr.